Corina Wagner

Sopranistin und Autorin


Das Heute, das jetzt Machbare zählt ...

 

Vorsicht Glossen und zusätzlich Lesbares!

Vor dem Lesen sollten Sie sicher sein, dass Sie körperlich wie auch geistig fit sind. Zu Nebenwirkungen fragen Sie notfalls eine Person Ihres Vertrauens. Kurzgeschichten schaden nicht...

© Corina Wagner


 

 

Total problematisch

CoLyrik-Meinungsfreiheit
Helau und Alaaf!

Guten Tag,

wer oder was ich bin ist egal. Mein Name ist völlig uninteressant, bin eine unbekannte Persönlichkeit. Ich könnte Frau oder Mann sein, auch Transgender, wichtig ist, dass ich bereits volljährig bin und meine Meinung äußern kann, wenn ich Lust und Muße habe. Jetzt habe ich Muße, aber keinen Grund zum Jubeln.

Momentan habe ich ein Problem. Ein echtes Problem. Problematische Situationen gibt es immer, klar doch. Diese Unannehmlichkeit verursacht alles Mögliche und hat ungeahnte Folgen, so vermute ich. Die Krux an dem ganzen Dilemma ist, dass die Problematik kein Phänomen ist, sondern eine hausgemachte Angelegenheit, die das Gemeinwesen zurzeit fertig macht, so scheint es. Jedenfalls kann ich mir dieses Drumherum-Gedöns gut vorstellen, dass es bei vielen Wesen gemein wirkt und fiesen Ärger verursacht, wenn man u.a. das WORT in den Mund nimmt. Nicht das Wort Gedöns, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Schweigen ist auch keine Lösung.

Ich wollte das unangenehme WORT nicht in den Mund nehmen. Ehrlich. Kopfschütteln bringt auch nichts, habe ich mehrmals ohne Erfolg ausprobiert. Ich bekomme deswegen inzwischen Schweißausbrüche, wenn ich an das WORT nur denke. Die Zähne bekomme ich übrigens auch nicht mehr auseinander. Kiefernsperre! Seit Wochen, Monaten lebe ich so und ich bin kein Einzelfall, dies kommt erschwerend hinzu und macht die Sache nicht leichter.

Dieses immense „Blabla“ hinterlässt sichtbare Schäden. Bei Ihnen, bei Dir auch?

Es gibt viele verschiedene Reaktionen in Deutschland. Manche raufen sich ein bisschen die Haare, andere bis zur Bewusstlosigkeit alles, was am Körper blüht und gedeiht. Ohne heftige Reaktionen, aber auch kleineren oder größeren Komplikationen geht anscheinend nichts mehr, so könnte man meinen. Extreme Fingerabdrücke hinterlassen Spuren auf Glatzköpfen und eventuell kann dies unverschämt unvorteilhaft aussehen, je nachdem, was man vorher anfasste.

Es kommt auf jeden einzelnen, mündigen Bürger an, wie er selbst, aus eigenem Antrieb seit dem 24. September 2017 psychisch und physisch damit umgeht, so drauf ist, wenn er in Deutschland das Wort POLITIK oder schlimmer noch das Wort SONDIERUNGSGESPRÄCHE hört oder liest. Manche reagieren sogar inzwischen allergisch darauf. Typische Symptome wie Kratzen im Hals und Ausschlag sind die Folge. Andere hyperventilieren, rasten völlig aus oder wirken apathisch. Das eigentlich harmlose Wort KOALITIONSVERHANDLUNGEN löst bei zu vielen Menschen inzwischen Brechreiz aus.

Deshalb grübeln und debattieren nun Verantwortliche, ob man mit einer einmaligen Aktion quasi jedem Wähler, der davon betroffen ist, ganz unbürokratisch etwas Gutes tun kann. Doch nicht nur das, auch alle anderen sollen rein prophylaktisch so schnell wie möglich in den Genuss kommen, bis die Regierungsriege gebildet ist, so die Überlegungen. Jeder Wahlberechtigte, der voriges Jahr bei der Bundestagswahl wählte, soll nun als kleines Dankeschön einen 50-iger Pack Spuckbeutel, alltagstaugliche Kotztüten erhalten, so die Idee. Allerdings könnte diese Speibeutel-Aktion zu Scherereien in den Kommunen führen. Positive Gründe wie z.B. der Erhalt von grüner Galle, die man dann als Zeitzeugen konservieren könnte, überzeugen noch nicht alle Verantwortlichen in den Gremien. Hinter verschlossenen Türen soll nun darüber abgestimmt werden, so habe ich erst kürzlich von einer gesprächigen Ratte aus Berlin erfahren. Dies wirft nun alle meine Pläne über den Haufen.

Ich wollte ursprünglich Rosenmontag unter dem Begriff Politikverdrossenheit laufen, aber wie soll ich bitteschön jetzt noch das Thema Politikmüdigkeit auf der Straße darstellen, wenn ich mich dann überhaupt nicht mehr verkleiden muss. Kacke, ähm, sorry Galle. Und wer will schon als grüne Galle herumlaufen? Oder als Schulz, Lindner, Merkel, Seehofer und wie sie alle heißen? Ich auf jeden Fall nicht.

Vielleicht sollte ich mich als überdimensionalen Speibeutel kostümieren, mal sehen. Eventuell könnte ich mich auch als Alternative ausnahmsweise wie ein Rassist verkleiden. Das Outfit ist allerdings sowas von total langweilig, zum Gähnen, einfallslos und altbackend. Da ist man mit einem Schaf im Wolfspelz-Kostüm zeitgemäßer gekleidet und trifft den Nerv der Narrenzeit. Eigentlich kann ich auch als Politikverdrossenheitsklumpen oder als Meinungsfreiheit-Posting zum Faschingsumzug gehen oder besser noch als nichtssagender Abgeordnetenhaufen, der mit viel Luft ,Watte aufgebauscht wird. Noch nie war ich als Karnevalsnarr so unentschlossen wie heute.

Es ist besser, sich nicht zu verkleiden, als sich falsch zu verkleiden“, könnten einige denken und doch bin und bleibe ich ein Narr und möchte nicht nackt zum Faschingsumzug gehen.

Ich gehe als Bundesadler. Da kann man nichts falsch machen oder etwa doch...?

Ach Du meine Güte! Ich muss mit dem Schreiben aufhören. Meine Nachbarin steht gerade vor meiner Terrassentür und grinst mich dreist an. Sie klopft ganz energisch. Draußen schneit es. Oh mein Gott! Sie trägt ein Faschingskostüm, das sie sich selbst genäht hat. Vorhin rief sie an, dass sie vorbeikommt, wenn es fertig ist. Raten Sie mal, was sie darstellt?

Ich fasse es nicht. Ich spüre Kratzen im Hals und muss zur Tür…

Helau, Alaaf und Tschüssi

 

© CoLyrik, Februar 2018

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Schnee

„Juchee! Endlich Schnee!“, feixt Kerstin vor Freude, als sie gegen acht Uhr den Rollladen in ihrem Schlafzimmer hochzieht. Draußen ist endlich Winter eingekehrt. 15 cm Neuschnee, soweit das Auge reicht - überall Schnee. Diesen schönen Anblick hat sie sich schon seit Wochen gewünscht. Völlig spontan springt sie in die Luft und kann es kaum erwarten, dass sie die Balkontür zum Lüften öffnen kann. Sie will wenige Minuten später unbedingt einen Schneeball formen, um ihn anschließend für den guten Zweck einzufrieren. Sie will ihn bei www.schönsterschneeball.de versteigern. Blöd nur, dass sie in jenem Moment des überschwänglichen Luftsprungs keine Erinnerung daran hat, dass sie eigentlich wegen einer schmerzhaften Blockade des Iliosakralgelenks krankgeschrieben ist und außerdem seit Jahren ein bisschen mehr Gewicht auf den Rippen hat. Grandios! -  was bin ich doch für ein unverwüstliches Energiebündel!“, denkt sie noch in der Luft stehend und blendet dabei total aus, dass das verordnete Analgetikum inzwischen nicht mehr besonders gut wirken kann. Das Schmerzmittel betäubt nichts mehr, stellt sie nun mit aufgerissenen Augen fest. In jener Sekunde des Aufpralls, als sie nach dem Luftsprung wieder auf den Füßen aufkommt, setzt wie aus dem Nichts heraus Schnappatmung ein, aber auch Tränen der Unvernunft.

Dieser eine Juchee-Augenblick löst eine extreme Schmerzattacke aus, die sie nun zu tiefst verflucht. Ein Urschrei ist die Folge, der alle im Haus zum Aufhorchen veranlasst. Hund Bruno, ein zehn Jahre alter Rottweiler, bellt sich jetzt die Lunge aus dem Hals und pinkelt währenddessen auf den teuren Perserteppich von Oma Gisela. Tochter Gaby erschreckt sich zeitgleich dermaßen ungelenk, sodass sie mit dem Kopf gegen eine leere Wodka-Flasche schlägt, die auf dem überfüllten Rollcontainer neben ihrem Bett steht. Jene fallende Flasche löst in ihrem unaufgeräumten Zimmer eine kleine Kettenreaktion bei diversen Utensilien aus. Diese endet durch das beherzte Eingreifen von Katze Minka mit einem Sprung auf den Laptop, der auf dem Boden liegt. Danach sieht Minka tierisch gut aus. Überall zieren Ketchup-Flecke ihr Fell.

Seit jener fiesen Blockade bei ihrer Mutter hat Gaby nun Ruhe. Kein Meckern über Flaschenberge, miefende Schmutzwäsche-Haufen, Verpackungsmaterial von Internetanbietern, dreckigen Tellern, leeren Fastfood-Behältnisse in ihrem Zimmer muss sie sich anhören. Kein Gekeife, das in ihrem Zimmer erschallt, nervt sie. Ihre Mutter Kerstin schafft neuerdings die Treppen nicht mehr bis nach oben unters Dach. Seit drei Wochen ist es ihrer geliebten Frau Mama auch völlig egal wie es bei ihr im Zimmer aussieht. Die während der Schmutzwäsche-Sammelaktion in ihrem Zimmer entstandene Blockade hat ihre Erziehungsberechtigte völlig außer Gefecht gesetzt. Tochter Gaby geniest nun ihr junges Leben in noch mehr Chaos  - mit Deo freier, abgestandener Raumluft und dies gepaart mit ein bisschen Verwesungsgeruch von Currywurst und Dönerresten. Total grazy findet Gaby auch die vielen kleinen, putzigen Maden, die nun seit gestern unter ihrem Schreibtisch auf einer Pizzaschachtel herum wuseln. Die gelungene Aufzucht jener Lebewesen in übriggebliebenen Speisen nutze sie zum Trinken, dem Feiern mit Wodka. Gaby steht auf, bahnt sich den Weg durch ihr Messie-Zimmer. Anschließend stützt sie sich am Türrahmen ab. Der Fünfzehnjährigen wird schwindlig. Sie hat unglaubliche Gleichgewichtsstörungen und starke Kopfschmerzen.

Zur gleichen Zeit wird auch ihrer Mutter Kerstin durch die extrem starken Schmerzen unerträglich schwindelig. Noch immer befindet sie sich im Schlafzimmer ein Stockwerk tiefer vor der Balkontür. Mit ihren 152 kg Eigengewicht schafft sie es gerade noch Halt an einem Übertopf mit einer weißen Orchidee zu suchen, der als Abschluss auf dem Ende der Fensterbank direkt neben ihr steht. Sie krallt sich dort mit den Fingern der linken Hand fest, als gäbe es kein Morgen mehr. Ein schwieriges Unterfangen. Der Blumentopf kommt natürlich ins Schwanken, aber auch sie. Gabys Mutter hat keine Zeit mehr zu schreien oder wegzulaufen, in Sicherheit zu humpeln. Sie schlägt zunächst mit voller Wucht, keineswegs ungebremst mit dem Kinn auf der Bettkannte auf, um dann mit voller Power wie eine Panzersperre vor die Balkontür zu fallen. Filmreife Szene. Ihr Mund öffnet sich danach sehr weit, aber nicht deshalb, um unter Schock in diesem Moment nach Hilfe zu schreien. Nein. Sie spuckt ein Zahn nach dem anderen mit einem Gemisch aus Blut und Speichel gegen die Fensterscheibe der Balkontür. Dabei verdrängt sie, was sie eigentlich ursprünglich machen wollte, als sie nach draußen sieht und feststellt, dass es wieder schneit. Eine kurze Atempause entsteht und danach gibt sie innerlich, aber auch äußerlich zu, dass sie nicht mehr kann. Sie kann einfach nicht mehr. Der Tag ist gekommen. Sie will niemals mehr aufstehen, aber auch anscheinend ihre Tochter nicht mehr, die nur noch ein Ziel verfolgt. Gaby will zurück in ihr kuscheliges Bett. Der Urschrei ihrer Mutter, das aggressive Bellen von Bruno, aber auch der heftige Donnerschlag im Schlagzimmer der Mutter, der sie an ein Erdbeben erinnert - alle diese Wahrnehmungen veranlassen sie zum Rückzug in ihr Bett und somit schwankt sie völlig benommen ins pure Chaos zurück. Da kann sie auch ihre Katze Minka nicht mehr aufhalten, die genau vor ihre nackten Füße die zuvor geschluckten Maden wieder herauswürgt…

©Corina Wagner, Januar 2018

 


Beim Discounter

CoLyrik-Kurzgeschichte
November - Zeit für eine humorvolle Kurzgeschichte...

Beim Discounter

Es ist Anfang November, ein Samstag. Das Leben pulsiert unaufhörlich in den Städten. Dichtes Gedränge und Geschiebe herrscht bereits kurz nach Ladenöffnung beim Discounter, so als gäbe es kein Morgen mehr. Ich versuche cool zu bleiben. Doch wenn ich sehe, wer hier um diese Uhrzeit bereits einkauft, möchte ich nicht sehr alt werden. Bis die gedanklich im Kopf angelegte Einkaufsliste abgehakt ist, stehe ich in der Schlange vor der Kasse. Ich muss mich zusammenreißen. Seit Wochen liegen schon Lebkuchen und Spekulatius in den Wühltischen im Kassenbereich. Ich habe noch nicht gefrühstückt, umso schlimmer für mich, denn ich bin ein Lebkuchen-Junkie. Einmal in so ein klebriges Ding von Schokoladen-Lebkuchen hineingebissen, dann setzt erfahrungsgemäß mein Gehirn aus und ich hänge an der Lebkuchenverpackung wie andere an der Nadel. Heute früh dauert es besonders lange, bevor ich meine Waren aufs Band legen kann. 4 Frauen und 8 Männer stehen vor mir an. Das Durchschnittsalter beträgt 65, 3 Jahre, so vermute ich. Rechnen war noch nie meine Stärke. Anhand der sichtbaren Falten und eventuellem Restalkohol im Blut wird es samstags um diese Uhrzeit immer schwierig das biologische Alter eines Menschen auszurechnen. Der Herr vor mir rauft sich zunächst die Haare, die wenigen zumindest, die noch seine Kopfhaut bedecken. Dann flucht er murmelnd unverständliches Zeug, liegt wohl daran, dass ihm Zähne im Mund fehlen, dreht sich um und verschwindet hinkend in Richtung Kühlregale. Ein Hauch von Fäulnis umweht meine Nase. Ich muss ihm hinterher sehen, denn in seinem Einkaufswagen vor mir sitzt in einer Transportbox ein zitternder Rehpinscher, der nun die Zähne fletscht. Im Gegensatz zu seinem Herrchen hat er noch alle Beißerchen und wirkt vital. Kaum denke ich „Blöde Töle“- bellt er mich an. Dann klettert das Hündchen mit allen Vieren aus der Box und landet etwas unsanft auf drei Paketen TK-Pizzen, die auf den Einkäufen obenauf liegen. Jetzt bellt er extrem gefährlich, so als hätte er mich zum Fressen gern. Viel Wind um nichts, saust es durch meinen Kopf. Ich habe ein bisschen Mitleid mit dem Hund, sage mit gefühlvoller Stimme: „Herrchen kommt gleich!“. Die Frau hinter mir rastet völlig aus. Sie hat eine spontane Rehpinscher-Phobie, mutmaße ich. Sie schreit mir ganz laut ins Ohr: „Zweite Kasse öffnen! Sofort!“ Dann ein bisschen hysterisch, fast schon panikartig brüllt sie: „Ich muss hier dringend raus! Schafft das scheiß Vieh hier weg!“ Jetzt wird die Geräuschkulisse im Discounter lauter. Der Hund bellt unerträglich, kläfft bis zum Erbrechen. Jeder der Kunden hat dazu irgendwie eine Meinung. Ich verdrehe die Augen und hoffe, dass der Besitzer des Rehpinschers so schnell wie möglich wieder kommt. Ich sehe Schweißperlen auf seiner Stirn, als er sich eine Minute später mit drei Liter H-Milch auf dem Arm an mir vorbeizwängt, um an seinen Einkaufswagen zu kommen. Keine Ahnung, was er murmelnd zu mir und seinem Hund sagt, aber er scheint Rehpinscher-Flüsterer zu sein. Sein Hund sitzt sofort wieder in der Transportbox und fünf Dosen Katzenfutter, drei Pakete TK-Pizzen, eine angefressene Salami und drei Liter H-Milch liegen wenige Minuten später ein bisschen angekotzt auf dem Band. Ich starre den Herrn nur ein wenig angewidert an. Die Frau hinter mir hat sich auch wieder beruhigt. Sie ist einen momentlang total sprachlos, schüttelt in Zeitlupe den Kopf, dann atmet sie hörbar tief ein und aus. Während dieser Phase des Wartens an der Kasse wirkt sie sogar kurzzeitig völlig tiefenentspannt. Ich habe mich extra unter einem Vorwand umgedreht, um sie zu beobachten. Ich lenke sie ab und frage, ob sie mir eine Schachtel Lebkuchen reichen könne. Sie ist so nett, denn der Wühltisch mit dem Lebkuchen ist genau neben ihr platziert. Sie reicht mir die Lebkuchen. Ich lächle sie an, denn zeitgleich wird mein Körper mit Serotonin versorgt. Ich genieße nur wenige Sekunden diesen Zustand, denke mit Vorfreude an den Biss in einen Schokoladen-Lebkuchen gleich nach dem Einkauf auf dem Parkplatz. Das plötzliche Geschrei hinter mir und das Kläffen des Rehpinschers holen mich in die blanke Realität zurück. Erneut rastet die nette Frau hinter mir aus. Nur, weil der Rehpinscher-Flüsterer zur Kassiererin sagt, eher gestikuliert und nuschelt, dass er heute früh nicht nur sein Gebiss, sondern auch seinen Geldbeutel zu Hause liegen gelassen hätte…

Genau so könnte es gewesen sein, wenn ich heute früh rechtzeitig meinen Hintern aus dem Bett bekommen hätte, schreibt Otto als Kommentar gegen Abend in sein Tagebuch. Seit fünf Jahren schreibt er Tag für Tag Geschichten, die später einmal seine erwachsenen Kinder lesen sollen. Lebenslänglich hat er für den heimtückischen Mord an seiner Frau bekommen, die für ihn eine Bestie war. Eine Furie.

© Corina Wagner, November 2017

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Außerirdische waren wieder da

Wer will es schön reden oder schreiben? Jetzt kommt wieder so ein Aufruf zum Bessermachen, könnte man sofort denken. Außerirdische waren da. Haha! Piff paff puff mit Rauch und Schall samt Blabla! Und jetzt? Abwarten und aussitzen kann man das Ganze natürlich auch.

Es gibt ein Bild, das für sich spricht und irgendwie auch wieder nicht. Wenn man viel oder etwas weniger Fantasie hat, kann man sich Einiges, aber auch nichts vorstellen. Tragisch komisch oder auch zum Haare raufen schön, sofern man noch welche hat, quasi ein Zeichen von Oben oder von ganz unten. Um was es geht? Abwarten. Ich zumindest weiß überhaupt nichts mehr, hab‘ keinen Plan, was ich nun eigentlich denken soll, als weltoffener Bürger. Wer ich bin? Männlich, weiblich oder beides, ist doch eigentlich egal oder? Ich gebe mir stets Mühe, um Vorurteilen entgegen zu wirken, kann sie aber auch schüren, wenn ich wollte.

Zu der Spezies Teletubbies gehöre ich definitiv nicht, auch wenn meine Ohren nicht der Norm entsprechen. Da ich alles mitbekomme, was niemand hören soll, bringt mich das manchmal fast um den Verstand, aber nur fast. Ich höre jedes kleinste Geräusch, kann absolut alle Gestiken blitzschnell wahrnehmen, registrieren und Geheimsprachen simultan übersetzen. Nicht immer gelingt mir Letzteres perfekt, aber immer öfters. Ich begegne im Alltag beinahe schon mit gespenstischer Gelassenheit allen Irren dieser Welt, ob nun Politikern, Industriellen, Lobbyisten, Quacksalbern, Hokuspokus-Designern und Worteverdrehern, die sich gerne in Szene setzen. Trotz alledem treffe ich auch hin und wieder total euphorisch dann sympathische Menschen, denen man wahrlich noch vertrauen kann, die an Werten festhalten, respektvoll mit anderen umgehen und ihre Klugheit sinnvoll einsetzen. Gäbe es diese Menschen nicht, dann würde ich mir überlegen, für immer auf einen anderen Planeten auszuwandern oder mir eine passende Urne auszusuchen. Ich würde mich jeder Zeit der Wissenschaft opfern und freiwillig mit Außerirdischen Kontakt aufnehmen, aber kein Wissenschaftler hakt bei mir nach. Ich muss alles dem Zufall überlassen. Meiner Einschätzung nach, kann es vermutlich auf einem anderen Planeten absolut nicht schlimmer sein, wenn ich an das momentane Gesamtbild der Erde nachdenke. Dazu fallen mir Worte wie desolater Zustand ein.  Was ist mit der Welt los? Neulich waren mal wieder Außerirdische da. Gerade, als Trump ein neues Land erfand, bekamen sie diese Art des Politikmachens mit. Nambia! Keiner der Außerirdischen grinste. Sie hielten sich die regenbogenfarbenen Bäuche vor Lachen und inhalierten anschließend aus lauter Freude geklonte Marshmallows-Zigarillos. Die cleveren Heinis aus dem All wissen bekanntlich alles über uns und dem Leben auf der Erde. Nambia! Dieses Land existiert nur in Trumps Kopf und sonst NIRGENDS.

Klar sieht unsere Erdkugel immer noch rund von oben aus. Sie ist immer noch keine Scheibe, auch wenn uns das Typen wie Trump heutzutage gerne einreden würden. Es gibt viele Anzeichen für weltweit eingeführte Verdummungsprozesse, aber man kann sich eigentlich dagegen wehren, wenn man im Kopf fit genug ist. Manche Gehirne haben Defizite und dies ist das größte Problem der Menschheit. Manche schlucken alles, was man ihnen Häppchen für Häppchen vorkaut. Widerlich.

Der Mensch stammt übrigens nach wie vor vom Affen ab, obwohl das viele nicht glauben wollen. Man muss doch nur mal in diverse Länder schauen, da sieht man ganz deutlich, dass einige Führende evolutionsbedingt in ihrem Verhalten Tausende von Jahren zurück sind, obwohl wir bereits im 21. Jahrhundert leben. Irgendwie läuft es doch Quadratkilometer lang in unterschiedlichen Regionen auf der Erde total schief, wenn man mich fragen würde. Potenzielle Gefährder harren in führenden Postionen aus, die jeden Einzelnen von uns, abgesehen von gestörten Persönlichkeiten, zum Nachdenken und Grübeln anregen müsste. Die Mehrheit der weltweiten Zivilgesellschaft verschläft das Retten der Erde. Wissenschaftliche Beweise für das Aussterben von Pflanzen und Tieren, die Folgen des Klimawandels, aber auch das Zulassen von Völkermorden werden gerne von bestimmten Personengruppen ignoriert. Viele aus der Zivilgesellschaft sind zu leise, um positive Veränderungen voranzutreiben. Neuerdings werden immer mehr Menschen auf der Welt weggesperrt, die öffentlich hinterfragen, wenn die Rechte der Bürger mit den Füßen getreten und mit harten Schlägen niedergestreckt werden. Ich kann immer noch nicht nachvollziehen, dass manche in Deutschland z.B. nicht wissen, wann Schluss mit Hopsasa und Trallala ist. Selbst Außerirdische haben dies erkannt, dass man niemanden entsorgt.

Ich hab‘ nun ein Beweisfoto heraus gekramt, als die Heinis aus dem All neulich in Deutschland landeten. Da waren sie in der Nähe von Berlin heruntergekommen. Das Raumschiff konnte ich nicht mehr fotografieren, aber dafür echte Hinweise für ihren Aufenthalt. Es gelang mir vor ihrer Landung mit ihnen durch intergalaktische Schwingungen zu kommunizieren, so dass weder NSA noch der BND abhören konnten. Auf dem Flughafen Tegel wäre eine Landung ihres Raumschiffs während des allgemeinen Flugbetriebs aufgefallen und auf der Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld schien ihnen eine Landung während der Nacht viel zu riskant, da sie zuvor alle Baupläne und die Lage checkten. Sie kamen nach Deutschland, um noch kurz vor der Bundestagswahl die allgemeine Stimmung, Atmosphäre einzufangen, um sie ins Positive umzuwandeln. Es ist ihnen mit modernster Technik aus dem Universum nicht gelungen, nun in Deutschland eine politische Zäsur zu verhindern und sie haben deshalb außer einer verschlüsselten Botschaft auf der Wiese nichts hinterlassen. Ich deute sie so, dass es für uns in Zukunft in Deutschland keinen Sinn macht, wenn Parlamentarier nur im Kreis oder um den runden Tisch laufen, um ihre Begeisterung zu zeigen, dass sie Deutschland und die Welt retten wollen. Verantwortungsvolles Handeln fordern Außerirdische von Regierenden, damit die Erde nicht vorzeitig explodiert, bevor sie überhaupt eine Chance bekommen, quasi hier u.a.  in Deutschland einzuwandern, um sich zu integrieren.

Diese Worte wurden von einer fiktiven Person wiedergegeben, die aber durchaus irgendwo in Deutschland alles mitbekommen könnte, wenn sie aktiv wäre.

© CoLyrik, Oktober 2017

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/ausserirdische-waren-wieder-da

http://zeitverdichtet.de/?p=28634

 


Offener Brief nach der Bundestagswahl

CoLyrik - Seitenhiebe
Kurzgeschichte zum Thema Bundestagswahl / #87Prozent

 

Offener Brief nach der Bundestagswahl

Guten Tag,

heute früh habe ich mir lange überlegt, ob ich schweige oder öffentlich kundtue, dass ich zu den 87 Prozent gehöre. Bislang habe ich mich unter #87Prozent nicht geoutet. Ich bin ein deutscher Engel, jetzt weiblich, zur Tarnung auf der Erde seit Jahren mit einem Mann verheiratet, der nicht weiß, dass ich in meinem ersten Leben ein Mann war, kein Schäferhund.

Manno! Männer! Wie konnte das passieren? Hey Männer, was habt ihr denn am gestrigen Bundestagswahl-Tag in der Wahlkabine getan? Ich meine damit genau die Männer, die die AfD gewählt haben. Lest ihr vorher keine Wahlprogramme? Hm. Hatte die Mehrzahl von euch keine Zeit dafür oder bestätigt sich mal wieder das Vorurteil, dass viele Männer Lesemuffel sind. Hey, das war kein Beipackzettel, den ihr lesen solltet oder irgendeine aufgedrängte Tageszeitung, die Apothekenrundschau oder ein Frauenroman. Was hab‘ ich, als ich noch Mann war, schon alles gelesen, echt, aber jetzt lese ich tatsächlich bessere Bücher, auch vor wichtigen Wahlen Wahlprogramme. Vielleicht musste ich dafür erst ein Engel werden.

Ihr wusstet doch, dass ihr Leute wie Gauland und Höcke wählt oder etwa nicht? Die Ausrede PROTESTWAHL gilt für mich nicht - ganz nach dem Motto in der Wahlkabine: linkes Auge zu wegen Mutti. Ihr hättet Mutti, die Kanzlerin nicht wählen müssen, das wusste jedes Schulkind. „Merkel muss weg“ ein Wahlkampfslogan, der vielleicht wie Gehirnwäsche wirkte, könnte den Ausschlag für das Kreuzchen in der Wahlkabine gegeben haben, muss aber nicht. Manno! Ich hab‘ schon Kopfschmerzen vom vielen Kopfschütteln, liegt vielleicht auch daran, dass ich immer nur links herum schüttele. Rechts ist eine Blockierung zu spüren, psychisch somatisch das Ganze, obwohl ich eigentlich nichts spüren dürfte und doch brummt mir der Schädel nur wegen des Wahlausgangs. Kack. Fluchen darf ich als Engel eigentlich überhaupt nicht, aber heute ist das auf deutschem Boden eine totale Ausnahmesituation. Ich bin ein Engel mit Migrationshintergrund.

Sind Männer genetisch bedingt nun wirklich sozial schlechter eingestellt als Frauen? Viele Engel sagen JA, wenn wir in der deutschen Engelcommunity kommunizieren. Sind weniger Männer und mehr Frauen in Deutschland patriotisch und mehr Männer als Frauen nationalistisch gestrickt, zusammengeschraubt, eingestellt, gehämmert, geklöppelt oder geschmiedet? Hm. Mögen doch viel mehr Männer völkisch autoritäres Gedöns, als ich, der Engel im Körper einer Frau und der Rest der 87 Prozent bislang vermuteten? Einen solchen starken Rechtsruck hätte ich in Deutschland nicht erwartet und frage mich nun, welche Zombies dafür verantwortlich sind?

Fakt ist nun, dass viel mehr Männer, als Frauen, dazu beigetragen haben, dass die AfD drittstärkste Partei nach der Bundestagswahl wurde. Seid ihr Kerle unter der rechten vorgehaltenen Hand dann doch offensichtlich frauenfeindlicher, als viele zuvor dachten? Manno! Kack. Eigentlich ist jetzt weder Zeit zum Fluchen noch für irdischen Klamauk. 87 Prozent der Wahlberechtigten, die andere Parteien wählten, so auch ich, hielten es am gestrigen Abend für einen schlechten Witz, als wir durch die Medien erfuhren, dass es 88 Sitze im Parlament geben wird. Ausgerechnet 88 Sitze. Ist dies nun ein böses Omen? Geht die Welt unter? Ich hab von Oben noch kein Zeichen dafür bekommen. Naja. Aufmunternd, himmlisch lesen sich jedenfalls zurzeit die Namen definitiv nicht, von denjenigen Personen, die für die AfD ins Parlament kommen. Die Zahl 88 bedeutet in der Neo-Naziszene die Abkürzung für „Heil Hitler“ und der ein oder andere moderne Nazi wird wohl gestern gejubelt haben. Haha. Engel können schon lachen, aber teuflisch ist nicht unser Ding.

88 Sitze im Reichstag bedeuten nun teuflischer Rechtspopulismus, nichts anderes als extreme Provokation gepaart mit medienwirksamer Effekthascherei durch spektakuläre Hölleninszenierungen während der Bundestagsdebatten. Zukunftsorientiertes, weltoffenes Mitwirken seitens der AfD-Parlamentarier wird es im Reichstag nicht geben. Diese Prophezeiung wird sich erfüllen. Gaulands gestrige Aussage: „Wir werden Frau Merkel jagen!“. Ich hab`s als Engel genau gesehen. Die Augen funkelten dabei diabolisch. Jetzt müssen die anderen Parteien aufpassen, dass das Ganze nicht im politischen Desaster endet und auf Dauer dem Ansehen Deutschlands schadet. Es ist zu schaffen, aber es wird schwer. Oben wird schon überlegt, ob ein politischer Engel auf der Erde aktiv wird.

Ein sozialdemokratisch ausgerichteter Engel müsste es sein, einer von dem Format eines Willy Brandts oder Helmut Schmidts zum Beispiel, der mal auf die Frage: Was typisch deutsch sei?, dann daraufhin antwortete: "Nichts."

Mit besten Grüßen

24. September 2017, Worte eines Engels im Körper einer Frau, einen Tag nach der Bundestagswahl

 

© CoLyrik, 2017

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Schlaflose Nacht

CoLyrik-Gefährliches
Schlaflose Nacht im "Wahlkampfgetöse" - eine Kurzgeschichte zur Ablenkung

Schlaflose Nacht

Mitternacht ist längst vorbei. Ich bin spät nach Hause gekommen. Nach einer kleinen Ewigkeit im Bad gehe ich zu Bett. Von Nacht zu Nacht dauert die Prozedur länger, bis ich bettfertig bin. Das Anziehen der Schlafanzugshose zieht sich in die Länge, da im Hosenbein ein Knoten war. Wer auch immer den hineingemacht hat, wird seine Gründe dafür gehabt haben. Ich war es definitiv nicht. Nun bin ich hellwach und überlege mir, ob ich die Stereoanlage aufdrehe, um meinen Mitbewohner zu ärgern. Ich lasse es bleiben und spiele mit der Nachtischlampe. Ich knipse das Licht an und aus. Es ist eine kleine Marotte von mir, wenn ich nicht schlafen kann. Es nervt nur andere, mich nicht. Heute bin ich alleine im Bett. Mondlicht sucht sich den Weg durch die Rollladenschlitze und blendet mich. Ich wälze mich hin und her, suche die richtige Position, um einschlafen zu können. Beinahe hätte ich den Daumen zum Nuckeln in den Mund genommen, wie früher, als ich noch klein war. Ich kann mich gerade noch beherrschen. Dafür drehe ich mir aus lauter Langweile kleine Locken ins Haar und starre an die Schlafzimmerdecke. Ich zähle währenddessen wie von Sinnen Schäfchen, um endlich einschlafen zu können. Nichts passiert. Ich kann nicht einschlafen. Ich knipse das Licht wieder an und aus und an und aus und an und aus und an und aus. Um mich abzulenken, denke ich an etwas total Schönes und öffne nun die Nachtischschublade. Dort liegt für Notzeiten ein Keks in Folie eingeschweißt. Ein Geschenk eines Freundes, der vor dreißig Jahren bei der Bundeswehr seine Grundausbildung absolvierte und mir für den Fall der Fälle diesen Keks schenkte. Es gab schon schlimmere Nächte als diese. Nun fange ich wieder an tief ein- und auszuatmen. Dann werde ich meistes ganz ruhig, besonders dann, wenn ich kurz die Luft anhalte. Bislang schaffte ich es jedes Mal und riss die Alufolie nicht auf, legte den Keks zurück in die Nachttischschublade. Oft erst dann, wenn mein Gehirn wieder mit mehr Sauerstoff versorgt wird. Ich atme wieder tief ein und aus. Vermutlich verliere ich wieder das Bewusstsein. Blackout. Plötzlich sitze ich senkrecht im Bett. Ich höre Stimmen. Schreie. Schreie einer Hyäne. Es sind Lustschreie. Ich knipse das Licht an und stelle fest, dass ich ganz alleine in meinem Bett liege. Meine Nachbarin kopuliert vermutlich gerade mal wieder nach langer Zeit. Ich knipse das Licht wieder aus. Das Mondlicht sucht sich immer noch den Weg durch die Rollladenschlitze und blendet mich erneut. Ich fange wieder an und wälze mich hin und her, um die richtige Position zum Einschlafen zu finden. 10 Minuten benötige ich für die richtige Stellung und liege nun mit dem Kopf am Fußende. Dadurch sehe ich genau auf das Bild, das über meinem Bett hängt. Bis dorthin schafft es auch das Mondlicht, das von Draußen nach innen dringt. Ich starre nun unentwegt auf dieses Bild und atme tief ein und aus. Dann halte ich die Luft an. Blackout. Plötzlich träume ich, verarbeite Bilder vom Tag. Ich sehe die riesengroßen Werbeplakate, die rechts und links an den Straßen nun hängen. Am 24. September ist Bundestagswahl und die Parteien werben nun für ihre Kandidaten. Überdimensional sehe ich vor meinem geistigen Auge diverse Politiker in irgendeiner ansprechenden Pose, die zum Wählen einladen soll. Die Bundeskanzlerin lächelt mich an und ich lächele zurück, denn ich weiß etwas, was sie nicht weiß. Ich höre wieder Stimmen. Schreie. Schreie einer Hyäne. Dieses Mal weiß ich, dass meine Nachbarin wieder Sex hat und ich knipse das Licht nicht wieder an und aus, träume weiter, aber ich merke währenddessen, dass ich einen Albtraum habe. Ich beginne zu schwitzen. Die Plakate werden immer größer und das Lächeln diverserPolitiker immer aufdringlicher. Plötzlich wird mir schwindelig. In meinem Kopf dreht sich alles. Immer mehr überdimensionale Wahlplakate tauchen vor mir auf. Ich schlage wie wild mit meinen Armen. Mitten im Traum bekomme ich vermutlich eine Panikattacke. Schreie mir die Lunge beinahe aus dem Hals, so wild träume ich und rufe ganz laut: „Hülfe! Hülfe! Hülfe!“. Ich knipse das Licht an und bekomme die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ich rauf mir zunächst die Haare und gebe mir aus lauter Verzweiflung eine Ohrfeige. Ich sehe das haushohe Werbeplakat immer noch vor mir. Ich bekomme das Bild nicht mehr aus meinem Kopf. Ich knipse das Licht an und aus und an und aus und wieder an. Es herrscht Totenstille im Schlafzimmer. Ich bin alleine. Keiner kann mir helfen und deshalb knipse ich das Licht vorsichtshalber wieder aus. Das Mondlicht sucht sich immer noch den Weg durch die Rollladenschlitze und blendet mich erneut. Ich liege wieder am Kopfende meines Bettes. Ich schließe die Augen abermals und bekomme die haushohen Wahlplakate nicht mehr aus dem Kopf. Erdogan wirbt für die AfD. Ich atme tief ein und aus und tief ein und aus, dann halte ich die Luft an. Blackout. Ich höre Stimmen. Schreie. Schreie einer Hyäne. Ich knipse das Licht an und öffne meine Nachttischschublade. Ich nehme den Keks in die Hand. Meine Hände zittern so krass, als hätte ich Entzugserscheinungen. Ich reiße die Alufolie deshalb ziemlich ungelenk auf und glaube in jenem Moment beim Hineinbeißen immer noch es könnte mir jetzt in diesem Moment helfen, um endlich friedlich einzuschlafen. Haha. Ich höre Stimmen. Schreie. Schreie einer Hyäne…

© CoLyrik, August 2017

 

Anmerkung

Die Kurzgeschichte Schlaflose Nacht ist frei erfunden und nicht biografisch zu verstehen. ;-) Moderne Literatur kann persönliche Anfeindungen gegen Autoren bei der jetzigen politischen Lage in Deutschland auslösen. Im deutschen Grundgesetz ist die Meinungsfreiheit verankert.

Artikel 5

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/schlaflose-nacht

 


 

Der Knall

CoLyrik-Kurzgeschichte

Ein ohrenbetäubender Knall weckte Lea aus ihrem geliebten Powernapping. Vor Schreck zuckte sie dermaßen ungelenk auf ihrem Ballstuhl zusammen, so dass sie mit einer Hand an die Tasse mit kaltem Katzenkaffee stieß. Bevor sie einschlief, trank sie etwa ein Viertel des noch zu heißen Inhalts und ließ den Rest auf dem Tisch stehen. Lea hatte sich die Zungenspitze verbrannt, da sie nicht damit rechnete, dass der Kaffee so brutal heiß sei, als ihr Kollege Jens diesen mit einem schönen Gruß vom Chef kredenzte. Jetzt ergoss sich das Edelgesöff über den Akten, die für ein wichtiges Meeting bestimmt waren. Hinter ihr ertönte Till-Theodors schallendes Gelächter, das sich nach einer irren Geräuschkulisse anhörte. Es klang nach einer Mischung aus Donald Ducks Geschnatter, dem defekten Lachsack aus ihrer Kinderzeit, dem quiekenden Meerschweinchen ihrer Nichte Mia und der Kultstimme von Lord Helmchen aus Spaceballs.

So hatte sie sich das Erwachen nach der Mittagspause nicht vorgestellt. Ihr Chef, Till-Theodor Johann Wolfgang Maria von Cato, hatte sich still und heimlich von hinten angeschlichen, um einen Luftballon genau hinter ihrem Kopf zum Platzen zu bringen. Sie träumte gerade in jenem Moment, dass sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Da platzte dieser Luftballon und holte sie in die bittere Realität zurück. Kein Preis. Kein Beifall. Keine überschwängliche Rede. Keine Stresspickel oder hecktische Flecken im Gesicht. Nichts. Nur ein lauter Knall hatte sie geweckt. Für solche Momente liebte sie ihren adeligen Chef innig, denn er geizte nicht, wenn er seinen Verlagsangestellten ein P wie Panikattacke ins Lektoren-Gesicht zaubern konnte. Sie hätte ihm in jenem Moment die hübschen grünen Augen auskratzen oder ihm beherzt in den Schritt greifen können, aber sie versuchte es mit Contenance und lächelte ihn extrem freundlich an. Sie benahm sich so, als wäre überhaupt nichts passiert. Diese Reaktion hatte er absolut nicht erwartet und hoffte deshalb insgeheim immer noch auf einen zeitverzögerten schrillen Aufschrei.

Seit Tagen spürte er ganz deutlich, dass sie ihm wohl auf die Schliche gekommen sein musste. Lea hatte sein Geheimnis entdeckt. Sie wusste, dass er es nun wusste, aber sie schwieg und spielte die Unschuld vom Lande. Deshalb testete er in jenem Augenblick des Schabernacks ihr Verhalten ihm gegenüber. Ihr Lächeln setzte ihm zu. Außer, dass er durch sein Handeln wenige Minuten zuvor bei ihr ein dezentes Herzrasen auslöste und es anschließend in ihrem linken Ohr enorm pfiff, war wirklich nichts Dramatisches geschehen. Das Knalltrauma würde sie überleben, aber auch die Unterbrechung des Traums. Nur die weiße Businessbluse sah aus, als hätte sie mit einem Kuhfladen Bekanntschaft gemacht, aber Lea blieb völlig cool. Ihr Lächeln fror nicht ein. Ganz im Gegenteil. Sie wirkte wie ferngesteuert. Durch sein abgrundtiefes Lachen erlitt Till-Theodor einen kleinen Asthmaanfall. Blitzschnell griff er mit der rechten Hand in seine Hosentasche, um nach seinem Asthmaspray zu greifen. Danach sprühte er sich, inhalierte die lebensrettende Dosis völlig routiniert und gönnte sich mit fünfminütigem Abstand noch einen zweiten Hub. Um den Mund herum schimmerte seine blasse Haut leicht bläulich, aber Lea wusste, dass er nicht sterben würde. Jetzt nicht. Sie zog derweil wie in Zeitlupe aus der Schublade nacheinander Kosmetiktücher aus der Box, um diese als kleine Flugobjekte auf dem Schreibtisch landen zu lassen. Sie wirkte dabei völlig tiefenentspannt und überhaupt nicht panisch. Die mit Katzenkaffee benetzten Unterlagen bekamen einen kleinen Hügel aus vollgesogenen Kosmetiktüchern.

Till-Theodor stand inzwischen vor ihrem Schreibtisch und bekam wieder Farbe ins Gesicht. Lea ging derweil in die Offensive. Sie sah ihm tief in die Augen und fragte ihn, ob er vielleicht noch ein weißes Hemd für sie hätte. Dabei sah sie ihn an, als gäbe es kein Morgen mehr. Für diverse Kantinen-Notfälle hatte er immer zwei bis drei Hemden auf Vorrat in seinem Büro. Lea hätte ihn beim Fragen nicht unverschämt lasziv ansehen sollen. Ihr Chef bekam plötzlich Schnappatmung und setzte sich sicherheitshalber unverzüglich auf den Besucherstuhl. Dabei hatte er doch überhaupt noch nicht die Dokumente für das Meeting gelesen. Allerdings war sie dabei die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, um auszuprobieren, ob sie nur mit einem BH unter dem Blazer ins Meeting könne, falls Till-Theodor kein weißes Hemd für sie hätte. Er war nun wie unter Droge.

Vielleicht bekam ihr Chef zu wenig Sauerstoff, versuchte aber keine weiteren Maßnahmen gegen seine Unpässlichkeit zu ergreifen. Das Asthmaspray wirkte, vermutete Lea, aber sein Kopf war trotz alledem nicht bei der Sache. Daraufhin lächelte sie ihn zunächst besorgt an, dann aber doch eher dreist und sendete eindeutige Signale. Till-Theodor dachte nur noch an das eine. Er wusste nun, was ihn erwarten würde. Überall hatte er schon danach gesucht. Sein ganzes Leben würde sich ändern. Zwanzig Jahre Doppelleben könnten durch sie ans Tageslicht kommen. Till-Theodor schrieb unter Pseudonym Literatur, die seine Mutter Maria Hubertine Belinda Katherina Krimhild von Cato, Freiin von und zu Gut Böse, nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen würde.

Er starrte unentwegt auf Leas Dekolleté und sein Röcheln entwickelte sich zu einer ernstzunehmenden Situation. Zwischen ihren Brüsten hing an einer goldenen Kette ein USB-Stick in Buchform. Kleine Brillanten funkelten auf dem Büchlein. Sie war tatsächlich an seine Dateien gelangt, aber auf diesem Stick waren ganz andere Schweinereien abgespeichert. Sie stammten aus dem Darknet für Schriftsteller. Er glaubte, dass sein ganzes Leben an dieser Kette hing. Es war wie ein letztes Aufbäumen. Till-Theodor sprang wie in Todesangst getrieben vom Stuhl hoch und tat so, als solle sie für ihn den Notruf wählen. Lea stellte sich blöd und sah ihn nur mit großen Augen an. Dann rang er spektakulär nach Luft, denn er hatte nicht umsonst drei Jahre Schauspielunterricht genossen. Er taumelte und fiel direkt mit dem Gesicht zwischen ihre Brüste. Ausgiebig konnte er diese Situation nicht nutzen, denn beide stürzten zu Boden. Lea griff während des Sturzes reflexartig nach einem schweren Bildband, der auf ihrem Schreibtisch lag. Alle Mühen und Qualen im Fitnessstudio zahlten sich anscheinend aus. Er fasste derweil zwischen ihre Brüste, aber bevor Till-Theodor den Stick entwenden konnte, schlug sie tollkühn zu. Sein vorgetäuschtes Röcheln endete in unerwarteter Bewusstlosigkeit. Lea zog sich beim Sturz leichte Prellungen zu, aber sie behielt die Kontrolle in jener heiklen Situation.

Die Halskette mit dem USB-Stick zog sie in Windeseile aus. Anschließend versteckte sie das kleine Büchlein in einer Buchattrappe auf dem Regal, das hinter ihrem Schreibtisch stand. Das Versteck würde keiner entdecken. Dieses Buch würde niemand ausleihen - zu langweilig und zu unbedeutend. Till-Theodor lag immer noch regungslos auf dem Fußboden. Lea reagierte endlich. Ihre Atemspende entpuppte sich allerdings als inniger Kuss. Sie wollte ihren Chef beim letzten Atemzug lieber noch ein bisschen Liebe spenden, als ihm einen Rippenbogen zu brechen. Zumal sie wusste, wie toll er in Wirklichkeit schrieb. Sie hatte alle seine erotischen Romane gelesen, die er unter Pseudonym verfasste. Sein Schreibstil zog sie magisch an. Er schrieb auf hohem Niveau mit viel Gefühl und intellektuellem Anspruch. Ihn drängte derweil die Angst, dass durch Lea die feine Gesellschaft erfahren könnte mit welchen Büchern er große Erfolge erzielte. Sie küsste ihn sehr leidenschaftlich und er ließ sich wie in einem seiner Romane von ihr erobern. Zehn Minuten später gab es einen Schwelbrand durch eine defekte Steckdose. Feueralarm wurde ausgelöst. Chaos brach aus. Beide verharrten in einer eindeutigen Pose, würde man später in den Social Media lesen.

© Corina Wagner, 2017

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Zum Vatertag

CoLyrik-Kurzgeschichte

"Jetzt sage später nicht, du hättest von nichts gewusst..."

 

Zum Vatertag

Janine schreibt Lisa eine E-Mail. Im Betreff steht: Vorbereitungen für den Vatertag

Liebe Lisa,

mache nun zum Vatertag Nägel mit Köpfen. Ich habe folgendes dafür organisiert:

6 Säcke a 25 kg Spielsand

1 Fischernetz und Muscheln zum Dekorieren

1 Harpune

1 kleinen Heuler fürs Vergnügen

1 Eimer mit Förmchen

1 Schaufel

1 Kasten Bier

1 Piccolo Champagner

1 Tüte Gummibärchen

1 Glas Rollmöpse

1 Glas Sardellenfilets

Zuerst werde ich mich ihm anbieten wie Sauerbier. Dann wird er vermutlich die Augen verdrehen, den Braten riechen und zur Ablenkung ins Bad gehen. Dort wird ihn hoffentlich nicht der Schlag treffen, wenn er sieht, was ich für ihn aus dem Hut gezaubert habe. Vielleicht wird das Ganze auch wie das Hornberger Schießen ausgehen, weil er überhaupt nichts, nix kapiert. Vielleicht werde ich ihn auch bis aufs Blut reizen. Auf jeden Fall werde ich morgen den Neoprenanzug und die Neoprenschuhe anziehen und meinen Plan durchziehen. Ich werde irgendwann das Badezimmer fluten, aber auch irgendwie vorher oder später Sandburgen bauen. Schön lecker Rollmöpse und Sardellenfilets kreativ verteilen, mit Muscheln und dem Fischernetz Akzente setzen, die Harpune und den Heuler positionieren, und später den Fels in der Brandung suchen, quasi den Kasten Bier aufs Klo stellen. Wenn ich mit allem fertig bin, gönne ich mir ein Gläschen Champagner und warte dann später auf seine Reaktion, wenn er die Badezimmertür öffnet…

Jetzt sage später ja nicht, du hättest von nichts gewusst und fällst aus allen Wolken, wenn er in einem völlig desolaten Zustand vor deiner Tür steht, um mit dir zu schlafen.

Ganz liebe Grüße

Lisa

© CoLyrik, Corina Wagner, Mai 2017

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Stilles Rätselraten

CoLyrik-Gefährliches

Heimlich, ohne Aufsehen, war wohl ein Versehen...

 

Stilles Rätselraten auf Amerikanisch

Ohne Aufsehen sollte es bleiben, diskret, inoffiziell, im Geheimen,

verdeckt, an und für sich nicht öffentlich, streng geheim, also ganz unbemerkt und unbekannt

– alles in einer starken Hand,

aber auch in einem Mund, der es gutgelaunt heraus posaunt an einem Tag im Weißen Haus.

Alternative Fakten kommen zu den Akten.

Worte wie Heimlichkeit, Diskretion, Verschwiegenheit führen nun zu Heiterkeit,

aber auch Galgenhumor mit Blick auf die Themen Terrorismus und konspirativem „Bruderkuss“…

© CoLyrik, Mai 2017

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Ich distanziere mich öffentlich von diesem Text aus Sicherheitsgründen, habe ihn aber insgeheim verfasst. Ganz nach dem Motto:
Strenggeheim gehaltene Meinungs- und Künstlerfreiheit!


Brief zum Muttertag

CoLyrik - Seitenhiebe Betreff: Abschaffung des Muttertages

Schönen guten Tag,

mein Name ist Protest und ich melde mich immer dann zu Wort, wenn ich das Gefühl habe, dass unser Land Veränderungen braucht. Seit dem ich auf der Welt bin, wurde mir Jahr für Jahr bewusster, dass man einen sonntäglichen Feiertag im Jahr durch einen anderen Feiertag ersetzen könnte. Warum schafft man den während des Dritten Reichs eingeführten Feiertag „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mutter“ nicht wieder ab? Kein Geld der Welt, kein teures Geschenk ersetzt an einem Tag im Jahr all die zwischenmenschlichen Versäumnisse, die sich im Laufe der Zeit zwischen Müttern und ihrem Nachwuchs ansammeln. In einer intakten Beziehung wird die Leistung einer Mutter mit all ihren Ecken und Kanten täglich wahrgenommen, aber auch honoriert, wenn sie fürsorglich und pflichtbewusst zum Wohle des Kindes handelt. Spürbare Herzenswärme konnte man noch nie kaufen. Ist es nicht herrlich, wenn man geherzt, geknuddelt, einfach nur geliebt wird? Ein Lächeln, eine Geste der Zuneigung, sich Zeit nehmen, kann mehr wettmachen, als Pralinen, ein Blumenstrauß und jeglicher Glitzer. Bei einigen Mütter könnten natürlich die gefärbten Haare zu Berge stehen, die angeklebten Fingernägel abfallen, aber auch die schönste Seifenblase im hübschen Reihenhaus oder in der bezahlbaren Plattenbausiedlung platzen, wenn diese Frauen einmal im Jahr nicht mehr innerhalb der Familie im Vordergrund stehen. Wie denken die spießigen Nachbarn darüber, wenn man den Muttertag ignoriert? Kein überdimensionales rotes Herz auf dem Balkon leuchtet? Rein theoretisch könnten einige Mütter Verlustängste bekommen, wenn man den Muttertag abschaffen würde.

Mutter zu sein, bedeutet mehr als nur zu Anfang Windeln zu wechseln und Jahre später nachzuschauen, ob das Pausenbrot im Ranzen schimmelt. Heutzutage gibt es Kinder, die weder ein Frühstück erhalten, noch ein Pausenbrot mit in die Schule nehmen. Diese Mütter werden trotzdem geliebt. Sie gehen oftmals vor den Kindern aus dem Haus, haben keine Kontrolle über ein gesundes Frühstück. Kinderarmut in Deutschland wird gerne unter den schönen Teppich gekehrt, obwohl wir ein reiches Land sind und kein Kind nüchtern in die Schule müsste. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich Kinder, die frühstücken, besser im Unterricht konzentrieren können. Manchmal hapert es bei Müttern an Organisationstalent und Tatendrang, andere werden zu sogenannten Helikopter-Müttern und schaden ihren Kindern deshalb auch. Die richtige Verantwortung für Kinder zu übernehmen, die später im Erwachsenenleben selbstbewusst, respektvoll und tolerant anderen gegenüber auftreten sollen, deren Existenz mal mehr oder weniger vom gesellschaftlichen Umfeld geprägt ist, verlangt viel ab. Mütter haben Macht, können alles richtig, aber auch alles falsch machen. Einmal im Jahr setzen viele die rosarote Brille auf, verdrängen Konflikte und kaufen Muttertagsgeschenke, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Eine Mutter, die dement im Altersheim lebt, bekommt wohl möglich nicht mehr mit, ob nun Muttertag ist oder nicht. Da genügt auch eine liebevolle Umarmung, aber auch Zeit für eine Unterhaltung.

Es wäre für alle Beteiligten besser, wenn man den Muttertag abschafft und dafür den Internationalen Frauentag feiert.

Ihre Frau Protest

© Corina Wagner, 14. Mai 2017

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Alaaf, Helau und Alleh hopp!

CoLyrik-Satire Artikel von Frau Donnerstagine Weib-Lich, Redakteurin der Fachzeitschrift Carne vale

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Corina Wagner

Alaaf, Helau und Alleh hopp!

Ursprünglich wollte ich heute ruckizuckifaktisch „uff die Gass, die Strooß unn ä bissje, ein bisschen Remmindemmie machen“. Aus persönlichen Gründen ist dies nun nicht möglich. Ich sitze seit Stunden völlig isoliert in den Redaktionsräumen mit roter Pappnase und Hirschgeweih aus eingefärbten Altpapier- kügelchen auf dem Kopf. Seit 11.11 Uhr höre ich beklemmenden Straßenlärm, der durch die Dachgeschossfenster dringt und trinke deshalb ein Piccolöchen nach dem anderen. Die Flaschen waren ursprünglich für Rosenmontag bestimmt. Alle anderen Redaktionsmitglieder sind bereits seit heute früh 9 Uhr undercover unterwegs und drehen mit versteckter Kamera bis in die Nacht hinein, um dann einen tollen Bericht zu präsentieren. Einer von denen hat mich heute früh weggesperrt. Wenn ich nur wüsste, welche Gurke es war? Die laufen alle wieder als Salatgurke herum, um schlanker auszusehen. Es war eine Internetbestellung bei einem umweltfreundlichen Karnevalskostüm-Hersteller. Ich war die einzige, der das Gurkenkostüm nicht passte, weil ich ein Vollweib bin. Damit ich dieses Jahr nicht wieder einen Imageschaden anrichten kann, hat mich bestimmt die Chefredakteurin, diese fiese Giftspritze eingesperrt. Nun schreibe ich trotzdem meinen Artikel quasi aus reiner Notwehr und lege ihr den dann breitgrinsend am Montagmorgen auf den Schreibtisch, sollte ich bis dahin noch überleben. Die Putzfrau hat seit gestern bis Aschermittwoch Urlaub. Ansonsten hätte sie hier schon längst die Schweinerei weggewischt und mich liebevoll angeschrien.

Seit Stunden werde ich mit Faschingsmusik von der Straße aus vollgedröhnt. Die kollektiven Vollrausch-Gesänge des für die närrischen Tage extra gegründeten Altweiberchors gehen nüchtern dermaßen an die Substanz, dass man das wirklich nicht ertragen kann, wenn man nur kalten Kaffee trinkt. Wenn der Frauenmob völlig hemmungslos auf den Straßen tobt und in Endlosschleife wirklich nicht schön singt, dann muss man sich selbst irgendwie ruhig stellen, wenn man keine Ohrstöpsel dabei hat. Denn der Text „Atemlos durch die Nacht, habe selten so gelacht. Trump und Erdogaaaaaaaaaaaaaan sind für uns der helle Wahn!“ klingt wirklich nicht nach Opernchor, wenn die Weiber auf der Straße grölen, als wolle man ein Schwein abschlachten. Dieser neue spontane Karnevalssong vom Altweiberchor mit Trommelwirbel und Fanfarenbegleitung hört sich eher beängstigend als närrisch an. Deshalb sitze ich nun trotzdem völlig tiefenentspannt hier herum und lasse alles von Draußen auf mich wirken. Ich bin wahrlich gefangen im eigenen Körper. Mein Faschingskostüm mit künstlicher Hirschhaut aus eingefärbter Gelatine löst sich langsam in Wohlgefallen auf, liegt wohl auch daran, dass sich Sekt darüber ergoss, als ich nach dem achten Piccolöchen griff. Ich komme auch einfach nicht mehr von meinem Bürosessel hoch, denn die fünf Kilo schwere Chips-Tüte, dich ich extra für meine Kollegen als Gag herstellen ließ, ist mir vorhin völlig aus den Händen geglitten. Überall liegen Chipsfetzen wie nach einem Bombenanschlag herum. Wenn ich jetzt aufstehe, dann kündigt man mir bestimmt. Deshalb sitze ich das Ganze seit Stunden aus und suche ganz nebenbei noch eine plausible Erklärung für diesen Schlamassel. Ich habe den Schlüssel heute früh vom Großraumbüro nicht abgebrochen, als das Chaos begann. Ich nicht. Nein. Ich habe den Kurzschluss am Kaffeevollautomaten nicht absichtlich verursacht, also nur bedingt, als ich ihn ein bisschen manipulieren wollte, um ein wenig für Heiterkeit zu sorgen. Schließlich ist heute der berühmt berüchtigte Weiberfasching, besser unter den Namen Weiberfaasenacht, Schmotzinger Dunschtig, Fett- oder Schwerdonnerstag, Weiberfasnet, aber auch als Altweiberumtrieb bekannt.

Ein Rechtspopulist im Wahlkampffieber-Modus, der gerne Büttenreden hält, hatte sich für heute früh zu einem Interview bei der Chefredakteurin angekündigt und kam gerade als vertrauenserweckendes weißes Kaninchen kostümiert in das Besprechungszimmer, als es diesen Kurzschluss gab. Durch die kleine Rauchentwicklung ging die Sprinkleranlage an und verursachte ein bisschen Panik unter den Anwesenden. Ich harre hier vermutlich aus reinem Selbstschutz hinter verschlossenen Türen aus. Man hat mich eingesperrt, da ich immer unbequem bin und stets eine dicke Lippe riskiere, wenn ich an solchen Tagen im Jahr unterwegs bin, um Narren zu interviewen. Ich trete immer ins Fettnäpfchen, auch wenn keiner das gelbe Kostüm Fettaugen einer Hühnersuppe trägt. Ich behaupte ganzjährig Narren zu interviewen, aber das hört meine Chefin nicht gerne, die ein echtes Mannsweib ist.

Frauen laufen an Tagen wie diesem, heute meist kreischend und nicht mehr ganz nüchtern und selten schüchtern durch die Straßen, um zu demonstrieren, dass sie an diesem Tag besonders närrisch sind. Da geht’s „HumbaHumbaHumbaHumbaTäteräTäteräTäterä-geil voll ab“, sagt man im junggebliebenen Faschingsjargon. Nicht selten hört man mehrstimmig mit übelstem angekratzten monströsen Stimmchen haarscharf daneben, aber mit 120 Dezibel Lautstärke: „Heute blau, und morgen blau, und übermorgen wieder. Wenn wir dann in Stimmung sind, besaufen wir uns wieder…“. Die meisten Frauen denken dann währenddessen positiv über Männer nach, aber heute ist anscheinend alles anders. Die Welt bleibt schließlich nicht stehen, wie man so schön sagt.

Sogar die Auswahl der Kostüme wird immer besser, aber auch krasser, in die sich manche Frauen hineinpressen, zwängen, als wäre es das allerletzte Mal für sie, ein Aufbäumen gegen das Bravsein. Einmal im Jahr gehen sie so richtig aus sich heraus. Vom Seelensammler Geisterfrau-Outfit, über den Klassiker Skelettoverall, dem Scrabble Deluxe-Kleidchen, dem edlen Designer-Drogenqueenstöffchen aus feinstem Organza bis hin zum billigen Dildoganzkörperplastikfummel und Haifischflossenponcho sieht man immer mehr außergewöhnliche Massenware. Allerdings auch Einzelanfertigungen, so zum Beispiel das auf den ersten Blick harmlos erscheinende dunkelbraune Höcke-Kostüm mit völkischem Motivaufdruck und passender Gruselmaske im Germanenstil. Da will Frau mal stundenlang ohne aufgeklebtes Hitlerbärtchen den Führer spielen. „Herrlich“, denkt sich da so mancher naive Mann, wenn er bereits torkelnd so eine Frau mit 1,8 Promille im Blut anhimmelt, wenn sie ihm begegnet und ihm die schönste Krawatte des Universums in der Fußgängerzone mit einer rostigen Schere aus Kruppstahl abschneidet.

Unsere Redaktion der Fachzeitschrift Carne vale empfiehlt für dieses Jahr den Männern: „Seien Sie bitte auf der Hut, wenn Sie in den kommenden Tagen unterwegs sind, man weiß nie, welches böse Weib hinter einer Maske, einer Maskerade steckt.“

Mein diesjähriger Artikel zum Thema Weiberfasnacht wird bestimmt genial, muss ihn nur noch in die richtige Form bringen. Prost.

© CoLyrik, Altweiberfasching 2017

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/alaaf-helau-und-alleh-hopp/@@view#1487891179337002


Hello...

CoLyrik-Satire

Die politischen Entwicklungen in den USA werden zum satirischen Nährboden für Kabarettisten und Satiriker...

Achtung! Vorsicht! Satire!

Die Autorin distanziert sich von eventuellen Nebenwirkungen, die durch das Lesen des folgenden Beitrags entstehen können. Schmunzeln und Lachen fördert die Gesundheit, Fluchen auch. Bei ernsthaften Beschwerden bitte an Fachleute wenden. Danke.

Hello...

Die digitale Gratwanderung in die USA beginnt. Eine Deutsche fährt ihren Computer hoch. Klickt und tippt. Die Kontaktaufnahme im Internet beginnt. Germany grüßt quasi die USA!, so ihre Idee. Funken sprühen über, glaubt sie. Die NSA und der BND haben sich eingehackt, aber auch ein Mann aus der Unterhaltungsindustrie und eine Nazistin, eine braune Mutti mit Cyber-Ausbildung. Eine Plattform wird schnell von ihr, der Deutschen, die die Meinungsfreiheit liebt, gefunden und die Datenübertragung inklusive Sykpen kann beginnen:„Hello! Hello! Hello! Hallo! Aber hallo, hört mich denn niemand in den USA? Hello! Hello? Hallöchen! Hello! Hello USA! Hello?“

„Fuck-Quak, Fuck-Quak, Fuck-Quak!“

„No! Fuck. Donald Duck, bist du es? Die Comic-Figur? Echt? No? Yes? No. Yeah. Egal. Wow. Danke für den Gag.“

„Fuck-Quak, Fuck-Quak, Fuck-Quak!“

„Manno!, wie man hier umgangssprachlich in Deutschland sagt, mir fehlt eine coole Simultanübersetzerin. What are you doing?“

„Fuck-Quak, Fuck-Quak, Fuck-Quak!“

„Ok. Ich kann dich nicht richtig verstehen. Kannst du deutsch? Oder sogar Mundart? Pfälzisch? Berlinisch? Welcher Donald bist du?“

„Fuck-Quack, Fuck-Quak, Fuck-Quak!“

„Äm. Ja. Yeah. No. Sorry. Entschuldigung. So kommen wir nicht weiter. Ich hab‘ mich so schön auf den einen Typ eingeschossen. Er liebt Drohungen, Waffen, anscheinend Waterboarding und alternative Fakten. (5 Sekunden Funkstille in Deutschland, aber auch in den USA.)

Ok! Gib mir bitte gleich Antwort, wer du bist. Ich erkläre dir in der Zwischzeit mal meine Situation und dies in meiner Muttersprache. Hoffe, dass du mich verstehen kannst, wer auch immer du bist. Ich spreche ganz deutlich: Mit Donald, dem breitschultrigen Mann mit pälzischen, ähm deutschen, pfälzischen Wurzeln, hm, mit ihm wollte ich heute nicht unbedingt sprechen, skypen. Ich habe keine Kamera zum Skypen am Computer installiert. Deshalb kann ich ihn eher ignorieren, denn ich bin ehrlich zu dir, wer auch immer du sein magst. Irgendwie strahlt er eine egoistische Aura aus, aber wenn mir niemand antwortet, würde ich auch mit ihm notgedrungen… Ähm, also gut. Ich würde mit ihm skypen, kommunizieren, denn dann höre ich nur seine Stimme, fühle mich aber nicht wirklich von ihm bedroht, sehe ihn dann nicht gestikulieren. Tja… Hello?“

„Fuck-Quak, Fuck, Fuck, Fuck and Fuck-Quak“

„Ähm, Kack, sorry, ähm, yes, also ja, ähm, yeah, wenn du mir nur so antworten willst und zu nichts anderem momentan in der Lage bist wie Fuck-Quak, dann muss ich es wohl oder übel akzeptieren. Ich wollte mich eigentlich nur ein bisschen im Internet informieren, wie so die Stimmung bei euch nach fast zwei Wochen in Amerika ist. Man sieht es ja, ähm, yeah nur in den Medien, in den Nachrichten, in the news. Jeden Tag gibt es Trump-Meldungen. Ich würde ihm sogar meine Meinung sagen, was ich von seinen Führungsstil halte, würde er jetzt mit mir skypen. Hm, das Wort Führungsstil erinnert mich spontan an den Geschichtsunterricht, an Deutschland, die Zeit von 1933 – 1945. Ich würde ihn vermutlich fragen, warum er alternative Fakten liebt. Hello? Hallo, hallöchen!“

„Bye“

„Wie bei? Bei Bannon? Bei Tillerson? - Oh Shit, Kack. Meine Fremdsprachenkenntnisse, yeah, mein us-amerikanisch ist so schlecht wie Donalds Meinung über Europa. Kannst du mich verstehen? Wie bitte? Was hast du gesagt? Ähm. Hello! Hello? How’s that again?“

„Bye!“

„Ach Bye! Das war aber ein kurzes Internetvergnügen mit dir. Danke. Thanks. Toll. Fazit: Fuck-Quak and bye. Und Tschüss! Ok. Gute Reise! Bye! Wer auch immer du gerade warst, sein wirst, wie auch immer… (Ein Moment der Stille.)

Hm, war er es oder war er es nicht? Wahrscheinlich nicht. Ich spreche es laut aus, die hören eh alle zu. Seine Stimme klingt raubeiniger, ungehobelter, unkultivierter. Gepflegte Sätze sind vermutlich nicht sein Ding. Dazu passt allerdings der kurze prägnante Ausruf Fuck-Quak, Fuck-Quak, Fuck-Quak wie die Faust aufs Auge unter der Föhnwelle, aber wurde er nicht für die Worte America first, America first, America first bekannt? Ich meine den großen Donald mit dem selbstverliebten Blick. Den großen, weißen, unbeherrschten, frauenfeindlichen, rassistisch wirkenden Mann mit schlechten Manieren, der Amerika zu einem diktatorischen Abschreckungsland basteln will. Den meine ich, genau jenen, der seine Steuererklärung nicht öffentlich machen will. Meint er eigentlich America first von 1940 und 1941, wenn er von America first spricht?“

(Ein deutliches Räuspern ist zu hören.)

„Pardon me?“

„Hab‘ ich da gerade etwa leise „Pardon me?“ gehört …

… Hello? Hello? Helloooooooooooooooooooooooooooooooooo …

(Stille für 10 Sekunden.)

Dachte ich mir schon, dass mir eventuell ein gut bezahlter Troll oder nur ein Donald Duck-Double aus dem Pentagon antwortet. Donald Trumps tägliche Inszenierungen, diese ekelhaft wirkende „Symbol-Politik“ nimmt auch viel zu viel Zeit in Anspruch, um mit mir persönlich zu skypen. Ein Dekret nach dem anderen medial in Szene zu setzen, lässt nur Zeit für kurze Telefonate zu, die man dann ohne ein Wort des Abschieds beenden kann. Höflich zu sein kostet ihn zu viel Zeit, Time. Ob ich ihm von meiner Höflichkeit ein bisschen schenken soll, die grenzenlos ist? Und ihm ganz nebenbei eine E-Mail schreibe, um ihn dann total nett darüber zu informieren, warum ich mir unsicher bin/war, ob er nun mit mir heute im Internet kommunizierte? No. Nein. Nö. Mach‘ ich nicht. Er hat weder Laptop noch PC, da erübrigt sich der E-Mail-Verkehr. Twittern kann er – naja. Würde er besser lassen. (Überall Atempause!)

Donald, der Mann mit den narzisstischen Zügen in der Kernkompetenz, kann es eben nicht gewesen sein, das muss ich mir ehrlicherweise zugestehen. Er mag außerdem keine Frauen, die ihm widersprechen. Dann werde ich ihm auf jeden Fall nicht schreiben, dass sich sogar die Kakerlaken in den USA seit seinem Amtsantritt nicht mehr„ safety first“ fühlen, so habe ich aus gut vernetzten Kribbel-Krabbel-Quellen erfahren. Inzwischen husten es sogar die an sonst entspannt wirkenden amerikanischen Großschaben in die weite Welt, dass Amerika flächendeckend mit alternativen Fakten verseucht werden soll. Da muss es eine undichte Stelle irgendwo im Weißen Haus geben. Eine Schabe muss Kontakt zu einer Wanze haben. Gut so. Jetzt ist es weltweit raus, was intern schief geht.

Sorry, excuse me, Entschuldigung, aber ich muss nun doch noch etwas loswerden, bevor ich den Computer abmelde, was mir auf der deutschen Seele lastet: Das „Trumpsche-Imperiums-Gedöns“ geht auf Kosten aller anderen auf der Welt und macht dadurch Amerika nicht unbedingt besser, ganz im Gegenteil. Deshalb sollte man die Bevölkerung ohne alternative Fakten aufklären. Wer jetzt in Amerika aus Höflichkeit und für seine Karriereaussichten schweigt, wird früher oder später sowieso mundtot gemacht, das war schon immer so, wenn Nationalisten an die Macht kommen. Wer auch immer mich nun gehört hat: Bye, bye, Tschüss!“

Computerabsturz.

© CoLyrik, Februar 2017


https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/hello

 


CoLyrik-Satire

Trumps Glocken

„Welcome to the USA. Enjoy your stay with us!“ Diese einladenden Worte sind wohlwollend gemeint, denkt man sofort. Gelten diese Worte auch ab heute noch, dem 20. Januar 2017, einem historischen Tag, der ab jetzt die Zukunft der Weltgeschichte beeinflussen wird und dies vielleicht nicht nur verbal, sondern mit sichtbar negativen Folgen für die gesamte Menschheit? Diese langatmige Frage stellt sich Frau Deutsch aus Germany, nicht etwa eine Mexikanerin oder Amerikanerin. Seit bekannt ist, wer Amerika ab heute steuern, lenken, ohne wenn und aber führen wird, hat Frau Deutsch kaum noch geschlafen. Dicke Augenringe zieren inzwischen ihr ansonsten sympathisch wirkendes Friede-Freude-Eierkuchen-Gesicht. Eigentlich geht es ihr gut. Sie hat einen guten Job, keine Geldnöte, ist weltoffen für alles, liebt es fremde Menschen und Kulturen kennenzulernen. Trump würde sie auch näher kennenlernen. Er ist so anders, als alle anderen. Er scheint ein exzentrischer Egomane mit genügend Kleingeld zu sein, der auch gerne mit frauenfeindlichen Sprüchen auf den Lippen überrascht.

Mit Mr. Trump beschäftigt sie sich nun seit unzähligen Stunden ununterbrochen, hat seine Biografie bis ins kleinste Detail ergooglet, verfolgt jeden Twitter-Auswurf, jeden politisch relevanten Pups von ihm. Jede Bewegung verfolgt sie heimlich, dank ihrer guten Kontakte zum CIA. Bond Girl wollte sie immer werden oder Agentin mit Herz und ein bisschen Sexypeal, aber das ist ein ganz anderes Thema. Trump macht sie wahrlich fertig, denn sie hat viele Zitate von ihm gelesen. Ihn aber auch im Fernsehen gesehen und sprechen gehört. Sie kommt mit seinen Worten nicht klar. Sie wirken auf sie rassistisch, hetzerisch, frauenfeindlich, diskriminierend, derb undundundundundundundundundund absolut nicht diplomatisch. Stellenweise erinnern sie jene Aussagen an Vergangenes, an Zeiten, als noch der Homo neanderthalensis aktiv war.

Da ist es ihr auch völlig egal, ob dieser Mann immens reich ist. Das macht die ganze amerikanische Angelegenheit nur noch schlimmer für sie. Albträume quälten sie in den vergangenen Wochen und hören nicht auf. Immer und wieder aufs Neue träumt Frau Deutsch Schreckliches. Die Träume kommen mit geballter Faust, die jedes Mal wie ein Schlag in die Magengrube wirken. Ihr wird dann während dieser speziellen Träume speiübel und sie könnte sich deswegen theoretisch sofort übergeben, aber erwacht dann schweißgebadet. Ein und dasselbe Szenario reißt sie gemeinerweise regelmäßig am Ende aus den gruseligen Träumen. In 3-D-Format, ziemlich plastisch und detailgetreu sieht sie mit ihrem geistigen Auge, was sie in Wirklichkeit nicht erleben möchte. Sie fasst dann dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in den Schritt und grabscht beherzt, gigantisch fest zu. Dann läuten jedes Mal die Glocken der Basilica oft the National Shrine of the Immaculate Conception in Washington, aber dann ist noch lange nicht Schluss. Es gibt kein Happy End mit Kuss. Danach folgt ein lautes Glockengebimmel in ganz Washington, denn alle anderen Kirchenglocken setzen ein und das ganze Glockengeläut dauert fünf Minuten lang. Doch wäre das schon alles gewesen, der kann sich nicht vorstellen, welche Albträume möglich sind. In der ganzen Welt bimmeln die Glocken von Kirchen und dies unabhängig der Religionszughörigkeit. Trump jault zwar wie ein räudiger Hund, aber das obsolete Gejaule geht im Geläute quasi völlig unter. Gott sei Dank! Es ist so, als hätte der liebe Gott Anteil daran und doch sind diese Träume dermaßen fies, dass sie leidet. 10 Minuten lang weltweites Glockengeläut zu hören -  kann an die Substanz gehen. Dann ist jedes Mal die Nacht vorüber und Frau Deutsch ist fertig mit der Welt. Sie zittert am ganzen Körper. Nacht für Nacht geht das jetzt so. Sie überlegte bereits, ob es Sinn macht, wenn sie ab heute die kommenden vier Jahre lang tagtäglich irgendwelche Mittelchen aus der Pharmaindustrie vor dem Einschlafen einwerfen soll. Außerdem zusätzlich noch im Schlafzimmer Hanf anzubauen, um ihn zu konsumieren oder anstatt Tafelwasser nur noch Whisky zu trinken. Doch kann man sich tatsächlich z.B. vier Jahre lang Mr. Präsident Trump schön trinken? Eine elementare Frage, die das ganze Leben verändern kann, sollte man exzessiv Whisky für Whisky, Glas für Glas, Flasche für Flasche, Fass für Fass leertrinken. Und was passiert, wenn aus vier Jahren acht Jahre Amtszeit werden? Eigentlich will man darüber überhaupt nicht nachdenken. Frau Deutsch will bei Tafelwasser bleiben und an Demos teilnehmen, so ihr Plan für die kommenden Monate und Jahre. Hoffentlich hören die Albträume auf, aber andere gemeine Träume werden kommen, so vermutet sie, denn es gibt zu viele Hetzer und Rassisten, die mit ihren Ansichten die Welt negativ beeinflussen. Das schöne Gefühl der Zuversicht, der Wunsch nach Toleranz und ein friedliches Leben bleiben, denn es gibt auch zwischendurch prima Tagträume.

„Herzlich willkommen! Genießen Sie Ihren Aufenthalt bei uns!“, so will Frau Deutsch den mächtigsten Mann der Welt begrüßen, sollte er ihr eines Tages tatsächlich begegnen und zwischen die spitzen Finger geraten…

© Corina Wagner, 20. Januar 2017, CoLyrik-Satire

https://www.youtube.com/watch?v=IdcKLuRjIX0

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/trumps-glocken


Neujahrsansprache

CoLyrik - Seitenhiebe

To-do-Listen für das neue Jahr können hilfreich sein, müssen aber nicht...

Neujahrsansprache für wen auch immer

Mal ehrlich, auch wenn bei vielen zum Jahreswechsel das ein oder andere Glas mit alkoholfreiem Sekt nicht auf dem Plan stand, wäre es wohlmöglich sinnvoller gewesen auf Alkohol ganz zu verzichten und sofort mit der Agenda, der eigenhändig erstellten To-do-Liste zu beginnen. Ok. Ich kann nachvollziehen, dass man, wenn man nicht mehr ganz nüchtern ist, diverse Augenblicke, Szenen, Bilder eher ausblendet, die es im Alltag gibt. Man verdrängt vieles. Es gibt auch Menschen, die nie Alkohol trinken und Unvorstellbares völlig nüchtern vollbringen, das vielleicht mit Alkohol glücklicherweise friedlicher verlaufen wäre. Es kommt auf den Charakter jedes einzelnen an. Es gibt dermaßen viele Faktoren, die einen Menschen zu dem machen, was er ist und doch lässt viele diese Unruhe nicht los. Sie müssen es tun, ob es etwas bringt oder nicht. Sie nehmen sich zu Silvester vor ihr Lebenskonzept, aber auch das von anderen, komplett umzukrempeln. Vornehmen bedeutet nicht unbedingt Umsetzen und deshalb bleibt es auch oftmals bei Plänen, die niemals realisiert werden. „Gott-sei-Dank!“, denken da einige vermutlich spontan, die sich z.B. nicht vorstellen können, dass man im Winter bei plus 9 Grad Außentemperatur lange Unterhosen anzieht, nur weil es Familienmitglieder auf der Agenda stehen haben. Müllvermeidung und Feinstaubreduzierung – heutzutage oft auf der To-do-Liste fürs Neujahr. Spätestens am ersten Januar müssten sich eigentlich alle Hobbypyrotechniker eingestehen, dass sie die Umwelt mit ihrem persönlichen Feuerwerk zu Silvester erheblich belastet haben. Doch wo hört man auf und wo fängt man mit diesen „guten“ Vorsätzen an, die das eigene Befinden, aber auch das von anderen Menschen verbessern, sogar erträglicher machen sollen, könnten, würden, wie auch immer…

Manche scheitern schon daran, sich überhaupt zu entscheiden, welcher Punkt auf der To-do-Liste Priorität hat und wie viele Punkte überhaupt Sinn machen, dann diese auch wirklich im Laufe des neuen Jahres abzuarbeiten, ob nun alleine oder in Gesellschaft Gleichgesinnter. Das Leben ist nun mal kein trendiges, vegetarisches Mettbrötchen zum anfingern und liegenlassen oder wegwerfen, auch keine andere optische Täuschung wie Lamakacke oder Schafsköttel aus wiederverwertbaren Materialien wie z.B. Schokolade. Da kann man sich ruhig schon eingestehen, dass Fakes, die mir „weißgottwas“ vorgaukeln nicht wirklich auf Dauer glücklicher machen. Sie lenken nur kurz vom Alltag ab, wenn wir mit dem Finger auf andere zeigen, die es anders machen als wir, ob dies nun besser oder schlechter ist, muss man abwägen, ob jene damit die Welt retten oder sie zerstören. Im Kleinen sollten wir anfangen. Bitte jetzt an dieser Stelle nur nicht in der Nase bohren und im Eigenversuch erforschen, ob sich Negatives darin befindet. Im Inneren. Im eigenen Kopf. Dann lieber Fachleute auf die Liste setzen, die sich damit auskennen. Jeder kann rein theoretisch betrachtet alles Mögliche auf seine Liste setzen, um die Welt erträglicher zu machen. Jeder kann alles abhaken und auch nichts, wenn er alles, aber auch rein nichts, überhaupt nichts gemacht hat oder machen wird. Von Vorteil ist es, wenn man Haken auf der individuell verfassten Agenda setzen kann, die positive Änderungen bringen. Den fiesen Nachbarn zum Beispiel für das Allgemeinwohl in der Nachbarschaft zu entsorgen, ihn quasi im Dunkeln beim Zigarettenholen um die Ecke zu bringen oder ihn aus reinem Versehen, aber mit Bestimmtheit und Hinterlistigkeit die Kellertreppe herunterfallen zu lassen, wenn er die Kehrwoche im Putzfimmel-Wahn macht. Das Wort: Genickbruch kann also auch auf der individuell verfassten To-do-Liste stehen, muss aber nicht. Bei einigen steht natürlich überhaupt nichts auf der Agenda, weil sie genau wissen, dass sie mit dem Schreiben nicht mehr fertig werden oder dass das Ganze nur schriftliches Blabla ist. Wenn das Blabla kein Blabla wäre, dann würden sich einige anstrengen, um alles umzusetzen, aber andere aus Prinzip nicht. Es ist öfters komplizierter wie gedacht oder einfacher wie erhofft, ob nun im Privatem, Öffentlich-Rechtlichen oder in der Politik. Oftmals scheitert es wahrlich an Banalem, wie das Überwinden von Macken, Kanten und Eckpfeilern des eigenen Egos. Selbstverständlich können wir im Laufe dieses Jahres nicht alles abarbeiten, kommt wohl darauf an, wie lange so eine To-do-Liste tatsächlich wurde. Es gibt Menschen, die schreiben wichtige Dinge auf, aber das war es dann auch schon. Nichts passiert oder es geschehen plötzlich Abläufe, die dadurch sogar zu sogenannten Kettenreaktionen führen, die man dem ein oder anderen wahrlich nicht zugetraut hätte, als er sie zuvor auf seine persönliche Liste setzte. Einige, auch viele und sehr viele Menschen sind eigentlich immer eine Herausforderung für wen auch immer und dies unabhängig davon, ob sie nun zum Jahreswechsel eine persönliche Liste verfassten, die das Leben anderer beeinflussen könnte, so auch To-do-Listen von Terroristen, die als wichtigsten Punkt: „Vernichtung von Unschuldigen egal wie auch immer“ vermutlich stehen haben, vielleicht auch nicht. Ich kenne keine To-do-Listen von Terroristen, du? Egal oder auch nicht. Denken ist reine Glückssache, sagt man doch im Volksmund.

Es wäre schon schön, wenn auf jeder Liste stehen würde, dass man anderen Menschen keinen Schaden zufügt, aber dies ist und bleibt Wunschdenken von vielen, aber nicht von allen…

Allen mit und ohne To-do-Liste ein gutes Gelingen, Durchkommen durch das Jahr 2017-mal mit mehr oder weniger Erfolg.

Beste Grüße

Ein Mensch

 

©Corina Wagner, Januar 2017

 

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/neujahrsansprache-fuer-wen-auch-immer


Das Haus am Wegesrand

CoLyrik-Kurzgeschichte

Jetzt ist wieder Kurzgeschichten-Zeit. Nimm dir/nehmen Sie sich eine Auszeit vom Alltag und lies/lesen Sie! Warum? Darum. Erweitere deinen/erweitern Sie ihren Horizont...

 

Das Haus am Wegesrand

Erst wenn ein Mensch stirbt, erkennt man oftmals, dass diese Person außergewöhnlich war. “ Dieser prägnante Satz des Bestatters Nothelfer schwirrte wie ein kleines hyperaktives Totenkopfäffchen durch Mariannes Kopf und sie starrte währenddessen bewegungslos nach draußen.

Eine dreiviertel Stunde zuvor schob sie den schweren Ohrensessel von Oma Helga genau vor die geöffnete Terrassentür. Den langen, schweren Vorhang raffte sie vorher zur Seite, so dass sie in den Garten sehen konnte. Die japanische Schirmtanne war inzwischen zu einem stattlichen Baum herangewachsen. Wow. Das letzte Mal als sie zu Besuch war, schenkte ihr Takumi das kleine Bäumchen zum Geburtstag. Sie verstand es bis heute nicht, warum man die große Fensterfront im Wohnzimmer mit blickdichten Gardinen ausstaffierte. Das Haus lag direkt am Ende des Orts, am Wegesrand zum Wald hin. 2500 qm Grund säumten sich um das Haus. Der üppig bepflanzte Vorgarten versperrte die Sicht auf die Fenster. Inzwischen war die Lebensbaum-Hecke in die Jahre gekommen und dementsprechend hoch, da sie nicht zurückgeschnitten wurde. Keine Nachbarn, aber auch keine Fremden konnten neugierige Blicke Richtung Haus werfen. Keine Chance. Wer etwas sehen wollte, musste klingeln und hoffen, dass er durch das hohe Hoftor den Weg ins Innere fand. War diese erste Hürde genommen, erblickte man eine tonnenschwere Skulptur im Vorgarten, die einen großen Schatten ins Esszimmer warf. Die Skulptur gehörte dem Vorbesitzer des Hauses, der sie einst nach seinen eigenen Entwürfen anfertigen ließ. Oma Helga liebte die Skulptur abgöttisch und sagte immer, dass sie etwas ganz Besonderes sei. Dieses beeindruckende Kunstwerk hätte wie sie, aber auch das Jugendstilhaus, den Zweiten Weltkrieg fast ohne Blessuren überlebt. Ein ca. 3,50 Meter hoher Orang-Utan aus verwitterter Bronze wachte vor dem Haus und sein Kopf reichte bis zu ihrem Schlafzimmerfenster. Über jenes monströse, alte Kunstwerk konnte man wahrlich debattieren, aber eher über die grässlichen Vorhänge. Alle Fenster im Haus sahen so aus. Grässlich hässlich. Gardinen, die den Blick ins Innere, aber auch nach außen verwehrten. Lauter viel zu große, erdrückende Blumenmotive gab es vor den Fenstern, die Enkelin Marianne nun in eine niederschmetternde Stimmung versetzten. Es war schon schlimm genug, dass ihre Großmutter auf dramatische Weise starb, aber ihr Einrichtungsgeschmack zu Lebzeiten war für manche noch schlimmer, so empfand sie weinend in ihrer Trauer. Den Raumausstatter, der damals das ganze Haus mit Gardinen bestückte, hätte man in die Insolvenz treiben sollen. Dies dachte Marianne spontan ziemlich giftig gestimmt. Warum ließ er den Kundenwunsch von Oma Helga zu? Oder hatte er diese Vorhänge alleine vorgeschlagen? Egal. Schaden konnte er keinen mehr anrichten. Man hatte ihn kürzlich erst totgefahren. Es war ein 40-Tonner. Ein Gefahrguttransporter, dessen Fahrer nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte, als er den Raumausstatter sah, erzählte ihre Oma aufgeregt. „Vielleicht hatte der LKW-Fahrer bei ihm auch Gardinen gekauft“, hatte Marianne noch zu ihrer Großmutter gesagt und lachte am anderen Ende der Leitung. Jetzt weinte sie deswegen, weil sie vor einigen Tagen so pietätlos sprach.

Marianne wischte sich die Tränen mit ihrem Ärmel des Pullovers aus dem Gesicht. Eine Gardine mit Blumenmotiv hätte Marianne auf Dauer in einem Zimmer ertragen können, aber in allen sechzehn Zimmern im Unter-und Obergeschoss? Sogar vor den acht Kellerfenstern hingen geblümte Vorhänge: vier Kellerfenster mit Gladiolen-, zwei mit Vergissmeinnicht- und zwei mit Distelmotiven.

Nur gut, dass sie nicht die ganze Zeit im Haus wohnen musste. Zu den blumigen Vorhängen passte ihrer Meinung nach auch überhaupt nicht die Skulptur im Vorgarten. Ihre Großmutter argumentierte zu Lebezeiten damit, dass man sowieso nicht nach drinnen schauen könnte. Mit ihrer Großmutter hatte sie deswegen eine heftige Auseinandersetzung, die sie nun ein wenig bereute. Erneut liefen ihr die Tränen über das Gesicht. Sie durfte überhaupt nicht ans Esszimmer denken, da wurde sie total sentimental. Im Esszimmer hingen Gardinen mit Enzianblüten. Keine kleinen Enzianblüten, große, viel zu große abgedruckte Blüten durchfluteten mit intensiv leuchtenden Blautönen den Raum. Dunkle Möbel im Kolonialstil wirkten dazu wie das Ableben in einer Gruft. Die Wände wirkten in moosgrün gestrichener Farbe wie die Aufforderung zum Gehen. Hier wurde bis zu Oma Helgas Tod jeden Tag gespeist. Furchtbar, dachte sie. Das Bügelzimmer mit der Klatschmohngardine gefiel Marianne noch am besten, da musste sie sogar grinsen. Sie hütete seit vielen Jahren ein Geheimnis. In diesem Zimmer hatte sie das erste Mal mit Takumi heimlich gekifft und nicht nur das. Oma Helga war damals zu einem Vortrag über das Anlegen von Seerosenteichen außer Haus. Ihre Mutter arbeitete. Keiner wusste von dieser Affäre. Takumi entjungferte sie damals währenddessen sie beide mit Hilfe des Joints eine kleine Auszeit vom Alltag nahmen. Sie war einige Tage zuvor vierzehn Jahre alt geworden. Er war zu diesem Zeitpunkt fast dreißig und viel zu jung für ihre Mutter. Es war irgendwie seltsam, beängstigend und zugleich wunderschön im Rausch, als er sie nahm. Bislang verdrängte Marianne diesen Tag. Jetzt weinte sie plötzlich hemmungslos. Sie machte ihm keine Vorwürfe, dass er sie während des Kiffens ziemlich intensiv verführte. Sie war damals in seine Schlitzaugen verknallt und wollte unbedingt wie ihre Mutter einen Joint rauchen und wie sie mit ihm Sex haben. Takumi war inzwischen längst tot. Flugzeugabsturz. Schrecklich. Alles kam jetzt wieder von einer Minute auf die andere in ihr hoch. Sie schluchzte. Ab diesem Tag veränderte sich das Leben ihrer Mutter ziemlich abrupt. Marianne versuchte sich abzulenken, saß aber immer noch im Ohrensessel und sah kurz an die Stuckdecke. Dann schloss sie für wenige Minuten die Augen, sammelte sich, weinte nicht mehr und versuchte sich zu erinnern, wie es im Raum, im Wohnzimmer aussah. Die Wohnzimmermöbel wirkten abgenutzt, aber dass durften sie auch. Es waren Antiquitäten aus der Gründerzeit. Die Wohnzimmergardine mit überdimensionalen pinkfarbenen und roten Hyazinthen hasste Marianne extrem. Überall Hyazinthen auf sieben Metern Fensterfläche und dies bodenlang bei einer Raumhöhe von 3,50 m. Hatte ihre Großmutter den einen oder anderen Spleen? Bestimmt, so musste sie sich eingestehen. Jetzt starrte sie wieder in Richtung Garten. Wollte Oma Helga nicht beobachtet werden? Hatte sie Angst? Vor wem? Heinrich war längst tot. Takumi auch und Adolf sowieso. Eine Alarmanlage gab es auch, aber auch eine Sprechanlage. Nicht jede Person wurde aufs Gelände gelassen. Oma Helga hatte einen Hochsicherheitstrakt geschaffen. Alle Fenster und Türen hatten Schlösser. Wenn man ein Fenster öffnen wollte, so musste man zuvor den passenden Schlüssel ins Schloss stecken, um dann die Verriegelung zu öffnen. Erst dann konnte man das Fenster öffnen und lüften. Ihre Großmutter hatte den neuesten sicherheitstechnischen Schnickschnack ins Haus einbauen lassen. Alles vom Feinsten. Marianne fühlte sich nicht wohl, irgendwie eingesperrt. Es roch ein wenig streng in diesem großen Jugendstilhaus. Das war nicht immer so. Marianne erinnerte sich daran, dass es früher viel frischer roch, sauber und clean. Die Stuckdecken im Haus hatte sie auch in besserer Erinnerung. Es roch zumindest im Wohnzimmer wenigstens nicht nach Hyazinthen, denn das hätte sie Oma Helga zugetraut. Dass sie Hyazinthenduft passend zu den Gardinen versprüht. Dieser strenge Geruch, den sie im Wohnzimmer wahrnahm, setzte ihr ein bisschen zu. Jetzt konnte man Katzenpippi, einen Hauch „Shalimar“ von Guerlain und Lavendelduftsäckchen riechen. Es roch im Wohnzimmer wenigstens nicht nach Hyazinthen. Ob es ein Vorteil war? Ja! Für Marianne definitiv. Bei Hyazinthenduft wäre sie in Ohnmacht gefallen. Oma Helga hatte bis vor kurzem einen Kater und zwei Katzen. Sherlock Holmes, Mata Hari und Miss Marple. Letztere Katze war inkontinent, aber Oma war es auch. Sie trug Einlagen für Blasenschwäche, bis zum Schluss. Manchmal vergas sie, dass sie die Einlagen wechseln muss. Das Alter- ist so. Marianne durfte nicht darüber nachdenken, da wurde es ihr ganz blümerant.

Außerdem fing sie dann wieder zu weinen an. Seit gestern waren die drei Haustiere wegen ihr im Tierheim. Oma Helga war seit vorgestern tot. Sie starb in der Badewanne. Fast splitterfasernackt und kopfüber lag sie drinnen, unter Wasser. Sie trug nur noch Stützstrümpfe, sonst nichts mehr. Kein schöner Anblick, so fand sie ihre Mutter. Rein zufällig, weil sie ausnahmsweise wieder nüchtern war und überraschend zu Besuch kam. Sie hatte Haustürschlüssel samt Sicherheitscode für die Anlage. Mariannes Mutter war krank, alkoholkrank und verbrachte ihren Alltag in verschiedenen Wahrnehmungsstufen. Manchmal schaffte sie es, dass sie einige Stunden nüchtern war. Jetzt nicht. Sie schlief gerade ihren Rausch im Gästezimmer aus. Marianne hätte auch im betrunkenen Zustand kein Auge im Gästezimmer zugemacht. Es war das Chrysanthemen-Zimmer. Überall gelbe Chrysanthemen. Auf den Gardinen sah man als Motiv riesengroße Chrysanthemen, aber auch als Bettüberwurf und als Kissen auf dem Zweisitzer-Sofa. Sogar ein Bild mit gelben Chrysanthemen als Blumenstrauß gebunden, hing über dem Bett. Fürchterlich. Für Marianne war das Gästezimmer das sogenannte Friedhofszimmer. Sie schlief lieber im Bügelzimmer, als in diesem Raum. Bestatter Nothelfer meinte noch, dass es schöner gewesen wäre, wenn Oma Helga in diesem hübschen Zimmer gestorben sei. Das sagte auch der sympathische Polizist zu ihr. Mit dem Marianne zu gern mal ein Bier trinken würde, um mit ihm in Ruhe über ihre Mutter zu sprechen. Auf dem Gartentisch standen 21 leere Weinflaschen. Auf den Steinfliesen lagen mindestens nochmals 10 Flaschen. Ihre Mutter hatte angeblich unter Schock den Weinkeller geplündert. Jetzt saß Marianne bereits einen kleine Ewigkeit wie angewurzelt in diesem versifften, mit Katzenhaaren übersäten Ohrensessel und starrte wie gelähmt nach draußen auf den Gartentisch. Sie durfte über vieles nicht nachdenken, das hatte sie vor geraumer Zeit für sich ganz alleine beschlossen. Im Laufe der vergangenen Jahre reifte Marianne zur Verdrängungskünstlerin heran. Alles was irgendwie unangenehm oder sogar peinlich war, verdrängte sie. Spätestens an dem Tag, als Oma Helga ihr Herz bei ihrer Enkelin ausschütte und ihr erzählte, was sie damals Grausames als Kind und als junge Erwachsene erlebte. Da griff sie anschließend das erste Mal zur Flasche, obwohl sie nie so enden wollte wie ihre Mutter. Sie schoss sich für mehrere Stunden mit einer halben Flasche Wodka weg. Oma Helga hoffte insgeheim, dass ihre Enkelin dafür sorgt, dass es nicht in Vergessenheit gerät. Neulich las Marianne im Internet, dass Deutschland 1945 durch das Nazi-Reich in einem riesigen Meer aus Blut und Tränen versank. Tränen und Blut, dies spürte wohl auch ihre Oma Helga, als sie mit acht Jahren im Januar 45 das erste Mal vergewaltigt wurde. Jahrzehntelang schwieg sie, schämte sie sich doch für ihren Onkel Heinrich, der überzeugter Nazi, Gestapo-Mann war und gegen Kriegsende untertauchte. Als am 8. Mai die Waffen endlich überall schwiegen, heulte sie, weil ihre Mutter ihr an jenem Tag eine brutale Backpfeife gab. Später wusste Helga als erwachsene Frau, dass damals bis Kriegsende mehr als 60 Millionen Menschen tot waren. Menschen, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, in Bombennächten verbrannten, an der Front fielen, an Hunger starben oder bei der Flucht durch Kälte und Gewalt ums Leben kamen. Als Helgas Mutter, Mariannes Urgroßmutter, an jenem Maitag erzählte, dass der Krieg nun endlich aus sei und ihnen nichts passieren würde, da Papa schon im Himmel sei, da weinte sie als Achtjährige hemmungslos. Onkel Heinrich, der Bruder ihres Vaters, war ein sehr böser Mann und ihre Mutter vergötterte ihn. So erzählte sie, dass Onkel Heinrich für sie vorgesorgt habe. Er würde jetzt ein Weilchen untertauchen, aber wenn sich die Lage wieder beruhigt habe, dann würde er sich um sie alle kümmern und dabei streichelte sie ihren Bauch. Sie war schwanger und bekam ein Kind von diesem Scheusal. Da machte sich ihre Tochter Helga vor Schreck in die Hose. Urin lief an ihren Beinen hinunter. Da musste sie noch mehr weinen und ihre Mutter schlug ihr mit voller Wucht mitten ins Gesicht. Der 8. Mai 1945 prägte sich ganz stark in Oma Helgas Gedächtnis ein. Sie hatte große Angst vor Heinrich, dem Bruder ihres gefallenen Vaters, aber auch vor ihrer eigenen Mutter. Sie war Heinrich hörig. Sie traute sich nicht, ihrer Mutter zu sagen, dass Heinrich sie in den Keller gelockt hatte, um ihr den hübschen Teddybären zu zeigen, den er angeblich vom Führer für sie geschenkt bekam. Als sie im Keller waren, hörte sie niemand, als er ihr den Teddybären in den Arm drückte, um sie dann anschließend brutal zu missbrauchen. Sie hatte unendlich große Schmerzen, blutete im Genitalbereich, als er sie weinend mit dem Teddybären im dunklen Keller zurückließ. „ Weine nicht Kleines. Mutti hilft dir sowieso nicht. “, sagte er noch und lachte anschließend schallend, bevor er die Treppen nach oben ging.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Marianne schrie sich die Seele aus dem Leib. Sie hatte noch nie in ihrem Leben so hysterisch und extrem laut geschrien. Ihre eigene Mutter war Heinrichs Tochter, denn der Schlächter tauchte 1948 wieder auf, als ehrbarer Bürger mit falscher Identität. Er missbrauchte Oma Helga bis zu ihrem 21. Lebensjahr. Zwei Kinder trieb Helga mit Hilfe ihrer Mutter während dieses Martyriums selber ab. Dann wurde sie mit ihrer Mutter schwanger und flüchtete. Auf der Flucht lernte sie den Vorbesitzer dieses Hauses kennen, der sich rührend um Oma Helga kümmerte…

© Corina Wagner, November 2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/das-haus-am-wegesrand

http://zeitverdichtet.de/?p=25391


Offener Brief an die AfD

CoLyrik-Satire

Journalistin Deutsch vom DAzA schreibt einen offenen Brief an die AfD...

Guten Tag,

mein Name ist Blondie Deutsch und ich arbeite als Journalistin für das Tag-und Nachtblatt DAzA (Deutscher Alternativabdruck zum Anfassen). Ursprünglich wollte ich mich für Ihren Parteitag in Kehl akkreditieren, um dann exklusiv patriotisch darüber zu berichten. Ihre Angst, dass die Medien nicht neutral berichten, kann ich nicht nachvollziehen. Ich hätte meinen Artikel völlig unverfälscht verfasst und über O-Töne der Partei-Mitglieder berichtet. Auf die genaue Wortwiedergabe kommt es doch an, wenn man seinen Job als Journalistin richtig macht, nicht wahr? Ich hätte dadurch als neutrales Sprachrohr gedient, wenn diverse AfD-Mitglieder auf dem Parteitag nationalverbal agieren und somit bei der Nominierung eines für sie geeigneten Kandidaten für die Bundestagswahl 2017 beitragen. Mit dem Ausschluss der Presse erwecken Sie nun den Eindruck, dass Sie Böses im Schilde führen.

Wo bleibt ihr Demokratie-Verständnis? Ich kann keins erkennen, wenn sie wegen einer befürchteten Blamage die Presse im Herbstregen stehen lassen, um parteiintern im Trockenen zu bleiben. Radikale und rechtslastige Menschen haben ein Recht auf Meinungsäußerung, auch wenn sie z.B. Mitglied der AfD sind. Die Hintergrundfakten, die den AfD-Vorstand dazu bewegten, so zu handeln, lösen langfristig keine internen Probleme, die eine schlechte Außenwirkung erzielen, wenn Sie verstehen, was ich damit andeuten will. Sie schaffen mit dem negativen Verhalten den Medien gegenüber nur Unruhe, Spekulationen und Märchen. Hinter verschlossenen Parteitagtüren werden Sie wohl doch keinen selbst kreierten Werwolf im niedlichen Schafspelz wählen wollen, der das Erbe eines „Wehrmachthansels“ mit sich herumträgt oder? Wer weiß, was jetzt die Boulevardpresse abdruckt? Und die seriösen Blätter? Abgesehen von meinem eigenen Artikel im DAzA. Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits folgende Schlagzeile: „‘Wehrmachtshansel‘ der AfD auf dem Vormarsch

Mit Rechtsradikalen muss man umgehen lernen, ihnen gut zuhören, mit ihnen reden, warum sie so sind wie sie sind, aber noch wichtiger ist es ein Umdenken zu erreichen, damit sie das Land nicht in den Ruin treiben und anderen Schaden zufügen, der tödlich enden kann.

Mit freundlichem Gruß

Blondie Deutsch

DAzA, Berlin

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/offener-brief-an-die-afd


Epidemien und Pandemien

CoLyrik-Gefährliches

Kurzgeschichten können zum Nachdenken anregen, müssen aber nicht...

Epidemien und Pandemien

„Was hatten wir nicht schon alles auf der Welt? Epidemien und Pandemien, so z.B. die Attische Seuche, die Antoninische Pest, Cyprianische Pest, Justinianischen Pest, das italienische Fieber, den schwarzen Tod, sogar Englischer Schweiß, die Syphilis, das Hämorrhagische Fieber, auch Picardsche Schweißfieber, Fleckfieber, Pocken, Cholera, Poliomyelitis, Typhus, Diphterie, die Asiatische Grippe, dann die Hongkong-Grippe, Milzbrand, HIV, EHEC, die SARS-Pandemie, aber auch Schweinegrippe, die Zikavirusgrippe, die Legionelose, das Chikungunyafieber und Ebolafieber. Im Laufe der Weltgeschichte überlebten immer wieder aufs Neue mehr oder weniger Menschen und pflanzten sich fort.“ Jennifer sitzt vor ihrem Pamphlet, das noch lange nicht fertig ist. Sie reibt sich die Augen. Ihr Kopf wird immer schwerer und sie hat Mühe die Augen offen zu halten. Sie fühlt sich schlapp, wird immer müder. Der Beginn einer schweren Depression kündigt sich an, vermutet sie. Jennifer soll in den kommenden Tagen eine Präsentation über Epidemien und Pandemien vor 250 Kommilitonen halten, aber ihr Körper gibt langsam den Geist auf. Seit sie die Wahl in Amerika verfolgt hat, ist sie tieftraurig, irritiert, verwirrt, aber auch wütend. Ein viel zu großer Teil der amerikanischen Bevölkerung hat einen Populisten, diesen „Hassprediger“ und Rassisten zum mächtigsten Mann von Amerika gewählt. Unglaublich, aber wahr. Die bittere Realität bringt sie an ihre Grenzen. Jetzt geht es ihr richtig schlecht, wie damals bei der Appendizitis während ihres Schüleraustauschs in Jacksonville, Florida. So miserabel hat sie sich gefühlt, als sie einen Blindarmdurchbruch erlebte und ihr ganzer Bauchraum voll Eiter lief. Sie entkam damals knapp dem Tod.

Seit der Bekanntgabe des Wahlergebnisses ist ihr speiübel. Ihr Magen krampft sofort, wenn sie nur an den Wahlausgang denkt. Ihr ist zum Erbrechen zumute. Eigentlich ist sie in einem Alter, da dürfte sich noch nicht an Reflux-Symtomen leiden. Saurer Magensaft schießt urplötzlich und ohne Vorwarnung durch ihre Speisröhre nach oben. Ein brennender Schmerz hält sie vom angestrebten Sekundenschlaf zurück. Druck spürt sie auf der Brust. Nun ist sie zumindest für eine kurze Zeit wieder hellwach. Sie verzieht unterdessen ein extrem angewidertes Gesicht. Genau so, wie Mittwoch in der Früh, als sie das Wahlergebnis im Fernsehen live sah. „Bäh. Wie widerlich ist das denn?“, flüstert sie leise und ist sichtlich über die Reaktion ihres Körpers geschockt. Sie will nun tapfer, ruhig bleiben und unter keinen Umständen in Panik verfallen. Außerdem ist sie furchtbar müde vom Aufklären. In den vergangenen Wochen war sie das erste Mal in ihrem Leben politisch aktiv und intensiv verliebt. Doch sie konnte außerhalb Amerikas keinen Einfluss auf das politische Treiben nehmen, aber auch nicht auf ihre Internetliebe Mike aus dem Bundesstaat Indiana, der sie unglaublich viel Nerven kostete. Sie hätte zu gern eine Tinktur aus speziellen Wildkräutern hergestellt, um die Menschen über dem Teich auf andere Gedanken zu bringen, so auch Mike. Für ihn hatte sie sowieso schon einen leckeren, aphrodisierend wirkenden Tee mit Sexualduftstoffen kreiert, der nun innerhalb Deutschlands zum Einsatz kommen würde. Kommilitone Kai, ein Langweiler mit hübschem Body, würde sie ihren Tee beim nächsten Lerntreff unterjubeln. Sie gab sich wirklich Mühe, um anderen zu helfen, wenn es hakte, klemmte.

Mit Hilfe einer von ihr natürlich hergestellten Schluckimpfung hätte sie vor der großen anstehenden Pandemie Schutz bieten können von der sie zuvor träumte. Dieser Alptraum machte ihr seit dem extrem zu schaffen. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie Nächte für die Forschung geopfert, um einen Impfstoff zu entwickeln, der ohne chemisch hergestellte Substanzen wirkt. Jennifer studiert Medizin, aber all das Wissen ihrer weiblichen Ahnen, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, will sie für gute Zwecke nutzen. Jennifer stammt aus einer Kräuterhexen-Dynastie und ihre Wurzeln könnte man in Erde von verrotteten Scheiterhaufen des Mittelalters finden. Seit diesem Alptraum spürt sie eine schreckliche, weltweite Bedrohung. Sie hat telepathische Fähigkeiten und kann in die Zukunft blicken. Diese außergewöhnliche Begabung treibt sie in eine schwere Depression. Sie hat vor ihrem geistigen Auge gesehen, dass das Trumpsche Kotzbrocken-Fieber ausbrechen wird, wenn man nicht rechtzeitig agiert. Die Pandemie könnte viele Opfer kosten. Deshalb geht es ihr nun in diesem Moment körperlich absolut schlecht, so dass sie nun lieber für eine Weile die Augen schließt, um an Schöneres zu denken: Sie sieht eine friedliche Welt, denn alle Menschen sind gleich, egal welcher Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Religionszugehörigkeit. Mit dem Einschlafen wird nichts. Kai steht vor der Tür. Jennifer ahnt noch nicht, dass er aus einer bemerkenswerten Henker-Dynastie stammt…

©Corina Wagner, 11.11.2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/epidemien-und-pandemien


Heiligs Blechle

„Heiligs Blechle! Scheiß Bagage!“, fluchte Lisa-Marie leise, als ihr zuvor das eiserne Hakenkreuz auf die linke Fußspitze fiel. Ein massives Erinnerungsstück von Uropa Hermann purzelte vom walnussbraunen Jugendstilschrank direkt nach unten. Sie hatte großes Glück, denn sie wurde nicht an der Schläfe getroffen, wie damals ihr Cousin, als sie beide auf dem Dachboden Krieg und Frieden spielten. Von da an hatte er einen kleinen Dachschaden. Jetzt, Jahrzehnte später, hätte sie nicht gedacht, dass ihr das hässliche Ding auf den Fuß fällt. Deshalb jaulte sie nun für einen kleinen Moment extrem tierisch laut auf. So, als sei sie ein Wolf mit Tollwut im Endstadium, wenn er ein letztes Mal den Mond anhimmelt, um dann zu sterben. Schaum hatte sie im Mund, denn sie hatte wenige Minuten vor dem rechtsradikalen Anschlag noch alte Päckchen mit Ahoi-Brause auf dem Dachboden bei Tante Babette gefunden. Wäre sie doch nur zu Hause geblieben, dachte sie. Das prickelnde Brausepulver aus den Siebzigern hatte sie hemmungslos auf ihre Zunge gestreut, als hätte sie keine Angst vor negativen Nebenwirkungen. Da wusste sie noch nichts vom Fable ihres Cousins Thomas für das Dritte Reich. Mit Thomas hielt sie sich damals oft auf dem Dachboden auf, wenn sie als Kind zu Besuch war. Da konnte man herrlich in alte Zeiten abtauchen. Es war ein großes Mehrgenerationenhaus und Oma Irmgard warf nichts weg. Dass dort Möbel um 1900 standen, Spielzeug von anno dazumal, Kisten randvoll mit Antiquaren Büchern, es uralte Fotos und Dokumente zu entdecken gab, in vergilbtes Zeitungspapier eingepackte Ölgemälde herumstanden oder auch eine Sitzbadewanne in der schon ihre Uroma saß, war ihr bestens bekannt. Doch dass es nun einen Schrank voll mit Krimskram aus dem Dritten Reich gab, war ihr neu, aber auch der sonderbare Geruch. Früher roch es nach Geräuchertem, Staub und Mottenkugeln. Jetzt duftete es penetrant süßlich, aber auch nach zu viel Weihrauch und so, als hätte man frisch geräuchert.

Zwischen alter Tischwäsche entdeckte sie als Kind das Buch „Mein Kampf“, aber als Achtjährige wusste sie noch nicht wer Autor Adolf Hitler war. Heute schon. Das Buch stand nun neben anderen alten Büchern in einem Regal, als hätte es schon immer da gestanden. Für jeden sichtbar, wenn man auf den Dachboden kam. Nur wer kam hier hin? Sie kam aus reiner Neugierde nach oben unters Dach, denn sie wollte sich an ihre Kindertage erinnern. Staub aus vergangenen Zeiten einatmen und noch einmal am Original Inhalierstift aus den Sechzigern schnüffeln, der bislang auch nicht den Weg in den Hausmüll fand wie das Berta-Nachtlicht, das immer noch auf dem kleinen weißen, eingestaubten Teller stand, als wolle man es wie einst anzünden. Bis zu 8 Stunden konnte es brennen und war heutzutage vielleicht für manche Sammler eine kleine Rarität, da dieses Nachtlicht noch nicht abgebrannt war. In den vergangenen Jahren zog es Lisa-Marie nicht mehr in dieses Haus, lag wohl an den Geisteswissenschaften, dem Studium in Hamburg und dem Umgang mit anderen Menschen. Der fromme Wunsch ihrer Mutter war es, der sie quasi zur Fahrt zwang. Ihre Mutter hatte keinen Führerschein mehr. Zuviel Promille. Es war für sie ein reiner Pflichtbesuch zu Allerheiligen, um bei den Verwandten einen guten Eindruck zu hinterlassen. Tante Babette und ihre Mutter saßen unten im Wohnzimmer und tranken sich mit selbstgemachten Quittenschnaps das Leben der Verwandten schön, denn sie kramten in alten Fotoalben. Lautes Gelächter dröhnte bis nach oben, lag wohl an dem einen oder anderen Gläschen Selbstgebranntem. Am Nachmittag standen beide Arm in Arm noch super fromm wirkend auf dem Friedhof am Grab ihrer Eltern. Oma Irmgard war eine Woche zuvor erst beerdigt worden und war zu Lebzeiten ein Biest. Ein überfrommes Biest, immer mit dem Rosenkranz unterwegs, der entweder in der Kittelschürze oder in einer ihrer Röcke steckte. Sie trug tatsächlich zu Hause wie andere Generationen vor ihr Kittelschürzen, aber allerdings mit besonders grässlichen Mustern. Sie trug nur Röcke mit eingenähtem Täschchen für den Rosenkranz. Das Rosenkranzbeten half vermutlich gegen ihr schlechtes Gewissen, dem antisemitischen Geschwätz, das es in diesem Haus seit Generationen gab. Oma Irmgard beschäftigte sich grundsätzlich in der Öffentlichkeit mit ihrem Rosenkranz, um als fromme Christin nach außen zu wirken. Im Grunde ihres Herzens war sie bitterböse und übertriebener Fremdenhass zerfraß zum Schluss ihre Seele. Sie starb an gebrochenem Herzen, als sie erfuhr, dass ihre Enkelin Clara von einem schwarzen, muslimischen Medizinstudenten schwanger wurde. Früher ahnte sie nicht, das ihre Großmutter durch und durch rechtsradikal geprägt war und dementsprechend immer negativ gegen Ausländer agierte. Sie vergiftete die Katze des Nachbarn, nur weil seine Nase angeblich jüdisch aussah und einen Migrationshintergrund hatte. Oma Irmgard schloss sich sogar dem Geheimbund der frommen 88er an. Wenn ihre eigene Mutter und ihre Tante Babette nun tatsächlich wüssten wie sie seit Jahren ihr Leben in Hamburg gestaltete, dann hätte man sie enterbt und verleugnet. Denn sie war sich nicht sicher, ob beide Schwestern inzwischen auch dem Geheimbund angehörten. Vielleicht wählten sie auch neuerdings anstatt der NPD die AfD, weil sich dort auch rechtsradikale Volldeppen engagierten. Lisa-Marie hatte mit den politischen Ansichten ihrer Verwandtschaft massive Probleme und vermied deswegen interne Debatten über Politik. Sie wohnte seit Jahren in einer WG mit drei Kerlen, die links aktiv unterwegs waren. Elischa, David und Simon verwöhnten sie nicht nur mit Häppchen an langweiligen Abenden, sondern zeigten ihr die Welt mit ihren Augen. Die drei Intellektuellen waren für sie wie ein Sechser im Lotto. Sex mit ihnen zu haben, war die schönste Nebensache der Welt, musste aber nicht unbedingt regelmäßig sein, fiel ihr dazu spontan ein und bückte sich derweil nach unten, um das Hakenkreuz mit spitzen Fingern aufzuheben. „Sollte sie es ihren Kerlen als Mitbringsel mitnehmen?“, schwirrte es ihr durch den Kopf. Keine gute Idee. Man sollte schlafende Hunde bekanntlich nicht wecken. Und doch konnte sie nicht widerstehen. Heimlich schlich sie nach unten zur Garderobe und griff nach ihrer Tasche. Beide Frauen lachten immer noch und vermissten sie anscheinend keineswegs. Deshalb ging sie wieder nach oben auf dem Dachboden, um noch weitere Schränke zu öffnen. Vielleicht konnte sie noch einen kleinen Schatz bergen und in ihre große Handtasche packen. Sollte sie mit ihrem Handy noch einige Beweisfotos machen? Sie griff nach dem Handy und stellte mit schmollendem Gesicht fest, dass der Akku leer war. „Mist!“, flüsterte sie und ging dann zu einem der noch verbliebenen, ungeöffneten Schränke. Hätte sie besser nicht getan, denn da traf sie beinahe der Schlag. Ihr Herz raste wie irre. Eine innere Unruhe überfiel sie, als sie den alten Kleiderschrank von Uropa Hermann öffnen wollte. Früher war der Schrank immer verschlossen und der Schlüssel fehlte stets, wenn sie sich mit Thomas dort oben aufhielt. Nun steckte der Schlüssel im Schloss. Sie wurde nervös, ganz hippelig. Ihr Gesicht glühte, als hätte sie Fieber. Sie wollte endlich nach so vielen Jahren wissen, was in diesem Schrank war.

Sie überlegte nicht lange, atmete einmal tief durch und öffnete ihn dann. Mit dem Schlimmsten hatte sie sowieso in jenem Moment gerechnet. Die Schnappatmung blieb aus und sie atmete relativ ruhig ein und aus. Dort hingen etliche Uniformen, Wehrmachtsuniformen. Dabei dachte sie sofort an Simon, denn etliche seiner Vorfahren starben in KZs. Ihr wurde speiübel, lag vielleicht am Dritten Päckchen Brausepulver, dass sie zur Ablenkung in den Mund nahm. Es schmeckte widerlich und nicht mehr nach Himbeere, eher wie Rattengift, so vermutete sie. Bekam sie nun einen Schwäche- oder Tobsuchtsanfall? Hatte sich ihr Cousin hier oben eine fiese, böse Parallelwelt aufgebaut? Sie hatte Thomas schon eine kleine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Inzwischen war er Reichsbürger, diese Info hatte sie von ihrer Mutter. Thomas war von Beruf Polizist. Sie hatte bislang nicht den Mut, nachzuhaken, ob man so einen Polizisten vom Dienst suspendieren kann. Außerdem wollte sie mit der Polizei nichts zu tun haben. Sie wurde wütend, hatte Brausepulver-Schaum vorm Mund und schrie ganz laut: „Du rechtsradikales  Schwein!“. Dabei sprenkelte sie aufgeschäumten Speichel, der in winzig kleinen Tröpfchen vor ihr zu Boden fiel und währenddessen wie ein schlechtes Omen wirkte. Unten hörte man daraufhin hysterisches Gekreische, das sie allerdings nicht vor dem nächsten Schritt abhielt. Bis ihre betrunkene Mutter und ihre Tante Babette die Treppen nach oben schafften, hätte sie alle drei Schränke geöffnet. Sie machte weiter, obwohl sie am ganzen Körper bereits zitterte. Lisa-Marie wollte unbedingt wissen, was in den anderen alten Schränken aufbewahrt wurde.

Sie öffnete die Tür des nächsten Schranks und fiel binnen weniger Sekunden in Ohnmacht. Ein beißender Geruch raubte ihr spontan alle Sinne. Eine mumifizierte Leiche saß im Schrank, sah im Gesicht und an den Händen wie geräucherter Schinken aus, trug eine Wehrmachtsuniform, glich irgendwie ihrem Cousin Thomas und grinste sie dreist an…

©Corina Wagner, November 2016

http://zeitverdichtet.de/?p=25059


Abgespeichertes aus dem Kopf einer Person

Seitenhiebe Aus der Reihe: Gewaltfrei und ein bisschen vulgär

Gedanken von wem auch immer: hier, jetzt, frei und ungekürzt veröffentlicht!

Lesen Sie! Lies es! Oder lass‘ es sein. Achtung: Keine Werbung!

Hallo!

Wer bin ich? Komische Frage, aber legal. Ich möchte mich nicht mit Namen vorstellen.

Wer bist du? Keine Ahnung und vielleicht ist es besser, wenn ich es nicht weiß. Ich bin mit mir selbst zu sehr beschäftigt, um nun zu recherchieren, was du machst. Ja du! Inzwischen könnte man vermuten, dass ich chronisch müde bin, aber immerhin bin ich nicht amtsmüde. Du etwa? Dann solltest du den Job wechseln. Diese Müdigkeit überfällt mich wie aus dem Nichts, dann muss ich eine kleine Pause einlegen. Wie jetzt. Dann lege ich mich wie im Büro üblich zum Powernapping kurz auf den Boden. Da findet man im Normalfall Tatsachen. Dreck von anderen. Deshalb bevorzuge ich eine Matte, um mich vor Ekel zu schützen. Ein kurzes Schläfchen wirkt wahre Wunder. Noch bin ich wach. Gleich schließe ich aber die Augen, aber zuvor muss ich mich von diversem Ballast befreien. Einige Gedanken müssen ins Freie, damit ich besser ruhen kann.

Ich bin müde. Sehr müde, aber nicht lebensmüde. Nur müde vom Zusehen und Zuhören. Das stimmt. Lügen liegt mir nicht. Zuhören kann total anstrengend sein, denn man kann sich nicht immer durch Absorber und geräuschdämpfenden Maßnahmen wie Ohrstöpsel vor sprachlichen Entgleisungen schützen. Deshalb muss ich mich nun kurz ausruhen, weil ich wieder viel zu viel Stuss hören musste, so dass ich völlig erschöpft bin. Normalerweise findet Powernapping am Mittag statt, aber was ist heutzutage schon normal, würde jetzt vermutlich eine nationalgeprägte Person sagen, die das alternative deutsche Wort Kraftnickerchen dafür verwenden würde. Ich bin wahrlich nicht deutschlandmüde. Nur todmüde, wenn ich z.B. mit Schlagwörtern konfrontiert werde, die auf Genickbruch hindeuten. Ich verdrehe dann immer die Augen. Danach könnte ich kurz wegnicken und von einer besseren Welt, ohne intoleranten Menschen, träumen. Dann weckt mich aber meistens mein bester Freund: mein Verstand wieder auf. Der Alltag ist manchmal grauenhaft, dank Begegnungen mit Leuten, die trotz Abitur nicht in der Lage sind ihre Intelligenz sinnvoll einzusetzen, aber so ist das, wenn man noch nicht dement ist und alles mitbekommt, welchen extremen Stuss andere erzählen, wenn der Tag lang ist. Manche Leute haben überhaupt keine Ahnung welche Funktion solch eine intensive Freundschaft hat. Einen Verstand als Freund zu haben, kann absolut von Vorteil sein. Mit einem Verstand kann nicht jeder glänzen, so wie ich. Oh ja. Wir sind quasi eine Symbiose. Wir haben einen guten Draht zu einander, sind ziemlich gut vernetzt, wenn man nun in diesem Moment versteht, was ich ausdrücken möchte. Ein bestandenes Abitur schützt vor der eigenen Dummheit nicht und über diese Tatsache denken die wenigsten nach. Es gibt so viele Menschen ohne Abitur, die viel intelligenter sind, als jene, die meinen, sie wären etwas Besseres der Gesellschaft. Dabei benötigt jeder echte Freunde auf die man sich verlassen kann und zwar in jeder Situation. In jeder noch so aussichtslosten Lage muss es einen Freund oder eine Freundin geben, der man Vertrauen und Hilfe erwarten kann. Ansonsten… Ich will es lieber nicht niederschreiben. Manche verlieren dann eventuell ihre Contenance.

Auf ihn kann ich mich immer verlassen, natürlich auf meinen besten Freund namens Verstand, auch wenn das nicht alle glauben wollen.

Ich bin immer nett zu meinen Mitmenschen, auch wenn sie ein falsches Weltbild vertreten. Grundsätzlich. Das zerrt am eigenen Charakter und an der Langlebigkeit meiner guten Nerven. Nervlich bin ich noch lange nicht am Ende. Nur ein wenig müde von Begegnungen mit fremdgesteuerten Menschen, deren Sprachzentrum manipulierte Sätze ausspuckt. Diese Plapperei bringt meinen engsten Freund, meinen geschätzten Verstand zum Gähnen, da er sich dann immer immens langweilt. Doch die Emotion, eine alte Bekannte aus der Pubertät langweilt sich selten, ist aber inzwischen schwerhörig und bekommt nicht mehr alles mit. Darüber kann man sich freuen oder auch nicht und bleibt reine Ansichtssache. Das Denkvermögen ist nicht jeder Manns bzw. Frau Sache. Ding. Die geistige Klarheit, die Erkenntnis anderen auf die Nerven zu gehen, kann nicht jeder verstehen. Nur gut, dass ich persönlich viel aushalten kann. Egal, wer mir begegnet – Gelassenheit, ja totale Coolnis rettet mir nicht nur das Popöchen, sondern gibt mir das Gefühl klüger zu sein. Der Klügere gibt ja bekanntlich nach, auch wenn es ihm schwerfällt. Ich bin aus Prinzip tatsächlich nett und mehr oder weniger immer höflich. Zu höflich, wenn man bei meinem besten Freund nachfragen würde. Er sitzt tief verankert in meinem Gehirn und kommuniziert mit mir dermaßen unspektakulär clever, so dass man mir äußerlich nichts anmerkt. Ich kann ziemlich doof auf Blöde wirken. Zu SchließmuskeldenkerInnen bin ich besonders höflich. Man weiß nie, was da aus denen an brauner Masse herausschießt, wenn man denen nicht ins Konzept passt. Meine beste Freundin, die liebe Vernunft sitzt in meinem Stirnlappen stets in Lauerstellung und warnt mich immer vor gefährlichen „Arschlöchern“. Derb, aber wahr. Obwohl ich stets die Faust in der Tasche habe und gerne mal diversen Leute in die „Fresse“ schlagen würde, bin ich stets friedlich. Äußerlich lasse ich mir nichts anmerken, verstecke die Faust in meiner Mantel- oder Jackentasche. Über Sommer laufe ich immer mit verschränkten Armen, damit man meine geballte Faust nicht auf den ersten Blick sieht mit der ich zu gern dem einen oder der anderen einen Haken verpassen würde. Ich meine keinen Kleiderhaken und kein Hakenkreuz, sondern einen gezielten Haken, wenn der Arm ohne Vorwarnung aus der Deckung kommt. Aber, aber ich bin gut erzogen.

Ich bin immer viel zu nett, ertrage völlig gelassen jede polemische Formulierung, doch in meinem Innersten brodelt es wie in einem Vulkan, der irgendwann ausbrechen könnte. Ob ich dann mildernde Umstände bekomme? Wenn ich so einem Menschen mit hetzerischem Vokabular mal so richtig die vorlaute Klappe poliere? Mit Gewalt löst man keine Probleme und deshalb bin ich konsequent nett zu meinem Mitmenschen. Zu nett. Noch.

Beste Grüße

Anonym


 

©Corina Wagner, Oktober 2016

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Kims Engel

„Wow!“, flüsterte Kim und starrte währenddessen gegen die Schlafzimmerdecke. Dort betrachtete sie einen kleinen nackten Engel aus cremefarbenem Stoff, dessen Gesicht so genäht war, dass er sie pausbäckig angrinste. Seine Flügel waren mit goldenem Garn eingefasst. Er baumelte an einer 15 cm langen bernsteinfarbenen Glasperlenkette, die an einem verzierten Messinghaken hing. In jenem Moment hatte sie den Eindruck, als hätte jener Engel, der inzwischen eine kleine Ewigkeit dort hing mit ihr kommuniziert. Sie hatte ihn vor Jahren auf einem Flohmarkt entdeckt. Da saß er auf einem ramponierten Regal aus der Gründerzeit und frohlockte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Kim konnte nicht widerstehen und kaufte ihn für 2 Euro. Die Worte des achtzigjährigen Verkäufers brannten sich in ihr Gedächtnis ein, denn bei der Verabschiedung sagte er zu ihr: „Der Engel war eine gute Wahl. Sie werden mit ihm noch ein kleines Wunder erleben, das verspreche ich Ihnen!“. Kim lachte damals und verschwand anschließend im Gemenge der Flohmarktbesucher. Zuhause angekommen wusch sie ihn behutsam in einem Bad aus Desinfektionsmittel und Handwaschmittel mit Rosenduftextrakten, so dass der modrige Kellergeruch gepaart mit widerlichem Mottenkugelduft verflog. Danach suchte sie einen passenden Platz in ihrem Schlafzimmer, denn der knuffige Engel sollte fortan an ihrem Bett wachen. Spontan kam sie an jenem Tag auf die Idee den neuen Schutzengel über ihrem Bett zu positionieren. Ihre Sexualpartner wechselten im Laufe der Zeit, aber der Engel blieb über die Jahre hinweg stets treu über ihrem Bett hängen. Ihr letzte Männerbekanntschaft Tim hatte anfangs massive Probleme mit dem Engel. Angeblich konnte er nicht, wenn er den grinsenden Engel sah. Tim, ein nicht praktikzierender Katholik, fühlte sich beobachtet, wenn es im Bett zur Sache ging. Da er aber unbedingt mit Kim schlafen wollte und sowieso dabei die Hosen herunterließ, drapierte er deshalb jedes Mal zunächst seine Boxershorts über dem Engel. Nur so kam es dann für beide zu den zu erwarteten Höhepunkten, die die Nachbarn wohl störten, da nicht nur das Messingbett quietschte, sondern auch die alten Bohlendielen im Rhythmus knarrten. Abgesehen von Kims Lustschreien, die nach allem Möglichen klangen, aber nicht nach Elfengesang, so behauptete jedenfalls Tim. Dazu gesellte sich das ätzende Geräusch von Ara Berta, deren Käfig auch im Schlafzimmer stand, die dann Kim imitierte. Kims Haustier störte Tim witzigerweise im Schlafzimmer nicht. Vielleicht lag es daran, dass ab 22 Uhr eine Decke über dem Käfig hing und sich Tim nicht beobachtet fühlte. Zumal er immer erst weit nach Mitternacht in Kims Bett landete. Es war immer tierisch laut und schien immer unerträglich für die feinfühligen Ohren der Nachbarn zu sein, die vermutlich nie ohne Besenstiel ins Bett gingen, um damit gegen Kims und Tims Rhythmus anzuschlagen, aber auch gegen Bertas Geräuschkulisse. Vermutlich lag es nur daran, dass sich ihre Sexspiele in die Länge zogen und das Ganze nicht nach fünf Minuten zu Ende war wie bei den langweiligen Nachbarn unten drunter. Vielleicht war auch ein bisschen Neid dabei, wenn der Besenstiel gegen die Decke hämmerte, aber sie hatten keinen Papagei im Schlafzimmer, sondern Rauhaardackel Luzifer, der angeblich am Fußende von Frauchen Lisa schlief. Luzifer jaulte stets, wenn Nachbar Rudi mit voller Wucht den Besen als Waffe benutzte.  Luzifers Gejaule klang bei weitem nicht so grässlich wie Bertas Versuch zu Stöhnen. Das Wort: geil beherrschte Papagei Berta perfekt und dies dann in einem schrillen hohen Ton, der selbst Kim manchmal während des Beischlafs stresste. Seit einem Monat war nun der Besenstiel nicht mehr im Einsatz. Luzifer und Berta schliefen wie Lämmchen. Tim kam nicht mehr zum Verkehr und an dieser Tatsache war Kim nicht ganz unbeteiligt. Sie hatte ihrer Badminton-Partnerin von seiner Ausdauer bis ins kleinste Detail vorgeschwärmt. Hätte sie besser gelassen, denn sie war jünger, schlanker und für ihr eigenes Ego clever, wenn es darum ging einen Mann für ihre Zwecke zu missbrauchen. Gitte, das Biest, hatte ihn zu einem Trost-Drink eingeladen, als es Kim hundeelend ging. Genau an dem Tag, als sie frühmorgens in der überfüllten Straßenbahn stand, um ins Büro zu fahren, schmiedete Gitte bereits ihren Plan, um Tim zu verführen. Eine ältere Frau im Nachthemd überquerte gedankenversunken mit ihrem Rollator die Straße. Der Straßenbahnfahrer bremste dermaßen abrupt ab, so dass Kim nach vorne fiel. Sie landete zwar trotz alledem weich und dies auf dem Körper eines Herrn im gediegenen Sommeranzug. Für ihre Nase roch er in jenem Augenblick des Aufpralls himmlisch nach einem Designer-Duftwasser und sie war wie von Sinnen. Im Nachhinein kein schlechter Sturz, denn der Mann wirkte durchtrainiert und sah überraschenderweise ziemlich attraktiv aus, als sie die Augen nach wenigen Sekunden wieder öffnete. Aber es knackste in Kims Rücken während der ruckartigen Bewegung nach vorne, als sie auf ihm landete, so dass sie sich zunächst noch nichts Schlimmes dabei dachte. Vermutlich stand sie unter Schock, denn ihr Rock war hochgerutscht und die Hand des Herrn griff wohlmöglich reflexartig zu, als sie auf ihn purzelte. Mit der einen Hand fasste er an die Innenseite ihres Oberschenkels, berührte sie dadurch mit den Fingerspitzen bereits im Schritt und mit der anderen Hand hatte er seinen Aktenkoffer fest im Griff, als wären dort Goldbarren hinterlegt. Ein Mädchen weinte fürchterlich. Es blutete am Kopf und eine Frau leistete sofort Erste Hilfe. Der Herr ließ währenddessen sofort seine Hand von Kims Oberschenkel los und entschuldigte sich bei ihr für seinen missglückten Rettungsversuch. Sie sah ihn ein bisschen verstört an und entschuldigte sich auch, da sie während des Bremsmanövers auf ihn stürzte. Sie hätte auch auf den jungen Mann fallen können, dessen aufgedunsenes Gesicht aus lauter Pickeln und mehreren Piercings bestand. Er roch extrem nach Bierfahne, kaltem Zigarettenrauch, aber auch nach altem Frittierfett und war wohl auf dem Heimweg einer durchzechten Nacht. Der Mann auf den sie nun gestürzt war, hatte sich bestimmt einige gemeine Prellungen zugezogen. Er ließ sich nichts anmerken. Erst schwiegen sie sich an, dann kamen sie ins Gespräch. Er wirkte sehr sympathisch, obwohl er sie unsittlich berührt hatte. Man musste auf die Polizei warten. Kim tauschte sogar mit dem Herrn im feinen Zwirn die Telefonnummern aus, was sie im Normalfall nie und nimmer spontan getan hätte. Man musste gemeinsam ausharren, warten, bis die Polizei die Personalien von Zeugen in der Straßenbahn aufnahm. Johannes Kasper hieß der Herr, war vermutlich Hobbyseelsorger und Steuerberater von Beruf. Er wohnte sogar in ihrer Nähe, stellte sie fest, als sie sich unterhielten, um die Zeit zu überbrücken, bis sie von einer Polizistin befragt wurden. Er, aber auch Kim hatten die Frau gesehen, als sie einfach über die Straße lief, ohne auf den Verkehr zu achten.

An jenem Mittag hatte sich Kim mit Tim und Gitti zum Mittagessen verabredet. Gitti war unglaublich neugierig wie Tim wohl in Natura aussieht und Kim wollte ein bisschen mit ihm angeben. Im Laufe des Vormittags bekam Kim immer stärkere Schmerzen. Ihre linke Hüfte, aber auch ihr Bein schmerzten gleichzeitig immens, so dass sie ihre Pumps im Büro ausziehen musste, da sie mit den Schuhen nicht mehr laufen konnte, als sie aufstand, um sich einen Kaffee zu holen. Sie atmete tief ein und aus, aber einige Entspannungsübungen, die sie normalerweise zur Ruhe kommen ließen, halfen nichts. Sie känzelte daraufhin alle ihre Termine und suchte sich im Internet die Nummer der Unfallambulanz heraus. Danach rief sie Tom an. Sie gab ihm die Telefonnummer von Gitti und sagte ihm, dass er sie bitte kontaktieren solle. Beide sollten wie geplant sich zum Mittagessen in Paolos Restaurant treffen und das vorbestellte Meeresfrüchte-Risotto essen. Er müsse sich nicht sorgen. Weder Tim noch Gitti sollten sie ins Krankenhaus begleiten, da war sie eisern. Sie meldete sich anschließend im Personalbüro krank, rief sich ein Taxi. Danach nahm das ganze Elend seinen Lauf. Sie wartete ewig in der Notaufnahme. Der Unfallarzt in der Ambulanz überwies sie nach dem Röntgen in die Orthopädie und da arbeitete Klaus, ein Exfreund aus Teenagerzeiten. Er legte Hand an und griff ohne Hemmungen zu. Anschließend jagte er ihr eine Spritze in die Hüfte und verschrieb ihr starke Medikamente gegen die Schmerzen. Klaus drohte mit einem Kontrollbesuch bei ihr zu Hause. Er legte ihr ans Herz sich wahrlich zu schonen. Sobald sie ein Taubheitsgefühl oder Lähmungserscheinungen im Bein feststellen würde, sollte sie sich unverzüglich bei ihm auf Station melden. Gitti nutzte derzeit die neue Situation schamlos aus und Tim ließ sich von ihr ausgiebig trösten. Einen Tag später gestand er ihr, als er Kim zu Hause besuchte, dass beide bereits am frühen Abend wie Bonobo-Äffchen übereinander herfielen. Es wäre Liebe auf den ersten Blick gewesen. Kim sah sowieso bereits kreidebleich aus. Nach diesem Geständnis hatte sie das Gefühl sterben zu müssen, aber ließ ihn dies nicht bewusst spüren und bat ihn zu gehen. Sie wünschte ihm viel Glück mit seiner neuen Liebe. Sie verschwieg ihm, dass sie seit Stunden Lähmungserscheinungen im Bein hatte. Aus Mitleid sollte er nicht bleiben. Durch die ruckartige Bewegung in der Straßenbahn bekam sie eine starke Blockierung, die auch letztendlich die Lähmungserscheinungen im Bein verursachten. Jetzt war es soweit. Die Lähmungserscheinungen jagten ihr ein bisschen Angst ein, aber sie wollte sich von dieser neuen Angst, die sie bislang nicht kannte, nicht beherrschen lassen und starrte lieber gegen ihre Schlafzimmerdecke, um sich vom grinsenden Engel ablenken zu lassen. Da sah sie ein trauriges Gesicht. Der Engel hatte sein Grinsen verloren. Sie schloss die Augen, öffnete sie wieder und glaubte, dass die Schmerzen im Kreuzdarmbereich zu solchen Wahrnehmungen fähig sind. Sie griff mit der Hand nach einer Medikamentenschachtel, die auf ihrem Nachtisch stand. Sie wollte zur Ablenkung ein Opiat einnehmen, das Klaus ihr heimlich zusteckte, bevor sie das Behandlungszimmer verließ. Für den Notfall in der Nacht, wenn die Schmerzen unerträglich sind, so meinte er. Die Tablette fiel zu Boden und Kim bückte sich ziemlich ungelenk nach unten, um die Tablette aufzuheben. Dabei krachte es wieder in ihrem Rücken. Plötzlich war sie beinahe schmerzfrei. Die Lähmungserscheinungen im Bein ließen nach. Die Angst vor einer Operation verschwand.

Von da ab wusste sie, dass der Engel überirdische Fähigkeiten besaß, denn als sie wieder nach oben zur Decke starrte, grinste er sie wie eh und je an, als sei nichts gewesen.

 

© Corina Wagner, September 2016

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Mahlzeit! Yemek!

Über Kurzgeschichten kann man schmunzeln, muss man aber nicht...

Irgendwo da draußen sitzt eine Frau in ihrer Mittagspause vor dem Laptop und schreibt in einem Forum im Internet.

Mahlzeit! Yemek !

Hi, mein Name ist eigentlich uninteressant, bin eine deutschstämmige Frau im besten Alter, also jenseits der Dreißig und spezielle Freunde aus der kommunalen Politik nennen mich „Plaudertäschle“ oder auch „hübscher Widerhaken“, bin eine der vielen Ehrenamtlichen, die nicht schweigen, wenn es zur Sache geht. Einen „Friede, Freude, Eierkuchen-Verein“ wollte ich vor einiger Zeit gründen, aber da bin ich an der hiesigen Zivilgesellschaft gescheitert. Die wollten keine friedlichen Eierspeisen mit Migrationshintergrund in die Statuten aufnehmen. Heute weiß ich, dass das u.a. AfD- Sympathisanten waren. Das Wort Menemen war u.a. tabu. Wenn man wie bisher weitermacht, wird das in den kommenden Jahren nichts mit der wahrhaftigen Integration der türkischen Einwohner, Nachbarn, so finde ich, wenn man kein türkisches Rührei akzeptieren will. Die Basis dafür ist nun mal Ei. Auf das ein oder andere aufgeschlagene Ei wird man sich meiner Ansicht nach einigen können, auch über die Verarbeitung und den Verzehr.

Ich mag die türkische Küche, aber auch die Menschen, die türkische Wurzeln haben. Vielleicht liegt es daran, dass sie keinen Alkohol trinken, wenn sie Muslime sind. Ich kenne viele freundliche, hilfsbereite und absolut friedliche Muslime. Deshalb gehe ich regelmäßig in einen türkischen Supermarkt einkaufen. Da gibt es z.B. prima Oliven, leckeren Schafskäse, eine riesige Auswahl an Gewürzen und pfundweiße Blattpetersilie, aber auch einen Augenschmaus an der Fleischtheke. Metzger Yusuf ist ein wahres Schnuckelchen. Wenn er arbeitet, dann bin ich im Kaufrausch. Da kaufe ich auch schon mal ein halbes Lamm. Nur um ihm beim Portionieren zuzusehen. Sehr geil. Allah hat da einen perfekten männlichen Körper geschaffen. Hoffentlich kommt Yusuf nie auf die fatale Idee nach Jungfrauen im Himmel zu suchen. Immer wieder aufs Neue faszinieren mich auch die jungen Kassiererinnen. Kaum hat sich zum Beispiel Nehir mit der türkischsprachigen Frau vor mir an der Kasse auf Türkisch unterhalten, strahlt sie mich anschließend mit ihren tiefgründigen Augen dermaßen intensiv an, als würde es nur mich alleine in diesem Moment des Bezahlvorgangs auf der Welt geben. Sie konzentriert sich dann nur auf mich. Da könnte ich sie knuddeln. Die bildhübsche Kopftuchträgerin und gläubige Muslimin spricht mit mir in einem akzentfreien Deutsch. Wir führen dann intellektuellen Smalltalk. Wow, denke ich dann immer, wenn ich so toll türkisch sprechen könnte wie sie deutsch und auch noch ihre vorzügliche Abiturnote erreicht hätte.

Glauben versetzt bekanntlich Berge. Bei mir tut sich da nichts. Ich bin weder über die Alpen gewandert noch über den Großen Ararat, aber sehr oft schon mit dem Finger über die Landkarte hin und zurück. Wo ich schon überall mit meinem Zeigefinger war, will bestimmt niemand wissen. Obwohl Wissen nicht gleich Wissen ist, auch bei der Bildung im Allgemeinen muss man Abstriche machen, wenn Frau klug durchs Leben läuft und im Laufe ihres Lebens dazulernt. Manchmal hat man es faustdick hinter den hübschen Öhrchen und keiner sieht es auf den ersten Blick. Ich glaube schon lange nicht mehr an Gott, aber manchmal an das Gute im Menschen.

In diesem türkischen Supermarkt könnte man wie auch in anderen Supermärkten eine Sozialstudie betreiben, würde man sich die Zeit nehmen und stundenlang die Menschen beim Einkaufen beobachten. Seit dem Putschversuch in der Türkei war ich schon mehrmals in diesem türkischen Supermarkt. Allerdings sehe ich plötzlich Menschen mit ganz anderen Augen. Erst kürzlich beobachtete ich zwei Männer, die beide nach Tüten mit gerösteten, gesalzenen Sonnenblumenkernen griffen. Ich überlegte mir nicht etwa, ob nun der nette Herr mit den bereits grauen Schläfen noch gut im Bett sei, sondern vielleicht den sympathischen jungen Mann schriftlich anschwärzt, weil er nicht auf der nationalistischen Erdogan-Welle mit schwimmt oder auch umgekehrt, also nicht, ob der junge Mann Erektionsschwierigkeiten hat, sondern, ob er gegen Meinungsfreiheit ist. Kann man mir geistig folgen? Mir persönlich ist es egal, ob man das kann.

Was macht einen Türken zu einem Türken? Eine hohe Prozentzahl an Testosteron etwa oder der türkische Pass und nicht die doppelte Staatsbürgerschaft? Wenn ich z.B. winzig klein werden könnte und in einen Kopf eines Türken klettern würde, wäre ich vielleicht schlauer. Da ich aber so ein Abenteuer auch nicht bei einem Deutschen unternehmen will, verwerfe ich lieber diesen unmöglichen Gedanken. Vermutlich bekäme ich Angstzustände, könnte ich mich stundenweise schrumpfen und auf diverse Gehirnsuche gehen. Wenn man immer im Voraus wüsste, was bei einem anderen Menschen im Kopf vorgeht und dies unabhängig der Nationalität, hätte man eventuell Vorteile. Ethische Bedenken überkommen mich.

Wenn man manche Aussagen, Berichte in den Medien wie zum Beispiel dem Internet liest, dann möchte man vielleicht doch in den ein oder anderen Kopf klettern und ein bisschen manipulieren. Denn nach einigen Berichten ergeht es mir dann immer so, dass ich mir bestimmte Situationen vorstellen kann. Das kann unter Umständen manchmal zunächst ganz schön widerlich sein. Wie Anfang dieser Woche. Ich stehe vor dem Regal mit dem türkischen Honig und ein völlig harmlos wirkender Mann, mittleren Alters, stellt sich neben mich. Er greift wie ich in die gleiche Richtung. Unsere Hände berühren sich durch Zufall. Er lächelt mich an und ich zurück. Es ist ein Mann mit türkischen Wurzeln, so vermute ich in jenem Moment des gegenseitigen Anhimmelns. Er wirkt auf den ersten Blick super nett. Doch in meinem Kopf läuft fieserweise das Kopf-Kino an, dank neuestem Medienbericht über die Türkei, den ich früh morgens im Internet las. In Bruchteilen von Sekunden spielt sich ein Szenario in meinem weiblichen Gehirn ab. Könnte er, jener Mann neben mir vor dem Regal stehend, insgeheim immense Lust auf 12-jährige Mädchen haben? Wie so mancher Deutscher, der hier zulande bestraft wird, sollten die pädophilen Handlungen angezeigt werden. Ich habe im Internet gelesen, dass da ein Gesetz in der Türkei gekippt werden soll. Angeblich soll ab 2017 in der Türkei eine neue Regelung in Kraft treten, so dass der Kinderschutz wegfallen würde. Sex-Verbrechen würden dann ganz normal wie bei Erwachsenen geahndet werden. Täter können in Zukunft behaupten, dass ein Kind freiwillig Lust auf Sex hatte. Und jener jetzt noch harmlos wirkende Mann im trendigen Anzug, der neben mir steht, könnte rein theoretisch nächstes Jahr in seinem Sommerurlaub in der Türkei behaupten, dass eine Zwölfjährige freiwillig und mit großem Vergnügen mit ihm in einem Hotelzimmer Sex hatte...? Schrecklich dieser Gedanke. Dieses sekundenlange Kopf-Kino kann manchmal ganz schön nerven.

Immer noch beide vor dem Regal stehend, studiert er mich ausgiebig, bemerke ich. Für mein Alter sehe ich noch ziemlich gut aus, aber vermutlich wirke ich nun, als sei ich für immer hier mit dem Regalsystem fest verankert. Unsere Blicke huschen aneinander vorbei. Er wirkt sehr gediegen, charmant und passt eigentlich prima zu mir, so dass ich gegen Vorurteile in meinem Kopf kämpfen muss. Ich lächle ihn voller Neugierde an und sage doch tatsächlich zu ihm: „Zu dir oder zu mir?“ Danach kommt mir noch ein Räuspern, ein „ähm“ über die Lippen und die Worte:“ hm, also diese verschiedenen Sorten von türkischem Honig sollten wir gemeinsam testen!“ Mit entwaffneter Herzlichkeit fängt er zu lachen an, schaut anschließend mit seinen klugen, wunderschönen schwarzen Augen sekundenlang in meine grünen Augen und sagt überraschenderweise: „Zu dir! Jetzt gleich? Sehr gerne.“ Völlig euphorisch hauche ich ein lasziv wirkendes „Prima! Dann komm‘ bitte mit.“, denke aber spontan: „Scheiß Hormone!“ und gehe mit ihm gemeinsam in Richtung Kasse. Beim Hinausgehen schwirrt es da wie ein gutes Omen durch meinen Kopf: „Oh mein Gott, was für ein schöner Tag!“...

© Corina Wagner, August 2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/mahlzeit-yemek

 


Kleine und große Würste

CoLyrik - Seitenhiebe

Weißwurstphilosophie, Fleischwurstdenkweise oder Hirnwurstmentalität? Eigentlich völlig Wurst oder etwa nicht?

Darf es ein bisschen mehr sein? Ein bisschen mehr Wurst? Von der Fetten? Oder Fettreduzierten? Fett ist doch bekanntlich ein Geschmacksträger? Egal, denken viele. Bereits 10 g mehr Geschmack kann sich auszahlen. Tatsache oder Lüge? Geschmack oder Geschmäckle? Wurst ist nun mal nicht gleich Wurst. Man kann nicht jedes kleine Würstchen auf die Goldwaage legen, um mehr Reibach zu machen. Große Würste platzen genauso wie die kleinen, wenn man sie zu heiß macht, aber kleine hinterlassen weniger Schweinerei. Mit Schweinereien kann beim Verwursten immer rechnen, aber das ist so wie im Sport mit dem Doping. Man bemerkt es nicht auf den ersten Blick und wenn man es nachweisen kann, dann werden Sportshelden plötzlich zu ganz kleinen Würstchen, die in der globalen Wurstbrühe für immer untertauchen. Dann gibt es Metzger, aber auch Sportler, die ohne ihre heiklen Wurstgeschäfte und Dopingaffären Erfolge erzielen, die zwar nicht allzu spektakulär sind, aber ehrlich erreicht wurden. Dafür müssen sie keine Debatten über ihre Persönlichkeit in den Medien aushalten. Es bleibt immer Charakter- und Gewissenssache wie sie sich ein Mensch durchs Leben wurstelt, so gibt es bekannte Beispiele, die bei manch anderen sogar Sodbrennen hervorrufen, wenn sie nur daran denken. Jeder kennt vermutlich diesen säurehaltigen, fiesen Angriff aus dem Bauchraum, wenn diese Attacke sich nach draußen den Weg sucht. Zurück bleibt ein ätzendes Gefühl im Mund, dort wo man gerne lieber Sprüche klopft, als sauer aufzustoßen. Geschmack oder Geschmäckle? Man sagt, dass manche Dinge im Leben ein Geschmäckle haben. Da gibt es im privaten, aber auch im öffentlichen Leben viele Beispiele, die man nennen könnte… Kann man eine große, zuvor geplatzte Wurst resozialisieren, quasi neu verwurstet anbieten, wenn man weiß, dass man sie in der normalen Wirtschaft eigentlich nicht mehr auf dem Silbertablett servieren kann, weil sie zwar mit dem neuen, abgespeckten Fettgehalt glänzen kann, aber der Geschmack nicht wirklich mehr überzeugt? Viele Menschen haben keinen Geschmack mehr, könnten böse Zungen behaupten, die aber Würste essen, die prima gewürzt sind und noch Biss haben. Über Geschmack und Wurst kann man immer aufs Neue philosophieren. Über Gott und die Welt stets debattieren und über ein Spitzenamt in einem Fußballverein laut nachdenken, aber auch lobende Worte verschenken. Alles ist möglich. Reine Geschmacksache. Happen für Happen. Brocken für Brocken. Mahlzeit!

© Corina Wagner, August 2016


 

Achtung: Böse!

CoLyrik-Satire

Hinz und Kunz

Die meisten Deutschen im Erwachsenenalter kennen die Redewendung Hinz und Kunz. Der Vorname Heinrich steht für Hinz und Konrad für Kunz. Beide Kurzformen mit dem Wort und vereint, bedeuten Jedermann. Schön und gut. Und was soll das Ganze?

Jedermann kann sich nicht alles erlauben und wird bestraft, wenn er falsche Angaben macht. Und Jederfrau? Sie kann anscheinend und dies jahrelang, schönt ihre Vita. Ich will auch, heiße aber nicht Hinz oder Kunz, auch nicht Krethi und Plethi. Ich würde so gerne mal ein bisschen meine Vita aufpeppen. Wie wäre es mit dem Ehrentitel Kammersängerin. Dies macht Eindruck.

Ich möchte jetzt gerne Kammersängerin sein, aber nicht weil ich so gerne in Kammern singe, eher auf Treppen, auch neuerdings unter Brücken. Außerdem wäre es toll, wenn in meiner Vita stünde, dass ich bereits mit zwei Jahren lesen und schreiben konnte und mit vier Jahren bereits meinen ersten Roman mit dem Titel: Die Klugscheisserin veröffentlichte und dies bei einem renommierten Verlag. Erich Kästner schrieb nicht nur das Vorwort dazu, sondern ermöglichte mir ein Schreibseminar. Ich studierte als Kind Gesang bei Maria Callas. Später nahm ich durch Handauflegen bei einer Tonbandaufzeichnung von Enrico Caruso Kontakt mit ihm auf. Dessen Geist kommunizierte fortan sehr musikalisch von 1982-1984 zweimal pro Woche mit mir. Dann folgten Meisterkurse u.a. bei Anneliese Rothenberger und Elisabeth Grümmer. Ein Fernstudium im Reich der toten Dichter ermöglichte mir die Lizenz zum Wörtertöten, so dass ich die einzige Jederfrau bin, die diese Lizenz besitzt. Da ich ein Wunderkind bin, konnte ich bereits mit 12 Jahren mein Abitur mit der Traumnote 1,0 bestehen. Ich spreche 13 Sprachen fließend.

Jetzt müsste ich diese Daten nur noch in meine Vita einbauen. Dies würde auch überhaupt nicht auffallen oder etwa doch?
© Corina Wagner, 20. Juli 2016

https://www.youtube.com/watch?v=aef9DGvZ8Qo

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/hinz-und-kunz

 


Schwubbeldirubbeldiwupp

CoLyrik-Seltsames

Aus der Reihe: "nicht normal"

Schwubbeldirubbeldiwupp

Schwubbeldirubbeldiwupp. Jetzt ist es passiert. Oweia. Die Geheimakte Seepferdchen ist in die falschen Hände geraten. Eigentlich wollte ich nur wie alle anderen Langweiler ganz lapidar zum Vatertag gratulieren. Nur nicht auffallen. Jetzt kommt alles ans Licht. Morgen steht es bestimmt im Internet. Schwubbeldirubbeldiwupp! Ende, aus, vorbei. Ich gehe unter und tauche wieder auf, samt Akte. Mann oder Frau? Immer Frau, manchmal im falschen Körper. Und ja. Ich wurde geklont, so könnte man vermuten. Ich bin mehrmals gestorben und immer wieder wurde ich aufs Neue geboren. Das Ganze geht schon seit Jahrhunderten so. Erschreckend. Schwubbeldirubbeldiwupp! Lebendig, mucksmäuschentot und dann wieder Schwubbeldirubbeldiwupp lebendig. Irre. Nur die Haarfarbe änderte sich im Laufe der Zeit, auch meine Figur. Cleverer wurde ich auch, so vermute ich stark. Bis ins Jahr 1465 kann ich mich erinnern. Da war der 5. Mai auch ein Donnerstag und Silvester fiel auf einen Samstag. Mein Hippocampus hat ganz schön viel zu tun. Und ich möchte heute absolut nicht verraten, was ich an jenem Tag tat. Um ein bisschen Licht ins Dunkle zu bringen, nur so viel: Ein freundlicher Henker begrüßte mich jedenfalls nicht gegen Mittag mit seinem brillant gewetzten Henkersbeil, irgendwo da draußen auf dem Markplatz im Wonnemonat Mai. Nein. Ich starb auch nicht an den Folgen der Pest. Es war wahrlich kein Tag wie jeder andere in meinen bis heute durchlebten Epochen. Geboren, gelebt, gestorben und wieder erschienen im Körper einer neuen Person, aber immer mit dem gleichen Hippocampus. Wäre ja gerne mal geschrumpft und selbst in mich hineingeklettert. Mit einer kleinen modernen Taschenlampe in der Hand, um vom linken Ohr aus nach innen in mein Gehirn zu laufen. Zugern würde ich meine eigenen Nervenzellen betrachten, die gebündelt wie ein Seepferdchen aussehen. Ich schweife ab.

Wenn ihr genau wüsstet, dass ihr schon mehrmals in verschiedenen Epochen gelebt habt, wolltet ihr dann Details in einer Datenbank abrufen, die ganz vorne hinter der Stirn in eurem Frontalhirn sitzt. Könnt ihr euch das vorstellen, damit leben zu wollen? Ein Megazentrum Gedächtnis quasi. Vielleicht bin ich ein Phänomen, vielleicht auch wirklich nicht vorhanden, von Geisterhand gelenkt. Mein Langzeitgedächtnis ist super gut entwickelt und ich kann zwar nicht bis in die Steinzeit alle Daten abrufen, aber bis zum Mittelalter. Schwubbeldirubbeldiwupp. Wow. Jetzt ist es in diesem Moment schon wieder passiert. Daten, Szenen aus dem Jahr 1589 erscheinen im Zeitraffer vor meinem geistigen Auge. Mein Langzeitgedächtnis funktioniert prima hinter meiner Stirn, gut versteckt hinter einer gefärbten Pony-Frisur. Schwubbeldirubbeldiwupp. Nur ein Gedanke und schon spüre ich den Scheiterhaufen von damals… Irre, stimmt’s?

:-)

© CoLyrik, Mai 2016

 

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Internationaler Tag der Pressefreiheit

CoLyrik - Seitenhiebe

Alles Gute...

 

Internationaler Tag der Pressefreiheit

Herzlichen Glückwunsch! Heute ist der dritte Mai und deshalb Internationaler Tag der Pressefreiheit. Dieser Tag erinnert seit 1994 an die Einschränkungen für freie Berichterstattung in vielen Staaten der, ach so schönen Welt. Möchte gerne wissen, welcher Despot, Machtmensch da wirklich von Herzen gratuliert... Menschen wie Du und ich werden vermutlich gratulieren? Ich zumindest habe es getan. Für alle Journalisten, die irgendwo hinter Gittern ausharren müssen, hab‘ ich ein Liedchen gesungen und das hat wirklich nach Freiheit geklungen. Aber wer ist Du? Du, Du, auch Du? Ein mehr oder weniger intelligenter, toleranter Mensch, der die Meinungsfreiheit liebt? Ein Deutscher, ein Ausländer, ein Migrant? Ähm… Eine Deutsche, eine Ausländerin, eine Migrantin? Wie sieht es denn hier in Deutschland mit dem Gratulieren aus? Wer gratuliert denn da? Etwa die Pegida-Leutchen? Echt? Wahrscheinlich murmeln sie ein respektlos wirkendes: „Alles Gute!“ und schreiben dann in den sozialen Netzwerken: „Weg mit dem Pack! Internationaler Tag der Pressefreiheit, wenn ich das schon höre… Lügenpresse, Lügenpresse schlag‘ euch gern mal wieder in die kesse Fresse!“ Wie sieht es mit Wählern der AfD aus? Sind diese Menschen wirklich für guten Journalismus? Journalismus, der unabhängig ist?

Wird der Internationale Tag der Pressefreiheit nun zum jährlichen Frusttag für Journalisten. Ich könnte es sofort nachvollziehen, wenn man sich ein bisschen in der Welt umsieht, Nachrichten verfolgt, auch unabhängige Berichterstattungen liest. Denn wenn man ein bisschen zum Hobby-Journalisten mutiert und recherchiert, dann liest man, dass „Reporter ohne Grenzen“ z.B. mindestens 39 Übergriffe gerade hier in Deutschland bei Pegida-Demos im vergangenen Jahr zählten. Journalisten, die von den Pegida-Leutchen geschlagen wurden, aber auch materiellen Schaden erlitten, da ihre Ausrüstung zerstört wurde. Tatsächlich haben sich in den vergangenen Monaten die Arbeitsbedingungen für eine freie Berichterstattung in Deutschland verschlechtert, kann man im Internet nachlesen und mit dieser Statistik kann man wirklich nicht glänzen. „Deutschland ist in der jährlich aufgestellten Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" von Platz 12 auf Platz 16 gefallen.“ Wow! Die einen schlucken, haben einen dicken Meinungsfreiheitskloß im Hals und andere freuen sich ins Unermessliche über geschönte Worte, diese eigentlich nichts aussagende Entwicklung in Deutschland. Nichts aussagend? Hä? Wie bitte?

Die Überwachung durch Geheimdienste hat ihre Spuren in der journalistischen Arbeitsweise inzwischen hinterlassen, so wird der Quellenschutz immer schwieriger und kann dadurch nicht mehr gewährleistet werden, so wie früher, also nach 45. Und da sind wir schon bei den Neuen Deutschen, die etwas gegen guten Journalismus haben und den heutigen Tag lieber abschaffen würden wie die Meinungsfreiheit und Demokratie, hat mir jemand ins Ohr geflüstert. Es war aber nicht der Naziflüsterer...

©CoLyrik, 03.05.2016

 

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Mein Blusenknopf

CoLyrik-Kurzgeschichte

Das Weltbild steht auf dem Kopf, denkt mein oberster Blusenknopf. Manchmal rastet er vor Vergnügen oder purem Entsetzen aus und springt völlig euphorisch auf, wenn ihm danach ist. Wegen ihm mache ich notfalls sogar einen Kopfstand, wenn es sein muss. Er hat mich völlig im Griff, aber nur dieses metallene Ding mit zwei Löchern, dass irgendjemand auf meine giftgrüne Bluse mit silbergrauem Nähfaden aufnähte, bevor ich das Teil ahnungslos im Internet bestellte. Diese Bluse ist etwas ganz Besonderes, sie ist eine Einzelanfertigung, wurde mir quasi auf den Leib genschneidert. Grün ist bekanntlich die Farbe der Hoffnung und diese Farbe steht mir besonders gut. Der schlichte, auf antik getrimmte Blusenknopf ist ein echter Eyecatcher sozusagen und deshalb nenne ich ihn sweety button. Manche sprechen mit Blumen, ihrem Goldhamster, Wellensittich, sogar mit ihrem Geliebten, andere mit einem Silberfischchen in ihrem Badezimmer und ich rede seit Monaten mit sweety button, der mir manchmal kontrovers antwortet. Und trotzdem möchte ich ihn nicht missen, sollten ihn auch andere dissen, die ihn unnütz finden, wenn sie mir aufs Dekolleté starren und sich fragen, warum ich plötzlich so zugeknöpft wirke. Mein Blusenknopf zeigt Charakterstärke und gewährt nicht jedem Einblicke und bleibt trotzdem ein Hingucker. Er gehört neuerdings zu meinem Leben dazu wie bei anderen eine Briefkastenanlage, ein Sprengstoffgürtel oder eine vorlaute Klappe. Auch werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser Knopf in seinem Innenleben einen kleinen Chip besitzt, der fremdgesteuert wird. Man weiß ja heute nie, was man da im Internet eigentlich bestellt. Auf den ersten Blick macht es meist einen vernünftigen Eindruck, wie so mancher Bankenmensch, diese Sparkassenheinis und Volksbankentypen. Nicht das ich jetzt auf die Idee käme sweety button mit einem berechnenden Banken-Loser vergleichen zu wollen. Nee. Nee. Mit mir nicht. Ich hab‘ mich noch gar nicht vorgestellt. Für wen schreibe ich überhaupt? Für LeserInnen wie Du und ich? Für die Bundesregierung? Für Terroristen? Für Despoten? Für Idioten? Für Fremdgesteuerte? Seit einiger Zeit lebe ich unter Pseudonym, ist auch viel praktischer, wenn man im Internett surft. Unter dem Namen Angeklagter habe ich z.B. noch nichts bestellt, birgt ja auch irgendwie Misstrauen. Jetzt wo alles überwacht wird, sogar das Knutschen in der Straßenbahn. Ich habe tatsächlich ein handelsübliches Satire-Notfall-Pack unter dem Usernamen „Vorsicht Falle“ im Internet auf der Homepage: www.satirebau-sichererdurchsleben.de gekauft. Cooles Paket! Bewerten möchte ich es offiziell nicht, aber es würde von mir 5 Sterne bekommen. Die Gratis-CD ist der Hammer. Krisenvorsorge zu betreiben, ist wahrlich nicht hypochondermäßiges Handeln, also quasi so ein klassischer Verschwörungstheorie-Beruhiger vom Feinsten, sondern für Leute mit schrägem Humor überlebenswichtig. Ganz wichtig sind nicht nur Blusenknöpfe mit denen man vernünftig sprechen kann, sondern Fernbedienungen, Steuerungen mit jenen man per Codewort sofort menschenfeindlichen Äußerungen abstellen kann. Wenn z.B. ein Volldepp mit narzisstischen Neigungen den Mund aufmacht und man sich von jenem Geschwätz genervt fühlt, so dass man dann via Knopfdruck die Möglichkeit erhält, ihn zumindest für das eigene Gehör auszuschalten, ist dies nicht Papperlapapp, sondern ein echter Fortschritt. Diese Möglichkeit wäre herrlich und würde das Leben einfacher machen, denke da an bestimmte Persönlichkeiten in Führungspostionen und komme immer mehr zu der Meinung, dass es da noch andere Funktionen geben müsste, um nicht nur die Sprache samt Lautstärke auszuschalten. „Stimmt!“, murmelt in diesem Moment sweety button und springt auf, weil der Postbote mit Migrationshintergrund an der Tür klingelt. Ach wie schön. Er klingelt Sturm. Ich hab‘ mir das Buch:“Satirefreies Denken“ bestellt und bin schon total neugierig…

Tschüssi

Eure Thusnelda

© Corina Wagner, April 2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/mein-blusenknopf


Satire-Demenz

CoLyrik – Seitenhiebe

Die Gedanken sind frei, auch Satire-Albträume...

Satire-Demenz

 „Heute Nacht ist das ganz Böse in mir erwacht! Bitterböse Satire überfiel mich im Schlaf, war wohl bislang zu brav“. Das ist mal eine klare Ansage. Gedankenblitze trafen jene Person mitten in Gehirnregionen von denen andere nur träumen können, als sie jene Worte in ihrem Gedächtnis abspeicherte, um sie wieder zu vergessen. Es ist vermutlich eine inzwischen ausgeprägte Satire-Demenz. Gleich wieder Wörter zu vergessen, die man besser nicht öffentlich sagt. Das Wort Ziege kam übrigens nicht in diesen Gedankenvorgängen vor, so wurde mir aus zweiter Hand berichtet, auch nicht das Wort ticken, also, ähm, eigentlich schon, aber, ähm ohne dieses t wie terrorisieren am Anfang und durch den 6. Buchstaben aus dem Alphabet ersetzt. Hoffentlich kann mir nicht jeder geistig folgen, wäre schön...

Hund, Katze, Maus. Schluss. Aus. Niedliche Erdmännchen-Angriffe sind Schnee von gestern und Cerberusbisse sind Pipifax mit nichts vergleichbar, wenn ich an das eine denke, quasi an diese gefährliche Buchstabenverkettung, die aneinandergereiht literarisch wertvoll, aber zu böse ist, um sie öffentlich zu formulieren. Ja diese Sätze waren wirklich literarisch wertvoll, so etwas geht auch. Puh! Anstrengend. Und nicht für jeden nachvollziehbar. Die Gedanken sind frei. Haha wie böse ist das denn? Kunst bleibt Kunst. Meinungsfreiheit bleibt Meinungsfreiheit. Satire bleibt Satire. Böse Zungen kann man abschneiden, aber die Gedanken bleiben frei. Satiriker kann man einsperren, aber die Gedanken bleiben frei.

Was ist eigentlich mit jenen in Mode gekommenen Satire-Albträumen, die man nicht mehr ausleben kann? Was passiert mit einem Satire-Nachtmahr? Löst er sich wie eine Seifenblase auf und schmiert ab. Traum oder Wirklichkeit, wie sieht die Zukunft aus? Bekommen viele einen hausgemachten Satire-Koller? Könnte die Satire-Demenz zur Volkskrankheit unter denjenigen werden, die normalweise kein Blatt vor den Mund nehmen, um auf Missstände in der Gesellschaft, in der ach so schönen heilen Welt aufmerksam machen. Wäre schlimm. Böse. Ganz böse.

Kunst bleibt Kunst. Meinungsfreiheit bleibt Meinungsfreiheit. Artikel 5 bleibt Artikel 5. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Noch.

© Corina Wagner, April 2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/satire-demenz

 

 


Piff, Paff, Puff...

CoLyrik - Seitenhiebe

Aktuelles Hasengespräch oder doch nur Piff, paff, puff?

Jetzt ist der 27. März 2016 und das Wort Ostern steht auf dem Kalenderblatt. Ostern! Wie schnell doch die Zeit vergeht. Ich traf mich gestern Abend zu sehr später Stunde mit einem völlig „ausgemerkelten“ Wesen auf dem Acker ganz in der Nähe meines Wohnortes. Vielleicht bin ich schlafgewandelt, habe es geträumt, vielleicht auch nur im Geiste erfunden. Man wird es mir nicht glauben wollen, aber ich habe mich heimlich mit dem wesensveränderten Osterhasen unterhalten.

Hasengespräche sind manchmal ganz aufschlussreich. Er, der traditionsgeliebte Osterhase, leidet immens durch das Flüchtlingselend, aber auch unter dem Terror in Europa und murmelte zunächst in Endlosschleife: „Wir schaffen das!“. Das hat mich ein bisschen erschreckt, muss ich zugeben. Jenes wie unter Droge stehende Getier. Ich verfasste mit ihm deswegen gemeinsam nicht etwa ein Pamphlet oder ein Freistil-Gedicht, denn es wurde plötzlich unglaublich hell und es ward Licht. Wow! Ich erschrak wieder ein bisschen. Ein ganz neues Gefühl in der Gegenwart des seelisch angeknacksten Osterhasen. Zunächst starrten wir uns wie auch im vorigen Jahr fassungslos an. Es war sehr mysteriös und Meister Lampe wurde deshalb extrem nervös. Dann schlug er einen Haken. Es wurde wieder Nacht und ich hatte deswegen auch einen Verdacht. Es war vielleicht ein Maximalschauer an Sternschnuppen oder nur ein Wink des Schicksals, eine Botschaft, die plötzlich für Licht auf dem Acker sorgte. Meine Taschenlampe sorgte keineswegs für gespenstische Atmosphäre. Es war, ist und bleibt eine Funzel. Der Osterhase setzte sich neben mich und wirkte alles andere als glücklich. Seine klugen Augen wirkten traurig und seine Löffel hingen ohne Elan herunter, aber seine Pfoten sahen aus wie eine Raute. Er wirkte massiv depressiv. Ich streichelte ihm behutsam übers Fell und stellte ihn mir währenddessen in einer von Cremè Double verfeinerten Rotweinjus vor. Das war geringfügig gemein von mir, aber ich esse nun mal gerne Fleisch vom Tier. Neulich habe ich gehört, dass im Wort Vegetarier auch “Arier” steckt. Mein Unterbewusstsein ist vielleicht daran schuld, dass ich immer noch gerne Fleisch esse, aber ich schweife nun vom Thema Osterhasen-Begegnung ab. Dann sah er mich an: der echte Osterhase und dies dermaßen fix und fertig. Es war so, als wären wenige Sekunden zuvor Außerirdische in Braunkack-Uniform vom Nazi-Planeten gelandet und wollten das Flüchtlingsdrama beenden. Unter dem Motto: „Wir wollen ja nur ein bisschen zündeln.“ Diesen angstvollen Blick des Osterhasen werde ich nie mehr vergessen. Es machte: Piff, paff, puff! Grelles Licht blendete mich auf die Schnelle an jener Stelle auf dem Acker. Und aus dem Osterhasen wurde ein Schaf. Ich traute meinen Augen nicht. Ich schloss sie, öffnete sie wieder, aber ich sah plötzlich ein Schaf, das auch noch feinstes Hochdeutsch sprach: „Mäh. Wären wir plötzlich alle nur Schafe in Europa, dann würden wir im Kollektiv blöken… Bei 500 Millionen Schafen fielen fünf Millionen neue Schafe, die zu uns nach Europa kommen würden, überhaupt nicht auf. Deshalb blöke ich nun als christliches Schaf ganz laut für Schafe und deren Schäfchen die vor Verfolgung flüchten, so dass mich alle hören können: Wir schaffen das! Seid human. Wir können gemeinsam satt werden, müssen nicht verdursten…“ Dann machte es wieder: Pfiff, paff und puff. Das humane Schaf war verschwunden, aber auch der depressive Osterhase. Ich lag mit dem Gesicht, mit meiner Nase auf meinem Bett und das war wirklich in jenem Moment nicht nett. Die einen würden jetzt von Verschwörungstheorien schreiben, die anderen von einer Metapher. Wer noch träumen kann, hofft auf eine bessere Welt ohne Terror, Rassisten und viel Empathie, denn Mitgefühl schadet bekanntlich nie.

Ich wünsche frohe Ostern!

Herzlichst

Corina Wagner

 

© Corina Wagner, März 2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/piff-paff-puff#1459170158256758

 


Alternative für Denkgestörte

CoLyrik-Satire

Germania stöhnt...

 

„15, 1 Prozent in Baden-Württemberg, 12, 6 Prozent in Rhein-Land-Pfalz und 24, 2 Prozent in Sachsen-Anhalt! Ähm, ja…“, stöhnt Germania und greift sich währenddessen an den Kopf. Sie gehört stellvertretend zu dem Personenkreis, der in Deutschland noch Werte wie Meinungsfreiheit und Humanität schätzt. Themen wie Fortschritt in der Umsetzung von Gleichberechtigung stehen auf ihrer Agenda, aber nicht Rückschritt in eine Zeit, die von Unterdrückung von Frauen gezeichnet war.

Sie steht ein bisschen unter Schock, liegt wohl auch daran, dass ihre Nachbarin, die in einer Führungsposition arbeitet, heute früh entsetzt aufschrie, als sie schwarz auf weiß die Wahlergebnisse der gestrigen Landtagswahlen las. Sie hätte eigentlich gelassener bleiben können, aber sie ist noch gebärfähig und bislang kinderlos. Germania geht das Thema Wahlergebnisse anders an und ihr Entsetzen fällt leiser aus, aber vermutlich nicht unspektakulärer: „Prost Adolf!“. Sie greift anschließend nicht zur Flasche, sondern zum Telefon und ruft ihre beste Freundin an, die ausländische Wurzeln hat. Der Anrufbeantworter meldet sich: „Schönen Guten Tag. Leider können Sie mich zurzeit nicht erreichen. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton!“ Germania hätte so gerne bei ihr nachgefragt, ob sie die Wahlergebnisse beunruhigen, ihr Angst machen, weil sie aus einer Flüchtlingsfamilie stammt und im Osten der Republik lebt, aber nun bleibt Germania mit ihrem Unwohlsein und mit ihren Fragen zum Wahlausgang alleine zurück und denkt halblaut nach:

Wie kann man nur so unüberlegt handeln? Wie fremdgesteuert wurden da Kreuze von Leuten in den Wahlkabinen gesetzt, die eine ganz wichtige Frage für die Zukunft hinterlassen: Werden Hetze und Fremdenfeindlichkeit nun legitim? Ich versuche es zu verstehen, warum die Leute derzeit so ticken.

Sie finden die Arbeit von Politikern nicht zufriedenstellend, haben Zukunftsängste, die durch die Flüchtlingsproblematik verstärkt werden. Sie sehen nur das Eine: Die breitgestreute Angstmache durch die Alternative der Denkgestörten, die ihnen durch ihr politisches Geschwätz dadurch dermaßen angstmäßig Angst vorgaukeln, dass sie deren aufgetischten Angstgeschichten mit einem Kreuz in der Wahlkabine belohnen. Toll oder Wahnsinn?

Was passiert nun im Land der Dichter und Denker? Tüftler? Erfinder? Genau. Wie damals… Nichts. Keiner schreit wirklich auf. „Die sind ja nur ein bisschen polemisch!“, „Die wollen nur ein bisschen mit rechten Ansichten provozieren, die tun aber nichts!“ „Wir sind das Volk!“, „Das war ja damals auch nicht wirklich schlimm, als noch Zucht und Ordnung herrschte!“ „ Die paar Tote – ach, das ist ja schon deutsche Geschichte!“ Germania fallen plötzlich ganz viele Aussagen ein, die sie nachdenklich stimmen.

Früher war alles besser!“ Ganz langsam spricht sie diesen bekannten Spruch aus. Germania zelebriert ihn quasi. Ein Slogan, der eigentlich, wenn man darüber nachdenkt, zu Aussagen jener rechtspopulistischen Gruppierung passt, so stellt sie währenddessen fest. Künftige Landtagsprotokolle werden zeigen, wie nun einige von jenen im Landtagsalltag agieren, schießt es ihr dabei spontan durch den cleveren Kopf. Die Leute werden merken, aufwachen, dass sie die Falschen gewählt haben. Wer von denjenigen, die nun gestern die Alternative für Denkgestörte wählten, las wohl deren Wahlprogramm? Wie viele von denen?

„Wer richtig lesen kann, ist klar im Vorteil!“, flüstert Germania und greift sich schon wieder dabei an den Kopf. Ihr Herz pocht plötzlich wie wild und sie fürchtet sich vor eine Panikattacke, die durch die Schusseligkeit anderer ausgelöst wird…

© Corina Wagner, 14.03.2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/alternative-fuer-denkgestoerte


 

Herzlichen Glückwunsch zum Internationalen Frauentag

Alles Gute zum Weltfrauentag! Herzlichen Glückwunsch! Heute ist der 8. März und nun ist es genau eine Woche her, dass ich ein Jahr älter wurde. Mit zunehmendem Alter kann man sich die Frage stellen, wäre es besser gewesen, wenn ich damals (1965) nicht als Mädchen, sondern als Junge das Licht der Welt erblickt hätte. Der größte Vorteil war es wohl bislang, dass ich in Deutschland zur Welt kam, denn mein Leben hätte in einem anderen Land voller Dramatik verlaufen können. Man hätte mich schon sofort nach meiner Geburt extrem benachteiligen können und ich hätte vielleicht nicht überlebt, nur deshalb, weil ich dort als wertlos gelte. Jene Wertlosigkeit, diese Tatsache gibt es jetzt in diesem Moment in Entwicklungs-und Schwellenländern… Mädchen werden schlechter ernährt, fühlen sich ausgegrenzt, werden massiv vernachlässigt und dürfen nicht zur Schule gehen. Die Aussicht auf Bildung wird ihnen erschwert oder sogar verwehrt. Zurück nach Deutschland, denn dort gibt es natürlich auch Nachteile, wenn man als Frau geboren wurde, denn der Gender Pay Cap bleit seit Jahren konstant. Immer noch verdienen Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer. Da sind wahrlich andere Länder fortschrittlicher. Apropos Fortschritt. Wer als Frau AfD wählt, gräbt sich selbst das eigene Grab, so könnte man mutmaßen. Unter dem Motto: „Endlich zurück an den heimischen Herd!“, könnte ein Slogan heißen, der sehr gut zu dieser Partei passt. Wer sich das Parteiprogramm nicht schön redet, wird entdecken, dass die AfD bezüglich Stellenwert der Frau und Familienpolitik „altbacken“ und nicht zeitgemäß wirbt. AfD-Chefin Petry möchte das „Schrumpfen als deutsches Volk“ doch so gerne verhindern. Frauen sollen in Zukunft drei Kinder bekommen.

„Oweia!“ Wunschdenken, das so mancher „Wir sind das Volk- Typ“ sofort umsetzen möchte.

„Frauenquoten, Gleichstellungsbeauftragte und staatliche Propaganda für sexuelle Minderheiten lehnt die AfD rigoros ab.“ Diesen fatalen Satz findet man im Wahlprogramm BaWü. Frau Petry, übrigens vierfache Mutter, steht für eine Partei, die auch für eine Volksabstimmung zum Verbot von Abtreibungen wirbt, so sagte sie in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung, Zitat: „Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“

 „Aha!“ oder „Haha!?“  Da müssen doch eigentlich bei allen Frauen die Alarmglocken läuten, wenn sie noch schwanger werden können. Ich passe übrigens als Mutter von zwei Söhnen in das Beuteschema der AfD  und ja, ich bin rein theoretisch noch gebärfähig. J Nein, mein Verstand reicht aus, dass ich diese Partei nicht zu Ruhm verhelfe.

Und bei Männern? Alarmglocken? Ideologische Denkweise? Machtinteresse und Lust auf Rückschritt oder klarer Menschenverstand?

Was letztendlich überzeugt, wird man in den kommenden Monaten sehen…

Zum Abschluss kommt am Internationalen Frauentag noch ein ganz besonderer Tipp: Liebe deutsche, wahlberechtigte Frauen und liebe Frauen mit Migrationshintergrund, die wahlberechtigt sind, bitte wählt diese Partei nicht! AfD ist tabu!

Wählt ihr jene politische Gruppierung, so verhindert ihr damit nicht nur eine positive Weiterentwicklung hinsichtlich Gleichberechtigung der Frau, sondern schadet damit der Demokratie in unserem Lande…

Beste Grüße

Corina Wagner, 8. März 2016

 

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/herzlichen-glueckwunsch-zum-weltfrauentag

 

Quelle: https://blog.campact.de/2016/03/steuern-bildung-hartz-iv-was-die-afd-wirklich-will/

Quelle: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Indikatoren/QualitaetArbeit/Dimension1/1_5_GenderPayGap.html


Kurzgeschichte

Satire

Faschingsdienstag

Es könnte so gewesen sein, genau so in einem Supermarkt: "Karnevalgedöns"...

Faschingsdienstag

„Pack‘ die Saatire endlich ussem Sack unn knall‘ se ungescheent uff de Narretisch!“ Noch so ein Spruch, Bemerkung in Mundart und ich kann mich nicht beherrschen. „Mach‘ was! Werd aktiv! Noch kannschte was schrweiwe, sahn, tun, halt mache. Morje isses doodefier se spät…“,

säuselte mir eine liebreizende Männerstimme mit saarländischem Akzent ins fasenachtsmusikgeschädigte Öhrchen, als ich vorhin im Supermarkt unterwegs war. Ich drehte mich entsetzt um, sah keinen Menschen in meiner unmittelbaren Nähe. „Jesses! Aweil…(Atempause) Jetzt höre ich sogar schon Stimmen!“, nuschelte ich vor lauter Schreck in absolut minimalistischer Lautstärke. Ehrlich. Ich stand ganz alleine dort. Links von mir Toilettenreiniger in allen Variationen, um braune Flecken zu entfernen – rechts von mir eine riesige Auswahl an Scheuer-und Waschmitteln, um alles reinzuwaschen. Der Supermarkt sieht in jenem Moment wie ausgestorben aus. Alle scheinen noch vom Rosenmontag geschädigt und sind malad. Einige liegen noch in dem ein oder anderem ausländerfeindlichen Bett, denke ich spontan. „Wie kann man denn in einem ausländerfeindlichen Bett liegen?“, schießt es mir durch den Kopf, schüttele ihn und denke zeitgleich an den „Mini-Goebbels“, den ich neulich mit Deutschlandfahne sah. Widerlich. Noch immer wird mir speiübel, wenn ich an seine Wortwahl denke und der Fischsemmel von gestern Abend spricht plötzlich mit mir. Ein Fischsemmel mit Migrationshintergrund! Irre. Ich stoße dezent leise auf, ging nicht anders, war vielleicht nicht damenhaft und verdränge den Gedanken daran, was der Fischsemmel aus meinem tiefsten Inneren meinte, aber nicht aussprach: „Es stinkt zum Himmel.“ Wow.  Ich sehe mich um, hat mich jemand dabei beobachtet? Nein. Dabei überlege ich, ob das Normal ist, wenn sich plötzlich ein gegessenes Lebensmittel zu Wort meldet. In diesen Zeiten anscheinend schon.

Keiner außer mir (ich bin weiblich, 1, 65 Meter groß,  Kleidergrüße 44, Mitte Vierzig, blond, intelligent, glücklich leiert, in besten Verhältnissen lebend und kein bisschen spießig), ja wirklich,

keiner außer mir kann meine eigenen Gedanken, aber auch die des Fischbrötchens lesen. Ich stehe immer noch ganz alleine in dem unendlich lang wirkenden Gang, zwischen all‘ den Reinigungsmitteln. Ich bin beinahe für einen großen ausgiebigen Frühlingsputz bereit, würde anderen sogar dabei helfen, wenn sie alleine nicht zurechtkommen. Mein Helfersyndrom hat schon vielen Menschen geholfen, die zunächst in schwierigen Situationen ausharrten. Bis zum 13. März muss in einigen Häusern wie doof geschrubbt werden. Hartnäckiger brauner Dreck muss dringend entfernt werden. Ätzend, dass es zurzeit etliche Leute gibt, die den Dreck absichtlich streuen, um sich als Dreckschleuder zu profilieren. Ich schweife gedanklich ab, bemerke es selbst und drehe mich um, damit ich in die andere Richtung laufen kann, um nach Mülltüten zu suchen, also in diesem Supermarkt, um Missverständnisse zu vermeiden. In jenem Moment wird mir schwindelig. Ich sehe am Ende des Gangs eine Erscheinung, die meinen Kreislauf durcheinanderwirbelt. Oder ist es noch der Restalkohol vom Rosenmontag? Nein! Ich trank nur ein kleines Bier.  Ich betrachte die Situation ganz nüchtern. Ganz vorne rechts sehe ich Pinocchio-Frauke vorbeihuschen. Ich reibe meine übermüdeten Augen. Sie muss es sein.  Jetzt wäre die beste Gelegenheit ihr mal einen Vortrag über braunen Dreck zu halten.  Blitzschnell gehe ich aber in Deckung. Um Gotteswillen, was macht jene Alternative für Doofe hier in der Gegend? Sie schreckt vor nichts zurück. Ich auch nicht und verstecke mich nur wenige Sekunden instinktiv hinter meinem Einkaufswagen. Sie würde nie auf mich schießen, vermute ich, bin sowas von blond. Das Ganze ist binnen dieser wenigen Sekunden eine ziemlich ungelenke Angelegenheit und gehe dann doch lieber in die Offensive. Ich verfolge sie bis zur Kasse, möchte sie am liebsten hemmungslos mit dem Einkaufswagen rammen und sie dann fragen, warum ihre Nase so wächst. Ich tue es doch nicht. Ein menschliches Abziehbild steht vor mir. Die Frau ist eigentlich ein Mann und wahrlich nicht im falschen Körper geboren. „Helau, Allaf und Alleh hopp!“, kommt es ganz leise über meine Lippen und mein Fischbrötchen denkt: „Scheiße!“…

Der Mann grinst mich freudestrahlend an und ich erkenne dabei ganz deutlich den Schalk in seinen Augen.

© Corina Wagner, Faschingsdienstag 2016

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/faschingsdienstag

 


Kurzgeschichte

Eisregen

Eiskalter Regen prasselte mit voller Wucht gegen die Autoscheiben und kleine Eisklümpchen blieben auf der Windschutzscheibe liegen. Mit diesem Unwetter hatte Mirjam nicht gerechnet, als sie von zu Hause losfuhr. Der Wind nahm im Laufe der Fahrt zu und deshalb hielt sie sich inzwischen ziemlich verkrampft am Lenkrad ihres Kleinwagens fest. Verspannungen der Nacken- und Rückenmuskulatur spürte sie durch kleine intervallartige Schmerzattacken während der Autofahrt. Die viele Bildschirmarbeit und ungünstigen Sitzpositionen während ihrer zu langen Arbeitszeit setzten ihr zu. Allerdings auch die extremen Verrenkungen in ihrer Mittagspause waren möglicherweise der Auslöser. Da müsste sie wohl demnächst zu einem Physiotherapeuten, dachte sie, denn für eine Unterhaltung saß niemand mit ihr im Dienstwagen. Eine Windböe erwischte sie von der rechten Seite und ihr Auto kam auf der nassen, durch kleine Hagelkörner übersäten Landstraße ins Schlingern. Sie drosselte die Geschwindigkeit, fuhr sowieso nicht zu schnell und erinnerte sich an ihr Fahrsicherheitstraining auf dem Nürburgring, das ihr Uwe zu ihrem Dreißigsten schenkte. Blitzschnell verwandelte sich die Fahrbahn in eine spiegelglatte Rutschpartie. Im Geiste sah sie schon den Airbag auf sich zukommen und im Straßengraben lebensgefährlich verletzt liegen. Sie hatte unheimliches Glück. Außerdem beherzigte sie die Tipps des Fahrtrainers und das Antiblockiersystem ihres auberginefarbenen Golfs zeigte Wirkung. Mirjam behielt den Wagen unter Kontrolle und hielt fünfhundert Meter weiter in der Zufahrt zu einem landwirtschaftlichen Weg an. Diese unerwartete Situation nahm sie doch mehr mit, als sie zunächst vermutete. Kaum hatte sie den Motor abgestellt, zitterte sie wie Espenlaub. Sie musste deshalb eine Zwangspause einlegen.

Nach draußen wollte sie nicht, denn Regen peitschte noch immer mit Hagel vermischt von oben herab und verteilte sich überall in Windeseile. Sie schnallte sich ab und drehte sich um, denn auf der Rückbank lag eine Wolldecke. Mirjam griff nach der Decke und zeitgleich krachte es entsetzlich in ihrem Rücken. Eine Minute später saß sie wieder auf dem Fahrersitz und stülpte sich die Decke über. Dabei überlegte sie, ob sie nun endlich reif für den Recyclinghof wäre oder doch nur ein Fall für ihren Orthopäden, der sich mal wieder auf sie werfen müsste. Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Der Schüttelfrost hatte sie fest im Griff und dies veranlasste sie zu autogenem Training. Sie stellte sich vor, dass die Sonne scheint und es ein herrlicher Sommertag ist. Sie wollte unbedingt fest daran glauben, dass sie nun halbnackt in einer Hängematte lag und ihr neuer Nachbar Carlo sich über sie beugt, um sie zärtlich zu liebkosen. Dabei herrschte indes ringsherum Untergangsstimmung. Dunkle Wolken zogen über sie hinweg und die Abenddämmerung setzte ein. Sie war bereits drei Stunden lang mit ihrem Auto unterwegs, um zu einem idyllisch gelegenen Hotel zu fahren. Dort traf sie sich mit ihrem Chef zu einer Tagung. Zumindest hatte er diese Story vermutlich seiner Frau eingeredet. Mirjam konnte einfach nicht entspannen. Sie hatte eine fiese Vorahnung. Wahrscheinlich aber nur deswegen, weil es kein Rundmail für die Tagung gab. Jedenfalls hatten weder Britta, Gitti noch Ernst Kenntnis von dieser Tagung, als sie mit ihnen tags zuvor darüber in der Frühstückspause sprach. Alle drei grinsten sie unverschämt an und wechselten sofort das Thema. Sie wollte sich eine intime Tagung mit ihrem Chef absolut nicht vorstellen, glaubte an das Gute im Mann und hoffte auf ein Treffen mit Führungskräften anderer Filialen. Sie war auf Männer jüngeren Datums fixiert. Ihr Chef war für sie tabu. Außerdem hatte er so einen unvorteilhaften Schwabbelbauch und war bereits Anfang Sechzig. Sein sekundäres Geschlechtsteil wollte sie unter allen Umständen, auch in keiner Hotel-Sauna sehen müssen.

Was würde sie in diesem Romanik-Hotel erwarten? Aufgrund der schlechten Witterungsverhältnisse hätte sie eine gute Ausrede, um mit Hilfe ihres Smartphone abzusagen. Sie war hin und hergerissen. Am liebsten hätte sie so getan, als wäre sie nie zur Welt gekommen.

Immer noch tobte rund um ihr Fahrzeug das Unwetter. Irgendwie bot die Szenerie eine unheimliche Kulisse. Zur Ablenkung hörte sie keine Musik, die aus den Boxen des eingebauten CD-Players dröhnte. Sie hatte bewusst weder Autoradio noch CD-Spieler laufen. Sie wollte die Ruhe genießen und jedes Geräusch außerhalb ihres Fahrzeugs wahrnehmen. Sie döste ein bisschen bei geschlossenen Augen. Mirjam nahm urplötzlich ein lautes angsteinflößendes Geräusch - einen heftigen Schlag auf ihrem Autodach wahr. Sie fuhr durch eine uralte Allee, als sie vom Eisregen überrascht wurde. In unmittelbare Nähe ihres geparkten Fahrzeugs stand ein Baum. Dort war anscheinend ein Ast abgebrochen und auf ihr Autodach gefallen. Im ersten Moment erschrak sie dermaßen, so dass sie sich den linken Ellenbogen mit enormer Körperenergie an der Türschutzverkleidung anschlug. Voller Schmerz fluchte sie ein aggressives „bloody hell “. Im Rückspiegel erkannte sie das Ende des Astes, der bereits blätterlos war. Dann wurde es wieder still, so wie eine Woche zuvor. Da ereigneten sich hunderte Unfälle im Süden Bayerns durch gefrierenden Sprühregen. An jenem Morgen saß sie im Auto ihres Freunds, der die Kontrolle über seinen Wagen verlor und doch tatsachlich das Auto ihres Chefs rammte. Normalerweise sah sie ihren Chef nie auf dem Weg ins Büro. Er war ausgerechnet an jenem Morgen früher unterwegs. Es passierte auf dem Weg in die Stadt. Immer noch beschäftigte sie der Gedanke, dass ihr Freund Uwe vielleicht absichtlich die Limousine nicht unter Kontrolle halten konnte und dies beunruhigt sie zu tiefst. Anfang November bekam sie durch reinen Zufall in der Tiefgarage mit, wie ihr gebildeter, angeblich vornehmer Uwe den schnuckeligen Nachbar Carlo mit einem Laubsauger des Hausmeisters bedrohte, falls er ihr noch einmal schöne Augen machen würde.

Mirjam kam im Auto einfach nicht mehr zur Ruhe. Sie regte sich immer mehr auf und das Wetter wurde auch nicht besser. Mutterseelen alleine saß sie nun in der Dunkelheit  am Straßenrand in ihrem Auto. Dort wo normalerweise niemals jemand freiwillig anhalten würde, musste sie einen Zwischenstopp einlegen. Kein Mensch war unterwegs. Inzwischen pausierte sie eine dreiviertel Stunde. Sie kramte im Handschuhfach und fand eine Tafel Zartbitter-Schokolade, die als Notration im Auto lag.  Sie brach sich eine Rippe Schokolade ab und verstaute den Rest wieder im Handschuhfach. Dann lehnte sie sich auf dem Fahrersitz zurück und biss genüsslich in die Schokolade. Dabei stieß sie einen kleinen Seufzer aus und ließ den Tag Revue passieren. Eigentlich begann der Tag für sie wie im Traum. Uwe war früher aus New-York zurück, als ursprünglich geplant. Liebhaber Nr. 1 begrüßte sie am Morgen mit 29 langstieligen Black Baccara-Rosen und einem prickelnden  Sektfrühstück. Danach packte er auf die Schnelle seinen Koffer und verschwand wieder Richtung Flughafen. Dieses Mal musste er zu einem kurzfristig geplanten Meeting nach Tokio.  

In ihre Wohnung wollte Mirjam am Abend nur ungern zurück, aber inzwischen auch nicht in dieses pikfeine Landhotel, wo vermutlich ihr Chef viel zu gierig auf sie lauerte. Mit ihrem Smartphone war sie absichtlich nicht erreichbar, denn es war nicht eingeschaltet. Funkstille herrschte. Sie ahnte, dass vermutlich etliche SMSs eingegangen waren. Wahrscheinlich auch von Liebhaber Nr. 2 namens Klaus mit dem sie sich seit Jahren alle vier Wochen in einem alten Bahnwärterhäuschen traf.  Mirjam grinste plötzlich, weil sie an das letzte Treffen mit Klaus denken musste, als er vor ihr nackt auf die Knie ging, um dann festzustellen, dass er einen Notarzt braucht. Akuter Hexenschuss. Sie ließ ihn in seinem Elend zurück und informierte die Presse. Das war vorgestern, schoss es ihr immer noch dreist grinsend durch den Kopf. Er war bestimmt stinksauer, da sie ihn so liegen ließ. Aber er hatte ihr kurz zuvor ins Ohr gehaucht, dass sie immer noch seine einzige große Liebe sei und quasi noch im gleichen Atemzug, dass nun aus reinen PR-Gründen seine junge Frau wieder schwanger sei und er eine Babypause benötige. Da konnte sie nicht anders, als er plötzlich diese Blockierung bekam. Am liebsten hätte sie ihm noch die alte Eisenbahnlaterne gegen den Schädel geschlagen, so wütend war sie, aber der Anruf bei der Presse beruhigte sie genauso. Nur Klaus vermutlich nicht, denn seine Kleidung nahm sie zwar nicht mit, aber platzierte sie so, dass er sie während der akuten Schmerzen nicht erreichen konnte. Da kam Klaus eventuell in Erklärungsnot, als der neugierige Journalist ihn im alten Bahnwärterhäuschen antraf und nachfragte, warum er nackt in dieser Position ausharrte.

Manchmal war sie gemein, aber nur manchmal, so auch zu Klaus, ihrem sexy hexy Bürgermeister. Sie lachte laut. Extrem laut. Im Auto dröhnte es deswegen, weil sie sich in Gedanken genau vorstellen konnte, wie Klaus wohl entsetzt geguckt haben muss, als nicht der Notarzt, sondern der schleimige Egon Leim vom regionalen Schmierblättle Gemeindeblick vor ihm stand. Kaum verhallte ihr Lachen, bemerkte sie, dass ihr Handy wahrscheinlich nicht im Fahrzeugraum lag. Es lag nicht wie üblich auf der Ablage rechts neben dem Lenkrad. In ihrem Kopf spürte sie zusätzlich etliche Signale, die ihren Körper betrafen. Sie musste dringend auf die Toilette. Außerdem hatte sie Durst. Ein kleines Handicap brachte sie zusätzlich total aus der Fassung. Ihre Psyche streikte völlig unerwartet von einer Minute zur nächsten.

Eine urplötzlich auftretende Lähmung hielt sie auf dem Fahrersitz fest, als hätte man sie dort für immer einbetoniert, so fühlte sie sich in jenem Moment. Sie hätte vielleicht wegen Liebhaber Nr. 2 nicht so schadenfroh lachen sollen, vermutete sie und dachte dabei sofort an die Voodoo-Puppe, die Klaus mal mit ins Bahnwärterhäuschen brachte. Er drohte ihr damals spaßeshalber damit, falls sie nicht die Hüllen fallen lassen würde. Deshalb kam sie auf die spontane Idee und fing zu singen an. Mirjam begann mit einem Harry-Belafonte Lied. Es wirkte immer beruhigend auf sie, wenn sie sich unwohl fühlte. Das Lied hörte sie bereits als Baby im Mutterleib. Voller Leidenschaft sang sie den Refrain von Island In the Sun immer wieder aufs Neue. Solange, bis ein dunkelgrauer Kleinlaster im Blindflug an ihr vorbeirauschte und sie deswegen kurz stöhnte. Abrupt hörte sie mit dem Gesang auf und stellte sich die Frage, ob dieser „Vollhorst“ nicht gesehen hatte, dass sie da ganz alleine in einem beschädigten Fahrzeug saß und aus lauter Verzweiflung sang. Sie war völlig talentfrei und sang nur in Notsituationen. „Manno!“, schrie sie wütend. Dabei hätte sie den Abend insgeheim zu gern mit Carlo verbracht. Längst hagelte es nicht mehr, aber Wind und Regen hatten nicht nachgelassen. Die Windböen ließen nicht nach. Ringsherum lagen überall Zweige, die durch den heftigen Wind wie Streichhölzer abknickten. Sie hatte überhaupt keine Ahnung wie schwer ihr Auto durch den Aufprall des Astes beschädigt wurde, aber die Versicherung würde bestimmt für den Schaden aufkommen, so glaubte sie in jener Situation. Sie wollte nur noch eins, dass sie endlich mit dem Mann zusammen sein könnte in den sie seit Wochen verliebt war.

Knapp 200 km war sie bereits gefahren. Auf der Autobahn stand sie zu Anfang ihrer Fahrt im Stau, aber dies meisterte sie mit Gelassenheit und Galgenhumor. Ihre Fröhlichkeit war inzwischen verschwunden wie der Blick ins Freie. Da es draußen dunkel war. Uwe, Liebhaber Nr. 1, musste irgendwo zwischen München und Tokio sein. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, wo er zwischenlandete, wann er ankam und in welchem Hotel er schlief. Für sie war es inzwischen Alltag, dass er ständig irgendwo hinflog und sie sich beide nur selten sahen. Er führte ein Jetset-Leben. Inzwischen war sie mit ihm vier Jahre leiert, kannte aber kein einziges Mitglied seiner Familie persönlich. Sie hatte nie nachgeforscht, ob er sie belog und auch wie Klaus verheiratet war. Bislang war ihr es egal gewesen. Solange, bis sie Carlos kennenlernte, als sie sich bei der Mülltrennung in der Tiefgarage des Wohnblocks das erste Mal begegneten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie klärte ihn über die Räumlichkeiten vor Ort auf: gelbe Tür für gelbe Säcke, schwarze Tür für Kartonagen bzw. Altpapier und blaue Tür für Restmüll.  Sie fragte ihn, ob er wie andere Mieter farbenblind sei, als sie sich gerade im Raum mit der gelben Tür befand, um dort ihre gelben Säcke abzustellen. Dort stank es bestialisch nach Müll, nach Schimmel und verwestem Allerlei der Wegwerfgesellschaft. Es kostete sie ungeheurere Überwindung, dass sie sich überhaupt in diesem Raum mit ihm unterhielt, aber sein Lächeln war so süß, als er beschämt seinen Restmüll wieder in die Hand nahm und den Raum verließ. Sie hatte sich am dreckigsten Ort, den man sich in einem Wohnblock nur vorstellen kann, verliebt. Alles hätte sie nun dafür gegeben, wenn er ihr dieses Lächeln nochmals schenken würde wie am Mittag.

Inzwischen war es stockfinster geworden und es war anderthalb Stunden später seit sie am Straßenrand anhielt. Sie knipste die Innenraumbeleuchtung über ihrem Rückspiegel an. Danach kramte sie in ihrer Handtasche nach ihrem Smartphone. Sie fand es nicht, aber dafür ihr Tagebuch mit einem Kugelschreiber und notierte einige wenige Zeilen. Der Tag begann für sie mit 29 wunderschönen Black Baccara-Rosen und sollte an jenem Abend mit 29 Küssen von Carlo auf ihrem gesamten Körper enden. Darauf hoffte sie und schrieb es auf. Noch könnte Carlo es schaffen sie vor Mitternacht aus ihrem Auto zu bergen und sie auch vor ihrem wollüstigen Chef retten, der ihr vermutlich eine Abmahnung schicken würde, weil sie nicht pünktlich im Hotel erschien. Von Sandkastenfreund Klaus würde sie in den kommenden Monaten nichts mehr hören. Er würde sich erst wieder bei ihr melden, wenn das zu erwartende Kind ein halbes Jahr alt sei. Jedenfalls hatte er sich bei den vergangenen zwei Schwangerschaften so verhalten. Vielleicht würde Klaus sie auch nie wieder im Leben berühren, weil sie ihn im Stich ließ, als er starke Schmerzen hatte. All ihre Gedanken hinterließ sie in ihrem Tagebuch unter der Rubrik: For ever goofy. Danach verschwand es wieder in ihrer Handtasche. Anschließend wühlte sie eine kleine Ewigkeit darin, aber ihr Smartphone blieb verschwunden. Mirjam hätte am liebsten gigantisch laut aufgeschrien, blieb aber cool, denn Panik wäre das Allerletzte, was sie nun in dieser gespenstisch wirkenden Umgebung benötigte und so fing sie wieder zu singen an. Am Mittag hatte sie in Hektik ihre Reisetasche gepackt, da Carlo sie zuvor mit einem Überraschungsbesuch ablenkte. Dieser Besuch endete in einem absoluten Gefühlschaos, da er sie bei der Verabschiedung innig küsste und sie ihn deshalb wieder in ihre Wohnung zog. Wenige Sekunden später fielen beide wie zwei Bonobo-Äffchen übereinander her. Vielleicht hatte sie das Handy aus Versehen in die Reisetasche gelegt, anstatt es in ihre Handtasche zu stecken, schwirrte es ihr durch den Kopf. Währenddessen sang sie immer noch den Refrain von Island In the Sun, denn den konnte sie zumindest textlich richtig gut. Bis zur Abreise hing das Smartphone am Ladekabel. Nach Carlos Besuch war sie total verwirrt. Und wäre lieber zu Hause geblieben. Hatte sie ihr Smartphone überhaupt eingesteckt?

Draußen regnete es noch immer, aber der Eisregen war vorüber. Mirjam legte die Wolldecke auf ihre Handtasche, die auf dem Beifahrersitz lag und stieg aus dem Auto aus. Sie lief um das Auto herum und betrachtete es mit einer Taschenlampe. Das Dach war total verbeult. Sie wunderte es, dass die Heckscheibe nicht zu Bruch ging. Ein relativ großer Ast war aufs Fahrzeugdach gestürzt. Sie schüttelte kurz den Kopf und danach öffnete sie den Kofferraum. In ihrer Reisetasche lag tatsächlich das Smartphone. Da hätte sie vor Freude jubeln können, aber dazu kam es nicht mehr, als in der Dunkelheit aus dem Nichts heraus eine Horde ausgewachsener Wildschweine auftauchte…

© Corina Wagner, November 2015


Aus der Reihe: Geschichten, die wahr sein könnten...

Vorsicht Satire!

Facebook-Abschaum

Pegida-Sympathisant Karl sitzt vor dem PC und grinst dreist. „Was machst Du gerade?“, so las er wenige Sekunden zuvor. Diese Frage sehen tagtäglich Facebook-Nutzer wie er, Du und ich. Einen Tag zuvor las er im Internet, dass es „1,39 Mrd. aktive Facebook-Nutzer“ gibt. Davon wird es bestimmt eine große Anzahl von Menschen geben, die wie ich rechtes Gedankengut vertreten, schwirrte es ihm spontan durch sein minimalistisch geprägtes, falsch vernetztes Gehirn. Karl lebt in Deutschland und sucht nun kurz vor dem Tag der Wiedervereinigung insgeheim viele Dumpfbacken, die aber so clever sind, dass sie auf ihren Facebook-Seiten ein bisschen hetzen, ohne auf Heikos Wunsch erwischt zu werden. Er will, dass Unruhe erzeugt wird. Ängste geschürt und Halbwahrheiten geschrieben werden. Da ist ihm jede Methode recht. Er schreit auch ganz laut „Lügenpresse“, wenn er mit marschiert, aber nicht erkannt werden will. Karl gehört zu jenen deutschen Kreaturen, die auch auf Journalisten losgehen können. Er neigt zur Gewalt. Wenn er im Voraus weiß, dass er nicht erwischt wird, dann wirft er auch beschränkter Weise mit Glasflaschen nach ausländisch wirkenden Menschen. Er ist einer der übleren Sorte von Deutschen, die stets friedlich und völlig unbescholten in die Linse grinsen, wenn sie in der Öffentlichkeit gefilmt werden. Sie agieren lieber im Hintergrund, aber dann eiskalt und empathielos Fremden gegenüber.

„Immer wenn ich den Horsti sehe, dann will ich nicht mehr in Bayern leben, wenn Du verstehst, was ich meine…!, postete Anton auf seiner Profilseite. Dieser Eintrag stört Karl immens und notierte sofort  diese Aussage in seinem elektronischen Tagebuch. Seit Monaten schreibt er auf, was ihn bei Facebook  ärgert. Uschi war an jenem Abend einige hundert Kilometer weiter entfernt, konnte nicht posten und war mit eingestaubtem Papierkram beschäftigt. Sie wühlte in alten Unterlagen, denn sie hegte mit anderen den Verdacht, dass sie vor einiger Zeit relativ naiv handelte und geistigen Diebstahl betrieb. Kopierte Worte können zu Waffen werden, wenn sie falsch eingesetzt werden, so nun ihre Vermutung. Geistige Zerstreuung fand Sigmar zur gleichen Zeit, als er mal wieder heimlich vor einem überdimensionalen Spiegel die Miniausgabe der Deutschlandfahne in der Hand hielt und sich damit so positionierte, dass er sich später im Freien mit dem Fähnchen im Wind drehte. Herrlich, so dachte insgeheim ein Spezi, der ihn heimlich beobachtete und dies aber nicht auf seiner Seite postete, aber deswegen nun Karl über PN benachrichtigte. Es ist wichtig, dass man mit vielen vernetzt ist, auch mit Leuten aus früheren Zeiten. Da ist es auch egal, welche Ideologien sie zunächst vertreten, so Karls Überzeugung. Auf der Startseite entdeckt Karl wieder ein neues Posting, das ganz nach seinem Geschmack ist.

„TTIP wird kommen wie das gefühlsbetone Amen wegen CETA, dies prophezeien bereits heute schon die ungelegten Eier, die 2016 zu Wiesenhendl werden“, denkt nicht etwa Angi, sondern Frauke und gibt dieses Gedankengut auf ihrer Facebook-Seite wieder. Dazu gibt es bislang nur einen Kommentar von Gitte, liegt vielleicht auch daran, dass sie erst drei Freunde hat: „Dann werden einige PolitikerInnen die Beichtstühle in Schweigeklöstern stürmen“. Karl sitzt da und grübelt, weiß aber nicht, was er kommentieren soll. Er hätte ja lieber über Flüchtlinge gehetzt, das kann Frauke auch, das weiß er ganz genau. Jetzt wird er wieder etliche Stunden mit Grübeln verbringen. In der Zeit kann er zumindest keinen negativ wirkenden Blödsinn schreiben oder in die Realität umsetzen…

© Corina Wagner, 1.10.2015

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/facebook-abschaum

 


 

Aus der Reihe: Ein bisschen Kultur geht immer…

Die Crux mit dem Kulturkiller

Da sitzt ein Durchschnittsmensch, nennen wir ihn ruhig Müller, vor seinem Laptop und gibt in die Suchmaschine das Wort Kultur ein. Das Ganze macht auch irgendwie Sinn, meint seine Frau. Denn beide beschäftigen sich seit Tagen mit dem Thema Kultur insbesondere Kulturen im Joghurt. Manche Joghurtmarken enthalten  lebende Kulturen und damit hat Müller ein echtes Problem. Er will nur tote Kulturen und das könnte sie seinetwegen völlig ruhig und gelassen politisch auffassen. Seine Frau macht ihm den Vorwurf, dass er noch lange kein Kulturenkiller sei, wenn er diesen lebendigen Joghurt essen würde. Man könnte das aus künstlerischer Sicht sehen, dann hätte er quasi mal wieder eine Performance in seinem Darm. Seit Stunden sitzt Müller inzwischen wie gebannt vor seinem Laptop, da er seiner Frau beweisen will, dass das Wort Kulturenkiller in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet wird.

Er macht sich in einer Woerd-Datei Notizen und kopiert sogar stellenweise ganze Textpassagen für seine Frau. Tagtäglich begegnet uns das Wort Kultur in allerlei Kontexten. Das Wort „Kultur“ leitet sich vom lateinischen ‚colere‘ ab, also von pflegen und urbar machen. Dann kann also ein harmlos wirkender Kulturschaffender auch ein Kulturkiller sein und mit seinen Fähigkeiten eine Kulturlandschaft zu Tode pflegen, denkt er. Müller ist begeistert, denn er liest wenige Minuten später auf einer kulturell angelegten Seite: „Herzlich Willkommen in unserer friedliebenden Kulturlandschaft!“

Eine Botschaft, die den Weltfrieden verkörpern könnte, denkt er spontan und surft ein bisschen weiter. Diese Marketingmaßnahme steht auf der Seite einer eingeschworenen Gruppe, die sich mit Kulturtechniken auskennt, so  z.B. wie man Feuer macht.  Denn, das weiß inzwischen doch wahrscheinlich jeder Kulturbanause, das Kulturtechniken immer komplexe Lösungskonzepte für unterschiedliche Probleme sind und somit extrem praxisbezogen relevant sein können, wenn man sich in der Alltagskultur auskennen möchte und keinen Kulturschock erleben will. Ja genau und deshalb gibt es auch die Populärkultur. Doch nicht selten fragt sich der normale Mensch, warum er in die Tiefe gehen muss, um doch nur Oberflächiges im Kulturteil zu entdecken. Was ist wirklich populär? Vermutlich die Fußballkultur und neuerdings die Willkommenskultur. Müller will nun Kulturschaffender werden und bringt zu Hause ein bisschen Kultur in sein Arbeitszimmer. Was passiert eigentlich, wenn sich ein talentierter und begabter Künstler nicht selbst finanzieren kann? Seine Kultur verkümmert vermutlich. Und wenn sich viele Künstler nicht finanzieren können?, schwirrt es ihm durch den Kopf. Er druckt deshalb einen riesengroßen Stapel kulturell relevante Berichte, Artikel aus, die im Hause Müller die Diskussionskultur fördern könnte, denn er stößt auf einen Artikel über Kultursponsoring…

„Während die Sponsoringausgaben für Sport und Medienprojekte deutlich wachsen, stagnieren die Budgets für Theater, Kunst und Musik (mit Ausnahme von Rockkonzerten). Dabei wird Sponsoring bei klammen Stadtkassen zunehmend lebenswichtig – gerade für kleine und mutige Kulturprojekte.“ (Zitat zu finden bei  www.akademie.de/wissen/kultursponsoring)

 

© Corina Wagner, September 2015

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/die-crux-mit-dem-kulturkiller

 


 

Hallo,

will anonym bleiben, stehe immer noch unter Schock und muss mir mein Erlebtes von der Seele schreiben. Ich bin Deutsche, aber auch Europäerin mit Leib und Seele.

„Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde. Komm', schenk dir ein und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran, dass ich immer träume von daheim; Du musst verzeih'n.“, grölte vor genau 24 Stunden mein Papagei Jannis volle Lotte, als die Balkontür sperrangelweit aufstand.

Am liebsten hätte ich ihm den Schnabel herumgedreht. Wellensittich Sokrates machte gleichzeitig einen atemraubenden Aufschrei auf seiner Stange und versuchte mit einem deutschen Salatblatt Suizid zu begehen. Deswegen blieb mir beinahe eine leckere Olive aus Kreta im Hals stecken und im Ofen verkohlte anschließend mein mediterran gewürzter griechischer Schafskäse auf sonnengereiften italienischen Tomaten, weil Schäferhund Claude vor Schreck mit der Schnauze an den Temperaturknopf des Backofens kam.  Miezekatze Angie fiel derzeit über die Schachtel mit belgischen Trüffeln her und mein geliebter Nachbar mit griechischen Wurzeln  stand plötzlich auf meinem Balkon und schrie ganz laut:

„τι μαλακίες είναι αυτές πάλι"

„Wie, was soll der Scheiß? Natürlich fahre ich mit Dir übermorgen nach Griechenland in Urlaub!“ erwiderte ich völlig entsetzt, hyperventilierte und fiel in Ohnmacht. Vielleicht lag es auch an dem Liter uralten Retsina, den ich eine viertel Stunde zuvor vor lauter Verzweiflung auf Ex gekippt hatte…

 

 © Corina Wagner, Juni 2015

 

 


 

Fachkräftemangel nervt!

Einige Gedanken von Prof. Dr. Rautgunde Rautenberger zum Fachkräftemangel in ihrer Branche...

 

Der Fachkräftemangel nervt!

Seit Tagen kann ich nicht mehr mit offenen Augen schlafen. Sehstörungen machen mir zu schaffen.

Es nervt. Bislang hatte ich nie Probleme, das ein oder andere Auge zuzudrücken, wenn ich wegschauen wollte. Jetzt nervt mich jeder geringste Blick in die Zukunft, macht mich zeitweise blind.

Alles fing mit einer typischen Handbewegung an, die zu meinem Beruf gehört. Danach machte ich mir Sorgen, ob es meinen Job noch in Zukunft geben wird. Ausländische Piraterie schwächt keineswegs die Branche. Der Zoll findet oftmals nur ansatzweise ähnliche Stellungen, Fingerstellungen, aber ohne die wahre Aussage, die ich mir schon vor vielen Jahren patentieren ließ. Es ist total schwierig auf das angekündigte Fiasko, das von Schwarzmalern bunt ausgemalt wird, einzugehen. Seit ich vor zwei Wochen mit dem Demografie-Rechner arbeitete und zusätzlich stundenlang auf den Fachkräftemonitor klotzte, fühle ich mich von Tag zu Tag schlechter. Inzwischen habe ich ein Tief, als stünde ich auf der Weltuntergangsliste auf Platz zwei für Katastrophen. Wie sieht es mit meiner Zukunft aus? Was passiert mit meinem Job. Kann ich noch prädestinierte Fachkräfte ausbilden, die dann auf dem deutschen Arbeitsmarkt als hochqualifizierte Dienstleister für Politiker und Manager frei verfügbar sind? Dünnbrettbohrer sind dafür wahrlich nicht geeignet und diese Tatsache macht das Ganze nicht einfacher, da die Jugend immer mehr verblödet.

Immer wieder wird auf Fachkräftemangel aufmerksam gemacht. Mein Berufszweig ist tatsächlich massiv vom Aussterben bedroht, da keiner mehr Semester für Semester das Rautenverfahren analysieren, studieren will. Wir diplomierten RautentrainerInnen haben es wirklich nicht leicht, denn der potenzielle Nachwuchs hadert immer häufiger. Dieser Beruf setzt ein breitgefächertes Studium voraus. Außer Schwerpunkt Rauten-Marketing wird eine Menge abverlangt. Psychologie, Soziologie, Gender Studies, Mathematik, Physik, Politik, Internationale Smalltalk-Gestaltungtechniken sind Kernfächer, die für manchen Hochschulabsolventen nicht mehr zu bewältigen sind, da sich 80 Prozent aller Studierenden nur noch auf eine Sache konzentrieren können. Ihre Gedanken schweifen nicht selten ab und befassen sich dann nur noch mit der Beschaffung von Methylphenidat. Wenn ich an den Berufszweig denke, dann jammere ich jetzt, hier und heute bewusst auf hohem Niveau.

Die Hände werden mit speziell entwickelten Methoden intensiv trainiert. Sie werden zum wichtigen Botschafter in bestimmten Situationen und ermöglichen den gezielten Blick des jeweiligen Betrachters durchs rautenförmige Zeitfenster auf den Bauch des Rautenmachers. Gedanken kreisen fortan und setzen viele Fragen in Gang. Wird auf ein politisches Bauchgefühl hingewiesen? Wie dick ist der Bauch, wie schmal die Raute? Es gibt einheitliche Vorgaben, die jede/r gute RautentrainerIn vermitteln kann. Befindet sich die kleine oder große Raute unter- oder oberhalb der Taille? Wird Mütterlichkeit, Güte ausgestrahlt, wenn es eine Rautenmacherin ist? Wird die Raute zum Mysterium? Weist die Größe der Raute auf Macht hin? Promovierte RautentrainerInnen grübeln über neue Techniken, damit zukünftige Rautenprofis mehr Spaß bei der Anwendung haben. Das Rauteneinmaleins ist grundsätzlich das A und O für eine angestrebte Führungsposition, die man nicht im Fernstudium erlernt und deshalb nicht unterschätzen sollte.

Im Moment suche ich händeringend nach jungen Menschen, die Energie und Sachverstand mitbringen, um sich als RautentrainerInnen ausbilden zu lassen. Wenn nicht bald einige talentierte Finger in Bewegungen kommen, stirbt wohl dieser gutbezahlte Job aus.

Danke für Interesse!

Beste Grüße

Prof. Dr. Rautgunde Rautenberger

 

Frau Prof. Dr. Rautgunde Rautenberger bei der Arbeit:

© Bild: B.W.

© Corina Wagner, 18. Mai 2015

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/fachkraeftemangel-nervt


Deutschtümelei?

Wer ist auf Zack?

Was ist Deutschtümelei bzw. Germanophilie?

Haha! „Teutonisches, altscharfes Gedingensgedöns“ oder so ähnlich. Die Beantwortung stellt eine echte Herausforderung dar, so könnte man meinen.

Diese Frage kann z.B. Familie Eiche (Name geändert) anhand ihrer aufdringlichen Wesensart klar beantworten, würde man sie interviewen und zur Thematik, also zu jener Angelegenheit befragen. Zunächst würden die Familienmitglieder angewidert auf alles Fremde starren, um dann deutlich zu zeigen, dass ihre Ahnen der völkischen Bewegung angehörten. Brutalität und Fremdenfeindlichkeit liegt ihnen im Blut. Familie Eiche ist nur ein Beispiel von vielen, die in Deutschland leben und zum Ausdruck bringen, dass sie inzwischen zu deutsch für das moderne, zeitgemäße Deutschland sind. Deutschstämmige Menschen wie Familie Eiche gehen neuerdings wieder auf die Straße. Gemeinsam mit Gleichgesinnten, die insgeheim meist bereits unter dem gefährlichen Adolf-Tinnitus leiden. Infusionen helfen dagegen nichts, auch keine Sonderbehandlung, denn dieses Wort hat für Menschen wie sie eine ganz andere Bedeutung. Gezielte Aufklärung hilft. Hassfreie, tolerant geführte Gespräche, die mit viel Aufmerksamkeit erfolgen. Und oftmals gegen die ersten Symptome wie z.B. Teutonisches Klingeln in den Ohren, jenem gefährlichen Adolf-Geräusch entgegenwirken, das durch permanentes Auftreten zu schweren Hirnschäden führen kann. Diese Hirnschäden bemerken immer mehr Menschen, die von außen ins Land kommen.

“Schade, dass deutsche Beschränktheit, Hitlerei anscheinend weitervererbt wurde!“, dachte erst kürzlich der politisch Verfolgte. Ein gebildeter Asylant, ein Intellektueller, der vor seiner Flucht glaubte, dass er in Deutschland keine Angst vor abgrundtiefem Hass haben müsste. Er irrte sich gewaltig, als er neulich im Hellen Familie Eiche traf…

 

© CoLyrik, Corina Wagner, Januar 2015

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/deutschtuemelei

 


Outing

Viele Menschen nehmen sich an Silvester gute Vorsätze fürs neue Jahr vor. Manche hören z.B. mit dem Rauchen auf, andere outen sich...

Outing

Heute möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich outen. Es liegt wohl am Datum. Gute Vorsätze will ich im neuen Jahr umsetzen. Mein Name ist Lioba Lieblich (Name geändert). Es ist Winterzeit. Januar. Die Jetztzeit ist kein Schnee von gestern, aber auch kein Blitzeis von Morgen, sondern eher eine Rutschpartie zum Abtriften ins Jenseits. Keine Angst. Ich werde es nicht tun. Ich werde mir auch nicht die Zunge spalten lassen.

Vor knapp vier Wochen habe ich mich dem Verein Radikaler Liebeswahn angeschlossen und die damalige Aufnahme mit voller Liebe genossen. Es ist keine Bruder- oder Schwesternschaft, aber so ähnlich. Eine Interessengemeinschaft, die Liebe bietet. Lange musste ich nicht überlegen, als man mich in der Fußgängerzone ansprach und mir das Buch der apodiktischen Liebe schenkte. Ich kam gerade vom Weihnachtsmarkt und war in Glühweinlaune, als mich diese gepflegte Erscheinung, ein gut aussehender Herr ansprach. Jeder hätte in meinem momentanen Zustand sofort unterschrieben. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Zu diesem unterschriebenen Mitgliedsantrag gab es noch einen herzigen Adventskalender in dem ganz viel Liebe zum Detail steckte, auch eine große Dose Liebeskapseln, eine CD mit Love-Songs und sogar noch eine praktische Baumwolltasche mit der Aufschrift LIEBESABENTEUER. An Ort und Stelle habe ich es tatsächlich getan, quasi im Glühweinrausch. Ich habe an diesem Stand der RL-Sekte total spontan den Mitgliedsantrag unterschrieben. Das Kleingedruckte konnte ich im Dunkel wahrlich nicht mehr lesen. Nach vier Tassen Glühwein und einer randvollen Tasse Feuerzangenbowle kein Wunder, so vermute ich.

Dieser Typ war aber auch wirklich zum Verlieben. Er hatte diesen „Ich lieb‘ Dich ohne wenn und aber-Gesichtsausdruck“ super gut drauf und zog mich dadurch magisch an. Vielleicht lag es auch an seinem Zahnpasta-Lächeln. Er sah so extrem unschuldig aus, wirkte auf mich wie ein heiliggesprochener Politiker, ein Wesen aus einer anderen Zeit. Ihn störte auch nicht, dass mein Wintermantel von oben bis unten mit Senf bekleckert war und an meiner schief aufgesetzten Weihnachtsmütze Zuckerwatte haftete. Ich roch dezent nach Lama-Kacke. Da ich zuvor in einen lauwarmen Haufen trat, der für mich nicht mehr erkennbar mitten im Weg lag. Zirkusleute standen mit einigen Tieren in der Fußgängerzone und sammelten Geld für das Winterquartier ihrer Tiere. Seine Aura kann ich wirklich nicht beschreiben. Nicht die Aura des Lama-Männchens, sondern dieser hübschen Erscheinung des Werbebotschafters vom Verein radikaler Liebeswahn. Man muss es erlebt haben. Ich war damals von seinem Anblick überwältigt, lag wohl auch an meinem Glühweinkonsum auf dem Weihnachtsmarkt.

Drei Tage später hielt ich vor 750 Gleichgesinnten in einer Tiefgarage ein Statement über bedingungslose Liebe und blieb deswegen nach Vorschrift barfuß auf einem aufgeklebten blutroten Schmollmund mit den Füßen kleben. Barfuß im Winter in einer eiskalten, schummrigen Tiefgarage zu stehen, ist schon irre genug, könnte man denken. Unfassbar! Eigentlich realitätsfremd, was ich getan habe. Eine bizarre Situation, wenn man nachträglich darüber nachdenkt. „Das machen die dort immer so…“, hat man mir auf Nachfrage mitgeteilt. Es gab eine plausible Erklärung. Wegen der Bodenhaftung beim Reden der Neulinge, so lautete die Antwort. Auf Eiseskälte wird grundsätzlich keine Rücksicht genommen. Es gibt dann generell zuvor für alle Neulinge Liebespunsch. Dieser rote Schmollmund kam mir so sonderbar vor. Ich hatte allerdings schon 5 Liebeskapseln intus und zwei Tassen vom leckeren, heißen Liebespunsch.

Später erfuhr ich von einem Insider, dass dort jemand zuvor beim Rückwärtseinparken sauer war und die Katze im Sack überfuhr, die man mir mitgebracht hatte. Es war alles so glaub- und liebenswürdig, als mich die anderen Vereinsmitglieder in der Tiefgarage netterweise in und auf den Arm nahmen. Diese kollektive liebevolle Begegnung war der reinste Wahnsinn. Diese mir entgegen gebrachte Zuneigung begeistert mich nach wie vor irgendwie tief im Inneren. Dort wo die Wahrnehmung zu gern gestört wird, wenn man verliebt ist. Wahnsinn! Es lag vielleicht auch an den Liebeskapseln, die Pflicht sind, wenn man dazu gehören will. Dreimal täglich soll man fünf Kapseln einnehmen, wenn man Mitglied ist. Eine feine Dosis.

Ich lebe und liebe nun nach Satzung. Und das ist echt geil, einfach klasse. Ich hasse nicht mehr, sondern liebe nun alles. Ich liebe neuerdings den fetten Bullterrier und sein Herrchen, den widerlichen Nachbarn mit der tätowierten 88 auf dem Oberarm. Witzigerweise liebe ich den Hassprediger aus dem Multikultihaus Schöner Schein und diejenigen aus dem Proletariat, die hetzen und heimlich ihre Messer wetzen. Ich liebe neuerdings Kakerlaken, diese zierlichen Dinger auf einem meiner Finger, wenn ich in meinem neuen Lieblingslokal aufs Essen warte wie gestern Abend. Früher hätte ich hysterisch geschrien. Jetzt liebe ich sie mit Haut und Fühler. Das ist herrlich, aber ehrlich gesagt, auch eigentlich entbehrlich.

Ich liebe plötzlich Märtyrer, Despoten, Führer, weil das laut Satzung keine Pappnasen sind und Liebe macht ja bekanntlich blind. Deshalb lässt auch meine Sehkraft nach. Eigentlich ein medizinisches Thema. Ich blicke nicht mehr überall durch, aber das stört mich nicht wirklich. Dafür liebe ich nun alles. Diese Liebeskaspeln kann ich nur empfehlen. Sie lenken vom Alltag ab. Jene Philosophie, die dahinter steckt, habe ich wahrlich noch nicht relativiert. Der erste Vorsitzende vom Verein Radikaler Liebeswahn nimmt diese Kapseln nicht ein. Er sagte zu mir grinsend, dass er als Vorsitzender die „Lieblinge“ nicht dreimal täglich einwerfen kann. Eigentlich verständlich, wenn man weiß, welche Berufe er ausübt. Er arbeitet drei Stunden am Tag als diplomierter Hellseher. Er gehört weltweit zu den qualifizierten, angesehenen Weltuntergangsverstehern. Zwei Stunden am Tag arbeitet er als V-Mann und die restlichen Stunden als Betreuer. Keine Ahnung, wen oder was er genau betreut. Vermutlich radikal liebevoll. Er tut auch mir und meinem Bankkonto gut. Er ist mein Seher, mein Visionär, mein Gesamtbild-Versteher, eigentlich auch mein Betreuer. Ich bin wirklich total begeistert von ihm. Ich habe es noch nicht bereut, dass auch er mein Erspartes, meine Geldanlagen aus reiner Liebe verwaltet. Früher hätte ich dies nie zugelassen. Ich habe mich in seine eiskalten Augen total verliebt. Ich könnte sogar für ihn eines Tages sterben. Das hätte ich mir früher in meinem alten Leben nie vorstellen können. Da konnte ich mir Vieles nicht vorstellen.

Und nun? Ich liebe nun großzügig, beinahe schon hemmungslos.

Ich liebe ohne nennenswerten Grund seit Wochen katholische Unterhosen und geschmacksneutrale Ravioli in Dosen. Ich liebe, liebe, liebe Ungeheuerlichkeiten und massive Streitigkeiten. Auch Mörder lieb ich jetzt mit ganz anderen Augen und kann ihnen tatsächlich mit Leib und Seele vertrauen. Mein Liebesleben ist laut Fettgedrucktem in der Vereinssatzung…

… dermaßen Hammer!

Ich war zunächst sprachlos, als ich es las, was mich erwartet, wenn ich regelmäßig die „Lieblinge“, diese Liebeskapseln einnehme. Ich komme z.B. früher oder später in den Liebeshimmel, nicht in die Hölle. Das wird mir nun garantiert. Da oben wird es für mich nur junge, gebildete Männer geben, die mich verwöhnen. Ich konnte leider bislang nicht das Kleingedruckte in der Klammer lesen, da ich keine kleinen Buchstaben mehr erkenne, seitdem ich diese Kapseln schlucke. Wahrscheinlich treffe ich da oben nur engelhafte Wesen. Egal! Jetzt geht es mir prima. Darf endlich andere lieben, die ich zuvor hasste. Wer mir vor die Brüste kommt, wird nun geknuddelt, gedrüxelt und gefühlsbetont gedrückt.

Es klingt zwar verrückt, aber ich liebe nun alles, was zuvor noch lebt und sich bewegt. Silberfischchen, die mir in meiner feuchten Kellerwohnung begegnen, die liebe ich viel mehr, als früher. Jetzt liebe ich sie mit Inbrunst. Ich liebe sie tatsächlich sehr. Das ist wirklich nicht schwer, wenn man sie nicht lieblos mit den Füßen zermatscht und zerdrückt. Sie fast zärtlich, gefühlvoll vom Boden aufhebt und danach mit den Fingern liebevoll durch ein Küchensieb schiebt. So mach‘ ich das sinnbildlich betrachtet auch in Zukunft mit Männern. Wenn man radikal liebt, sieht man vieles anders. Das liebevolle Handeln ist angesagt, wenn man Mitglied im Verein Radikaler Liebeswahn ist. Da gibt es verständlicherweise Richtlinien. Du veränderst Dich zwangsläufig und wirst zum Liebesgedöns-Spezialist, zur Fachfrau des Vereins.

Seit ich Mitglied bin, habe ich endlich Zeit für Liebenswürdigkeiten und viel mehr Gespür wie früher. Ich stelle mich sogar seit einer Woche in Fußgängerzonen, um Mitglieder zu werben. Dort lasse ich dann Liebeswahn- Drohnen mit Info-Material landen, um mit Interessierten radikal liebevoll anzubandeln. Ich lasse dann die ein oder andere Liebesbombe platzen. Liebesdragees fallen sogar spektakulär vom Himmel. Eine neue Werbeaktion…

 

© Corina Wagner, Januar 2015, Fiktive Kurzgeschichte

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/outing


Baunummer 401

Hedda saß wie angewurzelt auf einer Bank am Ufer eines Sees und starrte aufs Wasser. Schon wieder war es passiert.

Dieser schreckliche Moment, wenn wie im Zeitraffer in ihrem Gehirn Unglaubliches abgespult wurde. Dann war sie zu nichts mehr fähig. Hedda tauchte dann in die Tiefe ihres Unterbewusstseins ein und wurde zu Rose. Sie saß völlig regungslos da, umklammerte wie unter Hypnose einen schwarzen Bären aus feinstem Mohair. Ihr Blick versank auf der Oberfläche des Sees. Vor ihrem geistigen Auge sah sie dreidimensionale Bilder. Wie immer lächelte sie, winkte wie all die anderen Passagiere, wenn sie im englischen Southampton in See stach. Dann begann ihre Zeitreise, die keiner aufhalten konnte. Ringsherum verschwand das bunte Treiben am See. Nur kurz bewegte sie ihren Kopf, als eine heftige Brise herüber wehte, die nach gegrillter Rostbratwurst, altem Frittierfett der Pommesbude underwater world roch. Sie war so sehr mit sich selbst beschäftigt, so dass sie überhaupt nicht bemerkte, dass ein Graureiher im Sturzflug an ihr vorüber flog. Und direkt neben ihr einen weißen Fleck auf der Sitzfläche der alten Holzbank hinterließ. Cumulonimbus-Wolken bewegten sich rasant auf sie zu. Badegäste verließen in Windeseile mit ihren Habseligkeiten den Badesee. Es schien so, als wäre Hedda wie gelähmt. Sie war nun Rose und stand deshalb immer noch kerzengrade auf dem Deck des Kreuzfahrtschiffs Titanic, das in Richtung New York unterwegs war, als der erste Donnerschlag in der Ferne zu hören war. Könnte Hedda die Datumsanzeige von 2013 wieder auf das Jahr 1997 zurückdrehen - an jene Stelle bevor das amerikanische Spielfilmdrama Titanic in die deutschen Kinos kam, dann hätte sie einen Neuanfang gewagt. Sie hätte die Zeit angehalten und ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Schweißperlen zierten ihre Stirn. Inzwischen begann es zu stürmen. Eine Plastiktüte verfing sich an ihrer linken Sandalette. Hedda saß mit leicht geöffnetem Mund da. Ein kleiner Speichelfaden suchte den Weg über ihr Kinn hinunter auf ihre Brust. Sie war gedanklich ganz weit weg. Normalerweise hätte so ein Speichelfaden nie eine Chance bekommen, sich selbständig zu machen. Jetzt war Ausnahmezustand. Ihr schrecklicher Moment, wenn sie sich urplötzlich nicht mehr bewegen konnte und im Gehirn der Schalter Titanic umgelegt wurde. Dann wurde sie zu Rose. Klack! Fuck!

Damals war noch alles in Ordnung. Bevor sie mit ihrem Kommilitonen Knut in der Kinopremiere von Titanic saß. Damals ist lange her. Sechzehn Jahre liegen dazwischen. Da war Knut nur Knut, auch später noch, als Hedda bereits Rose war. Es lag nicht am Körper, am Aussehen von Leonardo Di Caprio, warum die Beziehung zwischen Knut und Hedda einschlief. Ihre Neugierde brachte sie um den Schlaf. Sie recherchierte, sammelte Informationen rund um das Thema Titanic. Innerhalb von drei Monaten saß sie fünfzig Mal im Kino, um sich den Film anzusehen. Irre, so denken viele. Das ging nicht ohne Spuren an ihr vorüber. Hedda dokumentierte jeden minimalen Hinweis, den sie im Internet und Büchern fand. Sie wurde zur Titanic-Expertin und gründete die Plattform Abenteuerplatz Titanic. Sie hatte überhaupt keine Zeit mehr für Knut, der völlig entnervt resignierte. Knut empfand es damals als unerträglich, wenn Hedda in Endlosschleife den Titelsong „my heart will go on“ sang. Hedda war zwar als Zwanzigjährige ziemlich sexy, aber völlig unmusikalisch. Sie traf keinen einzigen Ton. Extrem nervig hörte sich die Textstelle an, wenn sie „near, far, wherever you are“ sang. Knut zog letztendlich aus, verließ die WG, weil sein Mischlingshund Jack jedes Mal randalierte, wenn Hedda haarscharf daneben sang. Er musste sich entscheiden. Entweder die nervige Hedda oder Problemhund Jack. Das ist jetzt schon ganz lange her. Inzwischen hatte Knut viele Freundinnen, wagte sogar eine Ehe, aber seine große Liebe blieb Hedda, die ihr eigenes Leben schon lange nicht mehr auf die Reihe bekam.

Über dem See hatte sich der Himmel verdunkelt und starker Regen setzte ein. Hedda war 36 Jahre alt und eigentlich alt genug, um zu wissen, was sie da tat. Ihre Wahrnehmung war völlig gestört. Sie harrte noch immer auf der Bank am See aus, der sich zum tobenden Meer verwandelte. Der Pächter von der Pommesbude schrie zu ihr herüber: » Sind Sie lebensmüde? «. Hedda verzog keine Miene und antwortete nicht. Sie war nicht ansprechbar, wirkte völlig geistesabwesend. In unmittelbarer Nähe brachen durch den starken Wind Äste von den Bäumen, die bei schönem Wetter als Schattenplätze dienten. Blätter wirbelten wie kleine Flugobjekte über sie hinweg. Hedda war immer noch in ihrer anderen Welt unterwegs. Den Pächter ignorierte sie in jenem Moment: ihrem schrecklichen Moment. Derweil haderte er sekundenlang mit seinem Gewissen, ob er die fremde Frau ihrem Schicksal überlassen sollte. Er schaute nochmals kurz zur Bank hinüber. Hedda saß regungslos da. Trotz alledem startete er den Motor seines Kleintransporters und fuhr im Regen davon. Rose ahnte Schlimmes. Währenddessen lief das vom Eisberg gerammte Kreuzfahrtschiff voll. Man hätte neben Hedda eine Bombe zünden können. Sie hätte es nicht bemerkt, so sehr war sie mit ihren Gedanken bei dem Schiffsunglück der Titanic. Ganz in der Nähe schlug ein Blitz ein. Es rumste heftig. Nur kurz zuckte Hedda zusammen, hielt aber immer noch krampfhaft Othello, den nassen Bären in ihren Händen. Eine Replik des berühmten Trauerbären aus dem Hause Steiff. Nach dem Titanic- Unglück 1912 sollte der 50 Zentimeter große „Othello“ mit rotumrandeten Augen und feinstem schwarzen Mohairfell den Kummer, das Leid der Angehörigen in England lindern. Von den Trauer-Bären wurden einst insgesamt 82 Stück in Giengen an der Brenz produziert. Knut hätte zu gern seiner Jugendliebe Hedda ein Original ersteigert. Dafür fehlte ihm definitiv das nötige Kleingeld. Jahrelang bloggte er als User Baunummer 401 auf ihrer Plattform Abenteuerplatz Titanic. Davon hatte Hedda überhaupt keine Ahnung, solange bis sie zu einem Notar musste und eine Schachtel erbte. Etliche Jahre beobachtete Knut ihre Aktivitäten im Internet und nahm deswegen eine andere Identität an. Bis zu dem Tag, als er auf die Idee kam – seine Hedda vor Rose zu retten, die immer mehr Besitz von ihr einnahm und er diese katastrophale Entwicklung nicht mit verantworten wollte.

Ihre Wesensveränderung veranlasste Knut 2010 dazu für sie einen maritimen Plan zu schmieden, um sich dann zu outen. Er kam zu dem Entschluss zwei Tickets für das Kreuzfahrtschiff Balmoral zu kaufen. Schnell wurde ihm klar, dass er damit an seine Grenzen stößt. Die Karten konnte er sich nicht leisten, da er durch Scheidung und Insolvenz verschuldet war. Keine Bank würde ihm mehr Kredit gewähren. Deshalb plante er einen Raubüberfall, den er nie ausführen konnte. Knut trainierte wochenlang dafür. Abend für Abend. Solange bis er in einem Lüftungsschacht stecken blieb. Und aus lauter Panik einen schweren Herzanfall erlitt. Danach musste er sich unbedingt schonen. Eine schwere Phase in seinem Leben, denn er surfte weiterhin als Baunummer 401 im Internet auf Heddas Plattform herum. Bis er wieder körperlich fit war, um sich für die Kreuzfahrt Geld zu beschaffen, gab es keine Tickets für die historische Fahrt mit der Balmoral mehr. Sein schöner Traum platzte. Es brach ihm schier das Herz, als am 8. April 2012 die Balmoral anlässlich 100. Jahrestag des Untergangs der Titanic die Kreuzfahrt dann tatsächlich ohne Hedda und Knut begann. Über das Internet hatte er für Hedda das Schmuckset "Heart of the Ocean" bestellt. In der Nacht vom 14. zum 15. April hätte er auf der Balmoral um ihre Hand angehalten. Ganz romantisch. Genau in der Nähe des tragischen Schiffunglücks vor 100 Jahren, wo in knapp 4000 Metern Tiefe das Schiffswrack liegt. Das Schicksal wollte es anders und deshalb packte Knut an jenem Abend eine Schachtel mit diversen Utensilien für Hedda. Darunter waren auch das Schmuckset und ein Abschiedsbrief.

In jener Nacht weinte Hedda bitterlich. Da hatte sie wieder ihren schrecklichen Moment. Genau in dem Augenblick, als Knut in einem Meer von Absinth und Motorenöl in seiner randvollen Badewanne ertrank, sprang sie gedanklich ins eiskalte Wasser. Und suchte völlig verzweifelt Halt auf einer im Wasser treibenden Wandverkleidung. Wie jetzt. Sie sitzt auf einer Bank am See und erlebt dramatische Minuten in einer anderen Welt. Doch ausnahmsweise ist es völlig anders als sonst, wenn Ausnahmezustand herrscht und sie total bewegungsunfähig wird. Draußen am See kommt Untergangsstimmung auf. Ein schweres Gewitter tobt dort. Der schwarze Bär mit dem Knopf im Ohr, den sie so verkrampft in den Händen hält, ist der letze Wille von Knut. Rettung naht. Sie spürt es. Intensive Gefühle durchströmen ihren durchnässten Körper. Der Regen klebt auf ihrer Haut und ihr ist plötzlich eiskalt. Sie spürt wieder ihren eigenen Körper. Aus Rose wird wieder Hedda, die plötzlich bemerkt, dass sie so nicht mehr weiterleben möchte. Hedda steht völlig durchnässt von der Bank auf, will ein Stück zur Seite gehen. Zeitgleich trifft sie mit voller Wucht eine starke Windböe, die sie sofort zu Boden reißt. Hedda schlägt mit dem Kopf gegen einen großen Begrenzungsstein aus Granit. Blut spritzt. In einer Hand hält sie immer noch den geliebten Trauerbären. Es ist vorbei, denkt sie angstbebend und verliert das Bewusstsein.

Stunden später erwacht Hedda im Krankenhaus. Der schwarze Bär mit dem Knopf im Ohr sitzt frisch gefönt auf ihrer Bettkante. Ein Fremder lächelt sie liebevoll an. Es ist der Pächter der Pommesbude underwater world.

April/Oktober 2014, © Corina Wagner

 


 

Da freuen sich doch alle oder? Es gibt mehr Milliardäre...

 

Hurra! Weltweiter Milliardären-Zuwachs!

Bravo! Jubelschreie! Trommelwirbel und Gratulation. Was für eine grandiose Meldung in den Medien…

Toll. Da geht es um keine Sturzgeburt. Zunächst liest sich das Ganze höchst erfreulich. Super! Diese Meldung trifft mitten ins Herz. Weltweit gibt es zurzeit insgesamt 2325 Milliardäre. Wahnsinn! Sieben Prozent mehr als 2013 und dies laut einer Studie der Schweizer Bank UBS und des Forschungsinstituts Wealth-X (Singapur). Genial! Das wirft einfache Fragen auf. Wie ist so ein Zuwachs möglich? Der kleine Mann auf der Straße und die winzige Frau hinter der Supermarktkasse kommen da zum Beispiel ins Grübeln. Kinder mit abgelaufenem Schuhwerk staunen und wollen, wenn sie groß sind, auch Milliardär werden. Verständlich oder?

Ähm…

Die Zahl der Milliardäre ist 2014 zu einem Rekordstand mutiert. Irre schön auch die Summe. Wenn man sie liest oder hört, kommt man wirklich ins Träumen und vergisst jede Zwangsjacke. Wahnsinn! Ich will auch! Genau! Ich will auch dermaßen erfolgreich sein. Jawoll. So, die Message. Jenes Gesamtvermögen aller Milliardäre, das um 12 Prozent angewachsen ist, macht ärmere Menschen neugierig, wissbegierig. Ich will auch! Denkt man doch sofort. Schlappe 12 Prozent mehr - bedeuten ein lapidares, fast nicht erwähnenswertes Gesamtvermögen von 5640 Milliarden Euro. Wer zu den 2325 Glücklichen gehört, spendet ja auch ein Bisschen von seinem Einkommen für soziale Belange. Trotz alledem bleibt aber noch genügend Wohlstand, nicht Anstand übrig, um völlig gelassen zuzusehen wie andere auf der Welt verhungern und verdursten. Diese Wahrnehmung könnte man tabuisieren, nur denken oder aber auch laut aussprechen. Und in die all zu schön ausgemalte heile Welt der Superreichen schreien: Geiz ist geil!

Ob in New York, Moskau, Hongkong, aber auch in Hamburg wird man fündig. Jawoll. Jeder dritte der Superreichen lebt in einer von 20 Großstädten auf der Erde. Leute der Unter- bzw. auch Mittelschicht mutmaßen, dass diese wohlhabenden Wesen vermutlich jeden Morgen ohne schlechtes Gewissen aufwachen. Das „Jet-Set-Leben“ prägt. Oder etwa nicht? In Liechtenstein trifft man überproportional betrachtet viele Milliardäre. Aha! Wer kommt da nicht in Versuchung und will das Zünglein an der Goldwaage sein?

Jene Anzuhimmelnden, die Schönen und Reichen dieser Welt, werden vermutlich eines Tages ganz banal sterben, wie die „Normalos“ unter der Bevölkerung. Beruhigend oder? Natürlich ist das Wort banal dehnbar. Eigentlich sollte man nicht in Versuchung kommen und darüber nachdenken. Denn es ist wahrlich schon ein dezenter Unterschied, ob ich an einem Herzinfarkt in einem völlig überfüllten Zug sterbe oder ganz alleine bei Tempo 180 in einem Lamborghini Veneno in Richtung Steueroase. Wahrscheinlich werden aber alle 2325 Milliardäre relativ lange leben, da die Gesundheitsversorgung auf höchstem Niveau stattfindet. Vielleicht lässt sich das ein oder andere supereiche Exemplar von Mensch zur Freude der Armen mumifizieren. Oder begeben sich nach ihrem Tod in Kryostase, lassen sich einfrieren. Wer von uns kann schon wissen, was so ein Milliardär für den Fall der Fälle, seinem Ableben heutzutage plant. Unsterblich sind sie jedenfalls nicht, auch wenn sie daran glauben und dies kommt auch bei den Ärmsten der Armen gut an…

123 Milliardäre leben laut Studie im Moment in Deutschland, wo Kinderarmut zwischen Tür und Angel erschreckenderweise schön geredet wird. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, aber keiner will es auch im Wohlstandsland Deutschland irgendwie wahrhaben …

... Gell?

(Anne Mittellos, 1. Vorsitzende von Kodderschnauzen ohne Grenzen)

 

© Corina Wagner, 18.09. 2014


Krieg und Frieden

Aus der Reihe: "Reich mir die Hand zum Frieden..."

Kriege und Konflikte im Jahr 2014

Auf der Welt herrscht in einigen Regionen brutales Chaos.

Terror, Kriege und Konflikte im Jahr 2014 betreffen uns alle.
Wegsehen wird schwierig.

Schlagworte, die um die Welt gehen: Afghanistan, Irak, Syrien, Nordkaukasus, Mali, Zentralafrika, Somalia, Südsudan, Kongo, Nigeria, Ukraine, aber zum Beispiel auch Israel und der Gaza-Streifen. All jene Orte bringen u.a. Unbehagen, Angst, Tod, Trauer, Wut, Hass, Verzweiflung und Ratlosigkeit zum Vorschein.

Frieden schaffen!

Was können wir tun? Weiter zusehen? Müssen wir das Böse auf der Welt akzeptieren und begreifen, verstehen, dass man jene Gewalttaten nur mit Gegengewalt minimieren, reduzieren, aufhalten kann.

Auge um Auge, Zahn um Zahn…

Müssen friedliche Menschen nun lernen, dass andere Menschen auf der Welt, die für ihre alltägliche Lebensgestaltung eine falsche Ideologie vertreten und tatsächlich bereit sind dafür andere Menschen kaltblütig zu ermorden, dass jene in Zukunft nur noch mit Waffengewalt ausgeschaltet werden können? Kann man tatsächlich jene nicht mehr durch andere Mittel und Wege in friedliche Bahnen lenken? Muss man Waffen an Menschen weiterreichen, die z.B. suspekt sein können? Und man vermutet, eigentlich vorher schon weiß, dass diese Waffen in falsche Hände geraten...

Schürt man mit Waffengewalt nicht neuen Hass? Kluge Menschen fragen sich, warum andere Menschen hinter falschen Ideologien herlaufen und ihnen jedes Mittel recht ist, um ihre Ideologien anders denkenden Menschen aufzudrängen, ihnen diese mit Mord und Folter beizubringen. Warum gibt es so viele Brennpunkte auf der Welt? Antworten gibt es viele, aber nicht alle führen zum Frieden...

 

 

© Corina Wagner, August 2014

 

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/krieg-und-frieden


Gehorche!

Aus der Reihe: Ein bisschen seltsam…

Lisa führt ein Selbstgespräch:

Gehorche! Gehorche! Gehorche Du Depp! Warum sage ich das nur? Jetzt habe ich ein echtes Problem. Ich habe erst kürzlich einen Mann gedemütigt und ihn gebeten den Müll herunterzutragen. Jawoll!

Jetzt kommen deswegen die ersten Klagen. Ich muss mich für mein Verhalten rechtfertigen. Ich sitze in der geschlossenen Abteilung. Gitter sind vor den Fenstern, ein Stuhl, ein Tisch, ansonsten nichts, außer einem Pappbecher, der mit Wasser gefüllt ist. Draußen auf dem Gang kommen Schritte immer näher. Klick, Klack! Klick, Klack! Man meint, da käme das trojanische Pferd. Doof. Echt doof. Ich benötige wohl demnächst einen guten Rechtsbeistand, denkt Lisa nun.

Vom teutonischen Müllverband, der Verwertungsindustrie kam u.a. ein Schreiben. Nur wegen dieser blöden Sondermüllentsorgung von neulich. Lisa grübelt und denkt weiter nach. Der Mann hatte sich doch aus Versehen mit entsorgt. Dafür kann ich doch nichts. Dieser Depp! So etwas ist ja heutzutage in der schnelllebigen Zeit eigentlich nichts mehr Besonderes oder? Ihm fiel durch seine eigene Schusseligkeit das neue Smartphone mit in den Müllschlucker, als er die Klappe öffnete. Die Klappe des Müllschluckers öffnete. Ein Müllschlucker im Größenwahndesign. Da passt sogar eine ganze Großfamilie nebeneinander hinein. Dafür kann ich doch nichts. Fehlkonstruktion des Herstellers. Der Gute glaubte dann spontan, dass man es noch retten könnte. Sein neues Smartphone. Ha! Typisch für ihn. Er rettet auch jede Haustaubmilbe, wenn ich ihn lassen würde. Ähm… Gelassen hätte. Die Rettungsaktion endete für alle Beteiligten nachteilig. Jawoll. Lauter Ärger habe ich nun deswegen. Er hatte zunächst mit der App im Hochhaus nach der Entsorgungsanlage für den Hausmüll gesucht. Das hat ja noch keinen Schaden verursacht, aber seinen Aufenthaltsort verraten. Er kam dann unglücklicherweise zu Tode, was ich auch ohne Bedenken so in einer E-Mail an den teutonischen Müllverband bestätigte. Nur wegen diesem Depp sitze ich nun in diesem kargen Raum im weißen Flügelhemdchen. Echt doof.

Angeblich habe ich dadurch ein Trauma erlitten, wegen dieser Müllschlucker-Aktion vermuten die Ärzte. Nicht wegen der E-Mail an den Müllverband oder dem weißen Flügelhemdchen im XXL-Format, wo man die Hände sogar auf den Rücken binden kann. Sondern wegen dem Tod eines Freundes, der zum Sondermüll wurde. Ärzte können aber auch totale Nieten sein. Neuerdings habe ich mir eine kleine, eigentlich nicht erwähnenswerte Marotte angeeignet. Überhaupt nicht relevant, so finde ich, aber die Ärzte vermuten. Vermuten, vermuten. Pah!  Es begann quasi seit dem mein dritter Freund nun tragischerweise auch so früh ums Leben kam. Dafür kann ich doch wirklich nichts. Es sind ja eigentlich auch nur gute Bekannte. Männer. Kerle! Ich bin herzensgut zu Männern, wenn sie aufs erste Wort hören. Das sind einfach nur Einzelschicksale in Hochhäusern. Nichts als Einzelschicksale, meint auch meine beste Freundin Olga und die muss es wissen. Sie arbeitet auch als Domina. Jawoll! Einer stürzte aus Versehen nackt vom Balkon, aber nur weil er seine Brille nicht trug. Der andere starb nachts total einsam im Fahrstuhl. Das war total traurig, weil er so ein geselliger Typ war. Er hatte wahrscheinlich eine Fahrstuhlphobie. Woher sollte ich das wissen, wenn er normalerweise gerne bunte Plastiktüten über dem Kopf trug, wenn er mit Gleichgesinnten Kartoffeln schälte.  Das war immer so schön. Danach kam keiner mehr von denen zu mir. Sobald ich einen Mann mit Smartphone sehe wie zum Beispiel vor drei Stunden im Park des Psychiatrie-Zentrums, sage ich in einem energischen Tonfall, also eher in einem Befehlston in Endlosschleife: Gehorche! Gehorche! Gehorche! Das ist doch nicht schlimm oder?

 

© Corina Wagner, 18. August 2014


Prozentzahlen nerven...

 Michaela hat irgendwie u.a. massive Probleme mit 52%

Ein Nutzerbeitrag von Corina Wagner

Prozentzahlen nerven

Michaela Deutsch sitzt zu Hause an ihrem ollen Eichentisch und beißt gierig in einen Döner. Den hat sie von Ali, zwei Straßen weiter. Der beste Döner weit und breit. Sie trinkt dazu türkischen Mokka und liest in der neuen Regionalzeitung Schland. Einige nennen die Zeitung auch den tiefgründigen deutschen Boten.

Können Sie rechnen? Können Sie mit allem rechnen?

<< Eine total gemeine Überschrift! >>, flüstert Michaela und liest weiter.

Was passiert eigentlich, wenn man mit einem Endergebnis nicht zufrieden ist? Raten ist erlaubt. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Bequem ist es, wenn man wegschaut und vergisst.

Michaela, eine Urdeutsche mit ausländischen Wurzeln verdreht die Augen und will die provozierenden Worte verdrängen. Verstehen sollen es die anderen. Ihre Auffassungsgabe ist prima, das ist nicht das Problem. Sie beißt in das letzte Stück vom Döner, will noch genießen und abschalten. Wie böse Magie lassen sie die Fragen nicht mehr los.

Sie kann sich seit gestern mit einer Prozentzahl absolut nicht anfreunden, die in einem anderen Land durch Wahlen aufgetaucht ist. Das ist Fakt. So etwas gibt’s. Genau! Es war zu vermuten, dass diese Rechnung so aufgeht. Zum Freuen ist ihr jetzt nicht zu Mute, aber anderen. Die freuen sich immens.

Sie liest den ganzen Artikel und schüttelt immer wieder den Kopf, weil die Journalistin mehr als 150 Zeilen für den Artikel verwendete. Anstrengend. Sie überwindet sich und will den Artikel ein zweites Mal lesen. Zunächst trinkt sie noch einen Schluck Mokka.

Obwohl man auf den ersten Blick nicht zum Rechenkünstler werden muss, macht sich so mancher kluge Mensch Gedanken darüber, was da im tiefgründigen Boten steht. Stimmt`s. Das Wort klug ist natürlich sehr dehnbar, wie eine Blase. Jetzt gibt es eine türkische Blase, so steht’s in der Zeitung Schland und deshalb trinkt Michaela noch einen Schluck Mokka, weil sie plötzlich das Gefühl im Hals hat, als würde noch ein Stückchen Döner nicht flutschen wollen. Es blähte sich banalerweise die Gedankenlosigkeit auf. Das gibt es öfters auf der Welt. Kein Phänomen. Völlig aufgebläht und umjubelt, schwebt sie nun über der Türkei.

<< Boooooooooooooooooar! >>, entfleucht es Michaela. Der Artikel regt die Fantasie an, denkt sie.

Ist es tragisch, wenn man plötzlich Magengrummeln bekommt und Prozentrechnungen doof findet?

<<Der Döner war völlig in Ordnung. Ali arbeitet blitzsauber und hat immer frisches Fleisch auf seinem Drehspieß. Genau! 52 Prozent! Ali hat noch seinen türkischen Pass. >>, schießt es ihr durch den Kopf und endet als Selbstgespräch in ihrer Küche. Zumal sie in Ali verliebt ist. Das Ganze ist echt „komplizierlich“ für eine Frau vermutet sie und schweigt nun zunächst.

Wenn sie jetzt einen Leserbrief an Schland schreiben würde, dann könnte man ihr wahrscheinlich sofort unterstellen, dass ihr Rechnen keinen Spaß macht. Den Artikel verfasste sogar eine Frau.  Es wäre alles halb so schlimm wie sie befürchtet. Und doch schüttelt sie ganz energisch den Kopf, als sie die Prozentzahl 52 in der Zeitung liest. <<52 %! Oh mein Gott! >> Schreit sie völlig hysterisch, so dass ihr Kanarienvogel Caruso tot von der Stange fällt. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. Sie geht zum Käfig, öffnet ihn und nimmt den toten Caruso mit zum Tisch. Bevor sie ihn in den tiefgründigen Boten wickelt, hält sie nochmals inne. Sie hatte den Vogel von Gülsen und Fatma zum Geburtstag geschenkt bekommen, damit sie nicht mehr so alleine ist. War das jetzt ein böses Omen? Nein!

Gülsen und Fatma lebten mit Mann und Kindern ganz in ihrer Nähe, aber in einer Paraellwelt. Michaela weiß das. Beide sind sehr hübsch und können nicht nur charmant lächeln, sondern laut lachen. Gülsen und Fatma haben ein ansteckendes Lachen. Das gefällt Michaela, wenn sie sich auf dem Kinderspielplatz treffen. Dann wird es immer sehr lustig, wenn die Kinder toben und die Frauen sich währenddessen unterhalten. Da sind alle gleich, auch wenn Michaela kein Kopftuch trägt. Nur wenn ihre Männer mit dabei sind, dann ist alles anders. Dann sind die Frauen sehr ruhig, wirken eingeschüchtert. Tierische Gänsehaut überkommt Michaela. Sie rülpst laut und der Geruch von Döner verflüchtigt sich über dem Tisch, als würde die Seele von Caruso auf einem unsichtbaren Teppich in die Türkei fliegen. Sie hätte ihn Erkan anstatt Caruso nennen sollen.

Was soll sie morgen Gülsen und Fatma sagen, wenn beide sie wieder heimlich besuchen? Dann sind die Kinder in der Schule und im Kindergarten und ihre Männer arbeiten. Was wohl beide von Prozentrechnungen halten? Panik breitet sich langsam aus. Michaela atmet tief ein und aus. Dann wird sie wieder ruhig und betrachtet eine kleine Ewigkeit den toten Kanarienvogel. Währenddessen schnauft sie tief durch und denkt an beide Freundinnen. Sie waren schon öfters ohne das Wissen ihrer Männer bei ihr. Immer auf das ein oder andere Likörchen. Es war bislang immer so schön und beide fühlen sich bei ihr geborgen.

Michaela grübelt, denkt nach und starrt auf diese 52 Prozent, die schwarz auf weiß abgedruckt im tiefgründigen Boten stehen.

Ihr wird es ganz sonderbar und deshalb trinkt sie noch einen Schluck vom kräftigen Mokka. Caruso nimmt sie vorsichtig, fast zärtlich in die Hand und liest dann weiter.

Wenige rechnen seit gestern mit dem Schlimmsten und diese Rechnung könnte eventuell tatsächlich aufgehen. Vorübergehende Dyskalkulie? Wie bitte? Michaela lässt dabei vorsichtig Caruso auf die Tischplatte plumpsen und liest weiter:
52 Prozent von? = 50 Prozent Diktatur plus 2 Prozent Meinungsfreiheit
Manche verrechnen sich im Laufe eines Lebens zum Schaden anderer...

Die Journalistin ist mutig, geht es Michaela durch den Kopf und lässt den toten Vogel nicht aus den Augen.

Ihr dürfte es eigentlich egal sein, wie die Wahlen in der Türkei ausgingen, denn sie genießt ihre Freiheiten in Deutschland. Ein Schauer läuft ihr trotzdem über den Rücken, als sich eine Fliege auf den Kopf von Caruso niederlässt. Zeitgleich macht sie sich Sorgen um Gülsen und Fatma, deren Männer erzkonservativ sind und mit allen folgenden Konsequenzen auf das Endergebnis von 52 Prozent stolz sind. Ein zweite Fliege lässt sich nun auf dem toten Vogel nieder, da das geöffnete Küchenfenster dazu einlädt. Völlig desinteressiert liest Michaela im tiefgründigen Boten weiter.

2012 lebten in Deutschland 1.575.717 Türken in Deutschland. Wie viele leben jetzt in Deutschland? Wie viele davon mögen das Endergebnis von 52 Prozent? Und wie viele Frauen passen davon nicht in das von türkischstämmigen Männern geforderte Familienbild?

Michaela lenkt sich jetzt lieber ab und sucht nach anderen Rechenaufgaben. Sie wird in der Zeitung sofort fündig. Schon wieder Prozentzahlen. Echt fies. Jetzt beschäftigt sie sich mit Prozentzahlen und deutschem Grillfleisch. Sie dachte bislang, da müsste man nur die Anzahl des Grillguts berechnen, wenn man Gäste einlädt. Gefährliche Erreger schrecken nun vom Rechnen ab. Teutonisch toll.

14 Prozent!

Sie liest und staunt:

In 14 Prozent der getesteten Produkte wurden die Erreger nachgewiesen, Krankenhauskeime gefunden, die gegen die gängigen Antibiotika wirkungslos sind.

Michaela bekommt schon wieder Bauchgrummeln. Dann sagt sie ganz leise:

<<Willst Du Freunde nicht gleich um die Ecke bringen, dann lade sie doch einfach zum Grillen ein…>>

Danach greift sie nach Caruso und wickelt das tote Tier in den tiefgründigen Boten ein. Zwei Minuten später steht sie auf ihrem Balkon, um einen geeigneten Platz in einem ihrer Blumenkübeln zu finden.

© Corina Wagner, August 2014


Aus der Reihe: Total BÖSE

Hetzschrift

Outing: Ich bin alles, außer ehrlich und ?

Provozieren, polarisieren, aber auch polemisch zu agieren, ist genau mein Ding.

Ich gehöre zu den bekennenden Schmalspurfanatikern, den tiefgründigen Hetzern unter den Mitmenschen. Ich oute mich heute, weil es an der Zeit ist ...
... auf mein wahres Ich aufmerksam zu machen. Mein Herz schlägt für jene, die mit allen Mitteln der Kunst das Unrechtgedöns in der Tiefe des Universums, dem ganz Bösen ausgraben, um dann endgültig Herrscher über das Dingsbums zu werden. Diese Geschichte, die Sache wurde mir von meiner Seelenverwandtschaft aufgetischt. Ob am Runden oder Eckigen wird später nicht relevant sein, wenn die Grenzen nicht überschritten werden. Sie können mir geistig nicht folgen, stört mich nicht. Ich kann mir manchmal auch nicht geistig folgen und das macht mir überhaupt keine Angst. Nur die anderen fühlen sich betroffen und glauben den anderen Hetzern. Es gibt viele Hetzer und Hetzerinnen. Deshalb gibt es auch den intern gegründeten globalen Bund der Hetzer und Hetzerinnen. Da kann man sich dann über eine Plattform austauschen und gegenseitig hetzen. Stimmt’s? Sie hatten eine Vorahnung!

Wie auch immer…

…(l)egal welche bösen Mächte auf mich Einfluss nahmen, meine narzisstische Ader genießt diese Art des Daseins. Ich kann mit einem Wimperschlag Schmeißfliegen auf einem Misthaufen töten, ohne böse zu gucken. Jahrelanges Training in der Kammer des Schreckens  ermöglichen mir solche Fähigkeiten. Ich bin ein ausgebildeter Profi-Abmurkser, so eine Tötungsmaschine im Anzug. Über die Macht der anderen kann ich inzwischen nur zynisch lachen, da ich ja das Böse in mir in und auswendig kenne. Das Wesentliche, der Kern in meiner Streitsucht, wenn ich freundlich aggressiv hetze, wurde mir nicht in die Wiege gelegt, was viele vermuten. Sondern tatsächlich feindselig durch falsche Ideologien eingetrichtert. Ansonsten würde ich bestimmt von einem Massenmörder abstammen. Ähm…

Obwohl meine Seelenverwandten woanders leben und nicht einmal die gleiche Sprache sprechen, verfolgen wir ein Ziel. Wir lieben Mord. Nicht selten Völkermord. Ich liebe nun mal nur Zeug, das total böse ist. Das ganze Terror-Spielzeug ist meins. Völlig unsachlich bringe ich meine Ablehnung an alle, die es nicht hören, sehen und wahrhaben wollen. Ich zerstöre gerne Menschenleben. Ich bin ein gehässiger Terrorist in der Hülle eines friedfertig aussehenden Menschen, das finde ich brutal gut. Man erkennt meine Identität nicht auf den ersten Blick. Gehässig schön, wenn ich an meine Aktivitäten denke. Ich schaue gerne in den Spiegel und erkenne mein wahres Ich. Schaurig schön.

Ich liebe meine Feinde wie mich selbst, wenn ich ihnen den Tod wünsche. Eine echte Herausforderung für einen Typen wie mich. Haha! Humor habe ich auch.

Mordsgrüße

Ein sympathischer Hetzer

 

© Corina Wagner, August 2014

 

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/hetzschrift

 

 


 

Germania Volksnah gibt auf!

Ein Bericht von Engellin Teu-Tonisch

Erinnern Sie sich noch an Germania Volksnah, die habilitierte Brotsuppen-Designerin? Jene Frau, die voriges Jahr im Sommer noch behauptete, dass sie alles gerne einbrockt, was andere auslöffeln dürfen? Genau jene Frau, die für die neue Partei SMPP (Soziale, Multikulti proklamierende Pipifax Partei)euphorisch teutonisch geworben und für mehr diplomierte KomikerInnen in der Politik plädiert hatte, wirft tatsächlich das politische Handtuch. Aus der Traum von einer neuen Bundeskanzlerin im Jahr 2016. Ich führte gestern ein intensives Gespräch mit ihrem Pressesprecher Bürger. Heimliche Anhänger von Germania Volksnah sind zutiefst schockiert, als sie von ihrem BRD-out-Syndrom erfuhren. Sie fühlt sich innerlich völlig ausgedeutscht. Von zu vielen Worthülsen aufgebläht, die sie in den vergangenen Monaten von anderen PolitikerInnen herunterschlucken musste, bevor sie nur ein Wort sagte. Nur ganz wenige PolitikerInnen denken nach, bevor sie in die Kameras sprechen. Wer präzise im Namen des Allgemeinwohls formuliert, sollte vorher strukturiert denken. Die meisten PolitikerInnen, die Volksnah nun während ihres Amtes als Parteivorsitzende begegneten, sprachen oftmals über das Warum. Nicht aber über das Wozu, wozu auch. Wer fragt auch schon gerne in der Politik nach dem Zweck, dem späteren Ergebnis, wenn man beschlussfähig ist. Wer glaubwürdig ist, produziert normalerweise keine Worthülsen. Ein Rhetorikfetischist verhalf mit solchen Aussagen Germania Volksnah zu einer gespaltenen Persönlichkeit. In dem Job quasi ein Berufsrisiko. Ursprünglich wollte Volksnah noch die Diätenerhöhung verhindern. Dann begann sie skrupellos zu werden. Inzwischen will sie wieder authentisch sein und plant eine Auffangstation, eine Selbsthilfegruppe für BRD-out-Syndrom Betroffene. Doch zuvor muss sie noch Kontakt mit der NSA und dem BND aufnehmen. Sie sollen ihre Daten löschen. Bevor sie nach einer Therapie einen beruflichen Neustart beginnt. Pressesprecher Bürger sagte mir dies ganz im Vertrauen. Wer die Facebook-Seite der SMPP im Internet sucht, wird frustriert sein. Volksnah löschte die Profilseite der Partei. Sie ist inzwischen krankheitsbedingt davon überzeugt, dass die von ihr gegründete Partei auch kein Profil mehr hat, wenn sie in Zukunft wieder gehaltvolle Brotsuppen designt…

 

© Corina Wagner, Juli 2014

Anmerkung: Voriges Jahr schrieb ich für einen Stand-Up-Comedy-Auftritt den Text über Germania Volksnah. Ich betrat damals als Germania Volksnah die Bühne und warb um Mitglieder für die neu gegründete SMPP-Partei. :-) Damals hatte ich darüber auch anschließend berichtet und den Text  ins Netz gestellt.

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/stand-up-comedy


Hölle, Hölle, Hölle...

Zur Hölle mit Dir! Ja Du! Genau Du. Fühlst Du Dich endlich angesprochen. Immer noch nicht. Du und deinesgleichen haben große Schuld am Verfall eines friedlichen Zusammenlebens. Dich gibt es überall auf der Welt. Du steckst in vielen Nationalitäten. Muss ich Dir erst auf jene arglistigen Gedankensprünge verhelfen… Dich nochmals daran erinnern, wie unangenehm Du bist. Das Böse in Dir erklären, dass durch Propaganda, falsche Freunde, hetzerische Worte zu einer Bestie geworden ist, die sich für nichts zu schade ist, wenn es um die Vernichtung anderer geht. Fühlst Du Dich endlich angesprochen? Hast Du schon einmal eine Fliege getötet? Eine Stechmücke erschlagen, eine Ameise gekillt? Natürlich. Deine Augen leuchten nun unheimlich und verraten Dein wahres Inneres. Du bist wahrlich kein Engel. Da kannst Du noch so unschuldsvoll dreist grinsen oder meinetwegen auch andächtig und vertrauenswürdig in die Kamera lächeln. Ich habe Dich schon lange durchschaut. Du Monster. Ich habe keine Angst vor Dir. Obwohl sich Deine Art, Dein Gedankengut immer mehr verbreitet. Hölle, Hölle, Hölle! Mit Blitzen und Donner ab in die Hölle mit Dir. Der Schlag soll Dich aus heiterem Himmel treffen und dann ab mit Dir in die Hölle mit Dir. Hölle, Hölle, Hölle!

Meine telepathischen Fähigkeiten nutze ich nur ungern für Wesen wie Dich, aber wenn es unbedingt sein muss, bevor man Dich klont, beame ich Dich in die Hölle. Die Eliminierung Deines Körpers beginnt:

Uaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah! Tara! Du Grundirrtum der Weltgeschichte. Du basic error! Niemals mehr Terror! Uaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!

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Wie bitte?

Die haben den Eingang zur Hölle verbarrikadiert. In die Hölle gehörst Du auch nicht mehr hin, hat man mir gerade gefunkt.  Du bist so ein super moderner Luzifer, eine neue Spezies des Grauens. Ein irreparables  Nebenprodukt schlecht gemachter Politik.  Der Teufel will Dich da unten einfach nicht haben. Und nun?

Wohin mit Dir und Deinem neumodischen Dämonengedöns im Körper?

 

© Corina Wagner, 22. Juli 2014

 

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/hoelle-hoelle-hoelle


 

Fußball-WM 2014 - "Titten-Parade"

Wagners Randnotiz

..

Fußball-WM 2014 in Brasilien

Eine kleine, wahre Geschichte aus Deutschland

Nackte Tatsachen während der WM

„Titten-Parade“

Es ist kein Sommermärchen, was sich am Montag, den 16. Juni 2014 mitten in Deutschland in einer Großstadt ereignete. An jenem Tag spielte das DFB-Team gegen die  Nationalmannschaft aus Portugal in der Arena Fonte Nova in Brasilien. Public Viewing lockte viele Fußball-Fans ins Freie. In vielen Städten feierten Menschen ausgelassen und sahen sich gemeinsam das Fußballspiel an.

So kam es auch, dass ein junger Mann, Ende Zwanzig, sich mit gleichaltrigen Freunden vor einer dieser riesengroßen Leinwände traf, um das ein oder andere eisgekühlte Bierchen während des Spiels zu zischen. Es war ein schöner, warmer Sommerabend und die Jungs hatten ihren Spaß, lag wohl auch daran, dass das Spiel mit 4: 0 für die Deutschen in Brasilien endete. Thomas Müller schoss drei und Mats Hummels ein Tor. Jogi Löws Jungs überzeugten. Pro Treffer in das gegnerische Tor gönnten sich die Freunde quasi jeweils ein Bier. In der abendlichen Sommerhitze zeigte der Alkoholkonsum bei den jungen Männern heitere Wirkung. Sie waren wie viele Fans „gut drauf“. Da nicht alle Freunde Urlaub hatten und am nächsten Tag wieder arbeiten mussten, trennten sich diese ziemlich gut gelaunt direkt nach dem gelungenen Fußballspiel. Jener junge, heitere, nicht mehr ganz nüchterne Mann musste alleine bis zu seiner Wohnung laufen, die in einem anderen Stadtteil liegt. Auf dem Nachhauseweg kamen ihm fünf junge Frauen in bester Feierlaune entgegen, die auch schon alkoholisiert waren. Er hörte sie schon in der Ferne kichern, lachen, bevor er ihnen begegnete. Vier trugen wie der junge Mann ein WM-T-Shirt, ein deutsches Trikot. Nur eine junge Frau trug ein anderes buntes T-Shirt. Die wie er nicht mehr so ganz nüchternen Frauen, vermutlich Freundinnen, sprachen ihn sofort an. Sie sagten zu ihm, ob er ihnen nicht sein WM-Trikot schenken könne, damit die eine, die ohne sei, auch eins hätte. Der junge Mann grinste und antwortete prompt bierernst, redete Klartext: „Wenn ihr mir alle Eure Titten zeigt, dann bekommt ihr das Trikot.“ Gesagt, getan. Das Gesicht des jungen Manns verfärbte sich vermutlich wie eine Tomate. Alle fünf Frauen rissen spontan, zogen sofort auf der Stelle ihre T-Shirts hoch. Nicht alle trugen einen BH, so dass er kaum seinen glasigen Augen traute, was er da sah. Damit hatte er absolut nicht gerechnet, so dass er dann ziemlich kleinlaut sein T-Shirt auszog und es der jungen Frau übereichte, die kein WM-T-Shirt trug. Die Frauen lachten, kicherten, winkten ihm zum Abschied und verschwanden in die andere Richtung aus der er hergekommen war. Der junge Mann ging kopfschüttelnd weiter, lachte immer wieder aufs Neue. Auf seinem weiteren Nachhauseweg inmitten durch die Stadt wurde er mehrmals von fremden Passanten beäugt. Grund war wohl, dass er mit einem verwaschenen Unterhemd torkelnd nach Hause lief.  Am nächsten Tag rief er abends seine Kumpels an, die wollten ihm die Story zunächst nicht glauben und waren etwas neidisch, weil sie diese nackten Tatsachen nicht sehen konnten. :-) Da es ihm nüchtern eigentlich eher peinlich war bzw. immer noch ist, also diese „Titten-Parade“, sie aber wirklich so nach dem WM-Spiel in einer deutschen Großstadt passiert ist, darf ich sie ohne Ortsangabe und Namensnennung veröffentlichen. :-)

© Corina Wagner, Juni 2014

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/fussball-wm-2014-titten-parade

 

 


Glatt gebügeltes Anliegen

Immer mehr Forderungen nach einem Bügelverbot an heißen Sommertagen werden laut. Eine Pedition, ein Aufruf für ein Verbot würde Sinn machen...

Glatt gebügeltes Anliegen

Betreff:  Aufruf zum Bügelverbot an heißen Sommertagen

 

Schönen guten Tag,

werte Mitglieder der Regierungsriege,

hallo Krawattenträger und Hemdenfetischisten,

mit diesem Schreiben, Pamphlet, möchte ich auf ein ernstzunehmendes Problem in deutschen Haushalten hinweisen, da wo noch Hemden gewaschen und gebügelt werden. Die Oberbekleidung Hemd wurde einst erfunden, um den Oberkörpers eines Mannes, Herrn zu bedecken. Seit dem zwängen sich Kerle mit Bierbäuchen, Muckiebuden-Oberarmen und gewachsten Brustkörpern, aber auch diverse schlaffe Spargeltarzane, perfekt gebaute Männeroberkörper, echte Hingucker in das ein oder andere mehr oder weniger aktuelle Hemd. Ob gestreift, geblümt, uni oder im Karomuster – der Mann mit Blick für das Wesentliche schreckt vor nichts zurück. Hauptsache: gebügelt. Da spielt der IQ auch nur eine untergeordnete Rolle. Hauptursache für das männliche Wohlempfinden ein perfektes gebügeltes Hemd tragen zu wollen, liegt meistens in der Familienchronik. Bei Recherchen stellt man oftmals fest: Bügelten Mutti und Omi schon faltenfrei, dann erwartet der männliche Nachwuchs (im Normalfall) von seiner zukünftigen Partnerin eine gut ausgeprägte Feinmotorik beim Bügeln von Hemden. Bei homosexuellen Partnerschaften fehlen noch fundierte Kenntnisse. In zwei, drei Jahren wird man Studien darüber vorlegen können. Das Bügeln war lange ein Tabuthema. Die Deutschen haben da noch Nachholbedarf.

Immer schön adrett AUSSEHEN, so der "Lebenswille", eher Lebenssinn  vieler gebildeter Männer, wenn sie dank schlauer Lektüre wissen, dass sie im Leben nur beruflich weiterkommen, wenn das Hemd perfekt sitzt. Dann muss es allerdings unifarben sein, weiß oder auch ein Hauch von blau sind auf der Karriereleiter dominant und wegführend.

Es gibt wahrlich Männer, die ihre Hemden selbst bügeln. Akademiker, die es echt drauf haben, dieses alte Handwerk. Doch jener geringe Prozentsatz von Männern, die es wirklich tun, ist kaum erwähnenswert.

Dabei behaupten manche bügelenden Männer sogar, dass es wie „aktive Meditation“ sei, wenn sie bügeln. Ein älterer Herr sagte mir vor einiger Zeit, dass er das Gefühl habe, sich beim Bügeln in andere Welten wegzubeamen.

Wie komme ich zu solchen Behauptungen?

Ich bin studierte Bügeltherapeutin. Das Fernstudium und meine Fortbildungskurse können sich sehen lassen, bin stets auf dem neuesten Stand in der Bügelszene. Deshalb gehöre ich u.a. auch der Arbeitsgruppe Europäische Autonome Bügeleisenfreaks, dem Landesverband Schmerzfreies Bügeln, dem Bundesverband der echten Dampfbügeleisen-VersteherInnen e.V. und dem historischen Verein der alternativen Bügelpraktiken an.

Tatsächlich kenne ich mich mit echten Hemdenfetischisten aus, die manchmal hilflos bei mir auf der Pritsche liegen, weil die Partnerin streikt. Sie keine Lust mehr hat - jede kleinste Falte mit dem modernen Dampfbügeleisen zu glätten und ihr Partner deswegen eine Hemdenkrise bekommt. Nicht jede Frau ist auch eine Quotenfrau. Der kleinkarierte Mann von heute trägt gerne aalglatt gebügelt großgeblümt, auch wenn es auf den ersten Blick nicht klassisch wirkt. Es wird für beide ein echtes Beziehungsproblem, wenn es um das Wort knitterfrei geht.

Bügeln ist nicht jedermanns Sache und schon gar nicht für jede moderne Frau zumutbar. Es ist nicht leicht, wenn ein typischer Hemdenfetischist die Frau seines Lebens findet. Sie muss bestimmte Kriterien erfüllen. Das Bügeln muss ihr liegen. Es muss „flutschen“, gefühlvoll dahin gleiten, wenn sie es tut. Sie sollte das Wort Dampfbügeleisen nicht nur in mindestens fünf Sprachen buchstabieren können, sondern alles fest im Griff haben, wenn sie loslegt, um zu demonstrieren, ob sie die richtige Wahl für einen Hemdenfetischisten ist. Sie muss gewillt sein, das Leben eines Hemdenträgers zu teilen, der jeden Tag mindestens ein faltenfreies Hemd tragen möchte. Manchmal sogar ein zweites Oberteil, dessen Manschetten und Kragen zuvor gestärkt wurden. Eine echte Herausforderung, wenn man als Frau eine 75-Stunden-Woche absolvieren soll und ganz nebenbei noch seine 14 Hemden zum Bügeln einplanen muss. Ich habe viele verzweifelte Paare therapiert. Nicht wenige brechen die Therapie ab, weil die Männer nicht mehr können.

Verliebt sich zum Beispiel eine Blusenfetischistin in einen Hemdenfetischisten, so einen Fall hatte ich auch schon in meiner Praxis, dann kann das Bügeln extrem anstrengend werden. Wer von den beiden bügelt, wenn sie gemeinsam zusammenziehen? Eine wichtige Frage, die die Partnerin vor dem Einzug in eine gemeinsame Wohnung geklärt haben wollte. Da hilft manchmal nur Strip-Poker oder eine Runde Schnick-Schnack-Schnuck. Nicht selten werden Muttis kontaktiert und dort nach gefragt, ob diese Lust zum Bügeln hätten.

Wenn man wie ich als diplomierte Bügeltherapeutin agiert, dann erlebt man auch dramatische Geschichten rund um das Thema Bügeln. Böse Knitterfalten in Hemden, die durch „Abgelenktsein“ während des Bügelvorgangs entstehen, sind nicht nur entsetzlich für Hemdenfetischisten, sondern können einen Beziehungskrise, ein gestörtes Miteinander verursachen. Wer unbedingt vor dem Fernseher bügeln muss, sollte zuvor genau wissen, was er sieht, wenn ganz nebenbei gebügelt wird. Immer wieder höre ich von abgefackelten Hemden, wenn Tatort gesendet wird. Die kürzesten Mordszenen können bereits Hemden-Brandings verursachen. Heimatschmonzetten können ein Inferno beim Bügeln auslösen, aber auch angedeutete Sexszenen. Ganze Löschzüge mussten deswegen schon ausrücken. Fernsehen und gleichzeitiges Bügeln kann brandgefährlich sein und Hemden in Glut und Asche versetzten, so wurde mir schon berichtet. Radiohören während des Bügelns kann zur Entspannung beitragen, muss aber nicht. Inzwischen schreibe ich deswegen an einem Ratgeber, um meine Erfahrungswerte weiterzugeben und auch bügelgestressten Menschen den Alltag zu erleichtern.

Im Winter ist das Bügeln erträglicher. Im Gegensatz zu den Sommermonaten in Deutschland, wenn Temperaturen um die 34 Grad herrschen und die Hemden knitterfrei werden sollen. Die Erderwärmung macht inzwischen ebenfalls vor dem Bügeln nicht halt.

Eine junge Frau hat neulich ziemlich hysterisch bei mir nachgefragt, wer denn nun im Notfall die Hemden bügelt, wenn sie 4 Wochen streikt. Sie will nicht ausschließlich ganz alleine im Fahrradkeller bügeln, wenn es so heiß ist. Ihre Schwiegermutter will auch nicht, da hätte sie bereits nachgefragt.

Wer bügelt während einer Partnerschaft? Meistens immer noch die Frauen. Viele haben inzwischen eine moderne Dampfbügelstation oder zumindest ein Dampfbügeleisen. Und doch muss man für den Job geboren sein, so glauben Sie mir bitte!

Die meisten Männer machen sich überhaupt keine Gedanken darüber, ob das Bügeln im Sommer unangenehm sein könnte. Die Hitze schafft viele Frauen, macht sie fertig. Dann kann es durchaus vorkommen, dass Schweiß entsteht und wenn Frauenschweiß auf das frischgebügelte Hemd tropft, so kann dies zu Depressionen führen. Deshalb biete ich u.a. die Hypnose-Bügeltherapie an. Beide kommen zu mir in die Praxis. Ich zeige den Frauen wie sie mit einer bestimmten Handbewegung Männer dazu bringen, dass diese ihre Hemden selber bügeln. Männer erlernen das Bügeln unter Trance. Genau. Sie haben richtig gelesen. Unter Trance.

Voller Panik schrieb mir neulich eine junge Frau eine E-Mail, die mich zu diesem Pamphlet bewegte:

Liebe Frau Bügel-Brett,

was soll ich tun? Bitte rufen Sie mich zurück. Es ist sehr wichtig. Ein Notfall. Ich muss dringend Hemden bügeln. Mein Freund will Ergebnisse sehen. 18 total zerknittere Hemden liegen vor mir. Davon sind sechs Hemden noch mit langem Ärmel dabei. In meinem Appartement herrschen tropische Temperaturen. Ich würde so gerne jeweils die Kragen und Ärmel abschneiden. Die eingenähten Falten im Rücken sind dermaßen ätzend zu bügeln. Seit Tagen schiebe ich die Hemden in meinem Kleiderschrank hin und her. Damit er diese ungebügelten Hemden nicht auf den ersten Blick sieht, wenn er bei mir übernachtet. Jetzt habe ich sie heute früh wie ein Mahnmal auf meinem Bett ausgebreitet. Quasi als Erinnerungsstätte eingerichtet, so dass ich sie mir am frühen Abend zur Brust nehme, bevor er am späten Abend auftaucht und nach dem Wäschekorb fragt. Heute ist mein freier Tag und ich muss nicht in den Betrieb. Jetzt bin ich wie gelähmt, habe aus lauter Verzweiflung schon vier Caipirinhas getrunken und bin vorhin auf dem Bett eingeschlafen. In der Zwischenzeit hat Kater Kevin das Kabel des Dampfbügeleisens durchgebissen und es riecht ziemlich ekelig hier. In zwei Stunden steht mein Freund vor Tür. Es war sein Kater und es sind seine zerknitterten Hemden. Was soll ich tun?

Bitte dringend um Ihre Hilfe!

Gruß

Lisa Sonnenschein

Die Hilfe kam leider zu spät. Nachdem sie mir die E-Mail sendete, ging sie auf den Balkon. Dort wollte sie nachsehen, ob die drei von handgewaschenen Hemden über die sich zuvor ihr Mageninhalt entleerte, inzwischen wieder trocken waren. Immer noch volltrunken stürzte sie aus Versehen über die Balkonbrüstung im neunten Stock. Und landete auf einer Wäschespindel voll bestückt mit Hemden des Nachbars, die in der Gartenanlage stand. Die vielen Blutflecken bekam die Frau des Nachbars später nicht mehr aus den Hemden und nahm sich tragischerweise aus Frust das Leben. Sie erdrosselte sich mit dem Verlängerungskabel der Bügelstation.

Da speziell das Hemdenbügeln im Sommer lebensgefährlich sein kann, wenn sich die Komponente Frust und Schweiß begegnen, plädiere ich für ein Hemden-Bügelverbot an sehr heißen Tagen. So wie es inzwischen ein Autoverbot bei Smoggefahr in Großsstädten gibt.

Ihre

Anne-Marie Bügel-Brett

 

© Corina Wagner, Juni 2014

http://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/glatt-gebuegeltes-anliegen

 


 

 

Gundula Chaos stellt sich dem Publikum kurz vor, hält einen moosgrünen Plüschdrachen in der Hand. (Einen so genannten Schulterdrachen aus der Cosplayer-Szene.) Sie fordert das Publikum auf, den Drachen zu streicheln. Danach beginnt sie mit ihrem Vortrag über die Sturzgeburt.

Bildquelle: Bernd Rindle

Bildquelle: Bernd Rindle

 

 

Sturzgeburt

 

Völlig absurd

und doch kein Einzelfall.

Ich hab‘ nen kleinen Knall.

Diagnose

Drachenpsychose tectum furia

mit nervigem Blabla

Wer mit mir verkehrt,

hat sich bislang immer beschwert.

Deshalb bin ich auch so beliebt.

(Haha)

 

 Das typische Sozialgeplänkel

kann ich nun lassen.

Wir sind ja quasi unter uns.

Es ist immer das Gleiche.

Man wird mich hassen,

weil ich so krank bin.

Ich bin nicht kompromissbereit,

stehe auf Streit, trete gerne nach

und schwöre notfalls einen Meineid.

Ich mache Leuten den Alltag zur Hölle.

Immer ungefragt.

Völlig absurd.

Ich schreie hysterisch auf Zuruf

zum Beispiel: Empört Euch!

 

Eigentlich fing alles ganz harmlos an.

Vor einigen Wochen

schob ich plötzlich einen dicken Hals.

Ich war sinksauer und dies

tatsächlich ununterbrochen auf Dauer…

Unerträglich, so das Ganze.

Das Leben packte mich am Kragen.

Wer kann das schon ertragen?

Vielleicht Durchhaltetypen

mit Grinsebacken-Syndrom

oder Kriegsdenkmäler.

Ich regte mich tierisch auf,

die Absurdität nahm ihren Lauf.

Spuckte sprichwörtlich Feuer und Galle.

Was macht man dann… in so einem Falle?

Man geht zum Hausarzt.

Fehldiagnose: PolitikerUnverträglichkeit

mit schleimigen Auswurf

Genau: Empört Euch!

Oder lasst es bleiben.

Mein Hals wurde immer dicker.

Dann brütete ich tatsächlich aus,

blieb‘ eine Weile nur zu Haus.

Es war auch besser so.

Meine Nerven lagen blank.

Das gab nur Stress und Zank.

Ich musste handeln. Absurd das Ganze.

Ich aß. Nein! Ich fraß.

Wichtige Meldungen aus aller Welt schluckte ich hinunter.

Ich bekam furchterregendes Sodbrennen.

Empört Euch! Für mich.

Ich schob vielleicht einen dicken Hals und hätte speien können,

tat ich aber zunächst nicht und habe eine Zeit lang in Ruhe nachgedacht.

Ein Drache war in mir erwacht.

Ein echter Hausdrachen!

 

Wow!

Da konnte ich nur zynisch lachen.

(Haha)

Männer können den auch bekommen.

Empört Euch! Oder auch nicht.

Von nun an kommunizierte er mit mir im Geiste.

Er gab mir Tipps,

die mein Weltbild verzerrten

und Urängste schürten.

Ich ging zum Facharzt.

Diagnose: Schwere Allergie

gegen globale Dummschwätzer und tatenlose Weltverbesserer

plus geniale Schizophrenie.

Eigentlich soll ich nicht klagen und doch...

Es musste kommen, wie es immer kommt,

wenn man eine Intelligenzbestie, einen Drachen austrägt.

Speiübel wurde mir.

Ich musst‘ mich übergeben.

Danach lag die Bestie vor mir auf dem Boden,

blieb mit der Kotze einfach kleben.

Igittigitt!

Blöd auch, dass ich da unterwegs war.

Ich traf mich mit anderen Politikern,

die mögen nur eigene Trolle unter sich.

Schnell packte ich den Drachen an den Flügeln

und setzte ihn auf meine Schulter.

Er grinste mich dreist an, spuckte Feuer

und flog davon.

Danach wurd‘s mächtig teuer…

Ein Drache bleibt nun mal ein Ungeheuer.

 

Warum gibt es immer noch keine Hausdrachen-Versicherung

für Männer und Frauen, die auf gescheite Lösungen in der Weltpolitik bauen?,

könnte man jetzt fragen oder einfach nur sagen:

Empört Euch! Bevor ihr einen dicken Hals schiebt…

…und Euch wie ich in die Diagnose verliebt:

Drachenpsychose tectum furia

mit nervigem Blabla!

 

 

28.4.2014 © Corina Wagner

 

Info

Am 9. Mai 2014  habe ich an der Veranstaltung "Rangel-Rungel-Ringelstern. Ich küsse jeden Morgen natz" im Theater Neu-Ulm teilgenommen. Für diesen Abend schrieb ich mehrere Texte, auch Freistil-Gedichte.

http://theater-neu-ulm.de/cmsroot/archiv-stuecke/rangel-rungel-ringel/

 


Analogie zu Eugen Roth

Die Beerdigung

Erst neulich wollte ein Mensch namens Dingsbums seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten.

Und seine Fähigkeiten als humoriger, tapferer Mensch beweisen. Die Sache hatte einen Haken, auch ein Kreuz. Herr Dingsbums wollte während einer Trauerfeier aufmunternde Worte sagen. Man ist ja schließlich kein Unmensch. Kein Problem, so dachte er anfänglich. Er hatte früher gute Freunde in der alten Heimat. Doch zunächst musste er zu jener Beerdigung mit der Bahn anreisen. Er musste von A nach B und dann nach C am See. Die Trauerrede schrieb Dingsbums im Zug, das war wohl nicht so klug.

Es lag wohl an der Sicht der Dinge. Zwei Nazis saßen ihm eine Zeit lang gegenüber.

Seine Beinfreiheit war deutlich eingeschränkt und böse Blicke wurden ihm geschenkt.

Beide Kerle wirkten wie ferngesteuert, falsch gelenkt. Sie grüßten zackig als sie gingen.

Menschen ohne Bildung, so glaubte er. Er irrte sich.

Danach saß ein Banker ihm gegenüber, ein Abzocker mit Laptop auf dem Schoss, der prompt heißen Tee aus der Designer-Thermoskanne dann vergoss und heiser schrie: <<Mein Spekulanten-Knie! Es wurde spürbar getroffen. >>Das stimmte Dingsbums nachdenklich, machte ihn ein wenig betroffen. Die zwei Nazis kamen wieder zurück und hatten Glück. Im Abteil war noch Platz. Sie hatten eine Fahne und sangen das Deutschland-Lied. Das klang gar nicht gut, irgendwie nach Hass, Wut und verkrustetem Blut.

Dingsbums wurde misstrauisch. Der Typ mit dem verbrannten Knie war bestimmt kein Genie, eher ein Desaster. Ein Mensch mit Schwächen, wie Dingsbums, der seine Trauerrede nun im Geiste weiter schrieb und höflich dann noch sitzen blieb, als der Banker und die Nazis vor ihm ausstiegen. Dingsbums waren diese Typen nicht geheuer. Der Banker wirkte wie ein kleines Ungeheuer, lag wohl auch an seinem Gebiss aus uraltem Zahngold. Das merkte man dann später auch beim Leichenschmaus. Da gingen dem Vorredner die Parolen nicht aus.

Banker Goldzahn war wie Dingsbums zur Beerdigung eingeladen. Und hielt eine Rede. Einzelschicksale. Die zwei Nazis mit der Fahne blieben vor der Tür.

Dingsbums kramte schnell nach seinem Zettel, faltete das zerknitterte Ding auseinander und wollte mit seiner Rede für den toten Sandkastenfreund beginnen. Er konnte das Geschreibsel aus dem Zug nicht mehr lesen, lag wohl an diesem selbstgebrautem Bock-Bier Führer und derer Anzahl vier.  Dingsbums musste frei reden, artikulieren und improvisieren.

<<Mein Gott, der gute Eugen Roth ist auch schon lange tot. >> Kurz herrschte Stille und ein Räuspern folgte.

<<Ein böser Tumor gepaart mit dem Humor von Eugen Roth, so etwas erfreut und das ist nicht gelogen, so manchen heiteren Pathologen. Es menschelt.>>

<<Fakt ist>>, sprach Dingsbums heiter weiter: <<Biopsien wecken witzige Fantasien bei Pathologen und Bankern.>> Da ging ein Raunen durch die trauerende Menge. Man hatte mit anderen Worten gerechnet.

Banker Goldzahn wirkte angespannt. Das Spekulanten-Knie war seit einer Woche als medizinisches Wunder anerkannt. Dafür zahlte er gern, auch für gute Hasstiraden. Dingsbums ließ sich nicht beirren und erzählte heiter weiter. Von Mensch zu Mensch.

<<Im gestörten Gewebe liegt einiges im Argen. Man sollte es stets wagen und noch lebendig in der Pathologie nachfragen, bevor es zu spät ist. Es gibt immer eine Chance nach dem Tod.

Irgendwie auch eisgekühlt in der Pathologie. Die Wissenschaft macht’s möglich, dank Kryokonservierung. SuperTrick, dank dem Science- Fiction-Wort: Kryonik! Einfach Einfrieren, später wieder Auftauen und wiederbeleben. Man muss nur der Zukunft vertrauen. >>

Dabei starrte er Bürgermeister Würger an, dessen Halbbruder Pathologe und Hobby-Lyriker ist.

<<Es gibt neuerdings einen gereimten Leichen-Test. >>

<<Nee! Echt, mir wird ganz schlecht!“>>, stöhnte Witwe Krass.

<<Der Wunderdoktor wird dort nun regelmäßig zitiert, das hat mich wirklich nicht schockiert.

Den Bürgermeister Würger schon. Er ist ganz anders als sein Halbbruder, noch vom alten Schlag.

Ich war neulich in der Fakultät, hatte dienstlich hier in der Gegend zu tun. Es war wahrlich noch nicht spät, als ich Dr. Krüger traf. Zu spät allerdings für die reiche Leiche.>>

<<Hört, hört!>>, sagte Banker Goldzahn.

Dingsbums sprach heiter weiter und zitierte Eugen Roth:

<<„Berühmt zu werden liegt an dem: Du musst begründen ein System!“>>

Witwe Krass wurde plötzlich grässlich blass. Es lag wohl am Konsum im Rotweinglas.

Dingsbums sprach trotzdem munter weiter.

<<Lyrik steht seit Neustem auf dem Lehrplan. Ich schlich mich in die Pathologie, um die Studenten und Krüger zu beobachten.>>

Ein Raunen ging durch die trauernde Menge.

<<„Morgenstern las ich schon immer gern!“, gab dort ein fleißiger Student zum Besten

und nahm ziemlich rege die Säge zur Hand. Es wurde philosophiert und ein bisschen an der Leiche studiert.>>, sagte Dingsbums.

Witwe Krass verlor das Gleichgewicht und viel direkt auf ihr gerötetes Gesicht.

Banker Goldzahn kam ihr zu Hilfe. Da sah man sein Tattoo am rechten Knöchel.

Ein Raunen ging durch die trauernde Menge.

Dingsbums sprach heiter weiter: <<Zu Lebzeiten war sie ein armer Kerl.

Diese reiche Leiche. Eine dreiste Person mit zwielichtigen Kontakten, sonst nichts.

So einer von denen, die gerne heucheln und dessen Gleichgesinnte meucheln. Stimmt‘ Bürgermeister Würger! Er hatte auch ein Konto bei Banker Goldzahn. Und mal ganz unter uns gesprochen:

Nüchterne Studenten am frühen Morgen, die haben grundsätzlich andere Sorgen,

als sich über einen toten Politiker aufzuregen. Es ist nicht immer ein Segen,

also das Sezieren und Zitieren liegt nicht jedem. Doch wenn man einen Safe-Schlüssel im Fettgewebe der Leiche entdeckt und ein Hakenkreuz am Hintern….

Dann wird der Körper des Toten von Studenten intensiver gecheckt. >>

Witwe Krass hob entsetzt den Kopf und sagte dann ganz leise:

<<Scheiße! Es war Schweinebacke, mein Mann.>>

Ein Raunen ging durch die trauernde Menge.

Dingsbums sprach heiter weiter, auch über die Reaktionen von Dr. Krüger. Bürgermeister Würger verdrehte nur die Augen. Er wollte es nicht glauben. Banker Goldzahn fiel wie im Wahn währenddessen auf sein Spekulanten-Knie, packte Witwe Krass am Arm und flüsterte ihr leise ins Ohr:

<<Krass! Dass verzeih ich ihm nie.>>

Danach zog er sich an ihr brutal hoch, rannte hinaus vor das Haus. Dort warteten die zwei grölenden Nazis auf ihn, sie zeigten keine Empathie.

Witwe Krass fasste sich derweil das allerletzte Mal ans Herz, dass war es dann für sie mit dem Kommerz. Zu tief saß wohl der Schmerz.

Ein Raunen ging zunächst wieder durch die trauernde Menge. Fast zeitgleich fiel draußen ein Schuss. Banker Goldzahn machte mit sich, den zwei Nazis mit Fahne

und dem Spekulanten-Knie wohl endgültig Schluss. Dingsbums, ein Mensch wie Du und ich hätte das niemals gedacht. Das Ganze endete dann ziemlich makaber in einem freudigen Gelaber, glich fast schon einer Orgie. Bürgermeister Würger fiel nach fünf Flaschen Wein nur kurz von seinem Stuhl und lallte dann während des Aufstehens ohne viel Aufsehens noch ziemlich cool:<< Ich bin so traurisch mein Führer.>>

Die zwei Nazis mit Fahne saßen später dann mit Dingsbums wieder im Zug, dessen Lächeln mit seinem letzten Atemzug völlig fehlschlug.

Es menschelte einfach nicht zwischen den Dreien und so landete Dingsbums mit Genickbruch im Freien irgendwo hinter C am See.

<<Mensch Dingsbums! Ich hatte Dich gewarnt, fahr‘ nicht zur Beerdigung von Schweinebacke. So eine verdammte Kacke!>>, sagte Hobby-Lyriker Dr. Krüger einen Tag später in der Pathologie und schob‘ die Leiche Dingsbums ins Kühlfach hinein. Danach blieb er mit ihm und seinen komischen Gedanken noch eine kleine Weile allein…

 

28.4.2014 © Corina Wagner

 

 

Info

Am 9. Mai 2014  habe ich an der Veranstaltung "Rangel-Rungel-Ringelstern. Ich küsse jeden Morgen natz" im Theater Neu-Ulm teilgenommen. Für diesen Abend schrieb ich mehrere Texte, auch Freistil-Gedichte.

http://theater-neu-ulm.de/cmsroot/archiv-stuecke/rangel-rungel-ringel/

 


Weltlachtag 2014

 Heute ist Weltlachlachtag... Wie bitte? Aha! Fröhliche Menschen überall?

4. Mai 2014 – Weltlachtag

Und? Haben Sie heute schon gelacht? 1998 wurde der Weltlachtag von Madan Kataria ins Leben gerufen. Der Inder wollte mit der weltweiten Yoga-Lachbewegung ein Zeichen für den Weltfrieden setzen. Der Weltlachtag soll den Weltfrieden verkörpern und strebt das ehrgeizige Ziel an, ein internationales Bewusstsein der Brüderlichkeit zu schaffen. Neue Freundschaften zu schließen, erreicht man durch Lachen, so die Botschaft. Immer am ersten Sonntag im Mai wird nun der Weltlachtag auf der ganzen Welt gefeiert, ob dies humorlose Menschen lächerlich finden, könnte man noch erforschen. Gelotologie (Lachforschung) gehört noch zu den jungen Wissenschaften, soweit ich informiert bin. Verhaltensforscher unterscheiden 18 verschiedene Arten von Lächeln und angeblich ist davon nur eine Ausdrucksform ehrlicher und spontaner Natur, der echten Vergnügtheit.

Das ehrliche Lächeln beginnt übrigens immer symmetrisch…

Wie? Schauen Sie bitte dafür in den Spiegel!

Im Normallfall ziehen beide Mundwinkel gleichzeitig nach oben. Und dann? Ist das Ganze noch mit den mehr oder weniger ausgeprägten Fältchen um die Augenpartie gekoppelt.

Übrigens Lachen soll sogar gegen Kopfschmerzen helfen. Sollten Sie bei dem Spiegelbild ein Brett vor dem Kopf entdecken, dann sollten Sie lächeln.  Vorzugsweise laut lachen...  :-)

Lachen ist gesund und stärkt das Immunsystem, auch die Psyche profitiert vom Lachen. Deshalb wäre es eigentlich sinnvoll, wenn man täglich lacht, ob alleine oder mit bekannten oder völlig fremden Menschen. Es ist also für das eigene Wohlbefinden nicht schlecht, wenn regelmäßig immer die gleichen Synapsen im Gehirn angeregt werden.

 Fröhliche Menschen sind im Regelfall kontaktfreudiger …

Wenn wildfremde Menschen sich begegnen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, kann ein freundliches Lächeln bis hin zum ansteckenden Lachen neue Freundschaften schließen. Dann gilt es zu unterscheiden, ob jene Menschen tatsächlich zu echten Freunden taugen oder vielleicht doch eher freundliche Feinde sind, deren Lachen absichtlich inszeniert wurde. Man muss wohl selbst herausfinden, ob am Weltlachtag oder an den anderen 364 Tagen im Jahr das Lachen gekünstelt, gespielt wird oder von Herzen kommt und ein natürliches vergnügliches Lachen ist.

 Galgenhumor spricht seine ganz eigene Sprache, wenn man in diesem Zusammenhang an fremde Sitten und Gebräuche denkt und sich z.B. in Lebensgefahr bringt, wenn man aus Unkenntnis zu jenem Moment lacht, der ein absolutes No-Go für andere Menschen in jener Situation darstellt. Manchmal gibt es Augenblicke im Leben, da muss man einfach lachen, obwohl man es nicht sollte oder darf. Eine echte Herausforderung für das eigene Nervenkostüm, dann besonnen zu bleiben und das Lachen zu unterdrücken. Von Herzen lachen, dies fällt wohl am heutigen Tag nicht allen leicht.

Fragen zum Thema Lachen gibt es immer...

 Wer lacht heute auf der Welt? Und wenn ja, wie oft, warum und worüber? Wer lacht heute gekünstelt? Wer lacht befreiend, ohne Angst haben zu müssen? Wer lacht ohne Hemmungen, jegliche Scham? Wer lacht Tränen, die den Tod bedeuten könnten? Wer lacht, weil die Situation dermaßen makaber ist, so dass Weinen keinen Sinn macht? Wer lacht, weil er heute gefoltert oder vielleicht auch gemordet hat? Wer lacht heute andere Menschen aus, lacht aggressiv? Wer lacht vor lauter Begeisterung? Wer lacht voller Mitgefühl, wegen der Situationskomik? Wer lacht über einen geistreichen Witz? Wer lacht einfach nur so, ohne Grund?

Wer Humor hat, lachen kann, kommt besser durch Krisen.

Aha!

Fazit am Weltlachtag: Immer schön die Mundwinkel hochziehen! Und lächeln.

© Corina Wagner, 04. Mai 2014

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/weltlachtag-2014

 

 

 


Eilmeldung: Osterhase suizidgefährdet?

 

 

Einige Nachrichtenagenturen melden inzwischen, dass der Osterhase wegen extremer Unzuverlässigkeit des Wetters die Schnauze sprichwörtlich gestrichen mit Glutamat voll hätte. Er freue sich tierisch, wenn man ihm das Fell über die Ohren zieht. Er ist suizidgefährdet. „Ein depressiver Osterhase hat uns gerade noch gefehlt!“, sagte die Leiterin für betreutes Erbgut in Berlin ziemlich entnervt.

Die Frühjahrsmüdigkeit und die Feinstaubbelastung durch den Saharasand gingen nicht spurlos an dem sensiblen Hasen vorüber. Der März zeigte sich bereits viel zu warm, staubtrocken und deshalb hat der Osterhase vermutlich massive Probleme. Die Pollen flogen viel zu früh. Seine Augen tränen und seine Nase läuft. Sein bekanntes Schmunzeln erscheint wie weggeblasen. Ein Ärgernis für Frohnaturen. Außerdem liegt er total monsantoverseucht, also völlig depressiv in einer Ackerfurche und will keine Haken mehr schlagen. Er lässt die Ohren hängen und wartet auf den Freitod durch ein Dreiachser-Güllefass. Null Bock hätte er auf das diesjährige Osterfest, ließ er von einem genmanipulierten Küken ausrichten, das ein Tierschützer erst kürzlich nachts in seiner Nähe aussetzte. Obwohl der Osterhase sich normalerweise nicht um Ausgebrütetes kümmert. Die Ganztagsbetreuung auf dem Feld hat sich erledigt. Das Küken brach sich gestern das Genick, als es einem Mountainbiker in die Quere kam, der für den Geheimdienst der Ostereier-Lobbyisten unterwegs war. Der Osterhase ist zutiefst schockiert, sah er doch in der Ferne dem Küken zu, als es starb. Er liegt noch immer völlig apathisch in dieser Ackerfurche und starrt todtraurig in die ausgelaugte Botanik. Seit drei Stunden regnet es endlich mal wieder. Vielleicht ertrinkt der Osterhase nun in einer Pfütze auf dem gepflügten Feld. Und dann? Bangen und hoffen, dass ein anderes Langohr aus der Lagomorpha -Fraktion den Job übernimmt, aber ein Schlappohr ist tabu, fordern jetzt schon Rassisten.

Der Klimawandel macht diesen komischen Frühling zu keinem heiteren Sommer, zwitschern zurzeit die handzahmen Meisen von einigen Umweltaktivisten. Andere schräge Vögel dementieren wie immer aus Angst vor Panikmache.

Der April leidet einfach nur extrem unter der Demenz des Wetterfroschs. Man soll nicht immer den Klimawandel für alles verantwortlich machen…

 

 

© Corina Wagner, April 2014

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/eilmeldung-osterhase-suizidgefaehrdet


 

Bastelkurs Mäeutik

 

Achtung! Aufgepasst!

Heute findet der interessante Bastelkurs Mäeutik auf dem Marktplatz in Sokrateshausen statt.

Die Utensilien für den Bastelkurs sind simple. Unkraut-Ex und Puderzucker sollten Sie allerdings zu Hause lassen. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", so lautet das Credo der Veranstaltung. Herzlich eingeladen sind insbesondere PolitikerInnen, die sich beim Basteln mal wieder zum Affen machen wollen.

Bildquelle: Wikipedia
Text: © Corina Wagner, 1. April 2014

 


 

Jahrestag

Es gibt Menschen, die können mit der närrischen Jahreszeit nicht viel anfangen. Andere wiederum macht es großen Spaß. Sie mischen sich unter das närrische Volk und sind aktiv mit dabei, engagieren sich in Karnevalsvereinen. Ich wurde an einem Rosenmontag geboren. Irgendwie wurde mir bei der Geburt das närrische Gen injiziert. Deshalb schreibe ich auch gerne passende Worte, wenn mal wieder Fasching Hochkonjunktur hat. Neulich hatte ich Gelegenheit bei Lesungen folgenden Text vorzutragen. Beim Publikum kam die Geschichte übrigens super gut an, lag wohl auch daran, dass ich stellenweise sang. :-)

Viel Freude nun beim Lesen!

 

Jahrestag  - Bald ist es wieder soweit: Altweiberfasching, Gumbiger Donnerstag!

Gundula Helau erzählt…

Hätte man mir vorher gesagt, was alles passieren würde, dann wäre ich damals zu Hause geblieben und hätte mir eine CD von Margit Sponheimer reingezogen, die eh die Fuck-Sager-Generation nicht mehr kennt. Ich hätte zwei oder drei Piccolöchen getrunken und aus den ollen Brockhaus-Bänden von Onkel Otto Konfetti geschnitzt. Anschließend hätte ich vielleicht noch ein Gedicht verfasst:

 

Zu Grün

Grün hinter den Ohren

Völlig unverfroren

Geküsst

Geherzt

Gescherzt

Viel zu grün

 

Nee, hab‘ ich nicht gemacht und viel zu viel in jener Nacht gelacht. Im Grunde meines Herzens bin ich eigentlich ein trauriger Mensch, so typisch schwermütig schüchtern mit einem Hang zum Melancholischen, falle nie nüchtern auf Menschen. Ich bin normalerweise grenzwertig zurückhaltend.

„Gell Du hascht mich gelle gern, gelle ich dich a“, dröhnt es seit diesem Tag stets leise in meinen Ohren, wenn ich daran denke. Echt pervers. Nachts ist es am Schlimmsten. Ob es mit diesem sehr seltenen Willy-Millowitsch-Tinnitus vergleichbar ist, kann ich nicht bestätigen, denn ich habe in einem Internetforum gelesen, dass die Betroffenen fast ausschließlich ununterbrochen - “Wir sind alle kleine Sünderlein“ - hören.

„Gell Du hascht mich gelle gern“  Hm! „Du mich auch!“, summe ich dann meistens exzessiv, weil ich mich an jenen irrwitzigen Donnerstagabend definitiv nicht erinnern möchte.

Ob mir ein Politiker als Gorilla oder Anstandswauwau begegnet ist? Keine Ahnung. Gedächtnislücken!

Ich lenke mich dann immer mit “An Tagen wie diesen…“ von den Toten Hosen ab. Volle Lautstärke! Und doch verfolgen mich die Bilder kontinuierlich im Schlaf. „Gell Du hascht mich gelle gern…“

Jammern auf hohem Niveau nutzt jetzt natürlich auch nichts mehr, wirkt aber irgendwie immer noch ernüchternd. Nach fünf Flaschen vom Rotkäppchen irgendwie auch nachvollziehbar. Dabei hatte ich vor fast einem Jahr eigentlich noch Glück. Es hätte tragischer enden können. Ich hätte auch an jenem vermeintlichen gumpigen Donnerstag Parteienmitglied der Spaß-Partei FDP werden können oder mit dem Pofalla von der Konkurrenz um die Häuser ziehen. Ähm, ja! Ich hätte auch mit einem gemalten Penis auf der Wange erwachen können. Keine Ahnung, was alles hätte passieren können…

Fuck - hätte ich nie und nimmer laut gesagt. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, auch bei meiner neuen Erfindung: den Dieter-Hildebrandt-Gedenk-Scheibenwischer für Politiker-Limousinen mit integriertem Optimismus. Und doch wirkt es immer noch wie ein Trauma.

Wäre ich nur nicht auf dem Peter-Frankenfeld-Platz so doof gestolpert und ins Wanken geraten. So ein blödes Fettnäpfchen mit Sprachzentrum, das mitten im Weg lag, störte mich in meinen Bewegungen. Und warum musste ich mich von Ulknudel Holla, der kleinen Waldfee an diesem Tag überreden lassen, mir dieses doofe Meerjungfrauen-Kostüm in der Boutique Titanic zu kaufen? Mich aus lauter Jux und Dollerei drei Stunden später in dieses viel zu enge Mogelpackungsglitzergedöns mit Fischschwanz auf einer viel zu engen Herrentoilette einer Tagesstätte für betreute Väter zu zwängen, weil die Damentoilette bereits vollgekotzt war, um es für diese feucht fröhliche Veranstaltung des Sozialpädagogen-Vereins anzuziehen. Klar doch! Faschingsparty der Anonymen Alkoholiker.

Ich stolperte als kurzsichtige Nixe durchs nächtliche Vergnügen und stieß brutal mit einem älteren Herrn im Eddie Arent-Kostüm zusammen. Der stand sowas von blöd herum. Wäre ich doch nur wie jedes Jahr auf dem heimischen Sofa sitzen geblieben und hätte mir noch eine CD reingezogen. Meinetwegen ein Hörspiel: Die Drei Fragezeichen! Dann wäre mir bestimmt nie dieser gestrandete Wal in die Quere gekommen, der einen auf Heinz Erhardt machte. Typen gibt’s, kaum auszuhalten. Er faselte mir dann ziemlich obszön auch noch etwas vom Ei des Kolumbus ins Ohr. Angeblich war es nur ein alter Gag. Kann ja jeder behaupten! Ich rannte so schnell ich konnte in die Theo-Lingen-Straße, so gut es mit diesem Mogelpackungsglitzergedöns mit Fischschwanz möglich war. Doch dies war zuvor mit einem riesengroßen Menschauflauf verbunden.

Schließlich lag der gestrandete Wal eine kleine Ewigkeit auf dem Ende meines Meerjungfrauen-Kostüms. Der hatte vielleicht Nerven, sogar im Schritt. Dieses Gekreische alarmierte die Polizei. Ich sah vielleicht zerzaust aus, als der weiße Hai mir zu Hilfe kam. Er half mir quasi wieder auf die Flossen. Die Männer von der Feuerwehr waren definitiv zu spät vor Ort.

„Man ist für sein Leben selbst verantwortlich!“, klare Ansage von Dracula mit Migrationshintergrund, der mich kurze Zeit später verfolgte, als der weiße Hai immer noch mit Batman debattierte, ob man mich in diesem Zustand Huckepack nehmen könnte. Und als ich dann gefühlte zwei Stunden später wieder aus der kultigen Georg-Kreisler-Halle kam, mich ohne wenn und aber sofort von ihm in den Hals beißen ließ, wurde mir dermaßen komisch zu Mute, dass ich lauter weiße Tauben sah. Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu berichten. Ich lief ich dann Richtung Verkehrsübungsplatz - hinter mir eine Horde Indianer und vor mir Nonnen oder Pinguine. Da habe ich einen kleinen Filmriss. OK. Ich kann mich aber noch genau danach erinnern, dass ich einen kleinen Stopp in der Loriot-Allee einlegte und mich Müller-Lüdenscheidt zu einem Schaumbad einlud. Ich lehnte dankend ab, da ich ja eigentlich immer noch in dem etwas lädierten Mogelpackungsglitzergedöns mit Fischschwanz steckte, ließ ihn stehen und stolperte einige Bäume weiter.

Dort begegnete mir der böse Wolf mit den sieben Geißlein. Die waren total schräg drauf, hatten eine Kamera dabei und drehten eine Doku über Altweiberfasching. Erst dann nahm das ganze Elend seinen Lauf, weil sie mich bis zur Harald-Juhnke-Gasse begleiteten, also eher schleppten. Fuck!

© Corina Wagner, Januar 2013/14


Poetry Slam

11.01. 2014 im Roxy in Ulm

Gewinner: Kilian Ziegler/Schweiz

 

Kurzgeschichte aus dem Hause Wagner

Suizidprediger

 „Schönen guten Abend! Mein Name ist Angela Adipös, Freifrau von echt Grass“, wollte ich eigentlich zuerst sagen, wenn ich hier stehe, kommt meistens gut an, wenn man so aussieht wie ich. Mein Doppelkinn samt Merkelsyndrom habe ich mir inzwischen versichern lassen, hat den Kaiser von der Hamburg Mannheimer ein müdes Lächeln gekostet. Dem ist deswegen kein Zacken aus der Krone gebrochen, wie mir kürzlich. „Boaaaaar! Frau Fett!schrie mich Frau Hydra, meine Sterbehilfe-Beraterin, die verbissenste aller Jobvermittlerinnen an, als ich ihr völlig korrekt die Police zeigte, weil ich anstatt Mietzuschuss die Raten für die Versicherung von ihr…  Und bevor ich die Worte noch zu Ende gestikulieren konnte, mischte sich völlig euphorisch meine gespaltene Zunge, ähm Persönlichkeit mit dem prägnanten Wort: „Doofi!“ ein. Echt Grass war dasss. Ich hab’s dann gut gelaunt formuliert bei ihr probiert. Gell! Nee! Doch!, also bei der Hydra. Ich schwör! Blitzumfrage: Wer von Ihnen kennt die Hydra? „Doofiiiis!“ Gabriel halt Deine Klappe.

Boaaaaar! hat die sich angestellt. Irre, echt irre und grass. Echt grass! Ich spürte förmlich den Hass.

Man weiß ja heutzutage nie, wann man plötzlich als Sozialfall beim Zahnarzt landet. Und um die örtliche Betäubung aus Drittländern betteln muss. Manno! Die Hydra hat überhaupt keine Ahnung. Privatversichert! Klar doch. Neulich hat sie mir sogar den Job einer Suizid-Predigerin angeboten. Jawoll! Todernst meinte sie das. Grass. Nur weil ich so komisch aussah. Ich Stunden zuvor beim banalen Allgemeinmediziner ausharrte, der übrigens nebenbei noch anschaffen gehen muss. Anschaffen! Hä? Wie bitte? Dachte ich mir schon, dass sie jetzt grübeln, hat die Hydra auch getan und den Kopf wie wild… Boaaaaar! Grässlich.  Irre, echt irre und grass, echt grass. Jawoll! Anschaffen! Ein Arzt! Teure Geräte natürlich, die ich mit Zusatzleistungen finanzieren soll, aber nicht kann. Und genau das hab‘ ich der Hydra auch gesagt und der Tusnelda von der Krankenversicherung. Und? Klar doch! Ich halte nichts von Prostitution. „Doofi!“Mensch, sei still! Wegen Dir bekomm‘ ich immer nur Ärger." Doofi, Doofi, Doofi!           

 Wo war ich stehen geblieben? Mit Doppelkinn und Merkelsyndrom bei der Hydra. Genau! Echt grass war es bei ihr, so gegen vier. Gabriel nervte. Boaaaaar! Sind Sie verrückt!“, schrie mich automatisch die Sterbehilfe-Beraterin, also die Hydra an, als ich total lässig vor ihr saß und mich leichenblass weigerte, sie sich allerdings dabei im Tonfall steigerte, damit ich endgültig ihre neu ausgedachten Sanktionen annehme. Gabriel haute ohne Vorwarnung auf ihren Tisch und antwortete: Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst!“ Anschließend guckte ich die Hydra ganz sympathisch an. Wahnsinn! Irre wie sie starrte, echt irre und grass war dasss. Sie starrte und starrte Sekundenlang Totenstille im Raum. Dann ein Raunen. Mit dem Gesicht hätte ich „echte Chancen“, sagte die Trulla dann vom Amt. Echte Chancen? Wie bitte? Ich? Die Hydra vom Jobcenter meinte völlig unkontrolliert, dass ich die richtige Person sei, die mit ihrem adipösen fadenscheinigen Gesichtsausdruck, auch ohne mit der Wimper zu zucken, Märchen erzählen und Sanktionen verhängen könnte. Sie sagte tatsächlich zu mir, dass ich mich beim Jobcenter als Nachfolgerin bewerben solle, man hätte ihren Zeitvertrag gekündigt.

Boaaaaar! Schrie ich - nee Gabriel für mich und ich knallte die Tür so laut zu, dass der Alarm ausgelöst wurde. Die Sirenen ertönten.

„Die Alte mit dem Schwabbelkinn war`s!“, grölte ein überqualifizierter Arbeitsloser hinter mir her, dem ich auf die Schnelle zeigte, zu was man mit einem Schwabbelkinn fähig ist. Jawoll! Ich sprang wie ein Wrestler in ihn hinein, also eher Gabriel mit gefühlten 100 Kilo in seine Weichteile, bevor ich hastig das Jobcenter verließ. Boaaaaar! Tat mir daaaaaas gut, ihm weniger. Es war mein ehemaliger Vorgesetzter, der zu meinen Füßen lag und “boaaaaar“ keuchte. Auf dem Weg nach Draußen hörte ich immer noch dieses Keuchen, dass mich auf die Idee brachte, mal bei einem Slam mitzumachen. „Doofi!“ " Halt' die Klappe Gabriel".

Jetzt stehe ich hier unter enormen Boaaaaar- Druck und überlege mir gerade, ob ich schreien , flüstern, meucheln, keuchen, entfleuchen oder Ihnen einfach nur erzählen soll, dass ich mich heute Mittag im Internet als Suizidprediger ausgegeben habe. Ich arbeitete mit einem staatlich geförderten Unternehmen und einem von mir ausgesuchten Inkassobüro zusammen. Der Suizid kann klassisch oder skurril ausgeübt werden. Erste depressive Arbeitssuchende haben sich bei mir schon gemeldet. Boaaaaar. Nee! Ähm, bei Gabriel! „Doofi!“

Ist das nicht toll? Man muss nur auf der Suche nach einem neuen Job sein und sich an alle Formalitäten halten, die ich absolut staatsverträglich ausgewählt habe. Boaaaaaar würde auch die Hydra sagen, wenn sie nicht seit gestern kopfüber im Klo hängen würde. „Doofi!“  

© Corina Wagner, Dez. 2013

 


Eine kleine Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene...

Krieg der Himmelsstürmer

„Das glaube ich aufs Wort!“, dachte zunächst der Ideologe, als dem Verfechter deswegen das Wort im Halse stecken blieb, weil der Ideallist zuvor meinte, dass er immer das Letzte Wort haben muss, wenn der Frömmler das Wort Gottes ergreift. Der Dogmatiker konterte und drehte ihm das Wort im Munde herum, so dass der Fanatiker auf die Idee kam und sein Wort anschließend mehrmals brach. Dies führte dazu, dass der geschätzte Verfechter für ihn das allerletzte Mal ein gutes Wort einlegte und dann fälschlicherweise den Kämpfer zu Wort kommen ließ, was allen Beteiligten, auch den Himmelsstürmern missfiel. So kam es fatalerweise wie es bei einem religiös geprägten Weltverbesserer-Treffen nun mal wortwörtlich kommen kann. Ein Wort ergab das andere und der Zelot hatte mal wieder das ganz große Wort, riskierte augenblicklich eine dicke Lippe. Alle anderen Hitzköpfe duldeten natürlich diese Art der Verständigung ansatzweise überhaupt nicht und fielen vorhersehbar gleichzeitig dem Anhänger des Enthusiasten brutal ins Wort, dem sie ansonsten aufs Wort stets gehorchten. Er brachte es als bekennender Utopist tragischerweise mit nur einem Wort dann gegen Ende auf den Punkt: Krieg!

© Corina Wagner, Januar 2014

 

 


Quatsch

Über Quatsch kann man debattieren, muss man aber nicht. Und doch bewegt es Menschen, die tagtäglich mit Humbug in Berührung kommen...

 

„Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden!"

Jawoll!

„Dieser Quatsch wird von sehr ernsthaften Verfassungsschützern diskutiert.“

Jawoll!

Was für ein Quatsch eigentlich?

Das denken viele Menschen, die genau wissen, wie man das Wort Unsinn definiert. Umso interessanter, wenn z.B. ein Politiker zu einer Journalistin während eines Interviews sagt: „Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden!“ Kann man dann annehmen, dass diese Faselei zwischen Beiden ein Ende ohne Kokolores nimmt? Kurze Zeit später hört das Geschwätz auf. Klar doch! Interviews dauern keine Ewigkeit, aber der einfach gestrickte Mensch überlegt eventuell, welchem Schmarren, Larifari er nun Glauben schenken soll. Entweder der Journalistin, die das Gequatsche aus rein beruflichen Gründen für sinnvoll hält, da die gestellten Fragen keine Flausen sind? Sie ganz energisch während des geführten Gequatsches, also Interviews sagt, dass dieser Quatsch sehr ernsthaft von Verfassungsschützern diskutiert wird? Oder?

Anderenfalls den Worten des Politikers vertrauen, der eine anstehende Mitgliederbefragung für so toll findet, dass er fest davon überzeugt ist, dass diese Schule machen wird. Nur Blabla? Politischer Humbug? Warum nun dieser ganze Palawer wegen jener Aussage über das Oweia-Mandat? Wer hat nun Bockmist gebaut? Beide? Was soll nun der Einfachgestrickte denken? Die machen im Fernsehen vor laufender Kamera Mätzchen?

Der Mensch beschäftigt sich gerne ausgiebig mit Mumpitz und so ist es nicht verwunderlich, dass sich auch Menschen dafür interessieren, die denken, dass sie komplizierter gestrickt sind und den Firlefanz mit Freude ins Lächerliche ziehen. Purer Nonsens entsteht, wenn man den Quatsch beleuchtet, so könnte man meinen. Formulierter Schnickschnack eben. Und trotzdem will nicht jeder diesen Schmus als Sinnentleertheit hinnehmen…

 

© Corina Wagner, November 2013

 

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/quatsch#1385826479809674


A und B

Jeder Mensch will eigentlich klug sein. Der Wille ist meistens vorhanden. Die Umsetzung der Intelligenz bleibt individuell...

A und B

Laut Duden wird das Wort Klugheit mit scharfem Verstand und Intelligenz, Umsicht und Vernunft erklärt. Interessant wird es, wenn zwei unterschiedliche Personen, Charakteren, also A und B rein zufällig aufeinander prallen.

Komisch wird beiden zumute, wenn A wie auffallend alleine, analytisch gut drauf auf B wie borniert und bekannt, dann rein zufällig in einer Fußgängerzone aufeinandertreffen.

B quasi A ganz heftig auf die Füße tritt und A reflexartig seine Ellenbogen B in die Rippen stößt.

Beide denken spontan über ihre angeborenen Fähigkeiten nach. Logisches Denken, diese Möglichkeit kommt für beide sofort in Frage. Sie glauben beide fest daran, dass sie clever sind, also jeder auf seine Art und Weise.

Dieser Gedanke hat auch nichts mit Wissen oder Können zu tun, glaubt zumindest B und sagt: „Idiot! Passen Sie doch auf, wo Sie hinlaufen!“

A wirkt etwas zerstreut und rückt zur Seite, realisiert die Szenerie, denkt in Bruchteilen von Sekunden über Wortfetzen nach, die von einem Artikel über B in seinem Gedächtnis hängen geblieben sind. Gleichzeitig antwortet er aber zunächst sehr ruhig, dann völlig euphorisch: „Sorry! Und grüßen Sie bitte Ihre entzückende Gattin von mir!“

Minuten später steht B immer noch mit einem stupiden Gesichtsausdruck in mitten der Fußgängerzone, grübelt intensiv nach, so wie es seine erlernten Fähigkeiten zulassen, weil er A zuvor noch nie in seinem Leben gesehen hat.

B wird von den Passanten belächelt, da er wie ein bunter Hund in der Stadt bekannt ist.

A ist inzwischen außer Sichtweise und in Richtung Hochbegabten-Workshop unterwegs.

Später erzählt er in einer Debatte: „Es gibt Leute, so selbstinszenierte Intellektuelle ohne Sinn und Verstand, die merken nicht wie blöd sie in Wirklichkeit sind. Auffallend viele leben davon in Ballungsgebieten und sind politisch aktiv.“

 

© Corina Wagner, November 2013


 

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/a-und-b

 


Hüte Dich vor jeder Tüte…

Die fünfzehnjährige Lisa ist aufgebracht, kommt nach Hause, geht zielstrebig auf ihre Mutter zu und haut ihr den leeren Jutebeutel um die Ohren.

„Spinnst Du! Bist Du jetzt völlig durchgeknallt? Was soll das?“, schreit ihre Mutter, die ziemlich fertig aussieht.

Lisa ist stinke sauer und schreit zurück: „Lass‘ mich doch in Zukunft mit Deiner völlig bescheuerten Öko-Erziehung in Ruhe und Papps kann sich seine Therapie in den Hintern schieben!“. Dann verlässt sie wie ein trotziges Kleinkind das Haus und schlägt dermaßen die Haustüre zu, so dass ihr Vater aus dem Büroschlaf erwacht. In der Einliegerwohnung ist seine Praxis untergebracht. Wenn er nicht gerade döst, arbeitet er als Psychologe. Jetzt ist er hellwach, liegt wohl auch daran, dass das selbstgetöpferte Windspiel zu Bruch ging. Er opfert sich und holt die Kehrgarnitur.

Mutter Irmi, begnadete Ökotrophologin, geht sofort in ihr Altarzimmer. Ein kleiner Raum, der eigentlich ihr Bügelzimmer werden sollte. Ein Zimmer voller Spiritualität. Ihr Rückzugsort, ein Platz der Stille. Es duftet nach Myrrhe, Weihrauch, Rosenduft und einem Hauch Knoblauch. Auf ihre Andachtsbuch-Sammlung ist sie besonders stolz. Zwischen eingestaubten Bibelschriften, unzähligen uralten Greenpace-Heftchen und vergilbten WWF-Flyern steht eine dicker Nabu-Ordner und ein Ringbuch mit Peta-Werbung im Regal. Ordner und Ringbuch sind aus Rindenmulch hergestellt. Für den Bund Umwelt und Naturschutz brennt stets eine Kerze aus Bienenwachs. In einem großen Würfel aus Plexiglas vom Recyclinghof liegen 255 Plastiktüten. Dieser spirituelle Würfel steht auf einem Sockel aus Treibholz. Überall im Zimmer befinden sich Kunstwerke aus Plastikmüll. Ein großer stabiler Joghurt-Becher dient als Klangschale. Auf dem Altar, ein Campingtisch aus den Siebzigern, steht neben einer Jesus-Abbildung aus deutscher Eiche auch eine Buddha-Figur aus Keramik. Bambuszweige komplimentieren gemeinsam mit Rosen aus dem Garten die heilige Stätte. Sie kommt hier zu Ruhe, wenn ihre Familie nicht mitmacht. Jetzt fängt sie an zu meditieren und leise erklingt im Hintergrund Indierock aus den Lautsprecher-Boxen. Ihr Gatte Heiner hat die Boxen in seiner Praxis aufgedreht.

Lisa findet ihre Mutter total peinlich. Vor jedem normalen Einfamilienhaus hängt zur Begrüßung ein Willkommensschild, ob im trendigen Rostdesign oder aus Keramik oder Holz. Über ihrer Eingangstür hängt zwar nicht der Slogan der EU. „Hüte Dich vor der Tüte“, aber dafür ein getöpfertes Schild mit der Aufschrift:

Gott behütet Dich vor jeder Tüte,

auch vor dem Kiffen in diesem ehrenwerten Haus!"

Lisa lädt schon keine Freunde mehr ein, weil die dann immer so dreist grinsen und blöde Sprüche reißen. Ihre Mutter schmiert ihr das globale Tüten-Problem jeden Morgen quasi mit dem vegetarischen Brotaufstrich aufs selbstgebackene Dinkelbrötchen. „Millionen Tonnen von Plastikmüll werden wahrscheinlich noch Hunderte von Jahren in den Meeren herumschwimmen!“, so einer der mutmachenden Aussagen, wenn Lisa noch total verschlafen ihren frisch gepressten Orangensaft von glücklichen Obstplantagen-Bauern trinkt. Kunststoff-Abfall zersetzt sich nur ganz langsam im Wasser und stellt deswegen eine Gefahr für Fische dar. Diese Botschaft hat Lisa natürlich verstanden und isst deshalb keinen Fisch mehr. Fisch mochte sie instinktiv noch nie. Ihre Mutter redet ihr auch nicht mehr ein, dass man Fisch essen muss, wegen diesen Omega-3-Fettsäuren.

Heute ist kein guter Tag für Lisa. Alles ging irgendwie schief. Die biologisch angebauten Möhren schmeckten in der Frühstückspause nach Chemie. Ihre Freundin übergibt sich während des Biologieunterrichts und erwischt ihre neuen Lammfellschuhe. Es ist ein ganz schlechter Tag für sie, als sie mit dem ollen Jutebeutel von Uroma Käthe am Nachmittag in der Stadt unterwegs ist. Ihr Idol Lars aus der Elften trifft sie durch Zufall ganz alleine in der Fußgängerzone. In der Schule ist Lars immer der Vorzeige-Öko-Typ schlechthin. Er ist nicht nur ein hübscher Kerl, sondern politisch aktiv, will Politikwissenschaften und Gender Sudies studieren. Er rammt sie doch tatsächlich mit mindestens zwanzig größeren und kleineren Plastiktüten im Arm, als sie ihm nur „Hallo!“, sagen will. Da rutscht es Lisa völlig unkontrolliert heraus: „Gott behüte mich vor Lars und seinen Lümmeltüten!“. Und dann kommt sie nach Hause sieht ihre Mutter und rastet völlig aus.

©Corina Wagner, November 2013

http://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/huete-dich-vor-der-tuete201d

 


Abschied

 Aus dem Tagebuch von Adele Wurmholz...

Es ist nun wirklich an der Zeit - Abschied zu nehmen. Tagelang quälte mich dieser Gedanke.

… Schnief …

Wieso musste ich dieses Problem aushalten? Warum?

Unerträgliche Schreikrämpfe, die ich deswegen unterbinden musste. Schlimm. Ich habe mich wirklich bemüht, um das Ganze wie eine Akte in einer staatlichen Einrichtung zur Seite zu legen, die irgendwo ungelesen einstaubt. Ich weine nicht wegen Klischees. Niemals. Meine Schwächen liegen in der Ehrlichkeit. Wenn ich merke, dass PolitikerInnen oder WeltverbesserInnen lügen, dann werde ich zur Heulsuse. Heulen hat Nachteile. Man kann wie ein ausrangierter Staatsdiener oder wie ein Wischmopp aussehen. Man wirkt schlicht depressiv. Im Grunde meines Herzens …

… Schnief …

Weinen kann befreiend wirken.

Ich wurde als positiv denkender Mensch gezeugt. Grundsätzlich gute Voraussetzungen für ein schönes Leben. Warum jammere ich? Was ist da schief gelaufen? Vom Optimismus zum Pessimismus abzuwandern, liegt völlig Trend. Wir werden ja alle älter.

… Schnief …

Eine Entwicklung, die niemanden verunsichern muss. Die Industrie sorgt vor. Es gibt nun zum Beispiel die tollsten Windeln für Erwachsene, Taschentücher für sensible, ältere Haut und so etwas wie den Ferrari unter all den Klorollen, also Toilettenpapier vom Feinsten.

… Schnief …

Schreckliche Bilder tauchen neuerdings immer wieder im Unterbewusstsein auf. Ganz furchtbar. Ich bekomme Schweißausbrüche, werde nachts von meinem eigenen Schnarchen wach. So schlimm war es noch nie. Deshalb nehme ich nun Abschied und notiere dieses Empfinden in meinem Tagebuch.

… Schnief …

Grässliche Bilder, die in der Zukunft stattfinden, schwirren nachts in meinem Kopf umher. Immer wieder. Horror pur! Jede Nacht tauchen plötzlich monsterhafte Lebensmittel auf, die mich foltern. Überdimensionaler Brokkoli mit Hackfresse aus dem Versuchslabor macht mich zum Beispiel fix und fertig. Ich sehe Eisbein mit Ringelsocke auf meinem Teller liegen. Angsteinflößende Kinderaugen starren mich an. Ganz schlimm. Genmanipulierte PoltikerInnen sorgen sich liebevoll um mich, wenn ich 111 bin. Ein entsetzliches Gefühl, wenn Poltikerinnen so tun, als seien sie menschlich und liebevoll. Mein japanischer Kater sah im vergangen Traum wie der schrullige Nachbar von Tante Käthe aus. Einen Monsterkater will ich nicht. Ein Abschied kann auch ein Neuanfang sein. Jawoll! Ich werde den Kater bei Ebay versteigern.

Ganz ehrlich: Ich kann nicht mehr. Solche Nächte gehen an die Substanz, zumal tagsüber Nachrichten, Meldungen das ganz banale Seelenleben erschweren.

Meinem jungen Liebhaber erzählte ich davon. Er meinte, dass er DAS nicht mitmachen wolle, also zuzusehen, dass ich so alt werde. 112 Jahre will ich werden. Männer sind einfach nicht so belastbar. Ich will aber unbedingt Optimistin bleiben. Jawoll! Ich will mich endlich damit abfinden, dass es so ist wie es nun ist und der Gegenwart eine Chance geben. Deshalb habe ich jener Problematik insgeheim eine Abkürzung(ZWdV) gegeben, damit ich besser Abschied nehmen kann. Heute will ich noch einmal total traurig sein.

 … Schnief …

Den Geliebten behalte ich vorerst. Man weiß ja nie. Er ist so ein cooler Abhörspezialist, Friseur, Geheimnisträger, arbeitet ganz nebenbei als Diplomat und besitzt fünf gefälschte Pässe. Manchmal ist es allerdings besser, wenn er nur küsst und nicht spricht.

Ich schweife mal wieder ab, passiert mir neuerdings öfters. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, seit dem mein Mann…

Beginne mit einem Thema und komme von Stöckchen auf Hölzchen. Beängstigend. Ein stechender Schmerz zuckt durch meinen Körper.

Jetzt weine ich tiefgründig. Meine Orangenhaut stört das nicht, aber die Augenringe.

Noch einmal Zukunftsängste schüren. Danach ist aber endgültig Schluss damit. Meine Brüste verlieren langsam an Haltung. Schade!

Ein Codewort für Szenarien zu benutzen, die man nicht unbedingt beschreiben will, bietet sich an, das ist genau mein Ding, so dachte ich irrtümlich. Ich habe meine Meinung geändert, liegt vielleicht auch am Sex mit diesem Diplomaten. Er ist insgeheim Doppelagent und das merkt man als reifere Frau. Ein Feindbild, so ein fieser Pessimisten-Gedanke sitzt genau in meinem Hinterkopf. Ich will ihn loswerden wie das einst vulgäre Wort „Scheiße!“. Dieses in der Gesellschaft inzwischen etablierte Wort, denke ich mir stets schön. Das führt auf Dauer zu Unbehagen, wenn ich zum Beispiel in diesem Zusammenhang an Fukushima denke, an Umweltpolitik und an meinen Liebhaber.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Jawoll! Jetzt habe ich es ganz laut gesagt. Es tut mir gut. Jetzt könnte ich es sogar zu meinem Mann sagen, der Atommeiler liebte. Zu spät. Seit vorgestern ruht er in der Gefriertruhe seiner Mutter. Sie kann sich Gott-sei-Dank an nichts mehr erinnern. „Scheiße, Scheiße, Scheiße! “  Es wirkt irgendwie befreiend.

Keiner hat es gehört, sitze alleine im Raum. Ruhe, gespenstische Stille herrscht, so wie im verlassenen Ort Tschernobyl. „Scheiße!“  

Das prägnante Wort kann dermaßen viel ausdrücken. Weltweit sind vermutlich „Shit“ oder „Fuck no!“ eindeutig zu verstehen.

Eine Lobby könnte in diesem speziellen Fall für „Schöne Scheiße- und Holy Shit- SagerInnen“ entstehen. Leute, die jene Worte für Missstände benutzen, die es im Keller der Schwiegermutter oder weltweit gibt. Es gibt ja schließlich auch eine Lobby für JA- und NEIN-SagerInnen.

Ja zur Liebe – Nein zum Hass!

Schöne Scheiße zur allgemeinen Gleichgültigkeit – Holy shit zur Weltpolitik!

Menschen, die Kot-Wörter wie ich jetzt in verschiedenen Momenten benutzen, sind manchmal viel intelligenter wie sie auf den ersten Blick aussehen, das macht die Sache wahrlich nicht leichter. Mein Geliebter benutzt diese Wörter regelmäßig und war zum Beispiel bei meiner Schwiegermutter zum Eierpunsch eingeladen. Schwierig, wenn man nach Lösungen sucht, aber keine parat hat.

Vielleicht nur ansatzweise zu verstehen glaubt, wie es tatsächlich sein könnte bzw. kann, da man eine ähnliche Angelegenheit bereits ausgesessen hat. Kompliziert für Pessimisten, aber leicht verständlich für Optimisten oder auch umgekehrt. Schwammige Formulierungen sind „Scheiße“. Was mache ich mit der Leiche?

Schwierig zu erklären.

Neulich sagte mein Gatte zu mir: „Spirituell wird es, wenn jemand völlig unvorbereitet feststellt, dass er anstatt mit vierlagigem Toilettenpapier nur noch mit einlagigem Papier haushalten muss. Und deshalb vorsichtshalber betet, ob das Anliegen tatsächlich ohne Seilschaft zur völligen Zufriedenheit erfolgen kann. In dieser prekären Situation gibt es Menschen, die vom Pessimisten zum Optimisten werden oder zum Pessioptimisten mutieren. Da wird oder kann Kreativität gefordert sein.“  

„Aha!“, dachte ich. Es muss eine neue Kunstform sein, wenn man mit einlagigem Papier Glanzleistungen erbringen kann. Nur Überlebenskünstler kommen eigentlich weiter. Eigentlich unzumutbar und doch geht es irgendwie. Das Leben ist immerhin kein verlassenes Kinderkarusell in Tschernobyl. Genau.

Musste er deswegen sterben? Mein Gatte? Wegen dem hauchdünnen Papier?

Es liegt völlig durchsichtig auf der Hand. Oder etwa nicht? Ich nehme nun immer mehr Abschied.

Wer bewältigt denn schon gerne mit den geringsten Mitteln große Anliegen?

Ich lasse langsam los.

Jetzt wird es endlich Zeit Abschied zu nehmen. Vier Buchstaben, die das Codewort „ZWdV“ ergeben. Diese Abkürzung hat mich dazu bewegt, dass ich vorhin bitterlich weinte.

Ich verabschiede mich nun wehmütig mit und von den Worten: Zum Wohle des Volkes!

Schöne Reise! Scheiße! Ich mache jetzt Schluss.

Eine Witwe und Geliebte mit optimistischen Wurzeln...


© Corina Wagner, Oktober 2013


 

Little Sister-Staffel

Altstar Barbie (Name geändert) traute ihren Augen nicht, als sie Post vom privaten Fernsehsender Prekär bekam.

Sie erhielt eine Einladung für die neue Little Sister-Staffel, die ein Ableger des berühmten großen Bruders ist. Seit Monaten war das LS-Team auf der Suche nach ehemaligen Stars, die irgendwann einmal auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stolperten und in die Belanglosigkeit abstürzten. Bei Barbies altem Busenfreund Kent, Frontmann der Punkband Nachtigall, wurde auch angefragt, ob er Zeit und Lust hätte, um bei der neuen Staffel mitzumachen. Sein Inkontinenzproblem würde man ausblenden, so die Aussage der Verantwortlichen des Senders Prekär auf sein diskretes Anliegen. Wie würde man den Windelvorrat vor den neugierigen Blicken des Publikums verstecken können, wenn überall Kameras installiert waren? Kent hätte gerne Tag und Nacht auf engstem Raum mit Barbie verbracht, aber das Windeln wechseln sollte auch sie nicht mitbekommen. Zumal es noch mehr Teilnehmer gab, so auch Jonny, adoptierter Sohn eines Adeligen und ein echter Kotzbrocken, der stänkern würde, wenn er Kents Blasenleiden entdecken würde.

Barbie war einst eine gefragte Schauspielerin, die stets mit ihrem Aussehen glänzte, aber immer synchronisiert werden musste, sobald sie den Mund aufmachte. Alkohol zerstörte wie auch immer ihre Muttersprache. Ihr Lallen war bereits Kult. Jetzt bekam sie die Chance vier Wochen lang in einem umgebauten Pferdestall nicht nur nackte, abgesaugte Tatsachen zu zeigen, sondern auch Tacheles zu reden, wenn sie dazu aufgefordert wurde. Das Lallen war nicht immer für Andere verständlich, so dass ein Simultanübersetzer extra für die Sendung engagiert werden sollte. Dieser kleine Pferdefuß im Vertrag irritierte sie keinen nüchternen Augenblick lang und deshalb überlegte sie sofort, was sie an Klamotten aus dem Theaterfundus einpacken sollte. Zu sehr lockte die Gage, um sich zu blamieren. Kents Absage verdrängte sie.

Inzwischen hatte sie eine typische Alleweltsnase, das war nicht immer so, als sie noch durch ihre Natürlichkeit bestach. Sie hatte relativ viele Männer in den vergangenen Jahrzehnten verschlissen, dies sah man ihr auch irgendwie komischerweise an. Geld spielte zeitweise keine Rolle in ihrem Leben, aber jetzt benötigte sie jeden Cent, um neuartige Botoxspritzen wirken zu lassen. Neulich wurde sie erwischt, als sie Leergutflaschen vor dem allerletzten Theater in der Stadt einsammelte. Dabei erwischte sie ein handelsüblicher Journalist, der gerade das Theater mit einer monströsen Kamera verließ. Er hatte nichts Besseres zu tun, als Barbie in jener unglücklichen Situation zu fotografieren. Dieses Horror-Foto sah man sechs Stunden später weltweit im Netz. Das Unterhaltungsmagazin Beschränkt hatte es für wenig Honorar gekauft. Barbie hing mit den überdimensionalen Betonbrüsten kopfüber in einem der Abfallbehälter und grinste dabei wie ein antikes Honigkuchenpferd aus dem Brotmuseum, als sie das Blitzlichtgewitter bemerkte. In jenem Augenblick wurde ihr nicht wirklich bewusst, dass  ihre blonde Echthaarperücke verrutscht war, sie in keinem Action-Film die Hauptrolle spielte, sondern ganz banal zur Belustigung fungieren könnte.

Die Menschen hatten sich in den letzten Jahren erschreckenderweise nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich verändert. Schlechte Eigenschaften wie die totale Verblödung prägte die Gesellschaft von heute. Die Sensationslust wurde zum Gruselfaktor für Nostalgiker, die den schönen alten Zeiten hinterher trauerten, als es noch anspruchsvollere Sendungen im Fernsehen gab. Niveauvolle kulturelle Ereignisse gab es schon lange nicht mehr, dies lag an den Einsparungen seitens der PolitikerInnen.

Musikhochschulen und Schauspielschulen gehörten der Vergangenheit an. Via Internet wurde man jetzt zum Vollbluttalent auserkoren, wenn man zum Beispiel den Bohlen-Test, diesen primitiven Supertalent-Crashkurs absolvierte. Zehn Minuten später hatte man sich die Grundkenntnisse angeeignet. Können musste man nichts mehr, außer diesem gewissen Zahnpasta- Dauerlächeln. Dafür gab es bezahlbare Crashkurse, die gesponsert wurden. Wer singen wollte, hatte es einfach. Der X-Faktor wurde ausgeschlossen. Mit zwei, drei Handgriffen auf der Tastatur bastelte man sich ohne großen Aufwand ein Stimmchen.

CharakterschauspielerInnen waren schon lange nicht mehr gefragt, lag auch irgendwie an der Tatsache, dass alle den gleichen Schönheitschirurgen zur Hand hatten und den gleichen Quatsch einstudierten, wenn sie den Link: www.theaterakademie-pandora.de anklickten. Auf dieser Webseite gelang man u. a. mit einem Klick auch zur empfohlenen Schönheitsfarm TOLLKÜHN. Obwohl TOLLKÜHN absolut nichts mit den „Alleweltsnasen“ zu tun hatte, die zur Auswahl standen und noch immer stehen. Mit den Modellen Jackson, Cher und dem klassischen Stupsnasenmodell für Kassenpatienten gibt es seit einiger Zeit keine echten Alternativen mehr. Echte Pappnasen standen sowieso noch nie zur Auswahl. Altstar Barbie hat es wirklich nicht leicht, denn sie trägt seit acht Jahren das billige Stupsnasenmodell für Kassenpatientinnen. Und diese Einheitsnase sieht genauso aus wie die von ihrer neuen Nachbarin Olga, die ihr Geld vor einer Internetkamera verdient.

Keine Lesebrille hält mehr auf Barbies Stupsnase, die Olga noch nicht benötigt und dies hat manchmal fatale Folgen wie neulich auf dem Bahnhofsgelände. Da kann man immer gegen 3 Uhr in der Früh ganz viele Flaschen einsammeln. Da arbeitet Olga noch mit vollem Körpereinsatz vor ihrer Kamera. Barbie teilt sich seit gut einem halben Jahr das Revier rund um den Hauptbahnhof mit Kent. Sie hat immer ihre Lesebrille dabei und steckt sie dann vorne in den Blusenausschnitt, wenn sie nicht weiß, wohin damit. Blöd nur, wenn man sich mit dem Betonbusen nach vorne bückt, um die Wasserspülung der Toilette zu betätigen und dabei nicht mehr an die Lesebrille denkt. „Sheet Happens!“, lallte Barbie und kreischte anschließend wie ein junger Teenager, wenn er das erste Mal in der neuen Staffel von Little Sister den überdimensionalen provisorisch gemeißelten Betonbusen sieht, den Kent mit samt Lesebrille aus der Toilette ziehen musste. Ihm dröhnen jetzt noch die Ohren, auch ein Grund, warum er auf die Gage für LS verzichtete.

© Corina Wagner, September 2013

 

 


Kurzkrimi

C‘ est la vie

Luise wollte schon immer nach Paris. Einmal in ihrem Leben den Eifelturm besichtigen. Inzwischen war sie Mitte Vierzig und ihr französisch war très bien, aber ihr Budget nicht. Vor acht Wochen surfte sie im Internet und lernte dabei Marcel kennen. Er war mal wieder auf der Suche nach einer Frau, die ihn auf seinen Reisen begleiten soll. Relativ schnell tauschten beide die Handynummern aus. Marcel war ein Mann mit schwarzem Humor, gediegener Allgemeinbildung, viel Geld in der Schweiz und einem winzig kleinem Handicap. Klar konnte er fließend französisch, das war nicht das Problem. Marcel war blind. Formidable, also toll! Ein Blinder hatte mit ihr über den Computer Kontakt aufgenommen. Luise musste dies zunächst einmal verdauen und backte dafür eine Tarte au chocolat. Marcels heimliche Liebe galt der Sprachausgabe Dagmar. Eigentlich superb, so Luises erster Gedanke beim rühren des Kuchens. Was tut man nicht alles, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen? Es gibt Leute die überfallen eine Bank. Dafür war Luise definitiv nicht der Typ Frau - mit einer über dem Kopf gezogenen Feinstrumpfhose wildfremde Menschen einzuschüchtern. Sie traf sich mit Marcel naturelement ganz unverfänglich auf dem Kölner Hauptbahnhof gegen 15 Uhr auf Gleis 12. Sie hatte keine Ahnung wie er aussah. Luise hielt Ausschau nach einem Mann mit Blindenstock.

Marcel war unpünktlich. Typisch, dachte sie. Immer ihr musste so etwas passieren. Ihr letztes Date mit Tom, dem Leichenbestatter aus Bonn war ein Desaster. Plötzlich sprach sie ein Mann mit französischem Akzent an. Er trug eine große dunkle Sonnenbrille und tauchte wie aus dem Nichts neben ihr auf. Luise zuckte zusammen. Der Fremde hielt ihr ziemlich dreist das Handgelenk samt Uhr vor das Gesicht und hatte verdammte Ähnlichkeit mit Karl Lagerfeld. Er wäre blind und wüsste gerne wie spät es sei, weil er mit einer bildhübschen Frau verabredet wäre. Luise starrte auf das Ziffernblatt und antwortete zögerlich, da sie auf der Uhr den Vornamen Marcel entdeckte. Dann musste sie schmunzeln. Ausnahmsweise war er ohne Blindenstock unterwegs. Luise war nun für jegliche Kompromisse bereit. C‘ est la vie!

Beim diesem ersten Date verliebte sich Marcel auf Anhieb in ihre grandiose Stimme, als sie ihm zu vorgerückter Stunde unter einer Rheinbrücke ein Chanson von Édith Piaf vorsang. Sie hatte das gewisse Timbre in der Stimme, das ihn beinahe in Ekstase versetzte. Marcel wirkte wie weicher Brioche in ihrer Hand, so Luises Bauchgefühl. Sie war ein typisches Vollweib. Für ihren Busen benötigte man beinahe einen Waffenschein. „Mordsgewaltig und echt atemraubend!“, so ein Kommentar ihres alten Schulfreunds Hotte, der es schließlich wissen musste. Er wurde Kommissar.

Wie ihr Busen aussah, konnte er bloß vermuten, als er Luise beim letzten Treffen durch reinen Zufall berührte. Er stolperte im Park und verfing sich dabei mit seinem Nasenpiercing in der Häkelumrandung ihres Pullover-Ausschnitts. Fingerspitzengefühl war sofort gefragt. Ihr blinder Freund kam danach instinktiv auf die Idee sie zu einem Ausflug nach Cochem in die Eifel einzuladen. Was sollte sie mit ihm, dem Mann mit dem Blindenstock auf einem Weinfest? Die neue Gehhilfe war zwar dank eines coolen Graffitos ein echtes Unikat, aber das Geschiebe im Gedränge glich einem Spießrutenlauf. Überall feierten die Menschen in der Altstadt von Cochem. Ausgelassene Stimmung von Leuten, die in Weinlaune bestimmt blöd grinsten und doofe Witze rissen, wenn sie das ungleiche Paar in Augenschein nahmen. Luise haderte zunächst, als Marcel ihr eine Woche Urlaub in Cochem vorschlug. Im Geiste winkte allerdings der Eifelturm mit Bienvenue! Und so sagte Madame spontan zu.

Marcel war seit einem Autounfall vor fünf Jahren fast blind. Deshalb störte es ihn auch nicht, dass Luises Gesicht aussah, als wäre sie mit einem Mops verwandt. Ihre Frisur glich faktisch dem Anblick eines Rosettenmeerschweinchens und ihre Kleidung einem Kanarienvogel. Er war tierisch zufrieden, dass eine Frau so schnell auf sein Geplänkel hereinfiel. Der gigantische Busen wirkte seit einer Umarmung wie eine gefährliche Droge auf ihn. Bislang bemühte sich Luise stets die verständnisvolle, einfühlsame Freundin zu mimen. Im Grunde ihres Herzens hatte sie immenses Interesse an seinem Ersparten. Sie war hin- und hergerissen zwischen Weinbergen, Mosel, Weinlaune und dem Wort Eifel. Einmal nach Paris! Jenem Traum hechelte sie mit viel zu kurzen Beinen ewig hinterher. Dies musste sich irgendwie ändern. Zumal die Erdanziehungskraft in ihrem Alter zunahm und der Busen neuerdings schwer in Richtung Boden zog. So kam es, dass sie sich für eine Moseltour mit Marcel entschied.

Sie redete sich ein, dass sie nicht nur eine Koryphäe in einem bandscheibenfreundlichen Hotelbett wäre, sondern eine erstklassige Blindenhündin abgab, wenn sie ihm erklärte, wie traumhaft schön es laut Prospekt in Beilstein war. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie aber noch nicht, dass sich ihre sympathische Internetbekanntschaft in dieser Gegend hervorragend auskannte. Es war ein herrlicher Spätsommertag als beide in Cochem ankamen. Marcel hatte ihr vor Reisebeginn einen Autoschlüssel in die Hand gedrückt. Ihre blauen Augen funkelten, als sie feststellte, dass er ihr einen neuen Porsche Cayenne übergab. Und nur deshalb, weil sie ihm von der Familien-kutsche am Telefon vorschwärmt hatte. Toller Mann, dachte sie. Jetzt witterte sie still und heimlich die Pariser Luft in ihrer viel zu kleinen Knubbelnase und genoss diesen kurzen Glücksmoment. Ehe Luise über ihre Zukunft weiter nachdenken konnte, fragte Marcel ganz lapidar, ob sie wie Corina Wagner schon einmal auf der berühmten Klostertreppe in Beilstein gelaufen sei. Sie verneinte, zog eine Augenbraue extrem hoch und schaute ihn total ungläubig an. Währenddessen verstaute ein Dienstleister die Koffer im Wagen.

Bevor Luise endlich den Rückwärtsgang einlegte, um loszufahren, sprach Marcel über jene Himmelsleiter von 108 Stufen, die berühmte Menschen wie Heinz Rühmann im Film zeigten. Während der Autofahrt erzählte er ausführlich über die Klostertreppe, die alljährlich viele Menschen anzieht, so wie eine verweste Leiche die Fliegen. Dabei grinste er diabolisch, lachte gruselig schön. Irgendwie aufmunternd, kam es Luise süffisant lächelnd in den Sinn. Kaum waren beide in Cochem angekommen und hatten ihr Gepäck auf dem luxuriösen Zimmer mit Moselblick verstaut, drängelte Marcel zu einer Bootsfahrt. Er wollte keinen Sex, dies irritierte sie ein bisschen. Vielleicht hatte er Angst vor ihren Brüsten.

Die Sonne schien herrlich. Wie zuvor erwartet, überall Gedränge in Cochem. Luise wäre ja lieber von einem Weinstand zum nächsten gezogen, aber sie hatte gedanklich das Plateau vom Eifelturm vor Augen und führte Marcel ganz souverän zur Schiffsanlegestelle. Er machte ihr den Vorschlag, dass er sich auf eine der Bänke setzt und sie die Tickets kauft. Deshalb drückte er ihr einen Zweihundert-Euroschein in die Hand. Derweil beobachtete Marcel unter seiner dunklen Sonnenbrille die angetrunkenen Menschen, die ihn musterten. Vielleicht hatte er doch mit dem auffälligen Blindenstock übertrieben. Luise meinte keck, dass man Augenkrebs bekomme, wenn man auf diesen starre. Würde ihm dieses getunte Teil zum Verhängnis werden? Oder etwa wahrscheinlicher Luises Wahnsinns-Brüste?

Nach einer gelungenen Bootsfahrt kamen beide gut gelaunt in Beilstein an. Luise kam es so vor, als kenne ihr blinder Freund jede Moselwindung, alle Weinreben und jeden einzelnen Schieferbrocken. Mit ihrer Hilfe wollte er die Burgruine Metternich besichtigen. Keineswegs wurde sie misstrauisch. Warum auch? Marcel überraschte sie spontan mit einem sehr innigen Kuss. Danach konnte sie nicht mehr klar denken, war binnen weniger Sekunden einfach perplex. Er hakte sich bei ihr ein und wollte nur noch eins. Luise hingegen wollte das erste Mal nicht nach Paris. Sie war dem Charme der Eifel erlegen. Völlig gedankenversunken lief sie mit ihm Stück für Stück dem Schicksal entgegen. Hätte sie gewusst, welches Innenleben der Blindenstock bot, wäre sie vielleicht nicht so lebenslustig mit ihm in der weinumrankten Winzerschenke eingekehrt, die sich direkt an der berühmten Klostertreppe befindet. Sie aßen dort in gemütlicher Atmosphäre und tranken Moselwein. Der Dämmerschoppen stieg ihr ganz schön in den Kopf und sie amüsierte sich köstlich. Marcel glänzte mit frei erfundenen Anekdoten. Luise ahnte nicht, dass sie ihn an seine verstorbene Französisch-Lehrerin erinnerte, die genau das gleiche Schwabbelkinn hatte, wenn sie laut lachte.

Madame Luise dachte erst in jenem Moment wieder an den Eifelturm, als ihr blinder Gefährte in seine Brieftasche griff, um ihr darauf hin einen Reisegutschein für Paris zu kredenzen. Zunächst war sie völlig sprachlos. Dann jubelte sie, schrie das Wort merci und wischte sich die Freudentränen aus dem Gesicht. Danach sang sie nur für ihn. Und vergaß justament die anderen Gäste im Raum: „Non! Rien de rien ... Non! Je ne regrette rien ...“! Marcel lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, bekam eine Gänsehaut und sah sein Ziel bereits vor Augen. Wildfremde Menschen applaudierten der neuen Piaf. Wieder einige Zeugen mehr, die sich später an diesen auffälligen Blindenstock erinnern würden, schwirrte es durch Marcels Kopf. Während sich Luise über die Bravo-Rufe freute.

Einige Tage später fand man Luises Leiche nahe Beilstein in einer der Weinberge. Ihre Zungenspitze fehlte - sie wurde abgetrennt. Luise wurde durch mehrere Stichverletzungen im Brustbereich bestialisch getötet. Die Obduktion ergab keinerlei Hinweise auf eine Vergewaltigung. Innerhalb von fünf Jahren war es nun der dritte Mordfall, der in das Schema eines Serientäters passte. Immer fehlte die Zungenspitze des Opfers. Bei Luises Mordfall hinterließ der Täter ein wichtiges Indiz. Man fand in der Nähe der Burgruine die Tatwaffe. Es war ein Gehstock mit einem auffälligen Graffito. Im Inneren befand sich ein Grillspieß an dem das Blut des Opfers haftete. Marcel surft inzwischen als lebenslustiger Witwer Paul im Internet und Hotte macht seit gestern Urlaub in Beilstein.

©Corina Wagner, März 2013

 

 


 

Man kann das Sommerloch thematisieren, aber auch über den Datenmissbrauch fachsimplen, wenn man in der Community aktiv agieren will...

Betreff: Sommerloch

Schönen guten Tag,

kurz möchte ich mich hier vorstellen und danach mit meinem Schreibstil Interesse wecken.

Mein Name lautet Maria Anti-Histamenika und ich agiere seit heute in der Community. Ich bin spannende 32 Jahre jung und reagiere auf alles, was sich bewegt, mich berührt und ergreift. Wahrnehmungsstörungen gehören zum Alltag wie das Arbeiten in der Pharmaindustrie. Mein Ziel ist es wie eine gute Schlaftablette zu wirken, auch wenn ich manchmal Hyperaktivität erreiche. In meinem Zweitjob gehe ich total auf, dann leite ich für gutes Geld Daten von Kunden des Apotheker-Heftchens weiter. Alles legal, ansonsten würde ich darauf allergisch reagieren. Im Moment bin ich dabei mich selbständig zu machen. Ich werde demnächst im Internet mit den Wirkstoffen Sidenafil und Iboprofen handeln. Außerdem biete ich dann zeitgleich virtuelle Schmerz-Workshops an. Ich bin übrigens bekennender Single, habe keinen festen Wohnsitz, aber ein Laptop und viele Freunde. Ich bin Mitglied bei Wohnraumklau e.V. und in meiner Freizeit befasse ich mich intensiv mit der Verbreitung von Klatschmohn an Autobahnausfahrten.

Mein erster Beitrag beschäftigt sich nun nicht etwa mit Infos über Beipackzettel von gemeingefährlichen Medikamenten oder Daten auf Rezeptverordnungen, auch nicht mit heimlich abgeschlossenen Werbeverträgen von Zahnpasta-Firmen mit Menschen, die auf Wahlplakaten lächeln. Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich thematisiere das Sommerloch.

Sommerloch

Ätzend, dieser grässliche Zustand und doch noch nicht ätzend genug, um hemmungslos zu jammern, gibt es doch wahrlich Schlimmeres auf dieser Welt. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gekommen, so dachte ich vor wenigen Minuten, als es noch dermaßen ätzend grässlich war, kaum auszuhalten, um bis ins kleinste Detail aufzuzeigen wie schön es sein kann, wenn man diesen Zustand, also das gewöhnliche Sommerloch mag. Deswegen zu lamentieren, zu nörgeln, zetern, auch zu stöhnen wie schlimm ätzend grässlich es tatsächlich ist, auch bereits in den vergangenen Jahren war, so ein ganz normales Sommerloch, ginge wohl zu weit. Jetzt ist alles anders. Ich würde so gerne quengeln, aus lauter Freude plärren, ja lustvoll wimmern und auch schluchzen wie schön ein ätzend grässliches Sommerloch sein kann, doch jetzt ist wahrlich alles anders. Spontan stelle ich fest, dass das allgemein bekannte Sommerloch auch nicht mehr das ist, was es einmal war. Sommerlochtiere finden immer weniger Beachtung in den Medien. Schade! Ich hab‘ da im Gebüsch eine Entdeckung gemacht…

… es wäre eine echte Sensation.

Ätzend, echt ätzend, dass ich kein Fotoapparat dabei hatte. Das Ungeheuer von Loch Ness oder die Alligator-Schildkröte im bayerischen Allgäu sind dagegen Pille-Palle!

Hoffe, dass Ihnen mein erster Beitrag gefallen hat.

Gruß

Ihre Maria A.-H.

 

 

© Corina Wagner, August 2013

 

 


 

Betreff: Fragen zum Fall Mollath

 

Guten Tag,

wer bin ich wirklich? Haben Sie sich diese Frage schon einmal gestellt? Diese Frage stellt man sich eventuell mit der Fußfessel am Bein, wenn man zum Beispiel auf der Waagschale von Justitia herum turnt. Wer bin ich wirklich? Warum werde ich so dargestellt? Bin ich so ein schlechter Mensch?

Wer sind Sie heute noch und dann morgen, einen Tag später? Sind Sie ein guter oder ein böser Mensch? Sind sie ein ehrlicher Typ? Lügen Sie gerne?

Machen Sie gerne um jeden Preis Karriere? Sind Sie sich für nichts zu schade? Für Geld tun Sie alles?

Können Sie sich im Spiegel noch ohne Reue und schlechtem Gewissen in die eigenen Augen sehen?

So und nun stelle ich mich Ihnen vor. Soll ich ehrlich zu Ihnen sein? Ganz ehrlich oder ein bisschen weniger ehrlich? Ein bisschen weniger ehrlich zu agieren, liegt im Trend.

Mein Name lautet Rosa Blau-Äugig und drücke gern mal ein Äugelein zu, wenn ich draußen bin, also frei, ohne Überwachungsapparat mich bewegen kann. Dann spreche ich auch Tacheles, wenn ich mich über Dinge ärgere, über Ungerechtigkeiten dieser Welt aufrege und mich insgeheim dazu aber in der Öffentlichkeit nicht äußern möchte. Dann habe ich dazu Gelegenheit und rede mich um Kopf und Kragen.

Sind sie auch so eine Person?

Gestern sah ich die Nachrichten und seit dem kann ich dieses Lächeln auf den Lippen der bayerischen Justizministerin nicht mehr vergessen. Eine Frau, die genau weiß, wann sie in die Kamera lächeln muss. Schließlich ist Wahlkampf. Aha! So dachte ich mir sofort. Ja mei! So kurz vor der Wahl, was tut man nicht alles, wenn‘s‘ ans Eingemachte geht. Ein Schelm wer Böses denkt.

Denken Sie auch so? Böse?

Justizirrtümer gab es schon immer…

Irren ist menschlich, auch in Bayern, hab‘ ich irgendwo gelesen oder mir einfach nur ausgedacht. Man kann sich vieles ausdenken. Im Fall Mollath fragen ganz böse Zungen unabhängig der Nationalität des Zungenschlags nun tatsächlich, wer eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle? Ja mei…

Das Denken kann ich auch anderen überlassen, muss ich aber nicht. Möchten Sie das Denken von anderen übernehmen, die eigentlich in der Lage sind, immer noch selbstständig zu denken?

Es gibt Fragen, die sollte man nicht fragen und doch gehen sie nicht aus dem Kopf.

 

Bin ich, also Rosa Blau-Äugig einfach nur zu naiv, gutgläubig, zu ehrlich, zu gewissenhaft für diese bayerische Welt oder tue ich nur so? Ja mei, wenn man das immer nur so wüsste, was die Mitmenschen über einen denken, wenn sie zum Beispiel lächeln.

Ich lächele gerne, meistens auch an der richtigen Stelle. Sie auch?

Muss ich jetzt Angst haben, dass man mich auch wegsperrt? Weil ich kritisiere, meckere, ganz deutlich über Ungerechtigkeiten stänkere? Und mich schlicht und ergreifend über ein Interview mit einem fragwürdigen Lächeln aufregt habe?

Hätte ich auch an jener Stelle gekünstelt gelächelt und so getan, als hätte ich dies nicht Alles auch irgendwie mit zu verantworten? Hm!

Eine Existenzfrage? Eine berufliche Überlebensfrage?

Wenn nicht Wahlkampf wäre…?

Wäre dann Mollath seit gestern überraschenderweise auf freiem Fuß, so ganz ohne Papiere? Es gibt Fragen, die will man nicht unbedingt beantwortet haben oder etwa doch? War nun dieses aufgezeichnete Lächeln echt? Psychologen könnten ein Gutachten erstellen. Ja mei! Gutachten, so habe ich erst kürzlich gelernt, müssen nicht immer genau der Wahrheit entsprechen. Wem soll man überhaupt noch Vertrauen schenken?

Dem eigenen Gewissen und den Glauben an sich selbst?

So und nun hoffe ich nicht, dass man mich einweist und für immer wegsperrt.

Ihre lächelnde Rosa Blau-Äugig

 

 

© Corina Wagner, August 2013

https://www.freitag.de/autoren/corina-wagner/betreff-fragen-zum-fall-mollath

 


Der gläserne Mensch

CoLyrik Mensch Maier! Mensch Frau Wagner! Wir kennen ihre Vorlieben. Der BND auch, aber wir wissen alles bis ins kleinste Detail ...

Guten Tag,

dies ist eine Ketten-E-Mail, so ein geheimes Dokument, das jeder in Deutschland und im Ausland mitlesen kann. Ich liebe es, wenn man meine Daten anzapft und überwacht. Genau diejenigen, die nun mitlesen, wissen auch, warum dies so ist.  Sie lesen es nun mit einem Augenzwinkern, so hoffe ich, denn es ist nichts Gefährliches! Manchmal kommt da ein bisschen Ironie vor, aber Humor ist die beste Waffe gegen das Ausspionieren. Ich habe nichts zu verbergen und das wissen die Verantwortlichen der NSA. Ich bin ja keine Terroristin nur gläserne Kundin und das ist ja nichts Schlimmes in Deutschland.

 Ich gebe auch gerne öffentlich zu, dass ich für viele meiner  Beiträge, Texte (Prosa und Lyrik) im Internet recherchiert habe und in den vergangenen Jahren Schlagwörter eingegeben habe, die zum Nachdenken anregen. Suchmaschinen haben mir da sehr geholfen und ich kann überhaupt nicht mehr aufzählen, was ich inzwischen schon Alles ergooglet habe. Von  A wie zum Beispiel Amnesty International  oder Autobahn-Sex über B wie BND oder BSE weiter nach D wie Diarrhö oder Dreitagebart  über G wie Goethe oder Gartengestaltung bis hin zu NSA oder Nationalsozialismus.  Ich bin wissbegierig und manchmal auch neugierig, kommt auf die Situation an. Ich würde zu gern mal wissen, was da alles in den vergangenen Jahren gespeichert wurde, denn der Mensch vergisst so viel in seinem Leben. Banale Dinge manifestieren sich manchmal auf der Festplatte im Hirn und wichtige Tatsachen werden verdrängt und aus dem Gedächtnis gelöscht.

Mensch Maier!

Eine Aktion, die uns alle angeht und bewegt. Wir sitzen vor dem PC und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, so wie Abhörspezialisten, wenn sie meine Telefongespräche abhören.

Maier steht für M wie Mensch, a für Aktion, i für Interesse, e für Ehrlichkeit und R für Realität, so könnte man vermuten.

Maier steht zumindest auch für gläserner Kunde, denn er hat diverse Plastik-Karten in seiner Brieftasche. Diese tollen Payback-Karten.  Inzwischen hat er den Überblick über die Anzahl der Karten verloren.  Ganz nebenbei kommuniziert er in seiner Freizeit  in bekannten Internet-Foren. Intimes verrät er natürlich nur seinen 154 engsten Freunden bei Facebook. Maier mag Zartbitterschokolade und grün gepunktete Boxershorts. Er kauft immer dieselbe Marke Rotwein  und er ersteigert bei Ebay  regelmäßig Köder für einen Euro.  Jeden Freitag schickt er über ein Versandhaus seinem Erzfeind Müller einen Blumenstrauß. Er ist Mitglied bei DRK, der örtlichen Feuerwehr und passives Mitglied beim Jungmänner-Chor Hurz.  Sein Name taucht in der Samenspender-Kartei auf und er besucht regelmäßig Konzerte der Toten Hosen. Seine Lieblingsfarbe ist grau und er liebt seinen Goldfisch Rudi über alles. Er hat einen Bausparvertrag, eine Lebensversicherung und arbeitet als ehrenamtlicher Mitarbeiter in der neuen Beratungsstelle für NSA-Traumatisierte. Dreimal die Woche telefoniert er mit seiner Mutter und siebenmal mit seiner Freundin Uschi, die für ein halbes Jahr nach Peking versetzt wurde, um dort für ein großes deutsches Unternehmen zu arbeiten.

Sind wir nicht alle ein bisschen wie Maier?

Mensch Maier!
 

Mit freundlichem Gruß
Eine Autorin

© Corina Wagner, Juni 2013 ;-)

 

PS.

 Ich grüße alle, die tagtäglich meine Daten sammeln. Falls mir mal wieder die Festplatte kaputt geht und ich kein Backup getätigt habe, darf ich doch bestimmt nachfragen oder?




"Sodom und Gomorra" für 5 Euro!

Kennen Sie Sweetie, den Mann der die deutschen Flatrate-Bordells unter die Lupe nimmt? Ein offner Brief von ihm in Internetforen ist die beste Werbung ...

 

Guten Tag,

mein Name ist Markus Herz, auch Sweetie genannt. Ich bin hauptberuflich als Undercover-Lover tätig und arbeite im Auftrag des deutschen Magazins Unseriös, wenn ich nicht gerade als Aktionskünstler im Ganzkörperkondom in Fußgängerzonen meinen Namen tanze. Im Moment bin ich mit einer Kampagne  beschäftigt, die verschiedene Flatrate-Bordelle unter die Lupe nimmt.  Käuflicher Sex  gilt inzwischen als Livestyle. Das älteste Gewerbe der Welt wurde 2003 in Deutschland legalisiert. Wer als Prostituierte arbeitet,  kommt manchmal mit menschenunwürdigen Zuständen in Berührung. Man spricht in der Branche von Berufsrisiko. Da ist es vorher gut zu wissen, wie einschlägig der Arbeitgeber bekannt ist. In zwei Ausgaben von Unseriös sollen meine Erfahrungsberichte abgedruckt werden. Ich habe einen Schnelltest entwickelt der "Sodom und Gomorra" in Deutschland nachweisen könnte. Mit meinem Handy fotografierte ich wichtige Informationen für Bordell-Besucher. Interessante Details werden nun abgedruckt, die für echte Sparfüchse unter den Freiern Sinn machen. Schließlich müssen spätestens seit der Bankenkrise viele Deutsche sparen und wenn sie ihr Geld nicht bei Anlageberatern der Banken und Sparkassen anvertrauen, dann muss beim Bordellbesuch kräftig gespart werden. Ca. 1,2 Millionen Männer nehmen tagtäglich sexuelle Dienstleistungen im gesamten Bundesgebiet  in Anspruch. Sparen soll sich wieder lohnen. Doch um jeden Preis? Ein Vergleich kann sich auch für die Krankenkassen auszahlen. Viele Freier zahlen zum Beispiel in einem Flatrate-Bordell nur 99 Euro und haben eine Menge Spaß mit unhygienischen Zuständen, wenn sie Glück im Unglück haben. Jeder Sparfuchs bekommt so viel Sex wie er will und mit so vielen Frauen, wie er kann und möchte. Diese Bordelle arbeiten im Schichtdienst von 16 – 3 Uhr und am Wochenende wird Open end angeboten. Geil ist Geiz! Mein ganz persönlicher Tipp für Tripper-Freunde. Nur Extrawünsche kosten mehr, wie beim Anlegen von Privatvermögen. Interessierte Leser erfahren in der neuen Ausgabe von Unseriös wie man seine Französisch-Kenntnisse ohne das Anbringen eines Kondoms erneuern kann und dies für 10 Euro. Es ist von Vorteil, wenn man auch ein bisschen Rumänisch kann. Noch günstiger geht es nur noch im Ausland, um sich in Freudenhäusern mit Liebe zu infizieren. Syphilis kann man auch in Deutschland begegnen. Kaufen Sie sich die neue Ausgabe von Unseriös. Abonnieren Sie noch heute. Abo-Angebot: 6 Ausgaben des Magazins Unseriös zum halben Preis plus Gutschein für ein Flatrate-Bordell Ihrer Wahl.

Ihr Markus Herz

www.magazinunseriös.de

 

http://www.bild.de/news/inland/razzia/razzia-der-rotlicht-cops-in-berlin-31077848.bild.html

http://www.welt.de/vermischtes/article117000934/Wie-der-deutsche-Staat-am-Flatrate-Sex-verdient.html

© Corina Wagner, Juli 2013

 


Geistige Einschränkung

Wer erforscht schon gerne freiwillig zum Beispiel die Geisteshaltung seiner Nachbarn, seines Hausarztes oder seiner Bankerin? Aliens sind unterwegs...

 

Die Geisteshaltung von Menschen aufzuspüren, zu erforschen  und zu unterbinden, macht nur für diejenigen Sinn, die davon profitieren, wenn völlige Ruhe herrscht. Sinnvoll ist es, wenn keiner meckert, stänkert, über Ungerechtigkeiten philosophiert  und Daten ausplaudert, die das heile Weltbild verzerren.

Ein aus geistiger Umnachtung Befreiter, der laut seiner eigenen Aussage aus anderen Sphären kommt, weil er in einem Meer von Logik gebadet hätte, bevor er zur Welt kam, übertrug seine Gedanken, seine persönliche Einschätzung in verschlüsselten Datensätzen, die nun im Hause Altklug rekonstruiert wurden und im Internet zu finden sind:

Die Anthropologie raubte die nötige Energie, um schlicht auf andere Gedanken zu kommen. Eine quälende Formulierung, die an die Substanz geht. Geistlosigkeit trifft auf Sinn und Verstand.

Ich schreibe mit einem Hochleistungsgehirn,  das sich aber oftmals dumm stellen muss,

was mich nicht selten unterfordert, aber andere sehr glücklich stimmt.

Das menschliche Gehirn bietet eine Vielzahl von Überraschungen, die in der Praxis zu massiven Verwirrungen führen.

Die Lehre vom Menschen macht mich persönlich fertig.

Hochgeistig betrachtet  - bin ich stetig unterwegs, um die Erde zu retten. Mein Auftrag ist sehr speziell.

Mein Äußeres ist eine Wissenschaft für sich, da ich auf anders Denkende völlig anders wirke, als ich innerlich bin. Die Wirkung ist fatal.

Ich sehe wie ein Alien unter all den „Klugscheissern“ aus, dabei erforsche ich nur den Geist von Menschen in unserer Gesellschaft, die das Leben von anderen maßgeblich bestimmen wollen.

Deren Kopf voll mit Dingen ist, die der Welt schaden, weil sie tatsächlich fest davon überzeugt sind,  eine intellektuelle Persönlichkeit zu sein. Ein Irrglauben!

Mit der Einbildungskraft eines Intellektuellen clever agieren zu müssen, kann zur Selbstüberschätzung  der eigenen geistigen Fähigkeiten führen, so das  Fazit meiner persönlichen Studie, die nicht jeder Mensch verstehen will.

Wenn man mit gekünstelten Wörtern argumentiert, kompliziert man die Sicht auf das Wesentliche.

Und wer zu einfach spricht, weckt den Verdacht, dass man die Anderen für doof verkauft.

Der Verlust von Selbstbestimmung  und Entscheidungsfreiheit ist so oder so in Gefahr, da müssen

wir uns gedanklich nichts mehr vormachen.

In diesem Sinne

Ihr Ánthropos

 


 

Kurzkrimi

Scheunentor

Punkt Zwölf und keine Sekunde später ertönte die Sirene. Probealarm! „Echt ätzend!“, dachte Kurt Beil und ritzte ein kleines Hakenkreuz auf den alten Holztisch in der Scheune. Was hatte er nicht schon alles abgefackelt? In ganz Deutschland setzte er seine Brandzeichen, wie Rüden ihr Beinchen heben, wenn sie ihr Revier abstecken. Seinen Freunden von der hiesigen Feuerwehr ging nie das Bier aus und ihm nie der Brandbeschleuniger, wenn er nicht gerade Blutleere verspürte. Wenn das Hirn kaum durchblutet wurde und er mit seinen wahnwitzigen Gedanken in anderen Sphären unterwegs war, wie jetzt in diesem Augenblick. Deshalb verzierte er das Hakenkreuz mit Vergissmeinnicht-Ornamenten und dachte dabei an seinen alten Kumpel Heinz Krass. Neulich hatte man seine Bein-Prothese samt Oberschenkel nachts auf dem Dorfplatz gefunden. Genau vor der alten Eiche wurde der Leichenfund unter der verwitterten Holzbank entdeckt. Drei angetrunkene Jugendliche wollten dort ursprünglich eine Palette Dosenbier vernichten, die von einer Party übrig blieb.

Der fünfzehnjährige Max, Sohn des Bürgermeisters, rief sofort per Handy seinen ehrgeizigen Vater an, der zehn Minuten später zum Tatort erschien. Er entschied sich spontan für die typische „Drei-Affen-Theorie“ und trichterte seinem Sohn und dessen Freunden ein, dass sie absolut nichts gesehen hätten. Danach rief Bürgermeister Dreist bei der Polizeiinspektion an. Seine Version lautete zehn Minuten später, dass er mit Schäferhund Rudolf Gassi ging und dieser einen guten Riecher hätte. Es war sofort klar, dass dieser Leichenfund Stress verursachen würde. Erst kürzlich waren Pressevertreter im Ort und stellten komische Fragen. Sofort kamen Beamte vom LKA in den kleinen verträumten Ort und waren von den diversen Aussagen beeindruckt. Bürgermeister Dreist erklärte, dass seine Gemeinde vorbildsmäßig sei. „Ein Fremder müsse der Mörder sein!“, so sein Verdacht.

Kommissar Kugel reiste an. Und dies dauerte fast zwei Stunden, weil er es mal wieder nicht auf die Reihe bekam. Beginnende Demenz machte ihm zu schaffen, glaubte er zumindest. Vielleicht war er auch einfach überarbeitet. Er suchte zwanzig Minuten lang seinen Autoschlüssel, den er im Kühlschrank fand. Und dies nur, weil er noch einen Schluck Milch trinken wollte, um sich abzulenken. Dies tat er immer, wenn er Stress hatte. Milch beruhigte seine Nerven. Doch jene Verspätung des in die Jahre gekommenen Kommissars interessierte Kurt Beil zunächst überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Er schmiedete einen neuen Plan. Keiner durfte in seine Scheune. Jedenfalls jetzt nicht, wo noch alles wie auf dem Präsentierteller lag. Er hatte eine Menge Spaß, wenn er heimlich in seinem kleinen deutschen Reich agieren konnte. Über das Internet knüpfte er zwielichtige Kontakte und organisierte seit Monaten ein Nostalgie-Treffen im Vierziger-Stil. Bevor ein Polizist das große Scheunentor öffnen würde, müsste er noch dringend Änderungen vornehmen. Nach zwei Stunden sah man nichts mehr von seinen Tagträumen, seinen Vorlieben, die er mit anderen Irren im Netz teilte. Eine handgeklöppelte Tischdecke von Oma Hiltrud lag über dem uralten Holztisch.

Die Einwohner waren bislang stets sehr redselig, so dass es viele Hinweise auf alles Mögliche gab, aber nicht auf das Verbleiben der restlichen Leichenteile des Mordopfers Heinz Krass. Bis vorgestern früh blieben die Recherchen im Fall Krass erfolglos. Völlig unerwartet gab es einen mordsmäßigen Lärm im Backhaus. Einmal im Monat backen dort die Landfrauen gemeinsam Brote. Im uralten Backofen lag ein Torso und jener sah mit mehlbestäubten adipösen Bauch nicht wirklich gut aus, so die spätere Aussage von Frau Schmalz. Die Polizei rückte mit viel Getöse an und sperrte weiträumig das Gelände hinter Kurt Beils Scheune ab. Jedenfalls vermutete man sofort, dass dieses Leichenteil zu Krass Körper gehören musste.

Die junge Landfrau Eva schrie hysterisch auf, als Frau Schmalz die Tür des Backofens öffnete, um einzuheizen. Eva Krass erkannte ihren vermissten Vater an dem germanischen Zeichen auf der linken Brusthälfte. Rund um die Brustwarze sah man ein Tattoo mit Vergissmeinnicht-Ornamenten. Darüber stand die Zahl 88. Ihr Geburtsjahr, so gab die Tochter des Mordopfers zwei Stunden später in Gegenwart von Kommissar Kugel zu Protokoll. Kugels Augen rollten zunächst mit Unverständnis hin und her und verfingen sich im Dekolletee der jungen Krass. Dann räusperte er sich pflichtbewusst und fragte die Tochter des Toten, ob sie sich ganz sicher sei, dass die Zahl 88 tatsächlich eine Anspielung auf ihr Geburtsjahr sei. Dies bestätigte die junge Frau unter Tränen vehement. In jenem Moment hätte er sie zu gern in den Arm genommen, aber dies tat er natürlich nicht. Er griff beherzt kurz nach ihrer Hand und riskierte währenddessen nochmals einen tiefen Blick in ihren Ausschnitt. „Sie hätte ein anderes Oberteil anziehen sollen!“, dachte Kommissar Kugel und versicherte ihr, dass er den Fall bis ins kleinste Detail aufklären würde. Während des Verhörs fragte Kugel intensiv nach, warum ihr Vater eine Bein-Prothese trug. Eva Krass berichtete sehr emotional über den tragischen Autounfall. Damals starb auch Kurt Beils Freundin Maria, als das Fahrzeug in Flammen aufging. Die Anwälte stritten, wer nun an dem Unfall mit Todesfolge Schuld war. Ihr Vater Krass, der ohne Fahrerlaubnis fuhr oder der türkischstämmige Fahrer des Kleinbusses, der übermüdet unterwegs war. Bei dieser Aussage stutzte Kugel kurz, verfing sich aber wieder da, wo seine Augen nicht sein sollten. Kugel wirkte multitaskingfähig, da er den Telefonhörer in die Hand nahm, wählte und Eva Krass nebenbei erzählte, dass er die alte Akte Krass anfordern würde. Immer mit einem gezielten Blick ins Dekolletee, das ihn die ganze Zeit in den Bann zog. Nach dem Verhör öffnete er eine kleine Tetra-Verpackung mit H-Milch und nahm einen kräftigen Schluck, als sei es Medizin. Einen kleinen Seufzer konnte er dabei nicht unterdrücken.

Später saß er in seinem schäbigen Pensionszimmer mit dem Laptop auf seinem Schoß und kommunizierte zunächst mit seiner jungen Geliebten Gisela. Er hatte sich das Wochenende ganz anders vorgestellt. Jetzt saß er in einem winzigen Nest, das er ausheben sollte. Danach recherchierte er eine Zeit lang im Netz. Währenddessen fuhr Kurt Beil in den Wald und grinste wie ein Bullterrier. Gisela stand zwei Stunden später vor der Zimmertür, die zu Kommissar Kugels Pension-Zimmer führte. Sie brachte ihm angeblich wichtige Unterlagen. die aber auf dem kleinen Dienstweg sonderbarerweise wieder verschwanden, wie einen Tag zuvor die Originalakte des ermordeten Krass, dessen Kopf immer noch in der Pathologie fehlte.

Pathologin Bein musste sich übergeben, als man ihr den Torso auf den Tisch legte. Sie litt gerade unter einer schweren Migräne, dies erzählte Kollegin Gisela Braun ihrem Vorgesetzen Kugel, als sie zu ihm unter die Dusche stieg und ihm nach dem Einseifen versicherte, dass sie keine Ahnung hätte, wo die Akte Krass im Präsidium verloren gegangen wäre. Warum wurde dieser Mann nach seinem Tod zerteilt? Wo war der Kopf? Wieso erzählten die Einwohner dermaßen viel Banales und nichts Wichtiges, das zur Auflösung des Falls beitragen könnte? Gehörte Krass zu einer rechtsradikalen Gruppe, die in dem kleinen Ort eine Heimat gefunden hatte? Der Schützenverein nannte sich „Kameradschaft Kopfschuss“. Vieles deutete daraufhin, aber Kommissar Kugel kam im Fall Krass einfach nicht vorwärts, auch nicht mit seiner Kollegin Gisela, die in den frühen Morgenstunden über den Balkon die Pension verließ. Und zuvor nicht alle seine Gedanken teilen konnte. Er war einfach nicht bei der Sache und sah ständig diesen Torso vor seinem geistigen Auge. Seine Kollegin hatte sich diese Nacht eigentlich ganz anders vorgestellt. Schließlich hatte sie ihm heimlich den Wirkstoff Sildenafil in einem Glas Milch aufgelöst.

Nach dem Frühstück statte Kommissar Kugel Schreinermeister Beil einen Besuch in dessen Werkstatt ab. Fazit des Verhörs waren wieder Belanglosigkeiten, die aber als Motiv für den Mord durchaus relevant sein könnten. Wieder einmal verging ein Arbeitstag in einem Kuhkaff, das anscheinend nur aus Lügen und Augenwischerei bestand, so sein persönlicher Eindruck. Manchmal hasste Kugel seinen Beruf. Jetzt ganz besonders, als er feststellte, dass der Akku seines Handys defekt war und er ganz alleine bei einem Glas Milch in der Dorfkneipe saß. Erst fehlte die Akte im Präsidium und nun entdeckte er vor wenigen Minuten, dass wichtige Daten gelöscht waren, die er auf seinem Laptop unter der Datei Mordfall Krass abgespeichert hatte.

Außer dem Wirt und ihm war keiner im Gastraum. Auf dem Tisch lag die einzige Verbindung zur Außenwelt. Sein Arbeitsgerät, sein Laptop, das ihm wichtige Informationen liefern sollte, brachte ihn inzwischen an seine Grenzen. Er wartete immer noch auf eine brisante E-Mail von Gisela. Inzwischen war es bereits dunkel und kurz nach 22 Uhr. Wer hatte Zugriff auf seinen Laptop? Wer ließ wichtige Hinweise verschwinden? Datenklau im Nirwana, da wo sich Füchse und Hase gute Nacht sagen, sich Springerstiefel paarweise unbeobachtet fühlten? All diese Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, als ihm der Wirt anstatt ein zweites Glas Milch dann ein Bier an den Tisch brachte und scheinheilig fragte, ob er keine Internetverbindung mehr hätte. Kugel wollte dem Wirt gerade antworten, als die Feuerwehr-Sirene ertönte.

Kommissar Kugel war fassungslos, hatte Tränen in den Augen, als er später den leblosen Körper des vierjährigen Mädchens sah, das bei dem Brand ums Leben kam. Die Kleine hatte schwere Brandverletzungen am gesamten Körper erlitten, sah völlig entstellt aus. Der alte Aussiedler-Bauernhof brannte lichterloh, so stand es später im Protokoll. Es gab vier Tote und drei Verletzte mit Rauchgasvergiftung. Sofort vermutete Bürgermeister Dreist, dass defekte Elektroleitungen zu diesem Brand führten, aber Spezialisten von der Spurensicherung entdeckten Reste von Brandbeschleuniger. Außerdem fand man wieder neue Indizien im Fall Krass. Wie ein Geschenk, in Glassichtfolie eingepackt, lag auf steinhartem Fladenbrot der Kopf des ermordeten Krass in einem Weidenkorb. Der makabre Präsentkorb stand unter dem Apfelbaum hinter dem Haus, das mutwillig angezündet wurde. Leere Dosenbier-Behältnisse wurden unweit des Apfelbaums sichergestellt.

„Ein total idyllischer Ort glänzte mit inzwischen fünf Toten.“, so die düstere Bilanz, die Knut Beil insgeheim aufstellte, als er grinsend in seiner aufgeräumten Scheune saß und genüsslich in ein Stück aufgebackenes Fladenbrot biss. Ganz nebenbei ritzte er mal wieder ein kleines Hakenkreuz auf den alten Holztisch, der inzwischen durch die vielen Vergissmeinnicht-Ornamenten kaum noch Platz für weitere Verzierungen bot. Danach legte er die Tischdecke wieder auf. Noch immer musste er damit rechnen, dass ihn Kommissar Kugel in der Scheune einen Besuch abstatten würde. Gleich wollte er in den Wald zum alten Bunker von dessen Existenz die wenigsten wussten. Die Blutleere in seinem Kopf zwang ihn zum Handeln …

© Corina Wagner, Juni 2013

 


 

Nun das Wort zum verregneten Samstag

 Der Dauerregen geht vielen Menschen auf die Nerven. Manche beten aus purem Frust, da heute Sommeranfang ist ...

Frust, puren Frust spüre ich bis in den kleinen Zeh. Genau dort, wo sich die Socke mit Regenwasser vollgesogen hat. Meine Gummistiefel sind nicht mehr dicht, aber das ist nicht das Schlimmste. Der viel zu enge Friesennerz aus dem Jahre 1982 ist heute gerissen, wie eine Fahne im Sturm. Einfach verschlissen und in die Jahre gekommen das gute Stück, wie ich. Eigentlich kann mich nicht beklagen, da der Keller noch nicht unter Wasser steht und doch bin ich dermaßen gefrustet. Eine Amsel verrichtete ihre Notdurft, als ich gerade gen Himmel sah, ob es noch Sinn macht - einen neuen Friesennerz im Internet zu ersteigern. Danach bückte ich mich nach unten, um mit dem Regenwasser, das zwischen meinen Füßen schwabbte, ein Taschentuch zu befeuchten, um mir den Schiet auf der Nasenspitze zu entfernen.  Dabei musste ich feststellen, dass ein Regenwurm hustete, der meinen linken Gummistiefel als Rettungsinsel benutzte. Ich fragte mich doch tatsächlich, ob er TBC hat. Tragisch dachte ich, wenn ich schon solche Gedanken hege. Grundsätzlich bin ich eine Frohnatur, so eine Person, die auch noch dann lacht, wenn andere schon verkniffene Lippen zeigen und dermaßen böse starren, so dass man ein rostiges Brotmesser im Bauch spürt. Jetzt komme ich das erste Mal in meinem Leben an meine Grenzen. Dieser fiese kalte Wind, der ätzende Dauerregen. Manno! Wenn schon die Regenwürmer husten… Heute ist Sommeranfang! Normalerweise habe ich nichts gegen nasskaltes Wetter, ekligen Nieselregen und bestialische Hagelschauer. Doch dieser Dauerregen zermürbt meine Frohnatur, wie einen brüchigen Damm. Die Gummistiefel habe ich nun an die zwei letzten Haken aufgehängt, der viel zu enge Friesennerz liegt in der Tonne. Der Glühwein steht auf dem Herd. Ein Block und Buntstifte liegen parat. Ich werde mir nun eine Sonne malen. Danach werde ich beten:

Heilige Sonne, bitte vergib mir meine Sünden und führe mich nicht ins nasse Dunkelgrau, sondern ins Trockne, da wo mich Sonnenstrahlen wärmen könnten. Da wo die Regenwürmer nicht mehr husten. Amen

©Corina Wagner, 01. Juni 2013



ESC 2013

“Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt, wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,…“

Es war nicht das Lied der Deutschen, das gestern in Malmö beim ESC überzeugte.

Kein „Merkel-Song“, so ein deutscher „Gute-Laune-Song“, der ganz Europa überzeugte, wurde präsentiert.

So und nun haben wir das Drama, das musikalische Drama nach dem 58. Song Contest. Alle sind enttäuscht. Wenn man den Medien vertraut. Was denkt Bankkaufrau Helma in Kaiserslautern? Medizin-Studentin Sandy in Tübingen? Oder Fischer Klaus in Ostfriesland? Rocker Kurt in Berlin? Keine Ahnung! All die anderen, die nun gefrustet sind, weil wir, ja wir, die Fans von ESC mal wieder den ganzen Abend vor dem Fernseher aushielten, als gäbe es nichts Interessanteres an einem Samstagabend.

„Peinliches“ Ende einer langen Veranstaltung, so meine gestrige Erfahrung auf meiner Couch. Wer ich bin? Deutsche, adipös, alt genug, jenseits von Gut und Böse, stets motiviert, ESC-Fan durch und durch… Alt genug? Viel jünger als Bonnie Tyler und viel älter als Emmelie de Forest.

20 Minuten nach Mitternacht wussten es alle, dass Cascadas Dance-Nummer „Glorious“ auf den 21. Platz landete. Jetzt werden Stimmen laut! Es wird heftig kritisiert, gestänkert, gelästert und debattiert. Warum, wieso und weshalb die Frontfrau von Cascada Natalie Horler dermaßen schlecht beim ESC abgeschnitten hat. Alles war perfekt. Horler hat für Deutschland gekämpft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen. Mehr ging nicht. Sie hat ihr Bestes gegeben. Mann kann aus einer Amsel auch keine Lerche machen. Geht nicht. So auch nicht aus einem musikalischen Paket, das man zuvor ausgewählt hat, um bei einem europäischen Wettbewerb zu glänzen. Da hätte man zuvor einen anderen Titel undundundundund...  Gegen das Lied „Only Teardrops“ hatte niemand eine echte Chance. Nur Tränen! Oh je, was hab‘ ich gestern Abend in Funktion als Deutsche vor dem Fernseher gelitten. Lauter interessante Lieder wurden präsentiert. Absolut gelitten! Ich hatte plötzlich only teardrops, also nur Tränen in den Augen, weil ich wusste: Die Konkurrenz ist stärker. Wir, also Deutschland mit dem Lied "Glorious" landeten ganz weit hinten.

Einige Beiträge waren einfach länderweise mutiger. Mal ganz ehrlich, so unter uns ESC-Freunden, auch wenn rechtlich alles geklärt war, klang der Song fast wie? Genau! „Euphoria“.

Wir sitzen das ganze Dilemma, diese Blamage jetzt aus. Mal abwarten, wer das nächste Mal beim ESC in Dänemark für Deutschland an den Start geht. Wir sind heute schon ganz gespannt. Lena darf auch wieder bei der Punktevergabe patzen. Wir, also die Deutschen, sind doch alle keine Computer. Gell!

Im Geiste höre ich bereits kleinen und großen Trommelwirbel des Heereskorps, Querflötentöne und ein bildhübscher Teenager mit Marschröhre, völlig barfuß, im Desingerfummel von Glööckler, der vom Rettungsschirm singt. Titel: “EFSF in the rain”.

Ihre ESC-Beobachterin

© Corina Wagner, 19. Mai 2013

 


 

Schweben und Leben

„Wow! Was für ein Medienspektakel!“, flüsterte Frau Arm im Stadtbus, als sie den Herrn beobachtete, der neben ihr saß und die heutige Ausgabe der Zeitung las.

„Soviel Wirbel um ein Auto!“, antworte der Herr im dunkelgrauen Anzug und grinste dabei.

„Und was der kleine Spaß mit 750 Gästen und dem ganzen Brimbamborium, quasi diese hollywoodreife Inszenierung für den Wagen gekostet hat? Ich hätt‘ das Geld gern gehabt!“, erwiderte Frau Arm.

„Ich auch! Das Schöne daran ist, dass das neue Fahrzeug wie sein Vorgänger produziert wird, aber das soll niemand der potenziellen Kunden merken! Ich habe die Daten mit dem alten Modell verglichen.“, sagte der Herr, der so aussah, als könne er so ein Fahrzeug leasen.

„Aha! Ich hab‘ vorhin im Internet gelesen, dass der Neue wie ein  Airbus A 380 über die Straße schweben kann!“, mischte sich nun ein junger Mann ein, der so aussah, als hätte er gleich einen Termin bei seinem Bankberater. Man erkennt diese durchgestylten Besserwisser-Typen schon von Weitem, dachte Frau Arm.

„Toll! Wenn man dann also in Zukunft mit dem neuen S auf der Autobahn im Stau steht, dann meinen die Insassen, dass sie auf einem fliegenden Teppich sitzen! Echt cool!“, stänkerte Frau Arm, stieg an der nächsten Haltestelle aus und verschwand in Richtung Tafelladen.

© Corina Wagner, Mai 2013

 


 

Die Erdmännchen Affäre

„So und nun hab‘ ich die Schnauze voll!“, jammerte Christel und sah dabei ihrem Freund Jonas tief in die Augen, der tierisch gut drauf war.

„Morgen ziehen wir in die Provinz. Nach Bayern! Wir gründen dort ein neues Rudel und betreiben Vetternwirtschaft.“

„Du meinst Viehwirtschaft!“, stöhnte Jonas, der gerade sein Fettnäpfchen wieder auffüllte.

„Nein! Bestimmt nicht! Eher Basenwirtschaft! Wir finden bestimmt gesellige Typen, die mit uns in einer Kolonie arbeiten und auch leben wollen. Wir adoptieren ganz unbürokratisch alle sympathischen PolitikerInnen, so schnell wie gestern die ausgesetzten Katzenbabys und dann sind wir mit denen quasi verwandt. Im Ruckzuck-Verfahren sind wir im Nu eine Kolonie. Ich will endlich auf Staatskosten gut leben können. Wir wandern aus. In Bayern kann man gut leben, wenn Du gute Kontakte hast. Notfalls musst Du Klinken putzen, dann läuft das dort wie geschmiert. Du kannst auch heiraten. Deinen blinden Bruder nehmen wir mit, den stellen wir als Wahrsager und Redenschreiber für die Volksverdummung ein.“

„Aha! Christel, dass ist eine feine Idee und Deine Schwester macht uns bestimmt weiterhin den fiesen Bürokram, liegt Dir eh nicht!“, raunte Jonas total euphorisch.

„Genau! Und für Deinem Halbbruder Sepp, dem ersten Vorsitzenden vom Klub Maulwurf haben wir bestimmt auch noch einen Job!“, erwiderte Christel mit Ironie in der Stimme und grübelte sofort wegen einem Partei-Namen. Sie wollte unbedingt im Wahlkampf mitmischen. Und so gründete sie drei Stunden später mit Jonas Kumpeln vom Hallo-Wach-Verein ganz scheinheilig die Bayerischen Sozialen Erdmännchen (BSE) Deutschlands.

„Machen wir jetzt Wahlkampf?“, fragte Jonas einen Tag später bei Christel nach, die gerade mit ihm wegen wichtiger Formalitäten unterwegs war.

„Klaro! Wir sind ein dominantes Paar und zeigen den anderen, wo es in Zukunft lang geht. Wir haben Führungsqualitäten von denen die anderen ab Morgen etwas wissen werden!“

„Und wo finden wir in Bayern Unterschlupf?“, kam es Jonas über die politisch geformten Lippen.

„Wir nehmen die Bauten der CSUler in Besitz, die auf dieser brisanten Liste stehen.“, erwiderte Christel energisch.

„Du meinst also, dass wir im Zuge unserer Arbeitsverteilung gleich unsere neu adoptierten Erdmännchen sozialverträgliche Arbeiten überlassen sollten, so dass diese sich in Gruppen vor die Eingänge der Bauten…?“, fragte Jonas, dem ganz komisch zu Mute wurde und sich ein dreistes Grinsen nicht verkneifen konnte.

„Jawoll! Die setzen sich bestimmt sofort auf die Hinterbeine und schlagen Alarm, wenn einer von denen, die auf der Liste stehen, dann…!“ Christel wurde abrupt still. Beide hörten Schritte. Jonas fasste Christel beherzt am Arm und lief mit ihr in Windeseile Richtung Notausgang.

© Corina Wagner, Mai 2013

 


 

Visionen in der Freinacht

Hi, bin Brigitte Deutsch, bekennende Hexe, wollte hier im Forum schreiben und ein bisschen nachhaken und ausfragen. Find‘ Euch total cool, lese schon länger hier auf den Seiten. Meistens nach Mitternacht.

Kennt Ihr Euch mit Nachtgedanken aus, die im Tunnel enden, also diese Nahtotbegegnungen,

wenn man ein bisschen zu viel gekifft oder getrunken hat, wenn man dabei ist, den eigenen Körper zu verlassen?

Nur noch seine Ruhe haben möchte? Für immer schlafen will.

Beinahe hätte ich mich heute Nacht zu Tode gehext und zu allem Hexenelend mich mit meinem neuen Turbobesen voll auf die kesse Hexenfresse gelegt.

Ich glaub‘ ich spinn. Ihr auch?

Erst vor kurzem hab‘ ich noch Klartext mit der Oberhexe gesprochen, quasi über Fachgedöns-Populismus debattiert, also eigentlich eher gestänkert und dann passiert mir so etwas in der Hexenacht.

Ich hatte urplötzlich Visionen, als ich bemerkte, dass mir ein Zacken in der Krone fehlt. Hinten links. Ganz gefährliche Situation, wenn man gerne rechts mit links verwechselt. Da kenne ich viele Irre, also Menschen wie Du und ich, sollte man meinen. Im wahren Leben bin ich keine Hexe, tue nur so, also ab und zu, wenn‘ s mich packt und ich mich ärgere, dann hexe ich herum. Menschlich oder? Dann setze ich meine rote Perücke auf, trink' einen großen Schluck Schn-Schn und werf‘ den Turbobesen an. Anstatt Schn-Schn, also Schneckenschleim-Schnaps kann man auch einen Joint rauchen, aber Schn-Schn wirkt länger. Ich schwör! Ich bin dann immer voll gut drauf und mag sogar Politiker, die ich sonst hasse, also noch mehr hasse.

Zunächst war noch alles in Ordnung, eigentlich easy, hatte echt alles im Griff, als noch alle um ihre Maibäume herumstanden. Woher ich das weiß? Internet, Handy, kenne den heißen Draht nach ganz oben. Außerdem habe ich ja noch Fürderhin, den Kleinen Abendsegler. Ein super Spion.

Thema Nummer eins, zwei und drei beim Tanz in den Mai war übrigens die komische Geschichte mit der Maiwurst. Das Rostbratwürstle im Kautionsweckle mit Steuersündersenf aus dem Hause H.! H. wie Hä? Genau. Während mir Fürderhin super Infos lieferte, machte ich mich ganz nebenbei besenfest. Ich zog mein kleines Schwarzes an, diesen eng anliegenden Lederfummel mit modernem Zotteleffekt. Kennt Ihr Euch mit der Hexerei aus? Mal so und mal so, wie beim Losverfahren.

Echt klasse so ein Flug mit dem Turbobesen, wenn man so im Sturzflug… Den neuen Turbobesen mit atomarem Raketenantrieb kann ich echt empfehlen, hab' ihn über meine Bank finanziert. Mein Finanzberater ist ne ganz coole Nummer, wenn man weiß wie er arbeitet. Mit dem richtigen Postfach, also Schließfach, hat er mein ganzes Vertrauen. Ich bin schließlich für fairen Handel. Und deshalb hab‘ ich den Besen nicht über meine Schweizer Bank finanziert und auch nicht allianzversichert. Ich bin nämlich eine ganz Ausgeschlafene. Ich kenn‘ da jemanden in der russischen Besenfabrik Tscherno. Man sagt ja immer: „Alte Besen kehren gut!“, aber der ist total neuwertig, quasi vergleichbar mit Putin, dem neuen Wodka, den man sich in den Rachen sprüht. Diese ätzende Essenz ist noch in der Testphase, bin quasi Testkundin. Ich schwör! Wer von Euch war denn schon Testkunde?

Ich hab‘ für Geld schon viel getestet. Eine Niere ist nun futsch, aber dies ist nicht so schlimm. Zurück zu gestern Abend. Ich sprüh' mir also gerade die vorgeschriebene Dosis Putin in den Rachen und schon steht mein Freund Iwan vor Tür, will mal nach dem Zahnrädchen im Motor meines Besens sehen. Warum er Gummihandschuhe trug, verstehe ich bis heute nicht. Jedenfalls sah er kurze Zeit später nur noch Oranje, als ich ihm aus reinem Versehen, dass orangefarbene Küchentablett gegen die Schläfe rammte. Dabei wollte ich ursprünglich nur die Wanze hinter der Gardinenleiste totschlagen, die ich entdeckte, als Iwan an meinem Besen schraubte. So ein Besen soll mindestens vier Jahre halten, wie ein Geschirrspüler. In meiner Not ließ ich Iwan dann dort liegen, ist eh nur meine Zweitwohnung. Eigentlich ist sie ja meine Drittwohnung, muss das Finanzamt aber nicht wissen. Umso länger ich darüber nachdenke, also nachdachte, sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich danach noch den Inhalt eines Wasserglases mit Schn-Schn auf den Schreck trank. Danach ging es mir spontan besser und ich hexte völlig übermotiviert herum. Der gute Schn-Schn wird ja auch mit Absinth angesetzt.  Kennt Ihr das, wenn man total euphorisch ist?

Die Hexennacht bietet ihre Reize in der Dunkelheit. Deshalb schaltete ich in der kompletten Wohnung das Licht aus und ließ Iwan zurück, schnappte mir meinen Turbobesen. Jawoll und ging damit auf die Dachterrasse. Fürderhin, der kleine Abendsegler, war sofort zur Stelle und funkte mir, dass eine Person ganz laut gerufen hätte: „Klopp ich will ein Kind von Dir!“. Da wusste ich, dass es nun Zeit wird, um mit dem Besen zu starten. Es knallte ziemlich heftig, als ich den Chip ins Zündschloss hineinsteckte, aber dann rauschte ich fast schwerelos davon und flog über München hinweg.

Ich sah die Bavaria und sie trug den BVB-Schal wie eine Perlenkette um ihren ehrwürdigen Hals, als wäre sie und ich noch nie Bayern-Fan gewesen. Ob dies ein Omen war? Schn-Schn zeigte Wirkung und ich hatte plötzlich Visionen. Ich düste mit meinem Besen Richtung Berlin und sah Dinge, die mir kein Mensch glaubt. Eine Anti-Euro-Partei, die den neuen Bundeskanzler vorstellte. Einen Mann, der sich wie ein Fähnchen im Wind dreht, wenn man ihm ein gutes Angebot macht. Einer, der die Volksverdummung beherrscht und meint er wäre die Wiedergeburt Napoleons. Ich bremste abrupt ab, stieg vom Besen und wollte ihm gerade Pinocchios Nase anhexen, da fiel mir der verdammte Spruch nicht mehr ein. Kennt Ihr diesen Hexenspruch? Diesen, wenn man lügt, dass die Nase dann immer, immer, immer, immer, immer länger wird…

Ich werde alt. Ich grübelte und grübelte, überlegte und überlegte, grübelte und grübelte und als ich so überlegte, war nicht nur diese Wiedergeburt weg, sondern auch mein Turbobesen. Erst dachte ich, dass ich ihn mal wieder im Halteverbot abgestellt hätte und einer dieser Berliner Gespenster-HiPos ihn mitgenommen hätte, als ich noch grübelte und überlegte. Hätte mich echt nicht gewundert, so wie ich gestern Nacht wieder als Hexe drauf war. Plötzlich wurde mir total komisch. Ganz sonderbar, alles drehte sich, plötzlich wurde es ganz schwarz vor meinen Augen.

Ich begann zu grübeln, zu hexen, zu grübeln, zu überlegen, zu hexen, zu grübeln und dann sah ich mich in einem schwarzen Tunnel. Jawoll! Eine Hand griff nach mir und ich hörte seltsame Stimmen, diese begannen zu singen. Die Nationalhymne erfolgte! Ich grübelte ein letztes Mal, dann hörte ich den Turbobesen und auch den Rasenmäher des Nachbarn mit dem kleinen germanischen Zeichen auf dem rechten Oberarm. Ich war wieder ankommen. Daheim! In meinem Wasserbett, nebst Iwan, dem angeschlagenen Hausmeister. Keine Ahnung, was passiert war, aber irgendwie brummt mir heute der Schädel.

Ich würd‘ mich echt freuen, wenn der ein oder andere mich Willkommen heißen würde. Im Grunde meines Herzens bin ich eine ganz liebe Hexe und für meine Nachbarn und den Rest der Welt kann ich nichts!

Eure Brigitte (Deutsch)

©Corina Wagner, Mai 2013


Schlag auf Schlag

Schlagzeilen

In Schlagzeilen stecken manchmal ein verbal ausgeführter Schlag ins sympathische Gesicht, quasi mitten in die Visage oder auch umgangssprachlich ab in die Fresse

Diese Determinativkomposition, also dieser herbe Schlag und diese hübsche Zeile vereint, kann bzw. können Gemüter erhitzen, muss aber nicht, kommt wohl darauf an, ob man ein Sensibelchen ist. Wenn man negativ wirkende Schlagzeilen entdeckt, können diese Auswirkungen auf die Psyche haben. Die Laune kann sich binnen weniger Sekunden, also beim Lesen von Presseerzeugnissen, dermaßen verändern, so dass man lieber manchmal Analphabet wäre. Und wenn man dann noch labil ist, dann sollte man abwägen, ob man so eine Komposition, so einen Schlag mitten in die Fresse aushalten will oder nur noch auf eine einsame Insel will. Ganz ohne “Mediengedöns” und Familie inklusive Freunde, denn diese können ja bekanntlich nicht nur verbal zuschlagen, wenn es ums letzte Hemd, eine Freikarte ins Paradies oder um die Wurst geht.

Neueste Schlagzeilen

Katar bestellt deutsche Panzer

Ekel-Alarm bei Heidi Klum Model-Kandidatin hat Kopfläuse

Wowereit erhält Stinkbombe

Willem-Alexander will König zum Anfassen sein

“Nicht alle Frauen denken gleich”

 

 

 

© Corina Wagner, 18.04.2013

Quelle der Schlagzeilen (Internet, bekannte Unternehmen)


 

Blatts Manuskript

Archibald Blatt, ein Journalist, schreibt seit Jahren unter Pseudonym. Er reiste bislang für das Politmagazin Unser Schicksal quer durch die Welt, um Steuersündern auf die Spur zu kommen.

Jetzt hat er die hübsche Journalisten-Schnauze voll, kündigte vor drei Tagen. Er widmet sich nun ausgiebig seiner Passion und zieht sich in das alte Forsthaus am Silbersee zurück. Er will mal wieder angeln und ganz nebenbei schreibt er noch ein Buch. Blatt will einen Roman über Steueroasen schreiben, wahrscheinlich ein gelungener Krimi, der noch viel mehr als die üblichen Besteller-Qualitäten aufweisen wird. Den Titel hat er auch schon parat: Die bizarre Briefkasten-Affäre. In seinem Buch wird es um die richtig dicken Fische gehen. Deshalb will er auch inmitten einer kleinen Idylle ganz in Ruhe das Manuskript schreiben. Er kam in den letzten Monaten an Daten, die förmlich danach schreien, dass man sie veröffentlicht. Steuerbetrüger zittern jetzt schon, dass man ihre Identität im Roman wiederfinden könnte. Er wird in seinem Manuskript über Leichen gehen, so die bange Vermutung. Blatt fuhr neulich nach Amerika. Durch einen ausländischen Kollegen entdeckte er ein Haus. Es sah von außen ganz unscheinbar aus. Im Inneren des Gebäudes befanden sich über 200000 Briefkasten-Firmen. Darunter viele bekannte deutsche Firmen. Archibald Blatt war so geschockt, dass er beschloss, dann doch eine Auszeit zu nehmen, um das Erlebte schriftlich zu verarbeiten. Woher ich diese Informationen habe? Ich arbeite für den Geheimdienst und man nennt mich auch Census, die Wanze.

© Corina Wagner, April 2013


 

Achtung! Warnhinweis!

Mutierter Osterhase

Vor fünf Stunden entdeckten Millionen Menschen in ihrem E-Mail-Postfach einen Kettenbrief, der für einen Cyberangriff konzipiert wurde und nicht im Spam-Ordner landete.

Dr.  Pascal Hase von der Rammler-Aufzucht in Lümmelburg  warnt eindringlich in seiner E-Mail vor einem international gesuchten Rammler, der während eines Forschungsauftrags der Osterhasenstiftung Hasilein mutierte und es faustdick hinter den Löffeln hat. Hier nun ein Zitat:

Der überdimensionale Rammler hoppelt in rasanter Geschwindigkeit auf Deutschland zu und wird bald auch Ihren Wohnort erreichen. Bitte lassen Sie die Fenster und Türen verschlossen und klicken Sie nun unbedingt folgenden Link an.

http://osterhasenstiftung-hasilein.org/osterhasenbereinigungsprogramm

Dieser Link wird das Osterhasenbereinigungsproramm aktivieren und Ihnen nützliche Informationen liefern, wenn der gigantische Rammler in Ihrem Vorgarten hoppelt.

Bitte leiten Sie diese E-Mail an Freunde und Bekannte weiter, damit diese vorbereitet sind, wenn Harvey vor der Tür steht.

Ihr Dr. Pascal Hase

Osterhasenstiftung Hasilein

 

Anlagen

© Corina Wagner, 1. April 2013


Groteske Äußerungen

Bitteschön nur für Dich!

Schön, dass es Dich gibt! Jetzt sieh mich bitte nicht so an, als könnte ich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten. Die Tage werden bis dahin kommen und gehen, dass kann ich verstehen. Ich bin ja nicht zu doof, also so unterbelichtet schön, wie Du mich gerne hättest. Wundervoll, dass es Dich gibt! Bitte sieh mich nicht so an, wie damals, als Du meintest ich wäre nur schweigend formvollendet im Gespräch. Angenehm war es, als ich Deine Satzbildung als Aufforderung zum Texten fand. Das Kommunizieren liegt uns, wenn Du mich zu Wort kommen lässt. Du weißt inzwischen, dass ich texten kann, wenn der Tag lang ist. Zu texten ist begehrenswert und deshalb finde ich es schön, dass es Dich gibt. Du bietest mir glanzvolle Momente, wenn Du die Klappe hältst. Herrlich ist es, wenn ich das Leuchten in Deinen Augen sehe und dann erkenne, dass es sich lohnt Dich faszinierend zu finden. Diese Stille ist makellos schön, solange Du mich reden lässt. Irgendwann entferne ich Dir wieder die Maulsperre, aber bis dahin sagst Du bitte keinen einzigen Ton über mich. Schön, dass es Dich gibt!

©Corina Wagner, März 2013

 


Technische Panne

Heute gab es eine technische Panne. Plötzlich fand Germania Deutsch eine E-Mail, die sie nachdenklich stimmte. Keine Ahnung wie sie in den Verteiler vom Bundestag kam. 620 E-Mail-Adressen und irgendwie war auch ihre Adresse im Verteilersystem gelandet.

Liebe Bundestagsabgeordneten,

jetzt habe ich die Schnauze voll! Wahrscheinlich endgültig, bin in einer schlechten Verfassung. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich jetzt Tacheles schreibe. Ich kann und will nicht mehr. Der Wahlkampf hat begonnen.

Ich weiß nicht wie Sie sich fühlen, jeder einzelne Abgeordnete, aber Deutschland ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Und doch ist es hier noch besser zu leben, als in anderen europäischen Ländern. Jammern auf hohem Niveau können wir alle und sehen oftmals bewusst weg, wenn die Einkommensspreizung das Gerechtigkeitsempfinden der Deutschen verletzt. Es geht uns doch irgendwie am Politikerhintern  vorbei. Und nun sollen wir bis September Versprechungen machen, die wir sowieso nicht einhalten werden. Egal wer von uns am Ende Wahlsieger sein wird.

Andauernd muss ich jetzt Lächeln. Dieses Dauerlächeln stimmt mich depressiv, habe Angst vor der gefürchteten Burnout-Therapie im Keller des Reichstagsgebäudes.

Ich hasse dieses Gute-Laune-Getue.  Bis September halte ich dieses Schein-Image bestimmt nicht aus. Im Grunde meines Herzens bin ich ein Sensibelchen. Warum soll ich zum Wohle des Volkes solche Opfer bringen? Haben  wir Bundestagsabgeordnete nicht eher ein Anrecht auf eine Selbstfindungsgruppe, die uns wieder dazu bringt wie es früher einmal war, bevor wir Karriere machten. Manche sind sich treu geblieben, lachen noch genauso charmant und natürlich. Dies finde ich auch gut. Es kommt wohl immer auf die Parteizugehörigkeit an und auf den Charakterkopf.

Werte Bundestagsabgeordnete, ganz ehrlich nachgedacht, wer von Ihnen hatte außer mir schon einen Krampf im Unterkiefer? Nichts gegen Lachfalten, aber wenn man ständig aufpassen muss, das einem die Gesichtszüge nicht engleiten, die Visage missglückt, kann das ziemlich nervig werden mit diesem Dauerlächeln im Wahlkampf. Vielen von Ihnen wird es ähnlich wie mir gehen. Das zynische Lächeln könnte ich stundenlang auf Knopfdruck, aber das kommt im Wahlkampf nicht so gut an. Scheiß Image-Gehabe!

Wer von Ihnen ist bereit, wie ich, ab heute nur noch dann zu lächeln, wenn es ehrlich gemeint ist. Echt schwierig! Die Gefahr der Vereinsamung besteht.

Bitte freundlich Lächeln!

 

Mit kollegialem Gruß

XYZ

 

© Corina Wagner, März 2013


Virus

Neulich hinterließ eine Einzelhandelskaufrau auf der Internet-Seite von Dr. Besorgt einen Leserbrief.

Hallo Dr. Besorgt,

heute ist endgültig Schluss. Ich kann nicht mehr. Entweder er oder ich. Dieses Mal ging der „Hosenscheißer“ zu weit. Im Laden liegen überall braune Dreckklumpen. In einigen Regalen wurde gehaust, als wären die Deutschen in Russland eingefallen. Etliche Gläser mit Roter Beete gingen zu Bruch und das war nicht die einzige Sauerei, die er im Laden hinterließ.

Die Zeiten sind vor bei, um weiterhin zu schweigen. Meine Nerven machen nicht mehr mit. Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Und wenn, dann träume ich von ihm. Ich hatte ihn, den kleinen Teufel und seine Eltern schon immer in Verdacht. Sie sind so anders, so wie früher. Früher war nicht alles besser, wie heute. Dieser Junge passt nicht ins moderne Weltbild. Dieser Frühstückscerealien-Typ  mit der kleinen Schmalzlocke und dem brutal einstudierten  Hamstergrinsen im Gesicht wirkt dermaßen sonderbar auf mich, wenn er bloß zwei Tafeln Kinderschokolade kaufen will.

Echt grässlich und widerlich! Er reagiert völlig diszipliniert, wenn er ein Überraschungsei in den Händen hält, als hielte er voller Stolz ein Bekennerschreiben für einen Anschlag in der Hand. Man kann das Gefühl nicht richtig beschreiben, wenn der Junge plötzlich neben einem steht. Sein Blick wirkt durchbohrend und gleichzeitig bizarr. Hat er ihn oder hat ihn nicht?

Man wird schon nervös, wenn man ihn länger betrachtet. Ist er infiziert? Ich fange schon dezent an zu zittern, wenn ich an ihn denke. Trägt er das gefährliche Virus in sich? Was ist dran, an dem Bauchgefühl, wenn er plötzlich ganz zackig im schwarzen Ledermäntelchen auftaucht? Wie kann man einem achtjährigen einen schwarzen Ledermantel kaufen? Ich fasse es nicht. Unter seinen Fingernägeln konnte man heute erkennen, dass er zumindest in den letzten Stunden etwas Schmutziges getan hat. Heute war auch sein kleiner Freund aus dem Kindergarten nicht mit dabei, als das Ungeheuer den Laden betrat. Die Gummistiefel hinterließen ziemliche Spuren und seine Gangart war angsteinflößend. Wegen ihm ließ ich vorige Woche zwei Pakete Couscous fallen, die ich ins Regal stellen wollte. Er schlich sich von hinten an und erschreckte mich dann derart, als er die Füße zusammenschlug und wie ferngesteuert „Heil Kindermilchschnitte!“ brüllte. Seinem kleinen Freund verging dabei auch das Lachen. Die Sache ist mir echt nicht koscher. Jeden zweiten Tag kommt er neuerdings vorbei. Vor der Kasse stehend, kramt er völlig akribisch minutenlang nach Ein- und Zwei-Cent-Münzen in einem uralten kleinen Sack, den er in einer Stofftasche ganz nah am Körper hält. Es dauert eine kleine Ewigkeit bis er den zu zahlenden Betrag zusammen hat und lässt bislang stets jede einzelne Münze aufs Laufband fallen. Dabei triumphiert sein irres Lächeln, als hätte er gerade eine „Nutella-Stulle“ gefuttert. Es gibt Kinder, da fragt man sich tatsächlich, ob sie mit dem gefährlichen Adolf-Virus infiziert sind. Dr. Besorgt bitte helfen sie mir, was soll ich tun?

Gruß

G.

Dr. Besorgt: Vielen Dank für Ihren Brief. Nehmen Sie bitte in Zukunft keine Glückspillen mehr ein, die zu Halluzinationen führen können. Ich würde abends vor dem Schlafengehen Melissentee trinken. Dann wird alles wieder gut.

G.: Sie glauben mir nicht. Ich nehme keine Medikamente. Den Jungen gibt es wirklich, aber er ist nicht acht, sondern fünfzehn.

© Corina Wagner, Februar 2013


 

Mein Facebook-Eintrag

So und jetzt wird es die ganze Welt erfahren, so auch Erbtante Trude in New York, Onkel Hans in Buxdehude und die süße Lu in der Provinz Guandong in China. Facebook macht Cyber-Mobbing möglich. Und mal ganz unter uns: Seit mich mein Verlobter wegen seinem neuen Job auf zwei Beinen verlassen hat, bin ich ein ganz anderer Mensch geworden. Zunächst war ich für wenige Stunden total mies drauf, aber jetzt fühle ich mich wie neu geboren. Ehrlich!

 

Seit heute stehen wieder alle Tassen in Oscars Schrank. Sein alter Volleyball-Freund Fritz hat mir einen Schlüssel nachgemacht. Er hat zu mir gesagt, wenn er mir endlich seinen kleinen Freund zeigen darf, dann tut er alles für mich. Gestern hatte ich nun das Schlüsselerlebnis und vorgestern lernte ich seinen schwulen Freund Heinz kennen. Er ist nur 1, 52 m groß, aber voll süß. Ich frage mich gerade, warum Oscar die ganze Zeit keinen Kontakt zu Fritz wollte. Vorurteile! Klar doch! Wenn Oscar von den Malediven zurückkommt, dann wird er vielleicht spontan einen Rettungssanitäter benötigen.

 

Seine absolut sympathische Mutter mag mich immer noch sehr. Mit ihr telefonierte ich mal wieder am Wochenende. Sie erzählte mir, dass Oscar drei Wochen mit der neuen Chefin auf den Malediven bleibt.

 

Schön, dachte ich mir. Zeit genug, um die selbstgetöpferten Tassen seiner Ex wieder in den Schrank zu stellen, die er in die Psychiatrie einwiesen ließ, als er damals ein Date hatte.  Angeblich hätte ich ihn massiv mit einem handelsüblichen Akkuschrauber bedroht, als er im Keller die Wäsche aufhängen sollte. Dabei hatte er noch einen Tag zu vor zu mir gesagt, dass er mehr Action in unserem tristen Leben haben wolle. Er hätte mir ja nicht umsonst „Shades of Grey“ zu Weihnachten geschenkt. Ich bin ja so eine verliebte Kuh gewesen. Eine Woche lang musste ich dort ausharren, bis der diensthabende Arzt einsah, dass ich überhaupt keine Psychose habe. Ich musste deswegen alle weiblichen Register ziehen.

 

Mal sehen, wie die 2676 Facebook-Freunde reagieren, wenn sie die geposteten Bilder auf Oscars Seite sehen. Inzwischen war ich in mehreren Baumärkten und im Tierfachmarkt. Normalerweise soll man ja nicht angeben, aber ich habe total coole Bilder von seiner Wohnung ins Netz gestellt. Wow! Was für ein Adrenalin-Schub, den ich mir da gönnte.

 

Ich muss zugeben, dass es mir richtig Spaß gemacht hat, als ich eine absolut sehenswerte Straf-Box für ihn in seinem pikfeinen Wohnzimmer gebaut habe. Ich gebe grinsend zu, dass ich deswegen seine neue Designer-Vitrine zweckentfremdet habe. Schließlich musste diverses und außergewöhnliches SM-Zubehör wegen der Fotos ausgestellt werden. Die Bilder sind wirklich der Hammer. Sollte noch mal jemand behaupten, dass ich keine Fantasie hätte.

 

Jedenfalls hat nun Oscar auf seiner Facebook-Seite ganz stolz behauptet, dass er neuerdings Autor sei und demnächst ein Buch publizieren würde. Auf 700 Seiten könnte man dann nachlesen, welche Codewörter man zum Beispiel auswendig lernen müsse, wenn man in der Straf-Box sitzt und wieder raus will. Deshalb erschuf ich auch für Oscars angebliches Meisterwerk den Buchtitel: „ To sail close to the wind“.

So und nun treffe ich mich mit Fritz und Heinz zum Kaffeetrinken. Mal sehen, ob Fritz heute schon online war.

© Corina Wagner, Februar 2013

 


Jahrestag

 

Hätte man mir vorher gesagt, was alles passieren würde, dann wäre ich damals zu Hause geblieben und hätte mir eine CD von Margit Sponheimer reingezogen. Ich hätte zwei oder drei Piccolöchen getrunken und aus den ollen Brockhaus-Bänden von Onkel Otto Konfetti geschnitzt.

„Gell Du hascht mir gelle gern“, dröhnt es seit diesem Tag stets leise in meinen Ohren, wenn ich daran denke. Ob es mit dem seltenen Willy-Millowitsch-Tinnitus vergleichbar ist, kann ich nicht bestätigen.

„Du mich auch!“, summe ich dann meistens exzessiv, weil ich mich an jenen irrwitzigen Donnerstagabend definitiv nicht erinnern möchte. Jammern auf hohem Niveau nutzt jetzt natürlich auch nichts mehr, wirkt aber irgendwie immer noch ernüchternd. Nach fünf Flaschen vom Rotkäppchen irgendwie nachvollziehbar. Wäre ich nur nicht auf dem Peter-Frankenfeld-Platz gestolpert und ins Wanken geraten. Und warum musste ich mich von Ulknudel Holla, der kleinen Waldfee überreden lassen, mir dieses doofe Meerjungfrauen-Kostüm in der Boutique Titanic zu kaufen. Es aus lauter Jux und Dollerei zu dieser Veranstaltung anziehen. Dann wäre mir auch nie dieser gestrandete Wal in die Quere gekommen, der einen auf Heinz Erhardt machte. Typen gibt’s, kaum auszuhalten. Er faselte mir dann ziemlich obszön auch noch etwas vom Ei des Kolumbus ins Ohr. Ich rannte so schnell ich konnte in die Theo-Lingen-Straße. Doch dies war zuvor mit einem riesengroßen Menschauflauf verbunden. Schließlich lag der gestrandete Wal eine kleine Ewigkeit auf dem Ende meines Meerjungfrauen-Kostüms. Der hatte vielleicht Nerven, sogar im Schritt. Diese Gekreische alarmierte die Polizei und deshalb platzte mir nicht nur der Kragen. Ich sah vielleicht zerzaust aus, als der weiße Hai zu Hilfe kam.

„Man ist für sein Leben selbst verantwortlich!“, klare Ansage von Dracula, der mich danach verfolgte. Und als ich dann zwei Stunden später wieder aus dem VHS-Gebäude kam, mich ohne wenn und aber sofort von ihm in den Hals beißen ließ, wurde mir dermaßen komisch zu Mute. Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu berichten. Das war vielleicht geil, als hätte mein letztes Stündchen geschlagen, um dann in der Hölle zu landen. Der Vortrag: „Narren in unserer Gesellschaft“ von Dr. August von Depp war dagegen echt Papperlapapp. Total benommen lief ich dann Richtung Verkehrsübungsplatz und legte einen kleinen Stopp in der Loriot-Allee ein. Dort begegnete mir der böse Wolf mit den sieben Geißlein. Die waren total schräg drauf, hatten eine Kamera dabei und drehten eine Doku über Altweiberfasching. Erst dann nahm das ganze Elend seinen Lauf, weil sie mich bis zur Harald-Juhnke-Gasse begleiteten.

Bericht von Gundula Helau

© Corina Wagner, Altweiberfasching 2013


Cumulonimbuswolken

Das viel zu blaue Blau erinnert mich heute spontan an meinen Beischlafgefährten, der damals im verwaschenen Blaumann eine gute Figur machte. Dieser elendige Heiratsschwindler nahm gemeinerweise nicht nur mein Erspartes mit, als er sich aus dem Staub machte, sondern stahl mir die schöne Aussicht ins Grüne.

Damals war ich noch total blauäugig, als er mir die Baustelle am See zeigte und mir das Blaue vom Himmel herunter log. Ich hatte wohl einst die rosarote Sonnenbrille auf, als er mir in der Baugrube liegend natürlich weiß machen wollte, dass ich die schönste Frau der Welt sei. Der Bungalow am See wurde dann für eine andere Frau gebaut. Sämtlichen Schnickschnack hatte er mir vorgegaukelt. Das ist nun so lange her. Da war ich noch ganz jung, ziemlich naiv und bedingungslos gutgläubig.

Ich hab‘ dem schönen Gustel längst verziehen. Schließlich wurde er bei herrlichstem Sonnenschein von einem kleinen azurfarbenen Grabenbagger überfahren, als er mal wieder mit seinem verwaschenen Blaumann in einer Baugrube lag. Und gerade die Knöpfe öffnen wollte. Angeblich war er total blau. Wirklich tragisch.

Ich stell‘ ihm heute Vergissmeinnicht aufs Grab, wie all die anderen Frauen in den letzten Monaten. Angeblich soll es dort inzwischen wie in Lourdes aussehen. Der Gustel war aber auch zuckersüß.

Hätte ich neulich im Internet nicht einen Kommentar über den damaligen Heiratsschwindler erwähnt, dass also der schnuckelige Gustel vor zwanzig Jahren einen verwaschenen Blaumann trug, hätte ich nie die Gitti, Annette, Uschi, Melanie, Stefanie, Rosemarie und die vorbestrafte Jeanette kennengelernt.

Schade! Heute wird doch nichts mit einer Fahrt ins Grüne. Gerade ziehen Cumulonimbuswolken auf.

©Corina Wagner, Januar 2013

 


 

Kongeniales Verhalten

"Was ist denn sexisassimiliert?", fragte der bekannte Verhaltensforscher Prof. Dr. Bekloppt seine Assistentin Dr. Schön. Er hatte dieses abenteuerliche Wort gerade zuvor in der Wochenzeitung MACHT gelesen.

"Hm! Tja! sexisassimiliert?", murmelte Schön total irritiert, weil Bekloppt seine rheumatischen Fingerchen inzwischen schon wieder einmal auf ihrem wohlgeformten Hintern hatte, um natürlich vom eigentlichen Thema abzulenken.

„Das Wort stand wohl im Zusammenhang mit einem Artikel über Sexismus in Deutschland und bezog sich auf eine Kolumne von Amazone Feminin-KLug Freifrau von Emanze!“, erwiderte Schön ohne mit der Wimper zu zucken. Und dies mit einer ziemlich monotonen, völlig gelangweilten, beinahe gleichgültigen Ausdrucksweise. Wirklich beängstigend, dachte Bekloppt spontan.

Der Verhaltensforscher übte schon seit Jahren seine Machtposition aus, wenn er zum Beispiel junge hübsche Praktikantinnen unter seine Fittiche nahm und diesen zeigte, wo es lang geht, wenn man erfolgreich werden will.

Schön war in seinen Augen ein typisches Paradebeispiel für seine Machtspielchen. Er übte seit sechs Monaten immense Macht auf sie aus. Diese Frau wollte doch tatsächlich Karriere machen. Bekloppt glaubte, dass sie Angst um ihren guten Job hatte und nie auf die Idee käme von seinen sexistischen Übergriffen zu erzählen. Bislang kuschte sie mit einem inszenierten Lächeln auf den Lippen, wenn er sie verbal attackierte oder handgreiflich wurde. Schließlich wollte sie mit seiner Unterstützung neue Projekte in der Verhaltensforschung realisieren. Deshalb unterwarf sie sich also bislang seinem Machtgehabe und opferte sich quasi der Wissenschaft.

Er wusste dies instinktiv und hatte seinen Spaß. Verbale Äußerungen liebte er, wie auch jetzt, wenn er laut darüber nachdachte, welche Unterwäsche sie vermutlich trägt, wenn sie sich mit Prof. Dr. Klotz, dem versierten Neurologen in der Mittagspause treffen würde. Und dieses Interesse bestand natürlich aus rein wissenschaftlicher Sicht. Dabei überzeugte er mit einem dreisten und anzüglichen Grinsen im willenstarken Gesicht. Ein echter Kotzbrocken verinnerlichte sich Schön nun bei seinem abstoßenden Anblick. Doch jetzt war Schluss. Sie hatte sich lange genug im Namen der Wissenschaft anfingern und belästigen lassen. Dies ahnte Verhaltensforscher Prof. Dr. Bekloppt irgendwie auch, als er ihr das letzte Mal sehr tief ins bildhübsche Dekolleté schauen durfte.

 

© Corina Wagner, Januar 2013


 

 


Das Weihnachtsmenü

Aus dem Tagebuch von Christa

Jesses war daas ä Party. Silvester uff de Hütt, also im letzte Schacht, hinne ganz links. Dort wo sich niemand hin traut, wenn‘s dunkel werd. Die wisse genau, warum se dort Silvester feiere tun. Kann ich arisch gudd verstehn, awwer grad egal. Ähnfach egal.

Alles is superb  iwwer die Bühn gang. De Stolle war ä Gedicht. Keener, also absolut keiner, wollt‘ vom Dollbohrer-Klub rummaule, weil se Angscht gehadd hann, dass ähs nix Leckeres se esse gebbt, wenn ich dann dabba uff Madame Grosskotz tu. Solche Fraue hann die Buwe vom Ortsring nidd gern.

Egal, so ebbes von egal. Jedenfalls fier mich. Ich hann se schon ähnmol an Silvester hänge geloss. Die wisse genau warum unn wieso. Ich schaff fier die seit Johre ehreamtlisch und selsmols hann ich die Schniss gestriche voll gehadd. Die ware ganz kleen midd ihre große Sprüch unn zeitnah hann ich dann in de Ferne so ä Dessert-Typ kennegelernt. Daas war nidd so ä Seeleklempner, awwer so ähnlich. Egal! Grad scheen war‘s. Unn demm Paul seins hadd se dann all fotografiert, als se ä Flunsch gezoh hann, so a unser Gruweschuhversteckeler, der Möchtegernadelige, weil die feine Lachsstiggelcha im Blätterteigpäckcha beim Buffet gefehlt hann. Ich hann se nidd gemach wie all die annere Schmackofatzsache. Fier die war daas iwwerhaupt nidd in Ordnung, also egal. Die misse arisch die Flemm gehadd hann. „Graad selääds“, hann ich mir gedenkt, war’s gudd, dass ich daas so durchgezoh hann.

Die abgezählte Forellefilets misse wie ähngeschlofene Fieß geschmeckt hann, weil meiner ähs nidd uff die Reih bekam, so eine homogene Masse se mache. De Dillsahnedipp midd demm Forellekaviar quasi in ahnsprechendemm Einklang se bringe. De Alfons muss Ahnweisunge genn hann, also gegeben haben. Ihn „delegiert“ haben unn mein Dummbeidel muss uff betrunkener Sternekoch gemach hann. De Deckel vom Gläsjie muss quer durch de Schacht gefloh sinn. Unn die doof Beisszang, demm oberschlauen Toni seins, wär de Deckel genau in die getackerte Visage ähninn. So ebbes von egal!. Geschieht de doof Kuh graad recht, weil se immer so uff scheen unn clever macht. Die schafft tragischerweise im Landtach als Teilzeitkraft fiers Volk. Ei joo. Die sinn alle ä bissje… getackert zwar nidd, awwer so … Aweil fallt mir das Wort doodezu nimmeh ein. Egal!. Ähs macht immer ähni uff sozial unn hinnerum. Egal!. Serigg zu de Fischeier. De Forellekaviar hädd quasi de Abgang gemach. Unn de Rudi wär uffem Bode hin unn her. Egal! Bin ich froh, dass ich die Sauerei nidd gesiehn hann. De Aal soll Parkinson gehadd hann und nach Diesel geroch hann, hadd ähs Hannsche gesaat, die hadd dort am Buffet bedient. Wär echt typisch fier de Fischer Klaus, wenn der so ä Aal spendiert. Dann hann se die Wachteleier viel se lang koche gelass. Abgeschreckt hadd se de Kurt. Unser Finanzgenie. O jesses! Wundert mich nidd bei dem Gruselfaktor. Der kann nur ähns. Fremdes Geld um die Eck bringe. Das scheene Rehfilet muss iwwrigens wie Bedonng gewähn sinn. De Onkel Heinz hadd schon immer gesaat, so ä iwwerfahrenes Tier muss lahng genug in de warm Stub hänge. Unn danach is ä Korzer Pflicht. Daas war mir selsmols awwer völlig egal. Ich bin froh, dass ich nidd gesiehn hann, was die alles uffem Teller gehadd hann. Unn seit de Bunnsenbrenneraktion herrscht sowieso iwwerall das Schweigen der Lämmer. Ähnfach egal! Ich war an Silvester 2011 weit weg.

Graad selääds hann ich selsmools uff die Schnelle die Waffelpann in die Kochkich geschmiss unn bin dabba weg gefahr, weil die Erbtante in de Palz im Sterbe lag. Das war die offizielle Version fier de Ortsring. Ich bin nach Teneriffa gefloh unn hann’s Maria besucht. Die kenn ich noch von de Volksschul her. Unn die hadd mir immer in ihre Briefe arisch vorgeschwärmt. Sie sei eine erfolgreiche Geschäftsfrau und hätte auf Teneriffa ein Hotel mit Restaurant. Ich hann gedenkt: Egal! Doo flieh ich aweil hin. Unn uff Teneriffa war mir dann alles egal. Denn eigentlich fiehrt die Maria eine Absteige, also so ä Dingsbums mit Bar. Egal! Unn an Silvester trete in demm Lade so schnuggelige Type als Dessert uff. Ä scheeni Sach zum Johreswechsel. Daas hann ich vor meiner Abreise awwer nidd gewusst. Ich schwör! Egal. Nach Weihnachte, demm Fest der Liebe mol ebbes Anneres wie de Hemm. Unn ähs Scheenste war, dass ich mir doo nidd daas iwwerkanditeltes Geschwätz vom Irmgard unn ihrer Baggaasch anhöre musst, wie geschtern Owend. Jesses ist das Weib so hohl. Hadd daas doch vor de ganz Mannschaft gesaat:

„Schpatzerl! De Silvester Schablone ä Sylvester Stallone, der Typ, der sich die Oberarme zunäht, den kennschte doch vom Kino ahngucke. Ihr doch a all. Gell! Unn an den soll ich nidd denke, awwer ahn ä Eselsbrigg, also eine Brücke zum Stall  baue. Ähs Renate, die Vorsitzende vom Karniggelklub is ä Gedächtnisträne. Momentche!  Ä Trainerin unn daas hadd zu mir gesaat, dass ich mir folgendes vorstelle sollt. Ich soll Dich Spatzerl mit einem Weihnachts-Menü vergleiche, daas sollt‘ ich unnbedingt mache. Weil doo hädd ma was se lache. Momentche! Ich fang aweil ahn: als erste Vorspeise gab‘s: Consommé Royal, hört sich awwer vornehm ahn. Gell! Ä Kraftbrieh im Vergleich mit Meinem. Wenn ich dich aweil so ahnguck Spatzerl, wie Du graad noch midd de Gabel uffem Kopf fier ä Zwischegang gesucht hascht. Arisch lache kann ich aweil noch nidd. Was gab‘s als Zweites noch se esse? Mir fallt daas gleich wieder ein. Wartet ä Momentche."

Unn in der Sekund hadd doch ihr Spatzerl voller Wut midd de Händ die Gallier schnerre geloss. Der wurd iwwerzwersch.

"Jesses! Aweil brauch‘ ich ä Hugo!" kam demm Irmgard dann arisch spitz iwwer die Lippe.

Typisch fier meine Zwillingsschwester. Ich hann awwer a arisch lache misse, weil ich gewusst hann, was sie unn ihr Spatzerl als zweite Vorspeise gegesse hann. Unn weil ich so gelacht hann, hadd dann ähs Irmi ä hysterischer Lachahnfall bekomm, also schlimm. Ähs war mir ä bissje unangehm. Das Weihnachtsmenü hann ich nämlich fier die Baggaasch gekocht unn Meiner wurd' ganz griwwelisch. Hadd wegen demm doofe Vergleich unn ihrem Lachahnfall ä mordsmäßiger Asthmaahnfall vortäusche misse, um de Schwager se rette, bevor der total grääzisch werd.

Morje treff‘ ich ähs Gerda unns Hilde bei de Batschel offiziell beim „Neujahrsempfang der Mundart-Damen“.  Ähs steht so uff de Kart. Dann schwätze die bestimmt iwwer Silvester unn iwwers Irmgard. Egal, iss mir aweil so ebbes von egal …

Ich muss dabba in die Kochkich unn nach de Tarte gucke…

©Corina Wagner, Januar 2013

 

Kleine Legende

arisch: sehr

Ich hann die Flemm : Wenn man deprimiert, schlecht drauf ist… („avoir la flemme“ – „genug von etwas haben")

Batschel: neugierige Person, die gerne Geschichten im Ort weiterzählt, die nicht immer realistisch sind.

Beddong: Beton

Beisszange: böse Frau

Baggaasch: Verwandtschaft, Familie

Dollbohrer: Mensch, der ohne Erfolgsaussichten immer wieder aufs Neue das Gleiche tut

Dummbeidel: Mit diesem Ausdruck wertet man einen Menschen ab, wenn er oftmals dummes Zeug redet.

ebbes: anderes

Gallier: Hosenträger

graad selääds: jetzt erst recht

grääzisch: überlaunig

griwwelisch: nervös

Gruweschuhversteckeler: Person, die zu gerne ihre soziale Herkunft leugnet.

iwwerzwersch: absolut temperamentvoll,

Korzer: Schnaps

Owend: Abend


 

Zehn vor Zwölf

Aus dem Tagebuch von Felicitas

Langsam wird es eng, knapp und allerhöchste Eisenbahn, wenn ich in die Winterlandschaft starre.

Gestern erreichte mich ein Kettenbrief. Früher bekam man solche angsteinflößenden Briefe per Post.

Heute geht es auf dem elektronischen Weg. Ich habe schon öfters Kettenbriefe erhalten. Meistens schlafe ich anschließend drei Tage schlecht, wenn ich diese ignoriere. Ich bin so ein Typ, der solche Briefe nie weiterleitet und dann plötzlich leidet. Hautnah spüre ich spontan eine total negative Veränderung. Ohne Vorwarnung glaubt man an den eigenen Zerfall, reagiere stets sehr sensibel auf die Außenwelt. Man schaut in den Spiegel und denkt: O mein Gott! Gibt’s dich tatsächlich so?

Tagtäglich gibt es Situationen, die ich für völlig überflüssig halte, aber sie passieren schlicht. Man ignoriert aus Prinzip einen Kettenbrief und später geschehen Dinge, die zum Grübeln animieren. Ich hole einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Aus heiterem Himmel stürzt er vor der Kühlschranktür zu Boden. Spätestens dann, wenn es überall klebt, bietet sich eine kurzweilige Gelegenheit über sein Leben nachdenken. Zufall? Oder kündigt sich der Weltuntergang an?

Manche nutzen jene katastrophalen Augenblicke nicht wirklich aus, wenn zum Beispiel kurz nach dem Aufstehen ein komisches Erlebnis wartet. Die mit Butter und Muttis Marmelade bestrichene Scheibe Brot fällt völlig unkontrolliert aus den Fingern. Jene Sekunden des Höhenflugs könnte man gedanklich gut investieren, darüber nachzudenken, warum es so ist, wie es ist. Warum flutscht die Scheibe Brot aus den Händen und landet auf dem Designerteppich? Waldbeerenfrüchte mit einem Hauch von Gourmet-Schnickschnack in Geleeform hinterlassen eklige Flecke so kurz vor Weihnachten.

Doch hat man dies kaum überwunden, fließt schon der heiße Kaffee über die Zeitung, weil ich ja stets träume. Dies kann nerven.

Einzelschicksal oder Massenphänomen? Nicht alle Menschen essen Marmelade zum Frühstück, aber rein theoretisch hätte zum Beispiel ein Hirsebrei quer durch die Botanik den Abgang machen können. Oder verschmutztes Wasser wahrhaftig in einem staubbedeckten Boden versickern müssen.

Seit gestern ist alles anders. Ich bin hin und hergerissen. Warum wurde ich ausgewählt? Ich bekam einen Engel-Kettenbrief via E-Mail. Ein Wink, so kurz vor dem 21. Dezember? Manno! Dabei war ich gestern absolut nett, als ich nur den nackten Hintern meines Ex-Freundes bei facebook postete.

Beinahe hatte ich dieses gewisse Datum verdrängt und freute mich intensiv auf das bevorstehende Fest der Liebe. Ich frönte wie jedes Jahr dem alljährlichen Kaufrausch und mischte mich bislang wie immer überall ein. Nur nicht politisch. Das ganze Lametta-Getue tangiert mich nun nur peripher. Und mal ehrlich, glänzen kann man auch anders.

Gerade noch rechtzeitig erreicht mich diese Engelbotschaft. Noch ist es nicht zu spät.


„Bitte lies, es ist kein Scherz. Ein Engel hat bemerkt, dass du mit etwas
kämpfst.
Er sagt, dass es vorbei ist. Du erhältst seinen Segen“

Ach Du meine Güte. Bislang ignorierte ich immer die Kettenbriefe und jetzt? Ich kämpfe angeblich mit etwas und ein Engel bemerkte dies. Natürlich kämpfe ich innerlich mit etwas. Gleich muss ich auf’s Klo. Dann fühle ich mich besser. Oder auch nicht. Ich kämpfe doch insgeheim mit vielem, so auch mit dem fettreduzierten Plätzchenteig oder mit der doofen Sparlampenbeleuchtung im Vorgarten. Jetzt hab‘ ich die ganze Zeit Strom gespart, dann hau‘ ich doch nicht wie meine Nachbarn das Geld über Weihnachten wieder raus. Nur weil ich auffallen möchte. Die Energieversorger reiben sich die Hände. Und doch! So ein solarbetriebener überdimensionaler beleuchteter Friedensengel, den man weltweit sehen könnte, würde mir gefallen.

Gestern steckten zum Beispiel wegen meiner Schusseligkeit unerwartet Kakteennadeln in meinem Zeigefinger. War dies ein Zeichen? Es dauerte eine Weile bis die Ansammlung von Nadeln mit einer Pinzette entfernt waren. Gestern Abend hätte ich darüber in meinem Tagebuch schreiben können, aber…? Dieses aber kommt immer dazwischen. Dabei hatte ich Zeit über das Leben nachzudenken. Eigentlich geht es mir gut. Ich sitze im Warmen und kann mir die Heizkosten leisten. Ich wohne zentral ohne Selbstmordattentäter in Glühweinlaune und so. Bis auf ein paar Hutzelbrotterroristen, die mir auflauern könnten, geht es mir echt super. Warum sollte ich den Engel-Kettenbrief weiterleiten?

„Wenn du an Engel glaubst, sende diese Nachricht weiter, bitte ignoriere sie
nicht, du wirst geprüft.
Der Engel wird zwei - große - Dinge heute Nacht in deinem Sinne regeln.“

Auf den Weltfrieden könnte ich hoffen und auf die Unsterblichkeit… Letzteres wäre unzumutbar.

Was passiert nach dem 21. Dezember mit meinem Tagebuch?

© Corina Wagner, Dezember 2012

 

 

 

 


 

Dr. Vorwand meldet sich zu Wort

Heute bin ich fix und fertig. Sie auch? Es liegt nicht am Wetter. Neue Innovationen braucht das Land. Das Grübeln strengt an. Visionen haben viele. Oftmals kann man sie nicht umsetzen, so auch in der Literatur. Was mögen die Leser/innen? Noch mehr Schweinskram? Mehr Offenbarungen? Krassere Gewaltbeispiele, folglich mehr Brutalität? Etwa noch mehr Action bei zwischenmenschlichen Vorgehensweisen? Schnöde, uralte Heimatromane, die getunt wurden, sollen diese nun das neue Lesevergnügen auf der Bettkannte werden und wenn möglich mit einem E-Book in der Hand. Ich bin fix und fertig. Sie auch? Wiederholungen sind immer gut, diese nerven eventuell und hinterlassen Spuren im Hirn des anderen.

Perfekte Ausreden nach der Dr. Vorwand-Methode!

Ihr kleiner Helfer für jede Gelegenheit…

 

Wie würde Ihnen dieser Buchstabenmix auf einem Buchcover gefallen?

Schön schwarz abgedruckt, mittig platziert und gut lesbar auf bananengelbem Einband, der so elegant aussieht, als wäre er handgeschöpft entstanden. Damit man dieses Werk an jeder Tanke oder Bahnhofsbuchhandlung entdeckt, muss man natürlich zuvor auf Promotion-Tour gehen. Doch dies ist ein anderes Reiz-Thema.

Kennen Sie dass, Sie sollen einen Termin wahrnehmen, aber können oder wollen nicht und suchen deshalb nach einer plausiblen Ausrede. Manchmal kommt man in echte Erklärungsnot, wenn nachgehakt wird, warum man jetzt wieder nicht kann. Dann ist es absolut wichtig, gut zu argumentieren und die passende Antwort parat zu haben. Am besten ist es, wenn man für jede Situation gut vorbereitet ist. Die Ausreden kommen spontan über die verkniffenen Lippen, wirken nicht überlegt oder etwa auswendig gelernt. Sie müssen wie das Einmaleins sitzen.

Gerade Menschen, die zum Beispiel ein hektisches Liebesleben führen, da zu viele Partner/innen in kürzester Zeit überhand nehmen, kommen oft in Erklärungsnot, wenn es Terminüberschneidungen gibt. Deshalb sollte man so früh wie möglich mit dem Einstudieren von perfekten Ausreden anfangen. Ein Training in der Kindertagesstätte wäre bereits ratsam. Doch für die Konzipierung von Kinderliteratur bin ich nicht zuständig.

Meine Stärken liegen im Bereich der Erwachsenenbildung. Im Berufsleben kann es durchaus sinnvoll sein, wenn die ein oder andere vorzügliche Ausrede fluffig über die spröden Lippen kommt, wenn man ohne reinem Gewissen lügt. Wenn Kommunikationsstörungen im außer- und innerbrieblichen Umfeld auftauchen, dann liegt es oftmals an diversen Amateur-Ausreden. Deshalb können Sie rein theoretisch mit etwas Fleiß auch zum Profi werden.

Wenn man zum Beispiel keine Lust hat, als Politiker an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen, dann macht es keinen Sinn, wenn man plötzlich einen fiesen Knoten in der Zunge vortäuscht. Sie verstehen, worauf es bei guten Ausreden ankommt. Immer sollte man mit spitzer Zunge seine Buchstaben gezielt unter Kontrolle behalten und präzise Sätze in hervorragenden Ausreden hervorbringen. Unverständliche Wortfetzen sind da eher hinderlich. Deshalb ist es sehr wichtig Ausreden richtig zu erlernen.

Wer nach der Dr. Vorwand Methode übt, lebt sichtbar gelassener und entspannter im Blick auf das Zwischenmenschliche. Ein Papiertaschentuch-Verband am Mittelfinger birgt Skepsis, wenn man bei einem Meeting das Protokoll führen sollte und dann plötzlich behauptet, man hätte sich vor wenigen Minuten den Finger auf der Behindertentoilette gebrochen. Jeder wird sich fragen, was sie dort zuvor als sichtbar gesunder Mensch wollten. Die Dr. Vorwand-Methode kann Sie tatsächlich vor solchen Fettnäpfchen bewahren, den Mittelfinger in die Höhe zu strecken. Peinliche Situationen sollten sie ausklammern.

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor. Sie sollen bei einer renommierten Zeitung über Ihre neuesten Forschungsergebnisse referieren. Allerdings tritt überraschenderweise ein ernstzunehmendes Problem auf. Ihre Geliebte droht mit Trennung, wenn Sie nicht zur gleichen Zeit in ihrem Lieblingshotel erscheinen. Dann sollten Sie wegen einem triftigeren Grund kurzfristig absagen können und dies gezielt bitte mit der Profi-Ausrede. Die Mittelfinger-Ausrede haken Sie gleich ab, soviel Intelligenz traue ich Ihnen zu. Vorwand Nummer eins wird wahrscheinlich sein, dass der Zug auf offener Strecke anhielt, weil ein Personenschaden vorlag. Damit werden Sie nur Zweifel hervorrufen. Inzwischen ist dies tatsächlich ein echter Klassiker unter den Ausreden bei Geschäftsleuten, die mit der Bahn anreisen. Wenn Sie aber twittern, dass unter Ihren Kollegen/Kolleginnen die hochansteckende Werwolf-Grippe ausgebrochen ist, dann wird jeder für eine spontane Absage Verständnis zeigen. In dieser heiklen Situation sollten Sie allerdings Prioritäten in Ihrem Leben setzen, wem Sie dann diese vorzügliche Profi-Ausrede twittern. Geliebte oder berufliche Karriere, was ist Ihnen wichtiger?

„Perfekte Ausreden nach der Dr. Vorwand-Methode“, der kleine Helfer für jede Gelegenheit könnte ein Meilenstein in der Literatur werden. Jetzt muss er nur noch in den Buchhandel, damit Menschen wie Sie davon profitieren. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Falls Sie noch Vorschläge für gelungene Ausreden haben, stehe ich Ihnen gerne aufmerksam zur Verfügung: dr.vorwand_literaturblock@yahoo.de

 

Ihr Dr. Vorwand

 

 

© Corina Wagner, November 2012


 

Moderne Literatur

FEINDBILDER - Home Service

 

"Holla die Waldfee! So, meine Liebe jetzt ist es raus: Heute habe ich ein neues FEINDBILD erschaffen! Endlich konnte ich mich dazu überwinden. Ziemlich lauthals rief ich die Worte in die hetzerische und von Ideologien gebeutelte Welt: Ich hasse alle Ja-Sager-Heinis und Möchtegern-Tussis! Und ganz nebenbei habe ich dann noch Flyer und Plakate in Deinem Namen verteilt.“

„Hast Du Dir irgendwelche Drogen reingezogen? Etwa Crystel? Oder bist Du wieder mit so einem Typen aus der Anstalt ins Bett gehüpft?“, fragte Frau A. Wichtig ihre Freundin G.Bescheuert in einem sehr argwöhnischen und aggressiven Unterton.

„Nein!“, kam es Bescheuert selbstbewusst über die Lippen und drückte ihr einen Flyer in die Hand.

„Ach Du meine Güte!“ flüsterte Wichtig und zog ihre Freundin blitzschnell in eine dunkle Ecke, hielt sie mit beiden Armen ganz fest und schüttelte sie wie irre. „Spinnst Du!“, keifte sie energisch schrill.

„Zur Hölle! Mein Trommelfell platzt fast! Lass‘ mich los und reg‘ Dich wieder ab. Ich konnte ja schlecht meinen Namen als Verantwortliche für die Aktion nennen, als ich die Flyer heimlich druckte. Wie stehe ich denn sonst morgen früh beim Chef da!", erwiderte Freundin G. unverschämt cool.

„Frau Bescheuert! Ich mach Dich fertig. Ich bring‘ Dich um!“, schallte es brutal in der Dunkelheit der Nacht.

Der pure Hass blieb danach unerkannt zurück. Nur Ein Flyer flatterte im eiskalten Wind davon und blieb nach einer kleinen Ewigkeit mit der ungedruckten Seite auf den Boden liegen:

FEINDBILDER - Home Service

Wir bringen Ihnen den puren Hass bis ins Wohnzimmer (inklusive Feindbild-Pauschale).

Sie lieben Vorurteile?

Für uns kein Problem.

Sie lieben Gewalt?

Wir haben sie auf Lager.

Diese Woche

1 X Angehörigen-Hass spezial plus feinste Pralinen

1 X Arbeitgeber-Hass mit praktischem Faltblatt zum Fertigmachen

Das Top-Angebot des Monats:

5 X fremdenfeindlicher Hass (absolut generationenübergreifend) kommt bei uns nicht in die Tüte,

sondern wird bei Ihnen installiert.

Auf Knopfdruck wird alles möglich und dies mit Geld-zurück-Garantie.

Wir predigen Ihnen keinen Hass!

Wir tun es einfach!!!

 

Rufen Sie uns an:

NullnullneunhundertundfünfmaldieNull

Wir freuen uns über Ihren Anruf!

FEINDBILDER – Home Service

A. Wichtig

© Corina Wagner, November 2012


 

Nichts für schwache Nerven ...

Spannend oder langweilig? Zu brutal? Eine Kurzgeschichte, die im grauenvollen November zumindest zur Abschreckung dient. Wer gratuliert schon einem Serienmörder?

Eingemachtes

Gestern lockte der Fund einer Frauenleiche wieder die Pressefotografen in den nahegelegenen Stadtwald. Es war ein ätzender Novembertag, dessen Kälte durch Mark und Bein zog, wenn man zulange draußen stand. Wieder wurde eine verstümmelte Frauenleiche durch einen Spaziergänger entdeckt, der zunächst nur eine Hand des Opfers fand. Den Rest der entsetzlich zugerichteten Leiche wurde nach einer kurzen Suche von Beamten unweit der Fundstelle sichergestellt. Der gesuchte Täter hatte mit einer massiven Brutalität sein Opfer getötet. Kein Einzelfall in dieser Region und bot Anlass eine E-Mail zu verfassen.

 

Lieber grausamer Freund,

 

etliche Monate hatte ich kein Lebenszeichen mehr erhalten. Schon lange fehlte mir ein Wink mit einer eiskalten Hand. Gestern fand ich unweit eines Wanderparkplatzes ein Indiz dafür, dass Du wieder in der Region aktiv bist. Du bist ein echter Naturbursche, der allerdings immer für brutale Überraschungen gut ist, wenn Du im Freien nicht nur die auffallend schöne Natur entdeckst. Beim Anblick jenes grausamen Fundes fiel mir spontan ein, dass ich inzwischen seit über zwanzig Jahren Deinen Werdegang, schlicht Deine Spur verfolge.

Heute möchte ich Dir gratulieren. Du bist der einzige Serientäter, der spektakulär und gewissenhaft arbeitet. Nach meinen Recherchen darf ich Dir heute zu 25 Jahren gratulieren, in denen Du Dir einen guten Namen als Serienmörder gemacht hast. Deine Art des Mordens ist bislang nicht zu toppen und einzigartig in der Kriminalgeschichte. Viele Pathologen, Polizeipsychologen und Kollegen hatten seither über viele Jahre hinweg, dank Deiner umtriebigen Art und Weise, einen interessanten Job, der manchmal auch zu spontanen Magenbeschwerden führte. So auch gestern wieder. Leichenblässe findet man nicht nur bei Deinen Opfern, von denen meist nicht viel übrig bleibt, sondern auch bei jungen Polizisten. Deinem Spleen stets eine linke Hand auf einen Wanderweg abzulegen, jenem bist Du bis heute treu geblieben. Du mordest fast immer nach dem gleichen Muster. Im Laufe der Zeit wurdest Du nur dezent brutaler. Ich hoffe, dass ich Dich bald persönlich kennenlernen darf und dies ganz offiziell. Vor Dir habe ich keine Angst. Absolut grausam bist Du nur zu anderen, wenn Du sie zuvor mundtot gemacht hast.

Endlich habe ich bald viel mehr Zeit, um zu erforschen, warum Du so tickst, wenn der Vollmond am Himmel steht. Nächste Woche werde ich aus dem Dienst scheiden. Der diensthabende Arzt bescheinigte mir ein starkes Burnout-Syndrom, nichts Ungewöhnliches bei einem engagierten Kommissar. Dann habe ich explizit Zeit, um über Dein großes Schaffen bis ins kleinste Detail nachzudenken. Im Moment träume ich von einer Autorenkariere. Damit mir die kriminalistische Auszeit nicht zu langweilig wird, werde ich ein Bestien-Manuskript verfassen und Suizid als mögliche Option im Blick auf uns Beide thematisieren. Ob es ein Besteller wird, möglich wäre es.

Da bei allen Leichen bislang nie die Zunge gefunden wurde, denke ich, dass Du diese irgendwo quasi als Trophäe aufbewahrst. Mein Instinkt sagt mir schon lange, wo Du diese versteckst. Nur Du kennst die tragischen Hintergründe, warum dies so ist. Ich denke spontan an Dein erstes Opfer. Meine geliebte Schulfreundin Maria, die Du wegen dem Hass auf Deine Mutter bis zu Tode quältest. Ich werde ihren misshandelten Anblick niemals vergessen. Viele Polizeipsychologen rätseln seit Jahren, warum Du ausgerechnet die Zunge von Deinen Opfern aufbewahrst. Seit Jahrzehnten könnte ich dieses ekelige Rätsel lösen, doch die überirdische Kraft des Schweigens hielt mich bis jetzt zumindest immer davon ab. Wer einmal Deine keifende Mutter hörte, kann Deine Wut auf Frauen verstehen. Wir sind wie eine Symbiose, wenn ich daran denke.

Nach meinen Ermittlungen fehlte Dir bis vor einigen Tagen nur noch eine Zunge, um auf eine Stückzahl von Fünfzig zu kommen. In den vergangen Jahren bist Du ruhiger geworden. Vielleicht liegt es auch an Deinem fortgeschrittenen Alter.

Was für ein Jubiläum?

55 Leichen in 25 Jahren! Ich gratuliere mit einem eiskalten Schauer auf dem Rücken, der allen Menschen herunter läuft, die mit Deinem mörderischen Tun und Handeln konfrontiert werden.

Seit Jahren vermute ich, dass Du mit mir verwandt sein könntest, aber meine innere kluge Stimme sagt mir, dass diese Meinung schlecht für mein berufliches und gesellschaftliches Image sei. Schließlich bin ich inzwischen Kommissar, der bislang immer vorbildlich agierte.

Außerdem führte ich jahrelang in meiner knapp bemessenen Freizeit ehrenamtliche Tätigkeiten durch. Jetzt habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Alles wird gut, wenn ich nun die vielen Stunden zu Hause verbringen kann, da der Arzt meinte, dass ich nicht so schnell wieder im Polizeipräsidium zum Dienst erscheinen würde. Gut investierte Zeit für mehr Ehrenamt und Dich, dem Serienmörder. Wer würde freiwillig das Amt des Vorsitzenden der Hobbyschlachter hier im Ort weiterführen? Wenn nicht ich, der nun sogar vom Dienst fernbleiben kann. Manfred Kalb, der depressive Tierarzt etwa? Und auch nicht Otto Hirsch, der Jäger mit dem posttraumatischen Erscheinungsbild.

In immer kürzeren Interwallen spüre ich dieses bestialische Gefühl, als wüsste ich genau, dass Du ein Zwillingsbruder von mir sein könntest. Nachts erwache ich nicht selten total schweißgebadet und merke ganz grässlich, als sei ich hautnah das mörderische Wesen in Dir. Meine Träume führen mich immer wieder zu meiner eigenen Nase, die Deiner ähnelt und den süßlichen Leichenduft von Frauen inhaliert. Bis heute konnte ich es vor meinen Kollegen verheimlichen, dass ich es total mag, wie Du Deine Opfer zu Tode quälst. Warum fühle ich so? Weil ich Deine Mutter seit meiner Geburt kenne? Warum kann ich mich mit Dir identifizieren? Weil ich das Öffnen des Vorratsschrankes im Keller meines Elternhauses liebe?

Du kennst die schreckliche Antwort. Stimmt’s?

 

Dein stiller Beobachter

 

© Corina Wagner, November 2012


 

Eilmeldung zum Welttag des Mannes

Wir, die selbstbewussten Frauen vom internationalen KWV (Kratzbürsten-Weiber-Verein) wünschen allen Herren am heutigen Tage

einen gelungenen Welttag des Mannes, der heute gebührend gefeiert werden sollte.

Wir gratulieren allen Männern für jene außerordentlichen Glanzleistungen, die sie im tagtäglichen Umgang mit Frauen absolvieren. Wir wissen, dass diese oftmals unberechenbare Herausforderungen darstellen und jene nicht immer kalkulierbar sind, wenn man Ausreden und Perspektiven erfinden muss, die glaubwürdig sein müssen, da fatalerweise Frauen nicht selten blöder aussehen, als sie in Wirklichkeit sind. Spätestens dann, wenn man einen Bandwurmsatz, den eine Frau geschrieben hat, nachvollziehen kann, muss man abwägen, ob jene Äußerung Sinn macht. Mann zu sein, bedeutet auch immer einen großen Schritt voraus zu sein, um nach allen Seiten absichern zu können. High Heel-Tritte schmerzen und werden nicht immer nur mit einem Hämatom lapidar abgewertet.

Frauen sind heute in der glücklichen Lage auch an dem Welttag des Mannes zuzugeben, dass sie manchmal nicht in der rauen Männerhaut stecken möchten, wenn diese Verbalattacken von zänkischen Frauen erleiden müssen. So etwas macht die härteste Hornhaut an den sensiblen Fersen eines Mannes weich und lässt Dermatologinnen aufhorchen.

Heute ist wieder so ein bedeutungsvoller Tag, an dem Frauen sich eingestehen müssen, wie wichtig es ist, dass es Männer gibt, die sie im Alltag beschäftigen, so auch wir vom KWV. Mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, ob im Berufs- oder Privatleben. Heute sagen wir danke für all jene Zeit, die wir für sie investieren dürfen, müssen oder sollen. Seit Jahrhunderten werden Klischees bedient, die so typisch ins Weltbild des Mannes passen. Deshalb legen wir besonderen Wert darauf auch diesen Ehrentag zu würdigen. Wir sagen danke für Haarverlust im Waschbecken, penibel ausgedrückte Zahnpasta-Tuben und Gonorrhö.

Wir sorgen uns um den Gesundheitszustand aller Männer von denen wir noch profitieren könnten. Desweiteren bedanken wir uns bei den Erfindern, all den Tüftlern, die immer wieder aufs Neue Phänomene erschaffen, wie z.B. ein ausgeklügeltes System für Sockenschwund. Im Privatleben müssen wir um eine mangelnde Präsenz bei der verbalen Umsetzung einer gut durchorganisierten Haushaltsführung nicht bangen, schön dass es kluge Sprüche gibt, die Männer artikulieren. Was wären wir ohne Männer? Hilflos!

Ein dickes Lob bis hin in die Chefetagen großer Konzerne und an  die Herren in der Weltpolitik. Danke für jeden kleinen Führungsposten, den wir ausfüllen dürfen, auch dann, wenn wir nicht wirklich immer große Entscheidungen treffen durften bzw. dürfen, liegt es doch in der Hand des selbstbewussten Mannes, was auf der Welt letztendlich geschieht. Frauen trauern aus Sicht der Männer einfach gerne, wenn sie wegen militärischem Schwachsinn und irren Terroraktionen zu Witwen werden. Nicht jede Frau bringt es über ihr erschüttertes Herz sich für jeden Krieg, Mord und Totschlag an dieser Stelle zu bedanken. Tränen können befreiend wirken.

Slapstick-Ausbrüche zum Beispiel, die auf dem Konsens-Austausch von Männern basieren, bieten oftmals eine Menge Spaß und rühren zu Freudentränen bei Frauen, denen Lachfältchen gut zu Gesicht stehen. Danke für jede Handlungsweise von Männern, die bei Frauen ein Lachen bzw. Schmunzeln auslöst.

Wir freuen uns auch weiterhin auf eine gemeinsame Zusammenarbeit und hoffen, dass die Monopol-Stellung des Mannes nur in den Köpfen zukunftsorientiert weiterlebt, die sowieso nichts zu sagen haben könnten.

Was für ein schöner Tag für jeden Mann?

 

Fürsorgliche Grüße

Ihre G. Stramm-Stillgestanden

Deutschland-Sprecherin der KWV im November 2012



Ich singe solange, bis ich zur Quintenschaukel mutiere und dann schreibe ich über ganz neue Töne ...